Fremde

Unter meinem Sitz vibriert’s, als ob das Pferd mit mir demnächst durchbrennen möchte. Doch der Sitz ist aus billigem Plastik, der Ort eher etwas schummrig und was unter meinem Hintern zittert, ist die Baumaschine, die im Hinterhof des Kaffees mit voller Wucht den Bohrer in den felsigen Untergrund jagt.

Seit Dienstagabend bin ich in Reykjavík, alleine; die Gruppe ist ohne mich in die Schweiz zurückgekehrt.

Was in der nördlichsten Hauptstadt, durch die ich mich im vergangenen Frühjahr schon einmal treiben liess, hörbar anders ist, ist der Baulärm – fast so wie auf der Kirchweih mit der Musik. Bevor der Lärm der einen Baugrube verstummt, meldet sich schon der nächste. Sicherlich etwas übertrieben formuliert, aber doch nicht ganz daneben. Denn in diesem Winter wird gebaut und renoviert wie schon lange nicht mehr seit der Krise vor acht Jahren. Denn der Tourismus explodiert.

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Im Artikel, der unlängst in der «Neue Zürcher Zeitung» erschienen ist, heisst es, dass vergangenes Jahr nochmals 30 Prozent mehr Gäste auf die Insel kamen und sich dies unter anderem in Reykjavík in den Mieten niederschlägt. Danach sind diese innert den letzten fünf Jahren ebenfalls um 30 Prozent angestiegen – mit der Konsequenz, dass Ortsansässige wegen des lukrativen Geschäfts mit den Fremden, inzwischen beim Suchen von Mietwohnungen oft benachteiligt sind. Die Überschrift des Artikels, die gut klingt, aber sicherlich viel Wahres an sich hat, lautet: «Einheimische haben das Nachsehen». Eine Entwicklung leider, wie sie bei jedem Boom festzustellen ist.

In den letzten Tagen sind mir, trotz Winter und Kälte, viele asiatische Gesichter begegnet und nochmals so viele Menschen höre ich amerikanisch sprechen. Touristinnen und Touristen prägen das Alltagsbild. Und deshalb bin ich, die ebenfalls Fremde, an diesem Morgen gar nicht unglücklich, als es unter meinem Sitz zittert und in meinen Ohren wimmert. Denn wenigstens an diesem Ort bin ich fast die einzige, die den Kaffee zum «original breakfast» nicht auf isländisch bestellt.

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9 Gedanken zu “Fremde

    1. … mir ebenfalls nicht. aber auch ich gehöre zu den 1,3 millionen, die 2015 nach island reisten. und nun hocke ich schon wieder auf dieser insel, weil es mir hier gefällt – so wie andern auch – und bin mitbeteiligt, dass einheimische das nachsehen haben. leider.

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  1. Es ist bestimmt eine lohnende Erfahrung, das Fremdsein mal auf diese Weise kennen zu lernen.
    Und das Phämomen des Verdrängens der Einheimischen durch den Tourismus scheint nun wohl auch die etwas stilleren Destinationen zu erreichen.
    Lieben Gruss,
    Brigitte

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  2. Och.. so ist das wohl.. Island war mal sowas wie ein Geheimtipp..und mir immer zu teuer, selbst als ich noch in Bern wohnte und Franken verdient habe 🙂 Hätte ich trotzdem machen sollen im Jahr 2000. .Kaptialismus auf diese Art und Weise ist einfach sowas von schlimm.
    Hier bei mir in Norddeutschland betrifft das Sylt.. Als Kind war ich da immer mit meinen Eltern im Sommer.. Nordsee ,Wellen , Wind.. Schweinswale vor der Küste.. Touristen ja.. aber nicht massenhaft… dann wurde es zur -In- Insel.. Vor 2 Jahren war ich mit meinem schweizer Freund 4 Tage da.. wir haben einfach den Touristenrummel hinter uns gelassen und sind stundenlang am Strand gelaufen.. und waren gegen Abend fast allein am Strand.. im September… und ich ! habe vor der Küste sogar 2 Schweinswale entdeckt..
    Tja.. aber was könnnen wir gegen diese Touristenmassen tun ? Nicht mehr hinfahren ? Einen Geheimtipp auch wirklich geheim halten ? Ich weiss es nicht… -seufz-
    Gruss von S.

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    1. randzeiten, so wie du auch schreibst, und nebenstrassen sind noch immer gut!
      und es gibt heute mehr menschen, die das geld fürs reisen haben. es gibt länder, die ihre menschen inzwischen reisen lassen. und es gibt letztlich immer mehr länder, die nicht mehr bereist werden können – weil sie menschenrechte verletzen, intolerant gegenüber anderen kulturen und lebensformen sind. da ist mir reisen mit vielen menschen, die es ebenfalls in gesellschaftlich offene länder zieht, doch lieber. gruss. barbara

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  3. Diana schreibt:

    Anmerkung zur Miete, die sind in den letzten 5 Jahren um 45% gestiegen. Auch die Kaufpreise sind sehr teuer geworden und garmancher Islaender kann sich trotz gutem Einkommen kein Eigenheim leisten.

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  4. Diana schreibt:

    Seit Juli 2007 um genau zu sein. Auf der Rangliste mit den teuersten Mieten/Kaufpreise, liegt Stykkisholmur hinter dem Haupstadtgebiet, Selfoss und Kjalarnes.

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