möglich

Nein, unmöglich. Das Gesicht, die Stimme – nie gesehen, nie gehört. Vielleicht bin ich im Kino an ihr vorbeigeganen, vielleicht im Hotpot neben ihr gesessen.

Sie fragt mich im Museumskaffee nach meinem Wunsch. Apfelbiscuit, bitte – Ist das alles? Und einen Capuccino. Unter meinen Arm die Ausstellungsbroschüre, die ich lesen will, bevor ich mir die Bilder des bedeutenden Isländers KJARVAL (1885 – 1972) anschaue, nach dessen Name Kjarvalsstaðir, das Kunstmuseum etwas ausserhalb Reykjavíks, benannt worden ist.

Sie fragt «mit Schlagsahne», bevor sie den Teller über die Theke schiebt – wieder diese Stimme. Nach dem Zubereiten des Kaffees, den sie ebenfalls schiebend, neben den Teller mit der Süssigkeit gibt, schauen wir uns an. Unmöglich, denke ich – sie nicht: «Kann es sein», fragt sie, «dass wir uns letzten Sommer begegnet sind? In Norðurfjörður? Im Kaffee!»

Ja!

Sie heisst Lovísa, lese ich in meinem Blog, den ich damals über sie in frischer Fisch schrieb. Nach meinem Ja! an der Musuemstheke in Reykjavík lacht sie und findet es nur noch «crazy». Verrückt sei ich, kaum gegangen schon wieder zurück, und «the world is so small»!

Nach der düster, hellen Landschaftswelt von KJARVAL stehe ich nochmals dort, wo sie während des Winters arbeitet, um mich von ihr, die mich wieder erkannt hat, zu verabschieden. Sie streicht die Hände über ihre Arbeitsschürze, dann umarmt und küsst sie mich, was in Island selten ist, und meint, dass sie im Sommer wieder in den Westfjorden anzutreffen sei – da, wo ihr Herz hingehöre. Wir erwähnen noch, was durchaus möglich sein könnte.

«See you.»

 

 

 

 

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aufgefrischt

Das Erwachen am Morgen ist kein gutes. Irgendwie ist der Film vom Vorabend in meinem Körper hängen geblieben: steif und gerädert hallt die Nacht nach. Kein Wunder.

Der Cannes Preisträgerfilm von László Nemes, «Sohn von Saul», handelt über die letzten Monate von Auschwitz. Die Kamera heftet sich konsequent an den Protagonisten Ausländer Saul, gespielt von Geza Röhrig, der Teil des Sonderkommandos ist. Dieses besteht aus Inhaftierten, die, indem sie den Nazis helfen, die Opfer zu liquidieren, ihre eigene Vernichtung um vier Wochen hinauszögern können.

Dass die Hölle erst recht zur Hölle wird, schafft der Regisseur, indem neben Geza Röhrig auch der Filmton eine Hauptrolle erhält. Die Holocaust Scheusslichkeiten, die in den Filmsequenzen durch das Fokusieren auf den ungarischen Häftling nicht explizit dargestellt werden, blendet der Ton nicht aus – die Hölle wird hörbar und frisst sich bei den Zuschauenden bis in ihr Innerstes.

Meine Morgenstimmung ist von Vorabend und Nacht eine havarierte. Nach Tee und Skyr – eine Kombination zwischen Quark und Yoghurt und bei Nichtisländerinnen ein absoluter Renner – packe ich meine Badesachen in einen Plastiksack. Mein Ziel: das «Sundhöll Reykjavíkur», das älteste öffentliche Bad, über dessen Regeln ich im vergangenen Frühling unter «schwimmen (1)» bereits einmal schrieb.

Eine Stunde später stehe ich wieder auf der Strasse: Hotpot gesprudelt, Dampfgebadet und geschwommen, fühle ich mich wie eine aufgefrischte Daunendecke. Nun freue ich mich auf den Espresso aus der neuen Kaffeemaschine im «Reykjavík Roasters Café».

Dann eben nicht; es ist proppenvoll. Dennoch mache ich von aussen Fotos, wie es sich S., die Mitbloggerin bei «Gezeitenwechsel», in ihrem Kommentar zu meiner Geschichte «Premiere» von gestern, von mir gewünscht hat.

Premiere

Irgendwie schaffte ich es, beim historischen Moment dabei zu sein. Möglicherweise habe ich schon von weitem gerochen, dass ich genau an diesem Tag die Tür zum «Reykjavík Roasters Café» zu öffnen habe und nicht wie sonst, einfach daran vorbei schreiten darf.

Ich trete also ein, bestelle einen Espresso, bezahle, bevor mir der Gegenwert auf den Tisch gestellt wird – und warte.

Die jungen Frauen hinter der Kaffeemaschine füllen Tasse um Tasse, schnüffeln am schwarzen Gold, kosten es – und leeren den Rest in den Schüttstein, wie wir in der Schweiz dem Spültrog sagen.

Ich warte, weil das Prozedere wiederholend ist. Irgendwann frage ich noch, ob meine Bestelleung vergessen ging. Höflich meint eine der Beschäftigten, die Maschine sei ganz neu und heute erstmals im Einsatz: «The coffee has to be perfect». Das leuchtet ein.

Kolben um Kolben wird gefüllt, auf die Waage gelegt, anschliessend Prise um Prise weggeklaub, bis dass sich das Endprodukt der Perfektion annähert. Ich schwenke meinen Espresso, rieche und schlürfe ebenfalls und bilde mir mein persönliches Urteil: eher bitter, als perfekt. Doch das interessiert ausser mir niemanden.

Was darauf folgt? Richtig! Am nächsten Tag bestelle ich erneut meinen Espresso im «Reykjavík Roasters Café» – das Prozedere nach wie vor kompliziert.

Neben der Mühle, die für jede Bestellung die Bohnen frisch mahlt, liegt die Waage. Denn jeder mit Kaffee gefüllte Kolben wird darauf gelegt und erst in die Maschine gedreht, wenn das Gewicht stimmt.

Als mir der Espresso serviert wird, frage nach dem auffällig schönen Holz der Kolbenggriffe. «Ach, eine gute Frage», meint der Hochgewachsene mit der zu grossen Wollmütze. Er erkundigt sich beim Chef, ein ausgewiesener Meister. Jedenfalls ist er der beste Barista Islands. Dies entdecke ich hinterher auf Facebook. Und über das Bubingaholz, aus dem die Griffe sind, lese ich, dass dieses vor allem im westlichen Afrika wächst, zu den Rosenhölzern gehört und deshalb auch als «African Rozewood» bezeichnet wird.

Übrigens: Der Kaffee aus der neuen «Synessa MVP Hydra», die mit vielen Schickanen ausgerüstet ist, schmeckt am Tag nach der Premiere merklich besser.

Prozess

Der Schlusstitel könnte nicht aussagekräftiger sein: Sicher ein Drittel der Crew wird als «Anonymous» aufgelistet – vom Co-Regisseur über einzelne, die hinter der Kamera standen bis hin zu jenen, die an den Recherchen beteiligt waren -, weil all jene, die anonym bleiben, in einem Land leben, in dem sie ihres Lebens nicht sicher sind, wenn sie sich gegen das Vergessen einsetzen.

Bildschirmfoto 2016-02-24 um 22.17.50

Denn der Film «The Look of Silence» von Joshua Oppenheimer handelt vom Massaker in Indonesien, das 60 Jahre zurück liegt. In den Jahren 1965 bis 1966 wurden unter General Suharto vor allem Mitglieder der kommunistischen Partei sowie deren Sympathisantinnen und Sympathisanten auf grauenhafte Weise liquidiert. Das Pogrom an mehreren hunderttausend Menschen (im Film wird von einer Million gesprochen), ausgeführt von Armee und paramilitärischen Einheiten, wird noch heute verschwiegen. Die Opfer und ihre Angehörigen werden noch immer stygmatisiert. Dies zeigt der dänische Dokumentarfilm, den ich in Reykjavík anlässlich des «Stockfish Film Festival» sah, auf eindrücklichste Weise.

Der Bruder eines damals Ermordeten konfrontiert die Schlächter, die für ihre Taten nie verurteilt wurden, mit Fragen. Sie zeigen noch heute keine Reue. Im Gegenteil, Beteiligte drohen und beklagen sich, dass durchs Nachforschen Wunden aufgerissen werden. Was das Nichtverarbeiten bedeutet, wird schon vor dem Schlusstitel klar: Ohne Schuldbekenntnis ist ein Versöhnen unmöglich und Konsquenzen sind nicht auszuschliessen. Jedenfalls sorgen sich Mutter und Frau um Sohn und Ehemann, der sich einsetzt, dass das Verschweigen dieser Grausamkeiten aufhört und die Opfer rehabilitiert werden. Zu hoffen ist, dass der Dokumentarfilm «The Look of Silence» durch seine Nominierung für die Oskarverleihung 2016, mithilft, diesen Prozess anzuschieben.

Hier noch der Link zum Filmtrailer.

 

Fremde

Unter meinem Sitz vibriert’s, als ob das Pferd mit mir demnächst durchbrennen möchte. Doch der Sitz ist aus billigem Plastik, der Ort eher etwas schummrig und was unter meinem Hintern zittert, ist die Baumaschine, die im Hinterhof des Kaffees mit voller Wucht den Bohrer in den felsigen Untergrund jagt.

Seit Dienstagabend bin ich in Reykjavík, alleine; die Gruppe ist ohne mich in die Schweiz zurückgekehrt.

Was in der nördlichsten Hauptstadt, durch die ich mich im vergangenen Frühjahr schon einmal treiben liess, hörbar anders ist, ist der Baulärm – fast so wie auf der Kirchweih mit der Musik. Bevor der Lärm der einen Baugrube verstummt, meldet sich schon der nächste. Sicherlich etwas übertrieben formuliert, aber doch nicht ganz daneben. Denn in diesem Winter wird gebaut und renoviert wie schon lange nicht mehr seit der Krise vor acht Jahren. Denn der Tourismus explodiert.

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Im Artikel, der unlängst in der «Neue Zürcher Zeitung» erschienen ist, heisst es, dass vergangenes Jahr nochmals 30 Prozent mehr Gäste auf die Insel kamen und sich dies unter anderem in Reykjavík in den Mieten niederschlägt. Danach sind diese innert den letzten fünf Jahren ebenfalls um 30 Prozent angestiegen – mit der Konsequenz, dass Ortsansässige wegen des lukrativen Geschäfts mit den Fremden, inzwischen beim Suchen von Mietwohnungen oft benachteiligt sind. Die Überschrift des Artikels, die gut klingt, aber sicherlich viel Wahres an sich hat, lautet: «Einheimische haben das Nachsehen». Eine Entwicklung leider, wie sie bei jedem Boom festzustellen ist.

In den letzten Tagen sind mir, trotz Winter und Kälte, viele asiatische Gesichter begegnet und nochmals so viele Menschen höre ich amerikanisch sprechen. Touristinnen und Touristen prägen das Alltagsbild. Und deshalb bin ich, die ebenfalls Fremde, an diesem Morgen gar nicht unglücklich, als es unter meinem Sitz zittert und in meinen Ohren wimmert. Denn wenigstens an diesem Ort bin ich fast die einzige, die den Kaffee zum «original breakfast» nicht auf isländisch bestellt.

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ermunternd

Am letzten Tag unserer Reittour besuchen wir zwei Pferdeställe, die so exquisit sind, dass unser Gastgeber uns sogar anmahnt, uns «ordentlich» zu benehmen. Was er damit meint, kann er nicht richtig erklären. Aber wir alle wissen, dass es um etwas ganz anderes geht. Denn für den einen Gruppenteilnehmer ist der Ausflug eine Bräutigamschau. Mit eigenen Augen will er sehen, welchen Begatter er im Katalog für seine fuchsbraune Isländer-Stute, die er in deren Heimat aufwachsen und «erziehen» lässt, ausgesucht hat. Jede Störung würde ihn und die Besitzerin des ausgewählten Hengstes im Ritual allzu sehr irritieren.

Dass auch Isländer – die urigen Tiere, die in kältesten Winternächten auf weitesten Weiden im Freien verbringen – wie Vieh auf Schönheit, Farbe, Charakter und Einsatzbereich designt werden, habe ich mir bis der Ausflug Gesprächsthema wurde, nie überlegt.

Nun gut, halten kann man davon, was man will. Aber anscheinend, so liess ich mir sagen, ist dies mitunter auch ein Mittel gegen Inzucht.

In der Halle wird nun das Können eines braunen Isländers vorgeführt. Denn die schwarzen sind bei der Katalogauswahl von vornherein überblättert worden. Die seien des Teufels, meint der Besitzer der Zuchtstute und erwähnt, dass sein persönliches Urteil auf eigenen, schlechten Erfahrungen beruht.

Auch davon kann man halten, was man will. Letztlich sitze aber auch ich mit allen andern in der Halle und staune.

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Am Ende der Vorführung gratulieren die echten Islandpferd-Vernarrten ihrem Kollegen, nicken anerkennend, als die Reiterin in die Runde schaut und streichen dem Bräutigam, der von seinem Glück noch nichts ahnt, ermunternd übers Fell.

Jedenfalls war es alles in allem ein gelungener Ausflug.

 

Wind

Ich sitze in Hestheimar in meinem Zimmer, richte mich für die tägliche Reitstunde mit Friffi. Die Tür ist halb angelehnt, weil die Nähe zu den Geräuschen von Stimmen, Aufräumen, Gläser- und Geschirrklirren, liebe. Das Aussen vermischt sich mit dem Gefühl, hier aufgehoben zu sein.

Ich höre, wie ein Gast Lea fragt, wie es denn heute mit dem Wind sei. Sie, aufgestellt wie immer, lacht, antwortet: «The wind will be icelandic.» Tatsächlich gibt es dazu nicht mehr zu sagen und darum dehnt sich die Frage nicht zu einer Diskussion aus.

Und die Geräusche ausserhalb meines Zimmers finden deshalb ihre Fortsetzung im noch morgendlichen Alltag.

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thumb_P1130294_1024   Gulfoss – das war am Sonntag: real «icelandic».

Der Wind war teilweise so isländisch stark, dass er schlecht beschuhte und nicht am Boden verankerte wie Curling Steine weggeschoben hat.