heute

So etwas kann durchaus vorkommen, dass ich auf die eine oder andere Art bewusst mit meinem früheren Berufsleben konfrontiert werde. In den vergangenen zwei Jahren, seit meiner Pensionierung, ist es jedoch selten geschehen.

Schade, einerseits – gut so, andrerseits.

Es weist nämlich unter anderem darauf hin, dass ich mich mit Neuem, meinem jetzigen Leben adäquat auseinandersetze. Auch wenn ich oft daran zweifle und mich, ich gebe es zu, am Morgen beim Erwachen auch frage, was habe ich in meinem Leben bewegt, werde ich noch was bewegen.

Unlängst, als ich die Tageszeitung durchblätterte, lachte mir ein junges, frisches Gesicht entgegen. Die Frau, die einen Karrierenschritt vor sich hatte, kannte ich persönlich. In meiner Zeit, als ich beim Fernsehen tätig war, sass sie bei mir in Kursen. Nichts wies damals aufs Heute – gerade dies, ihre neue Herausforderung, die sie annahm, war es, was mich freute.

Ich setze mich kurz entschossen an den Computer und schrieb ihr eine Mail. Ich teilte ihr meine Freude mit und wünschte ihr Kraft für den neuen Abschnitt.

Einmal mehr fahre ich, nachdem viele Morgen seit dem Lesen der Erfolgsgeschichte vergangen sind, mit dem Zug von dort nach dort und mache, was inzwischen fast alle machen: Ich starre aufs Smartphone, rufe die elektronische Post ab und da «schwupp-t» ihre Mail rein. Sie bedankt sich, meint, von diesem neuen Job hätte sie nie zu träumen gewagt und eine meiner damals gemachten Aussagen trage sie noch immer durch ihr Arbeitsleben. Schon oft habe ihr meine damalige Motivation Entscheidungen erleichtert.

Du sagtest, schreibt sie, sei im Zweifelsfall mutig: «Langweiliges gibt es oft genug.»

Ihr Mail, bzw diese Nachhaltigkeit beglückt wiederum mich und ich hoffe, dass ich dann, wenn ich erneut mit dieser ekelhaften Frage «Was-bewege-ich-eigentlich noch» erwache, ihr Paroli biete, indem ich einfach mutig aus dem Bett steige und selbstbewusst den Tag beginne – so wie heute.

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einmischen

Dass sich mehr Menschen fürs Referendum in der Türkei und damit für demokratische Einschränkungen entschieden haben, ist eine Sache. Eine für mich nicht nachvollziehbare Tatsache.

Nicht nachvollziehbar ist für mich auch, dass ich in analysierenden Interviews in «meinen» Zeitungen unter anderem lese, dass es falsch war, im Vorfeld der anstehenden Abstimmung auf die Provokationen der Politiker des JA-Lagers zu reagieren und dezidiert auf Gefahren der Machtanhäufung hinzuweisen.

Dabei war schweigen, sich nicht einmischen, wegsehen noch nie die bessere Lösung.

«Freiheit ist ein Wort, das niemals schweigt.» Mit diesem Satz endet eine Kolumne von Asli Erdoğan, die sie im März 2016 schrieb – noch bevor ihre Zeitung «Özgür Gündem» verboten wurde, bevor sie für vier Monate im Frauengefängnis war, bevor ihr der Pass weggenommen wurde, bevor sie ihr definitives Urteil kennt, das im schlimmsten Fall «lebenslängliche Haft» bedeutet.

Von Asli Erdoğan, die gegen Willkür und Unterdrückung schrieb, als sie dies noch konnte – vielleicht noch immer einen Weg findet, dies zu tun –, lese ich den eben erst auf deutsch erschienen Essayband «Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch». Darin steht auch der Satz «Freiheit ist ein Wort, das niemals schweigt».

(Link zu Asli Erdoğan Essayband und zu einem hörenswerten Radiobeitrag.)

 

 

 

zwei

Ich weiss, heute ist der 12te Tag des Monats. Doch die «2» beginnt schon früh, meinen Tag zu bestimmen.

Im Schrank, wo mangels Stauraum Staubsauger, Putzmittel, wenige Flaschen Wein und sonstiger Ramsch versorgt sind, entdecke ich beim optimierten Stapeln, dass ich auf meinem Einkaufszettel nie hätte «Putzessig» schreiben und diese Erinnerung schon gar nicht hätte umsetzen müssen. Denn da steht bereits eine Flasche – und, im Gegensatz zur neuen, erst noch die ökologischere Variante.

Die neue bringe ich zu einem andern Schaft, der zwar nur für Schuhe gedacht war, inzwischen aber auch schon Doppeltes von irgendetwas hortet.

Danach folgt eine Runde staubsaugen, bevor ich in meinem Büro verschiedenes erledigen will.

Auf dem Weg in den Keller, zu meinem Fahrrad aus dem Laden «2Rad» fällt mir ein, dass ich doch noch Käse fürs Picknick auf der städitischen Wiese, wo am Mittag gespielt, gegessen wird, mitnehmen wollte. Also: Zurück und neu starten. Doch dem Reset folgt ein zweites Umkehren. Denn ohne meine beiden Ringe, die ich über Nacht jeweils ausziehe, fühle ich mich tagsüber nackt.

Nun sitze in meinem Büro, von der Wand grüsst Maria Lassnigs alte Frau. Mahnt sie? Grüsst sie diabolisch oder gar schwesterlich im Wissen, dass je älter man wird, sich die «Zwei» immer wie mehr im Lebensalltag einnistet?

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einander finden

«Nur noch mit Antidepressiva» – unter diesem Titel ist im DAS MAGAZIN vom vergangenen Samstag (8. April 2017) ein Interview mit der Schriftstellerin Elif Shafak über Erdoğans Türkei zu lesen.

Bevor ich einen ihrer Gedanken aus dem Interview zitiere, noch kurz etwas zur Protagonistin.

Elif Shafak ist 45-jährig. Sie ist die Tocher einer Diplomatin, wuchs unter anderem in Strassbourg, Madrid, Köln, Amman, Boston, Arizona, Ankara und Istanbul auf. Heute lebt die Schriftstellerin, die meistgelesene türkische Gegenwartsautorin, in London. Unter anderen erschien auf deutsch ihr politischer Roman «Der Bastard von Istanbul». Auch ich las ihn.

Im gegenwärtigen politischen Klima wagt Elif Shafak keine Reise in die Türkei.

Im MAGAZIN spricht sie über einen Humanismus, der über nationale, religiöse und ethnische Grenzen hinausweist. Die Interviewerin will deshalb von Shafak, der Weltbürgerin, wissen, ob diese Vorstellung nicht utopisch sei.

Ihre Antwort: «In dem Gedicht „Masnavi“ des persichen Dichters Rumi entdeckt ein Gelehrter einen Vogelschwarm und ist irritiert, dass Vögel verschiedener Arten zusammen unterwegs sind. Er sieht, dass einer am Flügel verletzt ist, ein anderer am Schnabel, wieder einem anderen fehlen Federn und so weiter. Dann begreift er: Die Vögel konnten in ihrer Gruppe nicht mehr mithalten, fühlten sich allein und fanden schliesslich zueinander. Dieser Zusammenhalt stärkte sie mehr als die Zugehörigkeit zu ihrer Art. Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die sich nicht über ihre nationale oder religiöse Zugehörigkeit definieren. Sie müssen einander finden. Die Probleme der einzelnen Länder betreffen uns alle.»

(Wer sich für den ganzen Artikel interessiert – hier der Link)

 

Dranbleiben

Übrigens gestern schrieb ich über meine 84-jährige Freundin, die in Florida lebt. Botschaft hiess die Geschichte.

Und der Zufall will es, dass ich von ihr gerade heute eine weitere Botschaft erhielt, eine weitere Ausbeute ihres täglichen Durchforstens und Suchens nach kleinen Hinweisen, die den Tag bereichern können.

Gestern war es der Link zu einem Video. Zu sehen ist Joan Baez, die sich an der Gitarre begleitet, ein Lied singt über den «nasty man», den laut Übersetzung «hässlichen», «widerlichen», «boshaften», «schlimmen» Mann, der seit Januar ihr Land destruktiv regiert.

Ich bin begeistert. Auch über den Fakt, dass sich die 76-jährige Joan Baez noch immer einmischt! Trotz Horrormeldungen aus Syrien, trotz Ohnmacht …

Das Video stellt mich auf. Es zeigt mir, dass Joan Baez, die Friedensaktivistin, dranbleibt und auch, dass es wichtig ist dranzubleiben, selbst wenn die «Grossen» fast schon täglich die sogenannt rote Linie überschreiten.

Der Tropfen der «Kleinen» auf den heissen Stein ist und bleibt wichtig, weil er motivierend wirkt und weil selbst Steine irgendwann einmal nass werden.

Botschaft

Mit meiner 84-jährigen Freundin, die in den USA lebt, kommuniziere ich oft via Messenger von Facebook. Wir, besser gesagt: sie mehr als ich, hat die Angewohnheit, mir Links zu Spannendem zu schicken.

Das hat sich so ergeben. Als ich sie anfangs Jahr in Florida besuchte, war gerade die Inauguration des Mannes, der anders Denkende, Farbene und Frauen ausgrenzt. Trump, der auch viel Integratives seines Vorgängers wieder aushebelt oder es zumindest versucht.

Zu dieser Zeit, als die diskreditierenden Aussagen täglich die Presse füllten, sassen wir jeweils zu Dritt am Frühstückstisch. Jede schaute in ihr Smartphone, jede blätterte sich durch die News, jede teilte mit, wenn sie durch das Gelesene mitteilungsbedürftig wurde – und dies war oft der Fall. Aus jener Zeit kommt also das Bedürfnis des Austauschens – auch jetzt, wo ich schon längst wieder in der Schweiz bin und sie am Morgen wieder alleine am Tisch sitzt und sich aufdatiert.

Unlängst schickte sie mir den Link zu einem Video und schrieb dazu, dass ich es bis zu seinem Ende anschauen soll!

Was für eine Bemerkung!

Das Video zeigt einen Violonisten in einer U-Bahn-Station. Er spielt zur Rush Hour Stücke von Bach. Kaum jemand hält inne, um zuzuhören. Kaum jemand spendet Geld, nach 45 Minuten sind es 32 Dollar.

Der vermeintliche Bettler ist Joshua Bell, der schon mit allen bedeutdenden Orchestern aufgetreten ist. Der geschätzte Wert der Violine, die er im Untergrund bespielt: 3,5 Millionen Dollar. Zwei Tage zuvor, so heisst es im Video, spielte der 50-jährige Musiker in Boston vor ausverkauftem Haus. Durchschnittlicher Eintrittspreis: 100 Dollar.

Offensichtlich benötigen wir für eine adäquate Aufmerksamkeit den anerzogenen, gelernten, sozialisierten Rahmen, um uns berühren oder uns auf etwas einzulassen.

Deshalb ihre Bemerkung.

Was verpasse ich? Was entgeht uns, wenn etwas ausserhalb des dafür vorgesehenen Kontextes passiert?

Die Vermutung liegt nahe.

Jedenfalls danke ich meiner Freundin für dieses knapp zweiminütige Video. Deshalb schreibe ich ihr, dass mich ihre Botschaft daran erinnert, wieder vermehrt Achtsamkeit zu lernen.