Wochenende

Vor allem an Wochenenden kommt immer wieder mal die Frage: Bist du im Dort oder im Da. Und je nachdem, wo sich die Fragerin geografisch befindet, bedeutet «dort» Romanshorn (bei Doris) oder «dort» Zürich (bei mir).

Heute Morgen wurde sie von dem Menschen gestellt, der erst seit jüngstem zu meinem näheren Bekanntenkreis zählt – also mehr oder weniger von der jüngsten Freundin, auch wenn sie an Jahren, plus minus, so alt ist wie andere. Sie schreibt mir, nachdem ich ihr einen schönen Tag unter der Nebeldecke wünschte: «Ich sehe den Bodensee wie ein Meer … » Und scherzhaft fügt sie an: Da ich möglicherweise gerade Dauerferien mache, wünsche sie mir  zwei schöne, kommende Tage und fragt: «In den Dauerferien gibt es wohl das Wochenende nicht mehr oder?»

Ja – eine durchaus berechtigte Frage: Gibt es bei dauerferien noch so etwas wie «das Wochenende»?

Ja, das gibt es auch für mich, als Pensionierte. Nicht, dass ich ein Wochendende zwingend benötige. Denn ohne in «Montag bis Freitag-Arbeit» eingespannt zu sein, braucht es ja auch nicht zwingend einen Samstag-Sonntag zur Erholung. Diese beiden Tage könnte ich inzwischen hinlegen, wo immer ich will. Rein theoretisch.

Doch bei meinem Umfeld tickt die Uhr noch immer anders. Und deshalb schreibe ihr auf ihre Frage bloss: «Gestern war gefühlsmässig Samstag und heute ist wiederum Samstag – wo führt das wohl hin?»

Eine Antwort erhielt ich darauf nicht. Noch nicht.

p.s. Inzwischen ist die Antwort – Nina’s Kommentar – eingetroffen und nachzulesen.

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schade

Am Tag nach DEM Ereignis unterhalte ich mich mit meiner langjährigsten Freundin über die mediale Berichterstattung. Wir sind uns einig: Zum Glück arbeiteten wir als Journalistinnen in einer Zeit, in der ethische Werte unser Handwerk bestimmten. Froh sind wir auch, dass wir heute nicht mehr in diesem Geschäft tätig sein müssen, das sich über die Jahre hinweg stark verändert hat. Oft ärgern wir uns beim Zeitungslesen über Selbstgefälligkeit,  Besserwisserei, Zynismus und feine Seitenhiebe. So auch als EWS – Eveleline Widmer-Schlumpf, Bundesrätin und eidgenössische Finanzministerin – ihren Rücktritt bekannt gab.

Dabei war ihr Auftritt einfach nur souverän.

An der von ihrem Departement einberufenen und live übertragenen Pressekonferenz zählte sie den Anwesenden noch einmal auf, welche Inhalte sie nicht zuletzt durchs Kompromisse finden, vorangetrieben und durchs Parlament gebracht hat. Bei welchen «Feuerwehr-Aktionen» sie im Einsatz stand. Ihre Liste an Wesentlichem ist lang.

Sie erzählt, dass sie durch Gespräche mit Familie, Mitarbeitenden, Parteiverantwortlichen, Freunden zur Überzeugung gelangt sei, dass jetzt der Zeitpunkt für ein Leben nach der Politik richtig sei.

Doch all das, wollen viele nicht hören. Eigentlich suchen sie ihr mit entsprechenden Fragen, das Bekenntnis zu entlocken, dass sie nach dem Wahlsieg der populistischen Rechtspartei genug vom Politisieren habe – auch weil sie um ihre Wiederwahl fürchte.

Doch darauf geht sie nicht ein. Sie bleibt souverän, witzig, aufmerksam, bestimmt. Sie beantwortet Fragen, ausser suggestive und diejenigen, die auf Privates zielen. Sie korrigiert, wo interpretiert und spekuliert wird.

Sie schaue vorwärts, sagt sie einmal. Beim Entscheiden sei auch wichtig gewesen, was sie nach ihrem politischen Engagement noch an Sinnstiftendem machen möchte. Die anschliessende Atempause bleibt kurz: «Fragen dazu», sagt sie, «beantworte ich nicht.»

Und dann verabschiedet sich EWS. Keine Reue – «entschieden ist entschieden». Ihr Schritt ist bestimmt. Nur wir, die Zurückgebliebenen, die keine Sympathien für die Brandstifter  haben, finden es schade und wünschten uns, dass Eveline Widmer-Schlumpf Bundesrätin bleiben würde. So auch ich.

«brütal»

Die unzähligen Augenblicke, bereits im Laufe des frühesten Morgens, lassen mich erfahren, wie schnellstlebig Zeit ist – wie «brutal» rasch sie voranschreitet, wie eine meiner Freundinnen jeweils beim Erzählen hinzusetzt, wenn sie Bedeutendes besonders hervorheben will. Dann wird aus ihrem «brutal» sogar ein «brütal».

Also, worauf ich eigentlich hinaus will: Meine morgendlichen Momente, die ja auch Zeit beinhalten, vergehen wirklich brutal schnell. Dies war gestern und vorgestern nicht anders als heute. Gefühlsmässig kaum aus dem Bett, stehe ich noch in Unterhose und Hemd barfuss in der Wohnung und bereits hat der Tag meines aktiven Seins zweieinhalb Stunden (150 Minuten) verschlungen. «Das Alter» – denke ich als erstes. Jedenfalls haben mir schon einige Pensionierte erzählt, dass inzwischen alles viel länger dauert, um so richtig auf Touren zu kommen. Habe ich diesen Zustand ebenfalls erreicht? Vielleicht.

Ich überlege mir in diesem Zusammenhang, welchen Augenblicken ich Zeit schenkte und stelle mir zugleich die Frage: Was machte Sinn (+)? Was hätte ich ebenso gut sein lassen können (-)?

Aufstehen (+). Mit Doris telefonieren und Stimme tanken (mehr als notwendig – einfach schön, wichtig). Auf facebook Sonnenaufgangsbild von Doris‘ Schwägerin kommentieren, inklusive Wünsche für den Tag hinzufügen (+). Nochmals facebook: langjährigster Freundin Gedanken zur ausgestrahlten «nachtwach»-Sendung schreiben (+). Weiteres Verweilen –  diverse Einträge abscrollen (nicht notwendig, überflüssig: -). Zuschrift auf Blogbeitrag «Augenblicke» beantworten (+). Frisches Wasser für Doris‘ rote Rose (+). Arboner Freundin alles Gute zum neuen Lebensabschnitt mailen, da Ehemann frisch pensioniert (Anteilnahme: +). Teetrinken, frühstücken, duschen, eincremen, turnen (macht alles irgendwie Sinn: +). Baum mit goldenen Blättern betrachten; Vögel beobachten, die darin Samen naschen (überflüssig, aber beseelend: +/-).

Viele Augenblicke – eigentlich verständlich, dass die Zeit «brütal» schnell voranschreitet. Dabei ist die Tageszeitung noch unberührt (+). Hingegen habe ich inzwischen in «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann» (Reimer Gronemeyer) das letzte Kapitel gelesen und einen spannenden Gedanken aufgenommen (+). Doch darüber definitv ein andermal (+).

Augenblicke

 Regelmässig verfolge ich den Blog von «Lyrikzeitung und Poetry News». Immer wieder entdecke ich dabei, Gedichte oder Texte, die das (Nach)-Denken anregen. Vor einiger Zeit wurde auf das Buch «Die Kunst an nichts zu glauben» von Roul Schrott hingewiesen. Damals habe ich mir die Zeilen kopiert, die ich in dem Moment wieder entdecke, als ich am Fenster sitze und in die goldfarbenen Blätter schaue, die noch nicht zu Boden gefallen sind.
«Wir glauben Zeit zu erleben; doch ist dies falsch. Ein jeder erlebt nur Momente – Momente der Erfahrung. Schnipp mit den Fingern: Da ist ein Bild, ein Augenblick. Schnipp sie erneut und da ist wieder nur ein Moment. Du denkst zwar, dass eines auf das andere folgt. Doch ist dies Illusion: Du erinnerst dich bloss, im zweiten Moment noch an den ersten. Diese Erinnerung jedoch ist keine Erfahrung vergehender Zeit. Die Erinnerung an den ersten Moment ist nur Teil des Erlebens des zweiten. Alles, was wir erleben – alles, was real ist,
sind einzelne Augenblicke.»

«mind»

In der Strassenbahn setze ich mich häufig so, dass ich die Fahrtrichtung im Rücken habe. Weshalb? Die meisten wollen doch sehen, was auf sie zukommt und nicht, woran sie gerade vorbei gefahren sind. Ich bin eben anders.

Wenn ich durch das mir bekannte Zürich fahre, schaue ich gerne in die Gesichter der Mitfahrenden.

Ich studiere ihre Blicke. Einige schauen in sich hinein, andere auf den Bildschirm ihres Handys oder in die kleinformatige Gratiszeitung, nochmals andere sehen, ohne in sich hineinzuschauen, einfach vor sich hin.

Ich überlege mir, welche Geschichten die Falten in ihren Gesichtern beeinflusst haben mögen – solche, die von Liebe geprägt wurden, von Dramen, von Flucht und Vertreibung.

Auffällig finde ich, bei wievielen Menschen die Mundwinkel nach unten fallen. Das kenne ich auch von mir – je konzentrierter, desto hängender. Sinniere ich darüber, kommt mir seit meiner Rudertour durch Berlin immer wieder der knorrige Kanadier in den Sinn. Als er mich fotografierte, rief er: «Barbara, laugh – lache. Ich werde dir den Unterschied zeigen!» Tatsächlich; er war gross. Er meinte noch: «It will open your mind!»

Fortan machte und mache ich regelmässige Selbstversuche und es verhält sich damit, wie er es sagte. Denn «mind» bedeutet übersetzt nicht nur «Kopf», sondern auch «Geist», «Verstand», «Meinung», «Sinn», «Gemüt» – und noch erstaunlich viel mehr (siehe Link zur Übersetzung).

Danke Peter für deinen Hinweis auf die «mind»-Erweiterung, die tief ins Leben greift.

sowohl als

Heute ist ein einfacher Tag. Die Termine in der Agenda sind sei Wochen schon eingetragen – so wie ich es eigentlich nicht unbedingt gern habe. Lieber fülle ich die weisse Fläche kurzfristig, nach Lust und Laune – sofern sich überhaupt spontan eine richtige Lust auf etwas Bestimmtes herauskristallisiert.

In Berlin war dies fast einfacher. Nicht etwa weil sich in der Grossstadt ein Angebot eröffnete, das um Welten grösser ist, als da, wo ich wohne. Nein, das war es nicht. Aber irgendwie war es gefühlsmässig einfach so, dass in der Auszeit meiner dauerferien der Tag an und für sich schon anders war, als im Alltag, in dem sich ein «alles ist möglich», einfach anders anfühlt.

Gestern, als ich einer Freundin erzählte, dass ich mir jeweils ein bis zwei Tage im Voraus überlege, was ich machen könnte, um mich darauf mit etwas Vorlauf einzupendeln und, sofern notwendig, auch vorzubereiten, sagt sie: «dir Strukturen schaffen».

Ich spüre, dass ich innerlich gegen dieses Wort rebelliere und erkläre, angenommen ich würde gerne über der Nebelgrenze wandern, würde ich dies doch nicht erst um acht Uhr nach dem Frühstück entscheiden, sondern um diese Zeit bereits im Zug sitzen. Ansonsten wäre ich doch für mein Vorhaben viel zu spät unterwegs. «Ausser», sagt sie: «Du passt dein Vorhaben der Zeit an, die dir noch bleibt.»

Bingo!

Eigentlich trifft sie den Nagel auf den Kopf. Ich suche, wenn ich ehrlich bin, beides: sowohl das Ungeplante, das Sinnvolle aus dem Bauch heraus, als auch eine gewisse Tagesstruktur. Heute ist es eine sportlich, gesellschaftliche. Bevor der Ruderbetrieb am Bodensee auf den reduzierten Winterbetrieb umstellt, treffen wir uns im Klub noch einmal, um im Pulk aufs Wasser zu gehen und anschliessend, beim Eindunklen, in der Gemeinschaft bei einem Nachtessen zusammenzusitzen – um über Vergangenes zu reden und für die Zukunft Pläne zu schmieden. Ein Tag wie er mir gefällt, obwohl er schon lange in der Agenda fixiert ist.