bis bald

«Hätte sie im Februar des Jahres 1906 ihren Entschluss, nach Paris zu gehen, rückgängig gemacht, wären ihr viele innere Kämpfe und demütigende Auseinandersetzungen erspart geblieben. Es wäre aber auch nichts von dem wunderbar Besonderen in ihrem Leben passiert»

So lautet der erste Abschnitt der Romanbiografie über Paula Modersohn-Becker «Auf einem ganz eigenen Weg», geschrieben von Stefanie Schröder. Dieses Buch begleitet mich anstelle des Computers nach, beziehungsweise durch Paris und stimmt mich ein auf die Bilder von Paula Modersohn-Becker im «Musée d’Art Moderne».

Ich bin gespannt, wie sich dieser erste Abschnitt in ihren Bildern spiegeln wird. Bis bald.

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Hauptstadt

Recht erstaunt war ich unlängst, als meine Schwester bemerkte, dass sie, wenn sie 20 Jahre jünger wäre, ebenfalls mit Rudern beginnen würde. So was!

Zwar liebte meine Schwester als junge Frau das Spiel mit dem Ball. Tennis war ihr Ding. Doch dann kamen die Kinder, die ihr viel Beweglichkeit abforderten und somit blieb für die sportliche Herausforderung fast keine Lücke mehr; einzig das Skifahren gab sie erst altershalber auf. Dennoch: Die Freude an der selbstgesuchten Anstrengung verlor sich bei ihr immer mehr, bis sie die Begeisterung dafür vor wenigen Jahren wieder fand. Seitdem unternimmt sie ausgedehnte Entdeckungsreisen mit dem elektrisch unterstützten Fahrrad.

Die Geschichte vom Rudern erzähle ich Doris, als sie mich zum Bahnhof fährt – ja, mit dem Auto, weil ich absolut keine Lust verspüre, zu Fuss dahin zu kommen. Als Fazit der der schwesterlichen «wenn …, dann …» Bemerkung, sage ich, dass es im Leben offensichtlich Abschnitte gibt, in denen man für etwas zu alt oder zu jung ist und zeige mit der Hand auf die gebrechliche Frau, die altersbedingt am Rollator geht: «Dafür bin ich momentan defintiv zu jung.»

Auf dem Bahnsteig komme ich nochmals aufs Thema zurück, weil es Doris war, die mich unterstützte, als ich mich kurz entschlossen entschied, für wenige Tage nach Paris zu reisen.

Was mich schon erneut auf Achse bringt? Beziehungsweise dahin zieht?

Es ist «l’Intensité d’un regard», die Intensität eines Blickes. Im «Musée d’Art Moderne» sind zur Zeit 120 Bilder der mit 31 Jahren verstorbenen, deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die wesentlich die Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusste, ausgestellt. «Es gibt Dinge», sage ich zu Doris in diesem Zusammenhang, «für die ist man weder zu alt und noch zu jung, sondern im genau richtigen Alter – egal, ob jung oder alt.»

So bin ich nun auf dem Weg dahin, wo ich eigentlich mit meiner Schwester hinfahren wollte. Doch ihre Agenda war mit meiner nicht kompatibel, oder meine nicht mit ihrer. Schade. Aber weil ich weder aufschieben noch begraben will, was ich will – unter anderem auch aktives Auftanken neuer Eindrücke – reise ich nun alleine in die Hauptstadt Frankreichs – ein halbes Jahr nach dem Massaker im Theater Bataclan und zwei Wochen vor dem Eröffnungsspiel der Fussball Europameisterschaften.

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Kostbarkeiten

Im Museum werden Kostbarkeiten aufbewahrt. Doch davon etwas später.

Am Donnerstagabend, am 27. Schaffhauser Jazzfestival, steht Joëlle Léandre auf der Bühne, die 65-Jährige Improvisationsmusikerin, die von sich sagt, sie sei eine «sorcière» und ihren Kontrabass tatsächlich fast wie eine Hexe beschwört, manchmal sogar begleitet von ihrem eigenen Singsang. Sie gleitet, springt, hüpft, klopft mit Fingern und Bogen über ihr tieftoniges Saiteninstrument, so dass sich in dessen Klangkörper Töne bilden, die je nachdem befreit entschweben oder fliehen.

Beginnt sie nach einer kurzen (Verschnauf-)Pause mit einer nächsten Komposition nimmt die «sorcière» ihr Instrument in den Arm, möglicherweise ähnlich wie eine Liebhaberin, zögert kurz, schaut kämpferisch ins Publikum und gesteht: «Ich weiss nicht, welche Töne mich erwarten werden.»

Das ist improvisierte Musik und etwas vom Feinsten.

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An diesem Abend spielt sie, wie sie sagt, auch fürs Publikum aber vor allem für die Pianistin Irène Schweizer, die für die improvisierte Musik wegweisend war/ist, demnächt ihren 75sten Geburtstag feiert und der sie – so Léandre – viel zu verdanken hat. Die beiden Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male zusammen aufgetreten, haben sichtbar gemacht, dass es in dieser Sparte nicht nur Männer gibt, indem sie zusammen Frauen-Gruppen gründeten (zum Beispiel «les Diaboliques») und auch dadurch die improvisierte Musik immerzu revolutionierten und in Bewegung hielten; bis heute.

Und an diesem speziellen Abend formuliert Joëlle bevor sie ihren Tönen Freiraum schenkt, den Gedanken, den ich, im Publikum sitzend, dermassen schön finde, dass ich ihn improvisiert wiedergebe und ihn Klängen ähnlich auf die Blogreise schicke, damit er – der Gedanke – auf nährenden Seelenboden sinken kann: «Mein Herz», sagt die Bassistin, «ist ein Museum – und in meinem Herzensmuseum hat Irène ihren festen Platz.»

Eben, nur Kostbarkeiten werden in Museen aufbewahrt.

 

(das Einmalige des Improvisierens – nur digitalisiertes Festhalten macht das Wiederholen möglich – Krakau 5.10.2014)

weit

Die Rissigkeit des weissen Duvetgewebes deckt den grossen Flick, den ich mit dem Bügeleisen angeklebte, eher schlecht als recht. Und einen Waschgang später zeigt sich die Brüchigkeit des Stoffs noch woanders. Ich lasse es dabei bleiben, packe den dazugehörenden Kopfkissenbezug ein, weil ich beim selben Weiss schon einmal erlebte, dass das Weiss kein klares Weiss ist. Ich fahre zum Fachgeschäft und bestelle vom selben Hersteller einen neuen Bezug.

Die Verkäuferin hat Mühe im Katalog die entsprechenden Angaben zu finden. Sie fragt, ob ich mich einen Moment gedulden könne.

Aber ja, antworte ich. Schliesslich habe ich ja dauerferien.

Sie stutzt, schaut mich an, schon fast verschwörerisch und entgegnet: «Ich auch. Demnächst.» In eher suggestivem als fragendem Tonfall meint sie, ich würde es sicher geniessen.

Und ich – ich gebe meinen Standartsatz zum Besten: Nicht nur.

Dies wiederum kümmert sie nicht. Sie erzählt, was sie neben ihrer Tätigkeit als Verkäuferin sonst noch alles macht – Inneneinrichtungen als gelernte Dekorateurin. Und dann auch noch reisen – zum Beispiel «Venedig, vor einer Woche».

Ich auch – Vogalonga.

Nun flippt sie beinahe aus. Auch sie ist Ruderin. Allerdings reiste sie bereits am Vortag des Events, von dem ich heute noch zehre, wieder nach Hause.

An der Kasse dann, als es ums Bezahlen geht, erzählt sie in einer Ernsthaftigkeit, was sie nach der Pensionierung alles machen wird – «wenn ich daran denke, dass mir nur noch 40 Jahre bleiben, muss ich mich beeilen», sagt sie zugleich begeistert und auch entsetzt. Ich meine darauf lakonisch, dass ich schon 20 aktive Jahre viel fände, dann wäre ich ja bereits Mitte 80.

Die Verkäuferin, in einem Jahr pensioniert, erschrickt. Das hat sie sich noch nie so konkret überlegt.

Das gefühlte und biologische Alter klaffen bei ihr ganz offensichtlich weit auseinander, jedenfalls weiter als bei mir.

übertragen

An diesem Morgen geht alles beschwingend schnell, obwohl sich das Wetter so gibt, dass man liebend gerne sagen würde «Was soll’s», die Decke wie einen Schlafsack nochmals um sich hüllt, damit ja keine Wärme entflieht und schnurrend wie eine Katze, sich ein weiters Mal dreht.

Trotzdem hat es mich aus dem Bett gespickt.

Ein Telefon mit Doris, grüner Tee, dazu schmackhafte Erdbeeren – direkt vom Bauernhof -, die ich fast schadlos vom Thurgau nach Zürich transportiert hatte. Und dann geht’s los.

Mit dem Fahrrad, wärmend eingehüllt, als ob ich mich im Bett auf zwei Rädern befinden würde. Selbst in Island trug ich nicht mehr Schichten, aber dort war’s noch Winter.

Im Büro angekommen, packe ich aus, was schon seit WOCHEN zu Hause bereit liegt, um mitgenommen zu werden. Die Sichtmappe mit den aller-, allerletzten, im Einsatz gewesenen Kursunterlagen. Als ich sie dann vor dem Büchergestell aus dem Rucksack nehme, entwischen, die einmal an die Wand gepinten, kreisrunden Karten. Ich lese Stichworte, die ich damals für die Teilnehmenden visualisiert hatte «Delegation», «Umgang mit Belastung», «schwierige Situationen».

Die rosa Begriffskarten lasse ich nicht etwa in den Papierkorb flattern, sondern lege sie zurück in die Sichtmappe, stelle diese im Büchergestell neben die leeren Ordner, im Wissen, dass all dies seinen ursprünglichen Zweck erfüllt hat und es bloss noch die Erinnerung an die Erinnerung ist.

Wirklich? Nicht wirklich. Denn die Themen auf den rosa Karten haben ihre fortsetzende Bedeutung – zum Beispiel im Leben und im Kursmodul dauerferien. Doch nun bin ich es – die Pensionierte -, die versucht, sich zu erinnern, was damals die Kursleiterin – also ich – dozierte, um die Lösungsansätze in meinen Alltag zu integrieren.

Dur

Treppe runter, 10 Züge, nicht mehr, und schnell wieder Stägeli rauf. Doch ich konnte nicht anders, selbst bei 13 Grad. Immerhin ist es draussen etwas wärmer als drinnen im Zürichseewasser, aber nur minimal. Dafür scheint die Sonne, die (er)wärmt und auch der Blick zum Vrenelisgärtli, das sich noch von Wolken umhüllen lässt.

Früher Morgen.

Das Personal ist sich noch am Einspielen und kontakten – beschäftigt mit Kasse in den Griff bekommen und mit erste, Winter verlorene Gäste zur Sommersaison begrüssen.

Auch ich bin zurückgekehrt ins Seebad Enge; erneut wieder hier an meinem «Stammtisch» anzutreffen. Dazwischen liegen ein Sommer, ein Herbst, ein Winter, ein beginnender Frühling. Letztes Jahr um diese Zeit stand ich kurz vor der Pensionierung, war um ein Jahr jünger und, wie sich später herausstellen wird, auch um ein Kilogramm leichter.

Schreibe ich bei dieser Formulierung eine leise Disharmonie in Moll oder ein Freudengesang in Dur zwischen die Zeilen? Beides.

Regenfrische, klare Luft und dadurch ein weiter Blick; Sonne, Wolken, Kaffee und Tageszeitung mit Meldungen von gestern – dauerferien pur – und trotzdem eine Stimmung auf der Kippe. Absacken oder abheben? Greifbar nahe ist das Naturschöne, die auf Papier festgehaltene Tragik der Welt ebenfalls.

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Die verzweifelte Frau in Kairo weint. Insgesamt überleben 66 Menschen den Absturz des Passagierflugzeugs nicht. Unzählige werden mit einem Mal Trauernde – «Ägypten mitten ins Herz getroffen», ist die Überschrift des Dramas.

Ich lese zudem, dass sich an der Podiumsdiskussion «Weltweite Migration -was tun?» der ehemalige IKRK-Präsident Kellenberger mit Blick auf die Zahlen über die Aufregung in Europa erstaunt zeigt und dabei erwähnt, dass der Libanon im vergangenen Jahr ebenso viele Flüchtlinge aufnahm wie Europa! Er plädiert deshalb konsequenterweise für eine «Entdramatisierung der europäischen Wahrnehmung».

Und in Wien missfallen dem neuen österreichischen Bundeskanzler Christian Kern die politischen Rituale der vergangenen Jahre und nennt sie in seiner Regierungserklärung «Schauspiel der Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit».

Zwischen ab- und auftauchen, beziehungsweise als ich mich mit abgekühltem Kopf und nassem Badeanzug, das Resultat von «Stägeli ab und Stägeli uf» auf die Sonnen erwärmte Holzbank lege, weiss ich, dass die Musik, die ich zu Hause wählen werde, in Dur ist.

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Es ist tatsächlich so, wie alle bereits im Voraus prophezeiten: Die Vogalonga kann nicht übertroffen werden. Diesen, in nichts zu übertreffenden, farbenfrohen Anlass muss jede Ruderin, jeder Ruderer wenigstens ein Mal erlebt haben. So überheblich sich die Aussage auch anhören oder lesen mag, inzwischen gebrauche auch ich die Formulierung so überzeugend wie alle andern, die die «Weihe» hinter sich haben!

Die Stimmung in Venedig, das jeweils am Pfingstsonntag zum Mekka der Ruderwelt wird, ist schlichtweg einmalig. Tausende von Menschen jubeln, grölen, klatschen, pfeifen zu Land und auf dem Wasser, wenn es morgens, Punkt neun Uhr, am Markusplatz böllert und sich die 1800 international besetzten Boote auf die Stecke, die über Burano und Murano führt, aufmachen. Und Tausende von Menschen jubeln nochmals, wenn 30 Kilometer und einige Stunden später all die Teilnehmenden in ihren teilweise geschmückten und beflaggten Ruderbooten, Kanus, Drachenbooten, Gondeln … im Canale Grande dem Ziel entgegen rudern. Ein unvergessliches Erlebnis – auch als unserer Crew von der schwimmenden Insel aus, das Zielhaus auf Höhe des Markusplatzes, zum Andenken Medaillen zugeworfen werden und es kurz darauf aus dem Lautsprecher scheppert: «Mit der Nummer 722 – Dora, René, Reto, Doris, Barbara!»

Um ehrlich zu sein, da spüre ich bereits zum zweiten Mal die Gänsehaut auf meinem Körper.

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