stolz

Mein Portemonnaie lässt sich seit Wochen nicht schliessen, da der Druckknopf nicht bis zu seiner dafür vorgesehenen Haftung passt. (Ob dieser Begriff wohl der korrekte ist? – Egal, sicherlich ist er genügend gut gewählt, so dass sich die Leserin darunter das von mir gemeinte vorstellen kann). Der Grund für meine fette Geldbörse ist ein einfacher: Die nicht verkonsumierten tschechischen Kronen tragen mehr auf, als sie wert sind.

Überhaupt fragte ich mich damals, als Doris und ich uns für unsere Reise nach Prag vorbereiteten, «how comes?»! Die tschechische Republik gehört doch seit über 10 Jahren zur EU – genauer: seit 2004 – und hält noch immer an ihrer eigenen Währung fest. Nun gut, ich als Schweizerin, die in ihrem Alltag für alles, was kostet, keine Euros, sondern Franken und Rappen ausgibt, sollte diesbezüglich lieber ruhig sein.

Deshalb wechsle ich, nachdem ich am Bahnhof die gut 2000 Kronen gegen 91 Schweizer Franken eintauschte, auch das Thema.

Gegenüber des Zürcher Hauptbahnhofs protzt seit 1898 das Landesmuseum, ein Burgen ähnlicher Bau des Schweizer Architekten Gustav Gull. Da all das sammelwerte, schweizerische kulturhistorische Gut mehrerer Jahrhunderte drohte, die Burg aus ihrer Festung platzen zu lassen, steht nun, 118 Jahre später, hinter der sanierten Trutzburg ein  Erweiterungsbau. Zwei junge Schweizer Architekten gewannen vor über 10 Jahren den Wettbewerb mit ihrer Vorstellung einer noch grösseren Museumsburg.

Ich umkreise Neues, das sich mit Altem verbindet. Verbündet. Ich, die Touristin in der eigenen Stadt. Nicht fremd, wie ich es in Prag war. Und anschliessend in Dresden und davor in Kopenhagen. Aber auch neugierig; auch mit dem Blick der Fotografin, die festhalten will, was fest hält und nicht festzuhalten ist.

Weshalb mache ich es trotzdem?

Weil ich richtig stolz bin, dass ich in dieser Stadt wohne, deren Bevölkerung sich damals, trotz massivem Widerstand einer Gruppierung, an der Urne zum 111 Millionen-Vorhaben bekannte.

Und nun stehe ich also vor dieser Umsetzung, vor diesem Gemäuer mit fröhlich, glücklichem Herzen. Ich finde das Ensemble toll und bin, so absurd es sich anhören mag, über diese innovative Architektur in «meiner» Stadt so was von stolz.thumb_IMG_3530_1024

 

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Weil mein Festhalt-Versuch wirklich ein etwas kläglicher ist, hier noch der Link zu weiteren Bildern.

lachen

Für mich ist es ein wunderbarer, visueller «Knochen», der mir auf dem ländlichen Wochenmarkt zugeworfen wird. Ich und Doris bestellen am Käsestand laibhafte Köstlichkeiten, als sich sich der Stämmige an zwei Krücken ins Bild schiebt.

Auf seinem blauen Leibchen steht in gelben, durch den Bauch gewölbten Buchstaben: «im Ruhestand». Darunter etwas feiner in der Schrift «im Stress», «keine Zeit», «Termine vier Wochen im Voraus abmachen». Ich lache ihn an, sage, dass ich dies ebenfalls kenne. Und schon ist das Gespräch in vollem Gang, in das sich seine Frau, drahtig und im Gebahren lebendiger als er, ebenfalls einschaltet und dabei recht bald ihre Alter nennt: Er werde im Winter 90-jährig und sie sei auch schon 87.

Ich bemerke, halb im Witz, dass zum runden Geburtstag sicherlich der Gemeindepräsident einen Blumenstrauss vorbei bringen werde.

Und nun  ist es wiederum sie, die meinen verbalen Knochen auffängt und etwas vom Thema ablenkend sagt, für die Gartenarbeit könnte sie noch Unterstützung brauchen. Da Doris Garten genügend Arbeit abwirft, reagieren wir darauf nicht, sondern bestätigen sie darin, dass es wirklich immer genügen zu tun gibt. «Ja», meint sie und steuert nun auf das Positive zu: «Das Dranbleiben hält mich beweglich, ansonsten wäre es darum geschehn.»

Wenig später sitzen Doris und ich bei Kaffee und Croissant. «Das Fenster zur Strasse ist wie Fernsehen», bemerkt die Frau im Service, als sie uns zuhört. Wir sehen die beiden Alten vom Käsestand. Sie, um einige Schritte schneller als er, zieht hinter sich die Einkaufstasche auf Rädern. Er folgt ihr im Schleichgang, seine Beine den Krücken hinterher setzend.

«Wenn du dir vorstellst», sagt Doris, die mit mir Fenster-TV schaut, «27 Jahre, das ist ja noch eine halbe Ewigkeit.» Dann wäre sie ebenso alt, wie die Gärtnerin. Ob sie dies allerdings erreichen möchte, fragt sie sich hörbar laut. Worauf die Frau am Nebentisch, die bis dahin diskret in der Gratiszeitung blätterte, sich ebenfalls ins Gespräch einschaltet und sagt: «Dieses Beispiel macht wenigstens Mut.»

Beim Abschied wünschen wir uns einen guten Tag und, dem Gesprächsinhalt entsprechend, fügen wir hinzu: «Auf gute Jahre!» und machen uns auf unsern Weg.

Glücklich und lachend geben wir uns die Hand. Auch wenn am Abend, als wir die Schlagzeilen zu München lesen, unsere Zuversicht gedämpft wird.

Glück

Die Latte Macchiato, die vor ihr steht, schmeckt ihr nicht. Die Milch ist eine Mandelmilch – die wollte sie einfach mal probieren. Sie löffelt Schaum mit Flüssigkeit, rümpft beim Runterschlucken die Nase. Sie kostet nochmals. Worauf sie sich aus reiner Neugier einliess, schiebt sie nun zur Seite und sagt zur Servierfrau, was sie sonst selten macht, dieses Gemisch liebe sie nicht, verbunden mit der Hoffnung, dass diese – ganz Gastgeberin – versteht. Denn letztlich ist ihr bewusst, dass es im veganen Restaurant keine Kuhmilch gibt. Und tatsächlich, die Servierfrau hat verstanden.

Nun löffelt sie erneut, doch dieses Mal im frischen, Soyamilchkaffee. Doch er schmeckt ihr noch immer nicht. Das war letztmals anders, hier am selben Ort. Aber da ging es ihr auch psychisch besser.

Was ist es, frage ich.

Alles ist am Entschwinden, meint sie. Ein Abschiednehmen von allem.

Könnte es nicht ebenso gut ein Loslassen sein?, frage ich in die Schwere.

Doch ihr Empfinden entsprich heute, beim Zusammensein, nicht diesem Gefühl von aktiv etwas loslassen. Vielleicht, versucht sie zu erklären, liegt es auch am bevorstehenden, runden Geburtstag. Es wird einfach alles enger. Vor zehn Jahren hätte ich möglicherweise versucht, dieses zum Verkauf stehende Traumhaus auf der Insel mit andern zusammen zu erwerben. Aber heute nicht mehr.

Ja? Ich nicht. Es würde nicht meiner Lebenssituation entsprechen, erkläre ich. Viel mehr fällt mir im Moment auch nicht ein.

Nach dem Verabschieden warten wir beide auf das öffentliche Verkehrsmittel, das uns in entgegengesetzte Richtungen bringen wird. Ich schaue zu ihr herüber. Der gegenseitige Augenkontakt bleibt diesmal aus, sie ist versunken in ihren Gedanken; ihre Körperhaltung zeigt, welcher Art sie sind.

Wir telefonieren kurz darauf. Die Schwere liegt noch immer über fast allem, was sie sagt. Eine Woche später hören wir einander wieder. Diese Energie und Leichtigkeit in ihrer Stimme mit der sie von der Geburt der Enkelin erzählt. Alles ist gut gegangen, ein Glück. Und dann sagt sie noch: «Dass mich dieses Warten auf das Kindlein so mitnimmt, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten.»

Das muss es gewesen sein, denn ich erkenne in ihr wieder diejenige, die ich bis dahin kannte – zum Glück.

 

«Liebster Award»

Und dann kam diese wunderbare Nachricht von «kat+susann», den beiden, sich hin und her schreibenden, Freundinnen von Gezeitenwechsel, die mich für den «Liebsten Blog-Award» nominierten. Danke, dass ihr meine Geschichten regelmässig lest. Und danke auch, dass ihr mir, als vor mir nominierte, den Pokal weiterreicht!

Ihr habt mir Fragen gestellt, das gehört zu den Regeln des Erfinders, die ich sogleich beantworte und daraufhin, so das Spiel, ebenfalls nominiere.

Verständlich – auch für Uneingeweihte? Glaube schon. Hier also die Fragen der Gezeitenwechsel-Frauen:

Welchen Comiczeichner/in magst du am liebsten und warum ? Defintiv diejenige des Lebens! Als Kind liebte ich Tim und Struppi des Belgiers Hergé. In Zürich, wenn ich «Bei Babette» eine Crêpe esse, blicken mir Hergés Figuren in den Teller. Denn im Restaurant hängt ein Plakat von der Struppi-Familie. Tim haben sie selbst als Facebook-Profilbild gewählt.

Glaubst du an Schicksal ? Ist Schicksal im Sinne von nicht mehr frei sein, um eigenständig Entscheidungen zu treffen gemeint, dann defintiv NEIN. Sieht man darin aber eine nicht erklärbare Verkettung von unhervorsehbaren Dingen, die letztlich in  einem wissenschaftlich nicht erklärbaren Zusammenhang stehen, dann beantworte ich die Frage mit «Ja».

Tarotkarten… Kristallkugeln…:Lüge oder Wahrheit ? Weder noch. Sie können einem anregen, sich in bestimmten Lebenssituationen klare Fragen zu stellen und sich mit der daraus resultierenden «Offenbarung» ernsthaft auseinanderzusetzen und dadurch für sich und sein Leben (seine Lebenssituation) eine Antwort / einen Weg zu finden.

Was ist deine Lieblingssalatsosse die du selber machst ?Incl. Rezeptnennung, bitte! Ganz banal, dafür geschmacksintensiv: feines, biologisches Olivenöl (griechisches oder italienisches), gemischt mit weissem Balsamico-Essig aus dem Bioladen «NATÜRLI» in Arbon – ein besonders guter -, dazu etwas Salz, am liebsten das grobkörnige «Flögusalt», das ich von meiner letzten Islandreise mitbrachte.

 Traumland, wo du hinreisen möchtest? Ein Traumland ist für mich sicherlich Island. Bereits zwei Mal war ich dort – im Sommer und nun auch noch im Winter. Ich fand offene Menschen, weite, einsame Landschaften, eindrückliche Natur – all das, was ich liebe. Mein nächstes grosses Projekt wird Indien sein, das pure Gegenteil. Eine Bevölkerung von 1,2 Milliarden (Island: 330’000) – viele arme Menschen, viel Lärm, viel stickige Luft … Aber auch viele Gerüche und eine grosse Farbigkeit. Zudem liebe ich indisches, vegetarisches Essen.

Schlittschuh oder Rollschuh? Was war als Kind dein Favorit? Weder noch. Ich wollte Eishockey spielen, dies wiederum wollte meine Mutter nicht. Sie sah mich Pirouetten drehen. Und somit war für mich das Thema Schlittschuhlaufen erledigt.

Kannst du Spaghetti ohne Löffel essen ? Das mache ich meistens. Das heisst aber, dass ich meine Bekleidung schützen muss. Ich stecke beim Spaghetti-Essen eine Serviette direkt unter dem Halsansatz ein, was dann eher wie ein Latz für Kinder ausschaut. Was soll’s, dafür bin ich nicht mit Fett und roter Farbe bespritzt.

Was war für dich das Mutigste was du je gemacht hast ? Zivilcourage und Haltung zeigen! Das ist allerdings nicht nur einfach – auch in einer demokratischen Gesellschaft.

Magst du lieber glatte oder rauhe Oberflächen ? Rauhe – da ich auch im Leben Rauhes spannender als Glattes finde.

Wo ausser in Rimini kaufst du grosse Sonnenbrillen ? Weder grosse, noch in Rimini – ich bin nicht trendy. Seit über 20 Jahren habe ich dasselbe klassische Gestell, nur die Gläser und die damit verbundenen Korrekturen wechseln. Auch sonst bin ich ein treuer Mensch.

Was ist dein Beitrag zur Rettung der Welt ? Im Grossen oder und auch im Kleinen ? Ich bekenne: Im Grossen beschränkt sich mein Einsatz zur Rettung der Welt auf Spenden, zb. für Helvetas um benachteiligten Jugendlichen vor Ort eine Ausbildung zu finanzieren oder für Frauen- und Friedensprojekte. Im Kleinen: Indem ich vor allem mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs bin, Abfall trenne und den «standby»-Modus nicht konsequent ausschalte.

Und nun reiche ich den Award an folgende zwei Blogschreiberinnen weiter:

An «Scherbensammlerin». Ihre Geschichten sind, wie sie selber schreibt, geprägt von dem, «was damals in Russland passiert ist.» Und an «musikhai» – Katrin’s Erlebnisse als Multiple-Sklerose-Betroffene Bewohnerin im Altenheim.

Ich lade euch nun ein, die 11 Fragen zu beantworten und anschliessend andere für den «Liebster Blog-Award» nominieren. Die Spielregeln findet ihr bei

  1. Lese ich deine Texte, denke ich, dass es nicht nur einfach ist, sich mit deinem Thema so auseinanderzusetzen, wie du es machst. Ist dem so?
  2. Wie geht es dir jeweils nach dem Schreiben?
  3. Gibt es einen Ort, wo du dich besonders aufgehoben fühlst?
  4. Könntest du Angela Merkel eine Postkarte schreiben, was würdest du ihr wünschen?
  5. Wem möchtest du am liebsten eine Blume schenken?
  6. Du lebst in der Hafenstadt Hamburg. Was bedeutet dir Wasser?
  7. Wie engagierst du dich für die Gemeinschaft?
  8. Worauf könntest du im Alltag nie verzichten?
  9. Welche Diskussion möchtest du immer führen?
  10. eBook oder gebundenes Buch?
  11. Wenn du zauber könntest, dann … ?

Mit liebem Gruss. Barbara

p.s. Die Einladung darf auch abgelehnt werden.

Damit ihr euch besser vorstellen könnt, wie das Prinzip funktioniert, hier die einmal aufgestellten Reglen:

    • Bedankt euch bei der Person, die euch nominiert hat, und verlinkt sie auf eurer Seite. Falls möglich, hinterlasst auf ihrem Blog einen entsprechenden Kommentar, in dem ihr auch für andere sichtbar den Award annehmt.
    • Kopiert das Emblem oder holt euch ein zu euch passendes aus dem Netz und stellt es sichtbar auf die Award-Seite, so dass der Liebster Award nach außen hin sichtbar ist und bleibt.
    • Beantwortet die 11 Fragen, die euch gestellt wurden und veröffentlicht sie auf eurer Seite. Wer über die Fragen hinaus Fakten über sich präsentieren möchte, kann dies in einem eigenen Blog: Fakten über mich (bis zu 11 möglich); wer mit den Fragen gar nichts anfangen kann, darf sie ausnahmsweise auch mal gegen Fakten austauschen; sollte das dann aber auch entsprechend begründen.
    • Denkt euch 11 neue Fragen für die Blogger aus, die ihr nominieren wollt und stellt die Fragen auf euren Blog.
    • Kopiert die Regeln und stellt sie ebenfalls auf euren Blog, damit die Nominierten wissen, was sie zu tun haben.
    • Nominiert zwischen 2 und 11 neue Blogger, die ihr gerne weiter empfehlen wollt. Das sollten möglichst solche sein, die noch wenig bekannt sind, aber empfehlenswerte Inhalte bieten. Wer möchte kann sich dabei an die 200er – 3000er Follower / Leser Regel halten, also solche Blogs empfehlen, die unterhalb dieser Zahlen liegen.
    • Stellt die neuen Nominierungen auf eurer Seite vor und gebt den jeweiligen Bloggern eure Nominierung persönlich bekannt. Empfohlen wird dafür die Kommentarfunktion auf den jeweiligen Blogs zu nutzen, falls diese passend ist.

 

über uns

Je wettriger, desto fröhlicher die Menschen.

Das denke ich, als Lea, die Gastgeberin auf Hestheimar, daherfährt, wie eine Hexe der Moderne – lachend, voller Energie, das Haar im Wind, Schnee ins Gesicht peitschend. Sie braust nicht mit Besen an mir vorbei, sondern auf ihrem Sqaud.

Wettrig und sie dennoch so was von fröhlich.

Lea auf ihrem gelben Vierrad-Töff ist ein Bild für Göttinnen – hier, auf dieser Insel, eher eines für Trolls und Elfen. Oder eine gelungen, normale Szene, wie sie in isländischen Filmen jederzeit vorkommen könnte. Einfach ein Bild zum festhalten.

Vielleicht sind es genau solch kitzekleine Begebenheiten, die das Islandvirus inkubieren lassen.

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Und dann zum Tagesabschluss nochmals eine: die Bewegungen der Nordlichter, direkt über uns – dieses Glück, festgehalten von einer Mitreiterin.

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Privileg

Relationen.

Das Mail, das ich unlängst erhielt, evozierte Ärger. Ich fragte mich, hatten wir da nicht unlängst die Generalversammlung, an der alles beschlossene Sache war? Und nun, hinterher, nochmals eine konsultative Umfrage? Wozu das? Weshalb die Mehrheitsfindung vor zwei Wochen?

Ich berichte Doris davon und echauffiere mich während des Erzählens noch einmal. Doch glücklicherweise kommt relativ schnell der Punkt, an dem wir zu einander sagen: Da gibt’s doch ganz andere Probleme.

Zum Beispiel die Durchsetzungsinitiative, über die die Schweiz in zwei Wochen abstimmt. Da geht es um Grundsätzliches, um Menschenrechte; um Menschen mit Schweizer Pass und Menschen ohne Schweizer Pass. Nach den Erfindern dieser Initiative, die internationale Abkommen gefährdet, sollen Ausländerinnen und Ausländer bei strafbaren Handlungen des Landes verwiesen werden. Ist jemand bereits vorbestraft, reicht beispielsweise ein Diebstahl, um ausgeschafft zu werden – egal wie schwer die Tat, egal wie lange in der Schweiz lebend.

Oder zum Beispiel der 23-jährige Mann, der vor wenigen Tagen meiner langjährigsten Freundin während der Sendung «nachtwach», die sie modereriert, erzählte, dass er seit einer Woche mit schweren Verletzungen hospitalisiert sei (zu hören ab Minute 24′). Er erinnere sich noch daran, dass er an der Busstation stand, als er von hinten einen heftigen Schlag auf den Kopf erhielt und als Homosexueller aufs Übelste beschumpfen worden sei. Seitdem habe er Angstattacken und epileptische Anfälle.

Oder auch, dass trotz der Vereinbarung von München auf eine baldige Feuerpause die  russischen Bombardamente auf syrische Regimegegner fortgesetzt werden und zwar in einem Gebiet, wo sich mehrere Tausend Menschen aufhalten, die vor der eskalierenden Gewalt schon einmal geflohen sind.

Und

Und   http://m.focus.de/kultur/videos/hinter-uns-mein-land-dieses-gedicht-aus-der-perspektive-eines-fluechtlings-geht-unter-die-haut_id_52

Und

So gesehen, relativiert sich Ärger oft, nicht nur der eingangs erwähnte. Was für ein Privileg in eine Welt des Friedens und der Demokratie geboren worden zu sein.

 

bestärken

Auf der Bühne fliegen messerscharfe Sätze. Seziert wird der Mann in seiner Rolle. Das Stück von Sybille Berg «How to sell a Murderhouse» handelt von Geschlechterkampf, Emanzipation und Gleichstellung. Meiner Schwester und mir gefällt’s sehr, unserer Bekannten etwas weniger. Wir applaudieren vor allem anerkennend der jungen Schauspielerin, die die verunfallte Hauptdarstellerin (Caroline Peters) für die restlichen drei Vorstellungen zu ersetzen hat.

Anschliessend sitzen wir im Foyer zusammen, veruchen zusammenzufassen, weshalb uns die Genderkritik gefällt. Wir werden uns nicht ganz einig. Macht nichts. Jedenfalls fragt mich die Bekannte, ob ich auch einmal Schauspielerin hätte werden wollen?

Ja!

Ich erzähle, dass ich deshalb hier, an diesem Theater, während der  Mittelschulzeit als Garderobiere arbeitete. So konnte ich jeweils nach Beginn der Vorstellung fürs Stück in den Zuschauerraum. Und nachdem das Publikum jeweils gegangen war, tranken wir hier, wo wir nun ebenfalls sitzen, mit den Darstellenden Bier und Wein.

Das war vor 47 Jahren, als unsere Eltern fanden: «Schauspielerin ist doch kein Beruf». Überhaupt wuchsen meine Schwester und ich in einem Milieu auf, das uns eher zurückband als uns im Entfalten förderte.

Als ich zwei Tage später im wärmenden Bad meine Erkältung kuriere, sinniere ich über direkten und indirekten Kontakt zum Publikum und bin dann doch noch froh, dass ich erst beim nächsten Mal  «das ist doch kein Beruf» (Journalismus) hartnäckig blieb und als Quereinsteigerin zum  Fernseh-Journalismus fand – trotz vieler Zweifel. Doch gab es einige (nicht meine Eltern), die mich glücklicherweise darin bestärkten.

 

vertrauen

Die dick zähe Nebeldecke über dem Mittelland regt an zu Haushaltarbeiten. Ich verräume die getragenen Kleider, tausche frisch riechende Bettwäsche gegen alte. Wasche. Stopfe das Loch in der Wolljacke und und … Dazu lasse ich Björk (Guðmundsdóttir), die isländische Popikone singen. «History of touches» wiederholt sie mehrmals für mich, bzw. ich programmiere den entsprechenden Vorgang, weil mir dieses Lied besonders gefällt.

Unweigerlich lande ich in Gedanken bei unserem Gespräch. Wir – das Viererteam – unterhalten uns nach der frühmorgendlichen Ruderfahrt (Start um 5.30 Uhr) bei einem Kaffee an der Tankstelle übers Leben. Die eine Ruderin fragt mich, ob ich für nächstes Jahr bereits Pläne habe.

«Ja, Island im Winter», sage ich.

Sie will wissen, ob Doris mich dabei begleitet. «Nein, ich bin vier Wochen alleine unterwegs.» Das findet sie «toll»; der Ruderkollege auch. Allerdings habe seine Partnerin für sowas wenig Verständnis. «Kannst du nicht einmal mit ihr reden», bittet er mich. Wie ernst er’s meint, kann ich nicht ganz abschätzen. Aber selbstverständlich diskutieren wir in unserer Runde noch weiter über Beziehungen und Vertrauen.

Beim Flicken des Lochs und angeregt durch Björks Titel, der übersetzt soviel heisst wie «Geschichte der Berührungen», denke ich, dass alleine Reisen möglicherweise ein vielschichtiges Vertrauen voraussetzt:

Gegenseitiges Vertrauen; Doris in mich, ich in sie.  – Vertrauen auch, dass jede alleine zurecht kommen wird.  – Vertrauen in sich selbst;  jede in sich. – Vertrauen aufs Bereichernde. Jedenfalls lässt es sich auf diesem Fundament gut reisen und ebenso gut zurückbleiben.

Übrigens: Mein Natel (Mobiltelefon) hat das Bad in der WC-Schüssel dank der anschliessenden Trocknungskur im Basmatireis bestens überstanden. Jedenfalls ist es bereits wieder in Verbindung mit der Welt. Zum Glück, kann ich da nur noch beifügen, habe ich dem Rezept meiner Nichte Vertrauen geschenkt.

vergangen

Gestern.

Doris und ich kommen nach gemeinsam verbrachten Ausspanntagen nach Hause. Ich sehe den Baum vor meiner Wohnung in der Verwandlung des radikal vorangeschrittenen Herbstes. 56 Stunden später (siehe Vorfreude) stimmt die Assoziation mit Segantinis Tryptichon «sein – werden – vergehen» schon nicht mehr.

IMG_2461Ich sage deshalb zu Doris: «Eigentlich müsste es inzwischen vergangen heissen.» Denn kein einziges goldenes Blatt hängt mehr an «meinem» Baum.

Vergangen ist auch unsere 3-tägige Rudertour rund um Zürich- und Obersee. Zurück bleiben  schöne Momente rund ums Wunder Natur und sich begegnen.

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Anschliessend fahren Doris und ich noch von dort (Zürich) nach dort (Romanshorn). Diese Formulierung habe ich speziell für die Romanshorner Freundin gewählt, die sich für meine zwei Welten ein spezielles Glossar wünschte.

Vor dem Haus begegnen wir den Nachbarn. Sie packen zwei Autos voll mit Persönlichem, das sie an den neuen Wohnort mitnehmen wollen. Vergangen ist auch diese Zeit, wo sie und er dem Garten schauten.

Tröstlich, dass trotz der Abschiede immer wieder Neues entstehen kann; sein – werden – vergehen – vergangen.