Pyjama

Mit individueller Freiheit umgehen zu können, ist nicht nur einfach. Jedenfalls fällt es mir oft schwer, sie als Lebensgeschenk entsprechend wertzuschätzen.

Und andern geht es oft nicht anders.

Als eine meiner Freundinnen bei Doris und mir am Tisch sitzt, findet das Gespräch, das die Hergereiste und ich schon bei unserer Schiffsfahrt über den Bodensee lancierten, seine Fortsetzung. Wir beiden Zuhörenden finden es fast schon absurd, als sie gesteht, dass sie sich kaum getraue morgens um elf Uhr im Pyjama auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen. «Was denken auch die andern von mir», sagt sie, die mit einem Teilzeitpensum noch immer arbeitstätig ist, allen ernstes. Wir lachen zwar alle drei darüber, weil wir wissen, dass es die andern nichts angeht. Wir sind uns allerdings bewusst, wie schwierig es ist, sich von den anerzogenen Konventionen «das gehört sich-das gehört sich nicht» zu lösen.

Auch darüber reden wir.

Mein Ding ist nicht das «Pyjama-Problem», sondern die Freiheit zu haben, die Freiheit einfach zu nutzen. Nur nutzen – an sinnvoll denke ich dabei noch nicht einmal. Und deshalb sage ich, was wiederum die andern zum Lachen bringt: Mich an etwas festbeissen, wie ein Hund an seinem Knochen, nach dieser Leidenschaft würde ich seit der Pensionierung in meinem neuen, strukturbefreiten Leben suchen.

Also doch den Tag mit Strukturen besetzen? Nein, auch das nicht.

Es braucht Doris und meine Freundin, um in unserer Diskussion dabei mitzuhelfen, im Moment, wo alles kaum mehr zählt, ein Absacken in den Pensioniertenblues zu verhindern und mich dennoch zu ermutigen, Knochen hin oder her, die viele Freiheit in meinen dauerferien als Freiheit zu sehen.

Der heutige Tag – wird also erneut zu meinem Übungsfeld! Vielleicht trainiert auch sie das Geniessen der elf-Uhr-Zigarette auf dem Balkon im Pyjama.

 

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begegnen

Die älteste von uns vieren, die 80-jährige passionierte Kartenspielerin, sitzt am Steuer und ist, wie sich schon bald herausstellt, mit sicherer und dennoch ziemlich angriffiger Fahrweise mit uns zusammen unterwegs nach Basel. Ich, die drittälteste (65) sitze mit der zweitältesten (70), im Fond und richte ihr als erstes den Gruss meiner Arboner Freundin aus, die mich schon frühmorgens per sms darum bat, ihr – meiner Zürcher Freundin – mitzuteilen, wie sehr es sie freue, dass sie zu neuem Schub gefunden habe. Offensichtlich hat die Arbonerin, die regelmässig verfolgt, was ich schreibe, in der Geschichte von gestern, die Zürcherin als Beschriebene erkannt. (Liest sich kompliziert – ist es aber in Tat und Wahrheit nicht.)

«Anyway» würde in diesem Fall die mitreisende Zürcher Freundin meinen.

Also: anyway – nach nicht einmal einer Stunde steigen wir aus dem Auto, nehmen aus dem Kofferraum unsere Taschen und Mäntel.

Wir stehen an der Museumskasse des Schaulagers – die Älteste und die Zweitälteste stützen sich dabei auf ihren Gehstock -, als wir neben uns ein bekanntes Gesicht wahrnehmen.

Es ist Ruth Dreifuss, die bis zu ihrem Rücktritt 2002 neun Jahre lang als Bundesrätin amtierte.

Dreifuss‘ Wahl ging 1993 ein heftiger Frauenprotest voraus, weil die Bundesversammlung anstelle der offiziellen Kandidatin (Christiane Brunner) einem Mann die Mehrheit der Stimmen gab. Dieser nahm nicht zuzletzt wegen des Druckes von der Strasse die Wahl nicht an. – Auch ich stand damals pfeiffend vor dem Bundeshaus und jubelte hinterher, mit Tränen in den Augen, als Ruth Dreifuss schliesslich gewählt wurde.

Ob so ein Protest mit einer solchen Wende heute noch möglich wären? Anyway.

Jedenfalls steht Ruth Dreifuss nun neben uns an der Kasse. Wir – die Älteste, ihre Tochter und ich – schauen zwar kurz und diskret zur Prominenten. Meine Freundin dagegen ist direkt und meint zur Frau hinter der Kasse: «Bedienen Sie bitte zuerst Frau Dreifuss». Die ehemalige Bundesrätin lächelt, sagt nicht etwa «danke» oder «nein, Sie waren doch vor mir», sondern fragt meine Freundin, wie eine alte Bekannte: «Wie geht es Ihnen?» Es ist, als ob das Eis, sofern es eines gegeben hat, gebrochen wäre. Auch ich schaue nun richtig und lasse dabei die inzwischen 76-jährige Sozialpoitikerin spüren, dass es mich freut, ihr hier, am Ort des gleichen Interessens, zu begegnen.

Schub

Wohnen ist für eine meiner Freundinnen derzeit eine konstante Bedrohung. Denn in der Liegenschaft, in der sie seit 22 Jahren lebt, haben von insgesamt vier Mietparteien deren zwei die Kündigung erhalten. Grund: keine Angabe(n).

Wann trifft es auch sie?

Dem Hinweis im Briefkasten, dass am Folgetag etwas Eingeschriebenes auf der Post abzuholen ist, folgt eine schlaflose Nacht. Als der Brief der Liegenschaftsverwaltung im Haus ist, wird das Öffnen erst einmal herausgezögert – jedenfalls so lange, bis es nicht mehr aushaltbar ist.

Nach der Zigarette, eine nächste und gleich nochmals eine, um die Anspannung während des Öffnens zu dämpfen. Und dann lesen, dass die Miete nicht rechtzeitig überwiesen worden ist.

Grosses Aufatmen!

Danach der innerliche Zusammenbruch und der äusserliche Ärger: Das kann doch nicht sein – nach 22 Jahren so einen Brief zu erhalten, trotz Dauerauftrag.

Selbstverständlich liegt der Fehler nicht zum ersten Mal bei der Verwaltung, die sich dafür nicht einmal entschuldigt.

Meine Freundin, die bis zur Pensionierung vor einem Jahr ein eigenständiges Arbeitsleben führte, ist nun aus ihrer Agonie erwacht. Sie wurde aktiv – ein Termin folgte dem nächsten. Die Abklärungen beim städtischen Amt für Alterswohungen und beim Immobilienberater ihrer Bank vermochten, der Bedrohung das Bedrohliche zu nehmen.

Dennoch die Ernüchterung.

Die Chance, dass heute eine 70-Jährige eine neue Bleibe findet, wird mit jedem zusätzlichen Jahr noch geringer. So sieht es zumindest der Fachmann.

Trotzdem: Für die Psyche ist suchen erträglicher, als zuwarten. Meiner um fünf Jahre älteren Freundin, mit der ich im Sommer jeweils im Seebad Enge sitze und zum «Vrenelisgärtli» blicke, geht es jedenfalls wieder sichtlich besser und der Ausblick auf eine neue Wohnform gibt ihrem Leben unverhofft Schub.

 

 

mitgeben

Beim Italiener sitzen wir – dieses Mal zu fünft – und essen Pizza aus dem Holzofen. Der Älteste am Tisch, ein Ruderkollege, der dieses Jahr seinen 80sten Geburtstag feiert, erzählt von früher. Er arbeitete vor 50 Jahren, als junger, ambitionierter Mann, für einen Schweizer Industriebetrieb in Afrika. Alles klingt sehr abenteuerlich: Der Aufbau der Fabrikationshalle in Südafrika, als zwei Eingänge in dasselbe Gebäude nichts Aussergewöhnliches waren – einer für die Weissen, einer für die nicht Weissen. Das Partyleben der befrakten Ausländer, das Liebesleben mit den einheimischen, nicht weissen Frauen.

Doch plötzlich landet das Anekdotische im Aktuellen. Er erzählt vom Alltag. Von Tagen an denen er mit niemandem sprechen könnte, wenn da nicht seine Freundin in Deutschland wäre. Ein eigentlicher Glückstreffer nennt er sie.

Denn vor fünf Jahren ist seine Ehefrau gestorben und mit ihrem Tod sind jahrelange Freundschaften weggebrochen. Haben plötzlich nicht mehr existiert. Er formuliert seine nachvollziehbare Enttäuschung. Er erzählt, wie schwierig es ist, auf vermeintlich Verlässliches zu zählen und dann aber vor einer Leere zu stehen. Er sagt: In seinem Alter sei es fast nicht mehr möglich, ein neues Netz aufzubauen.

Nicht dass er resigniert hätte. Nein, er jammert nicht. Er stellt fest, reflektiert.

Als wir uns von ihm verabschieden und zu viert im Auto sitzen, sind wir nachdenklich und zugleich froh, dass wir beim Nachmittagskonzert, das wir miteinander besuchten, unseren gemeinsamen Bekannten zufälligerweise trafen und ihn in der Pause fragten, ob er sich zum Abendessen uns anschliessen wolle.

Er sagte spontan zu.

Am Frühstückstisch ist unser Ruderkollege nochmals Thema. Doris und ich denken, dass er möglicherweise seine Erkenntnisse uns auf unsere Lebenswege mitgeben wollte.

unbegreiflich

Swetlana Alexijewitscht, die 2015 den Nobelpreis für Literatur erhielt, sammelte sieben Jahre lang (1978 – 1985) Geschichten von Frauen, die während des zweiten Weltkrieges in der Roten Armee an vorderster Front kämpften. (Insgesamt war es eine Million Frauen). In «DER KRIEG HAT KEIN WEIBLICHES GESICHT» lässt die 68-jährige, weissrussische Journalistin unzähligste Kämpferinnen zu Wort kommen. Jede Erzählung ist erschütternd.

Auf den letzten Seiten spricht Tamara Stepanowna Umnjagina (Garde-Ungteroffizier, Sanitätsinstrukteurin). Ihre Eindrücke gebe ich hier, stellvertretend und vergekürzt wieder:

«Wenn ich davon erzähle, werde ich ganz krank. Ich erzähle, und innerlich bin ich wie aus Gelee, alles zittert. Ich sehe wieder alles vor mir: Die Toten wie sie da liegen – ihre Münder sind offen sie haben geschrien und sind mitten im Schrei verstummt, die Gedärme hängen raus. Ich hab in meinem Leben mehr Tote gesehen als Brennholz … so viel Schreckliches! Ganz schlimm ist es im Nahkampf, wo die Menschen mit Bajonetten aufeinander losgehen … Mit blankem Bajonett. Man fängt an zu stottern, ein paar Tage kriegt man kein Wort richtig raus. Man verliert die Sprache. Wer versteht das schon, wer nie dort war? Und wie soll man das erzählen? Mit welchen Worten. Mit was für einem Gesicht? Andere können das irgenwie … Sind dazu fähig … Ich nicht, Ich weine. Aber man muss erzählen, man muss, damit das bleibt. Man muss es weitergeben Irgendwo auf der Welt muss unser Schrei erhalten bleiben … Unsere Klage … Unser Atem …

(…)

Wissen Sie, was wir alle im Krieg dachten? wir träumten: <Ach, Kinder, das möchte ich noch erleben … Nach dem Krieg werden die Menschen so glücklich sein! Dann bricht ein glückliches, schönes Leben an, Die Menschenm die so viel durchgemacht haben, werden Mitgefühl füreinander haben. Liebe. Das werden andere Menschen sein.>

Aber es hat sich nichts geändert. Nichts. Die Mensch hassen einander immer noch und töten sich gegenseitig Das ist das Unbegreiflichtste für mich …»

(aus: «DER KRIEG HAT KEIN WEIBLICHES GESICHT», Swetlana Alexijewitsch)

 

wann

Täglich: Krieg ohne Ende.

Mit den Waffen, die je nach Sprachgebrauch fürs Morden oder fürs Verteidigen geliefert werden, werden jeweils auch Frauen, Kinder und humanitäre Einrichtung bewusst gezielt.

Menschen flüchten.

Die einen sagen: Stopp. Die andern: Willkommen.

Ich kenne die Lösung ebenfalls nicht. Auch nicht eine annähernde – ausser einer logischen: Frieden und Gerechtigkeit.

Ich höre, wie sich Politiker und Politikerinnen profilieren. Von Frauenrechten reden und kulturellen Unterschieden. Ich frage mich: Wo waren die sich heute Profilierenden, als es im «eigenen Land», in der «eigenen Kultur» um Gleichstellung und um angemessene Strafen bei Missbrauch und Übergriffen gegen Frauen ging. Wo waren sie mit ihren saftig, populistisch-lauten Ausrufen «so nicht!»?

Am World Economic Forum (WEF), das 1971 gegründet wurde, treffen sich die sogenannten Opinion Leaders dieses Wochenende bereits zum 46. mal in Davos, um über Lösungen zu reden und finden welche?

Und schon 1966, also vor 50 Jahren, fragte sich Pazifistin Joan Baez:

Sag‘ mir, wo die Blumen sind,
Wo sind sie geblieben?
Sag‘ mir, wo die Blumen sind,
Was ist geschehen?
Sag mir, wo die Blumen sind,
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehen,
Wann wird man je verstehen?
Sag‘ mir, wo die Mädchen sind
Männer nahmen sie geschwind.
Sag‘ mir, wo die Männer sind
Zogen fort, der Krieg beginnt.
Und sag‘, wo die Soldaten sind
Wo sind sie geblieben?
Sag‘, wo die Soldaten sind.
Über die Gräber weht der Wind.
Sag‘ mir, wo die Gräber sind.
Blumen blühen im Sommerwind.
Wann wird man je verstehen,
Wann wird man je verstehen?

Übrigens: Joan Baez tourt mit dieser Frage und diesem Lied noch immer durch die Welt*.