Weitsicht

Ein schöner, noch warmer Morgen – es ist sommerlich, trotzdem nicht mehr Sommer und auch noch nicht Herbst. Ich stehe am See und schaue aufs Wasser. Neben mir der Ruderkollege, der zwei Jahrzehnte älter ist als ich; rudern ist unsere Leidenschaft.

Wir sind deshalb beide früh gekommen. Wir wollen aufs Wasser – er in seinem Skiff und ich in meinem. Er sagt: «Welch ein wunderbarer Tag» und schaut dabei in die Berge im Dreiländereck Deutschland – Oesterreich – Schweiz. Ich drehe den Kopf und sehe erst jetzt eine Landschaft, getaucht in grau und blau. Ich denke: Dieser Weitblick!

Bis kurz davor richtete ich meinen Blick bloss auf die Wasseroberfläche und überlegte, in Einbezug der Wolken, ob die Verhältnisse fürs Rudern im Einer gut genug sind? Weshalb ich erst jetzt in die Ferne schaue, weiss ich nicht.

In unseren beiden Booten gleiten wir dann lange auf gleicher Höhe übers Wasser – mein Kollege wählt die Ufernähe, ich die Distanz zu ihr. Nach wenigen Kilometern bin ich mit meinen Ruderschlägen etwas weiter gekommen als er. Mir fällt auf, dass er an Schubkraft verloren hat. Bis vor kurzem war er immer schneller unterwegs als ich.

Ich realisiere, dass es für diese Tatsache zwei Interpretations-Möglicheiten gibt.

Ich wähle die optimistische und denke: Welch hoffnungsvolle Aussichten.

Denn mit über 80 Jahren schultert mein Kollege noch immer eigenständig den über 10 Kilogramm schweren Skiff zum Wasser, bückt sich so tief, dass er seinen Hintern keine 10 Zentimeter über dem Wasser auf den Rollsitz bringt und rudert, die Balance haltend, eine Strecke von 11 Kilometern.

Was für ein Alter: Mit über 80 Jahren noch immer durch morgendliche Stimmungen schweben und dabei oft mehr Weitblick haben als ich, die um 20 Jahre jüngere Kollegin.

p.s. Durch diese Morgenstimmungen (bei Gottlieben) sind Doris und ich am vergangenen Donnerstag gerudert.

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Pause

Und nun kommt erst einmal eine Pause.

Ich werde zusammen mit Doris für ein paar Tage im Ruderboot dem Ufer des Bodensees entlang gleiten, sofern das Wasser nicht allzu wellig sein wird. Wir – sie und ich – im Gleichtakt in schönsten Naturstimmungen von Arbon über Kreuzlingen bis Mammern und wieder zurück. IMG_1858Schreibpause. Wenn DU nun vermeiden willst, meinen Blog anzuklicken und nur die bereits gelesene Geschichte wieder vorzufinden, kannst DU dauerferien abonnieren. So wirst DU  künftig ein Mail erhalten, wenn ich etwas Neues publiziere.

Wie das geht?

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Und ganz zum Schluss: Danke, dass DU jeweils meine dauerferien-Geschichten liest.

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Was mir an der Windhündin im Garten auch gefällt, ist, dass es sie nur geben kann, weil sie ein Gemeinschaftswerk ist.

Am Abend sitzen wir mit unseren Arboner Freunden, die wir übers Rudern kennen, zu Doris‘ bevorstehenden Geburtstag im Garten. Währenddessen sie besorgt ist, dass wir draussen, bevor der Regen kommt, unter dem Dach von Traubenblättern noch Salat essen können und deshalb nichts ahnend in der Küche verschwindet, um Schüssel und Teller zu holen, stellen wir das langgezogene, schmale Ding mit aufgerissener Schnorre in die Nähe des Teiches. Wir sind gespannt, ob uns die Überraschung gelingt. Nicht ganz – leider -, weil Doris ihre Aufgabe schneller erledigt hat, als wir die unsere.

Ihre Freude ist gross.

Gefunden habe ich das Objekt auf Island, wenige Stunden bevor mir das Lavafeld, ganz in der Nähe, zum Verhängnis wurde. Es leuchtete rostig rot-braun aus dem schwarzen Sand. Ich bückte mich, scharrte etwas Sand zur Seite und dachte: Ein ideales Geschenk für meine Lebenspartnerin – diese Fantasie soll sich einmal in ihrem Garten im Wind drehen können.

Also verstaute ich die durch Zufall und Zeit geformte Plastik im Auto und schaffte unter Mithilfe von Knuddel-Diana, dass Doris bis zuletzt ahnungslos blieb. Zurück in der Schweiz spannte ich meinen Arboner Freund ein, der die Fähigkeit besitzt, Ideen von mir realitätstauglich umzusetzen.

Nun steht also die vor sich hin rostende Windskulptur in «Dorisgärtli». Da sie sich aus Island an stärkeren Wind gewohnt ist, dreht sie sich am neuen Ort bloss zaghaft. Doch erst jetzt kann sie dank Zusammenarbeit im Umsetzen meiner Idee, was sie davor nicht durfte: abheben und fliegen!

Nein, ich habe mit diesem Ende das Rad nicht zu «fliegen», der Geschichte von Gestern, zurück gedreht. Im Gegenteil: Ich bin damit im Heute gelandet. Denn ich habe damit zusätzliche Erkenntnisse gewonnen.

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fliegen (1)

«Wie geht es dir?», fragt mich eine langjährige Freundin, nachdem wir heute Morgen nach längerem Unterbruch miteinander telefonieren und uns auf den neusten Stand unserer Lebenssituationen bringen.

«Rauf und runter», ist meine Antwort. Ihre, auf meine Gegenfrage: «Runter und rauf.»

Wir überlegen uns und finden dabei nicht heraus, ob die inhaltlich identische Antwort, je nach Formulierung auf einen unterschiedlichen Seinszustand hinweisen könnte – «rauf und runter» oder «runter und rauf».

Ich erzähle einmal mehr von meiner Lebensphase im Umbruch; vom Einfinden in den Abschnitt eben, der mir unzählige Möglichkeiten bietet, auch viele neue, wenn ich sie nutze. Sie meint: «Einfach noch etwas luftig.» Diese Assoziation gefällt mir. Ich sage: «Ja. Ich weiss nur nicht, ob ich fliegen gelernt habe.»

Als ich nach unserem Gespräch noch über ihre Bemerkung sinniere, dass es etwas luftig sei, finde ich, dass dazu die Formulierung «runter und rauf» viel besser passt, weil sie nicht fallen impliziert, sondern: Anlauf nehmen, um fürs Fliegen abzuheben.

Heaven

Wir sitzen am Abend noch im Himmel. Etwas genauer: im Bistro «Heaven» an der Hafenpromenade von Romanshorn. Wir geniessen hier das Eis, das uns an unsere Jugend erinnert, weil der Geschmack genau dem entspricht, was wir bestellten. Nichts Geschmäcklerisches sondern einfach Erdbeer pur. Die Kugel ist nicht knall rot, dafür intensiv und schmeckt nach richtigen Erdbeeren, das Haselnuss-Eis nach Haselnuss und das Kaffee nach Kaffee.

Wir sitzen an diesem Abend, der sich schon eher nach Herbst als Spätsommer anfühlt, zu dritt zusammen und schauen auf den Säntis, dessen Konturen in der untergehenden Abendsonne immer stärker werden. Einfach schön. Die dritte im Bunde lernten meine Lebenspartnerin und ich durch meine langjährigste Freundin kennen (siehe Intermezzo). Inzwischen habe ich die neue Bekannte schon wenige Male getroffen. Sie liest seitdem meinen Blog regelmässig. Oft kommentiert sie die neuen Geschichten.

Unlängst schrieb sie: «Komm(t) doch nach Romanshorn. Es ist alles da, was es braucht. Und einen grossen See und Aufbruchstimmung gibt es dazu!»

Sie meint, als sie mich nun wieder sieht: «Das ist ja schlimm, wenn dir eine frühere Arbeitskollegin sagt, dass das Grässlichste noch vor dir liegt.»

Aber auch so ist das Leben. Es kann nicht nur Aufbruch herrschen, nur Freude pur. Ohne Melancholie wird auch Glück weniger intensiv spürbar. Ich denke, das ist wie bei der Musik – Klänge erfordern Pausen, sonst werden sie nicht zur Musik.

Jedenfalls sind wir uns in Sachen Eis ganz einig, was himmlischer Genuss ist. Überhaupt verabschieden wir uns in aufgeräumter Stimmung und wir quittieren ihre Lebensfreude, die sie an diesem Abend erfüllt, mit Lachen als sie sagt: «Ich werde mit jedem Jahr jünger!»

Computer

Das Fotopapier war endlich im Drucker, die schwarze Patrone ebenfalls ausgetauscht. Das erste Bild erscheint gelb-rot. Ich wechsle noch die Farbpatronen. Denn ich will meine Atelierwand sukzessive mit meinen Island-Fotografien behängen. Bis dahin hatte ich auf dieser Fläche eine einzige Postkarte festgemacht. Sie hatte ich letztes Jahr von Graz mitgebracht, als ich eigens für die Ausstellung von Maria Lassnig dorthin reiste. IMG_2109

Die Karte, der inzwischen verstorbenen österreichischen Malerin zeigt auf schonungslose Art das Alter. Diese Radikalität liebe ich. Deshalb hat die Karte einen so prominenten Platz erhalten, vis-à-vis von Tisch und Computer genau in meiner Blickrichtung.

Nun kommen noch Island Erinnerungen dazu.

Aus der Weite höre ich meine Büronachbarin, die wie ein Wirbelwind durch den Gang kommt. Sie hat sich, zusammen mit einer Kollegin am gleichen Ort eingemietet wie ich. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Ich erfahre, dass sie ebenfalls kaum mehr hier gewesen sei, da sie zwischen New York und Zürich pendle. Ihre Tochter hätte unlängst das zweite Mädchen geboren und sei bereits wieder am Arbeiten und sei deshalb auf ihre Unterstützung angewiesen. Ich sage: «Schön, dass du immer wieder in New York sein kannst.» Sie antwortet etwas heftig: «Ich habe mich heute Morgen im Spiegel betrachtet und sehe so etwas von alt aus!»

Meine Büronachbarin ist bereits 70. Als sie die Tür zu ihrem Arbeitsraum öffnet, wird sie versöhnlicher: «Weisst du», erklärt sie mir: «Nur beim Arbeiten kann ich mich entspannen und das fehlt mir momentan eindeutig». Dabei zeigt sie auf ihre Tasche, die sie auf ihren Reisen immer dabei hat – allein die Grösse weist darauf hin, was sie beim Pendeln über den Atlantik begleitet: der Computer. Sie nutzt einen, der inzwischen seltenen Momente und entschwindet an den Ort, der Entspannung verspricht. Stille.

Ich drucke ein weiteres Islandfoto. Am Boden meine Tasche, in der gleichen Grösse wie diejenige der Büronachbarin. Ich bin heute auch mit Computer unterwegs, allerdings reise ich nicht über den Atlantik, sondern an den Bodensee.

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Zeit

Das habe ich gerade noch gebraucht: Als ich gestern, nachdem ich «lernen» geschrieben hatte, mit dem Velo noch zur Zürcher Landiwiese fuhr, mich an der Abendkasse des Theaterspektakels in die Wartereihe stellte, von der Glücksfee dann doch nicht geküsst wurde und mich daraufhin wieder auf den Heimweg machte, begegnete ich einer, im doppelten Sinn, alten Fernsehkollegin.

Kaum haben wir uns begrüsst, fragt sie mich: «Bist du noch dabei?»

«Nein, seit erstem Juli nicht mehr.»

«Dann hast Du es ja noch vor dir», sagt sie.

Ich ahne zwar, was sie meint. Dennoch frage ich zurück: «Was meinst Du?»

«Das Gröbste steht dir noch bevor.» Sie ist davon überzeugt, weil sie von sich aus geht. Sie erzählt, dass ihr die Pensionierung erst wie Ferien vorgekommen sei. Aber dann sei dieses Gefühl von Verlust aufgetaucht. Ihr fehle, führt sie aus, dass sie nicht mehr mitten drin stehe und automatisch durchtränkt werde von diesem Nachrichtenfluss. «Es braucht unheimlich viel Energie, um sich alles selber zu holen. Und davon habe ich immer weniger», sagt die bald 70-jährige. Aus diesem Grund hat sie vor kurzem ihr angefangenes Kinoprojekt begraben, das der «krönende» Abschluss ihrer Berufstätigkeit hätte werden sollen.

Vieles kommt mir dabei bekannt vor. Denn ich kenne sie als lebendige Frau voller Ideen, die sich allesamt nie einfach umsetzen liessen. Einzelne kamen nicht zu stande – auch weil ihr der Körper früher schon Limiten setzte.

Nun atmet sie tief durch und findet die Krönung ihres heutigen Tages sei, dass sie es geschafft habe 100 Bücher auszusortieren. Sie ist sichtlich erleichtert. Und wiederum ahne ich weshalb, frage dennoch «Was ist der Grund?» und bin überrascht: Nicht von der Tatsache, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes «aufräumen» will, sondern dass der Auslöser die Aufhebung des Grabes ihrer Mutter war. «Es ist, als sei sie erst gestern gestorben», sagt sie: «Dabei war es vor 30 Jahren.» Doch erst jetzt realisiere sie, wie schnell die Zeit vergehe.

Wir verabschieden uns. Sie geht dahin, wo ich keinen Platz mehr ergattern konnte. Wer weiss, denke ich, vielleicht wollte die Glücksfee diese Begegnung aus der ich mit der Erkenntnis nach Hause fahre, dass alles seine Zeit braucht.