kristallisieren

Auf dem Weg von dort (Zürich) nach dort (Bodensee und Doris) mache ich einen Umweg «via», um, nach dem Wiedersehen mit meiner Schwester, nun auch noch meine langjährigste Freundin zu sehen, wenigstens für knappe zwei Stunden.

Wir treffen uns am Ort, wo wir meist hingehen, ins Kaffee in der Altstadt mit den verführerisch feinen, hausgemachten Fruchttörtchen, deren Konsum ich mir heute allerdings verbiete. Denn mit Schrecken habe ich im öffentlichen Bad in Reykjavík, als ich auf die Waage stand, realisiert, dass ich in den vergangenen Jahren an Kilos zugelegte – allzu viele finde ich und deshalb versuche ich nun, diesem «Gluscht» nicht nachzugeben.

Wir reden über vieles – auch über die Wahlen in Deutschland, die von der Flüchtlingspolitik geprägt waren. Sie erzählt vom Gespräch mit Angela Merkel in der Sendung von Anne Will. Meine Freundin ist beeindruckt von Merkels Haltung und ärgert sich über die Merkel feindlichen Kommentare am Nachfolgetag in der Schweizer Presse.

Dann ist Zeit, aufzubrechen.

Beim Verabschieden am Bahnhof meint sie, im Tonfall etwas zwischen irritiert und erschreckt: «Jetzt habe ich ganz vergessen, dich über Island zu befragen. Doch beim Lesen deines Blogs hatte ich immer das Gefühl, ich sei auch mit dabei auf deiner Reise.»

Das ist das Risiko einer Blogschreiberin.

Ihr Kompliment begleitet mich auf meiner Fahrt nach dort und ich weiss, in irgend einem andern Zusammenhang wird sich sicher die Gelegenheit ergeben, von damals zu erzählen – weniger im Sinn von Erlebnisbericht, sondern eher als Gedanken, die sich in Weite, Wind und allein sein kristallisiert haben.

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Bier

Es wird schon werden! Stimmt. Heute Sonntag ist am Morgen noch Flugwetter, also Reisetag vom Norden zurück nach Reykjavík und die Freude, Doris schon bald zu sehen, wird immer grösser.

Als ich am Flughafen, nachdem ich alles erledigt habe, noch genügend Zeit habe, setze ich mich hin, trinke einen Espresso und denke: Diese Leichtigkeit, mit der ich schliesslich – aber erst schliesslich – hinnahm, was die Natur mir am Vortag bescherte, möchte ich mir bewahren.

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Und?

Den ersten Test habe ich immerhin schon bestanden. Auf dem Flughafen in Keflavik trinke ich noch einen Espresso, bevor es auf die Reise geht, die mich mangels Direktflug über Berlin führt.

Das Einchecken ist ein «es-wird-schon-werden»-Spiel, das Warten auf den Ablug ebenfalls. Ich krame meinen vor kurzem begonnenen Krimi aus der Tasche und lese. Mit über einer Stunde Verspätung beginnt die Rückreise doch noch. Der Anschluss, wie uns der Pilot glauben liess, wird klappen. Ich freue mich. Doris und meine Schwester, die mich am Flughafen erwarten, rücken immer näher.

«Ne», sagt die Schalterfrau bei Gate A6, wo für heute Ende der Reise ist. «Der Flug nach Zürich ist bereits unterwegs.»

Deshalb steige ich nun in Berlin statt in Zürich schon bald unter die Bettdecke. Alleine. Bei der Geschichte «Menschensöhne» des Isländers Arnaldur Indridason bin ich ebenfalls am Ende. Und darum geh ich nun noch an die Hotelbar auf ein Bier – weil ich’s brauche? Nein, weil ich Lust darauf habe.

 

 

minus

Ich werde immer wieder bemittleidet – zu kalt! Zu dunkel! Du arme! Wie hältst du Island in dieser Jahreszeit bloss aus?

Gut, ich gestehe: Ich variere mit Schichten. Manchmal eine mehr, manchmal eine weniger. Oft trage ich unter der Hose eine etwas leichtere Unterziehose, auch mal die dickere oder die noch etwas dickere. Selten ist es eine Mehrfach-Kombination. Doch diese Woche war ich tatsächlich schon  z w e i  Mal nur in der grauen Cordhose unterwegs.

Wirklich – alles in allem ist es nicht einmal halb so schlimm, wie viele meinen. Denn schliesslich lebe ich vorübergehend an der Quelle des isländischen Wetters. Was wiederum heisst, dass es jederzeit überraschend sein kann.

So schrieb ich Doris letzte Woche einmal, um genau zu sein am 26. Februar: «Stell dir vor, ich sitze ohne Mütze mit offenem Mantel auf einer Bank vor der Kirche an der wärmdenden Sonne und es ist schon 17 Uhr.» Die Schadenfreude, dass es am Bodensee schneite, konnte ich mir nicht ganz verkneifen.

A-propos Helligkeit: Stockdunkel wird es hier gegen 19 Uhr 30. Die Morgendämmerung lässt schon eher auf sich warten. Schaue ich vor 8 Uhr aus dem Fenster, sehe ich, dass auch der Tag erst am Erwachen ist.

Eben. Zu dunkel, zu kalt ist ein Vorurteil von südwärts Reisenden oder zu Hause Gebliebenen.

Heute, also gestern Samstag, werde selbst ich überrascht. Mein Lieblingskaffee «C like Cookies», wo ich inzwischen fast täglich einen Boxenstopp mache, hat sich, obwohl es am Morgen noch in feinsten Flocken schneite, bereits für den Frühling gerüstet. Als ich ums Eck komme, stehen da, wo gestern die jungen Mütter noch ihre Kinderwagen deponierten, zwei Tische mit Stühlen. Auch wenn noch niemand Platz genommen hat, bin ich mir sicher, dass sich im Laufe des Tages noch Menschen in kurzärmligen Leibchen dort hinsetzen und es, typisch «icelandic», geniessen werden, nicht nur das Rauchen.thumb_IMG_1568_1024

Der wirkliche Kältetest steht mir allerdings noch bevor. Am Montag, dann wenn ich im Norden der Insel, mit den Schneeschuhen unterwegs sein werde. Die Prognosen zeigen Temperaturen, die ins Minus tauchen.

Moll

Ich kann mich kaum erinnern, wann ich letztmals ein so unglaublich schönes Konzert, besser gesagt, so unglaublich schön-tief-berührende Musik wie gestern gehört habe. Nein, ich weiss es nicht.

Dabei bin ich für Arvo Pärt, den in Estland geborenen und lebenden Komponisten, in die Harpa gegangen, für sein Te Deum. Auch das war, wie seine Neue Musik überhaupt – gewaltig, spirituell-religiös. Das isländische Symphonieorchester spielte und 140 junge Sängerinnen und Sänger intonierten dieses sakrale Werk. Pärt habe ich vor langem entdeckt, damals hat er mich und meine verstorbene Partnerin durch unsere schwierigste Zeit begleitet.

Eigentlich wollte ich an diesem Abend in Reykjavík nur seine Musik hören. Aber da es schon grossartig ist, im Konzertsaal der 2011 eröffneten, architektonischen Attraktion, der Harpa, sitzen zu können, blieb ich.

Zum Glück.

Von Henryk Mikołaj Górecki (1933 – 2010) hatte ich bis dahin nichts gewusst, weder dass es ihn gab, noch dass er Pole und Komponist war. Und dann diese feine Musik – die 3. Symphonie – die immer voluminöser, mächtiger und wieder feiner wird. Ich lese nach und finde bei Wikipedia unter anderem, dass es ein Stück für «Sopran-Solo, 4 Flöten, 4 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Kontrafagotte, 4 Hörner, 4 Posaunen, Harfe, Klavier, Streicher (mindestens 16 erste und 14 zweite Violinen, sowie 12 Bratschen, 10 Violoncelli und 8 Kontrabässe) ist».

Jedenfalls ein Grossaufgebot an Musizierenden; die Bühne ist auch entsprechend voll.

Schliesse ich die Augen habe ich sogar manchmal das Gefühl, eine einzige Orgel zu hören. Ich erinnere mich dabei, dass mir eine Freundin, selber Organistin, erzählte, dass die Orgel ursprünglich auch einmal diese Funktion hatte: Ein ganzes Orchester zu fingieren.

Erstmals höre ich, was sie meinte.

Góreckis beschreibt klanglich drei Leidensgeschichten: Die eine handelt von Maria, die um ihren gekreuzigten Sohn trauert, die zweite ist ein Gebet, das an eine Zellenwand in einem Lager der Gestapo gekritzelt wurde und die dritte hat ihren Ursprung in einem Volkslied des polnischen Aufstandes, worin eine Mutter ihren toten Sohn beklagt.

Die Musik in ihren Moll-Klängen hallt lange nach. Dankbar und tief bewegt lösche ich das Zimmer erhellende Licht.

toll

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Unter dem Schutz seines Plüschlihundes, auf dessen Halsband nichts anderes als «Island» stehen kann und auch steht, fährt uns Kristján vom alten Hafen in Reykjavík in den Westzipfel zu einem andern Hafen. Wir sind nur wenige, die bereits morgens um neun Uhr Wale beobachten mögen.

In der ersten Reihe des Buses sitzt ein Mann aus dem Vereinigten Königreich, wie er betont. Unserem Fahrer wirft er immer wieder einen Knochen in Form einer Frage zu, den dieser dankend auffängt und beantwortet. Dieser weiss alles und spricht fürs Leben gerne englisch. Und weil ich mein Ohr in dessen Redefluss halte, weiss ich über sein Land am Ende mehr als davor. Zum Beispiel, wo es Islands beste Hamburger zu essen gibt. Dass es beinahe zu einem Volksaufstand führte, als ein Gesetz die Weidepflicht für Kühe aufheben wollte. Dass Island kein Militär hat, nur Polizei und Küstenwache …

… Ich döse ob der Monotonie der Stimme weg, tauche irgendwann wieder auf. Da erzählt er gerade, weshalb er sowohl in isländisch, als auch in englisch reden und träumen kann. Er sei halt viel gereist.

Dass das isländische Volk gerne reist, hat mir auch schon die Coiffeuse erzählt, von der ich mir unlängst einen recht flotten Haarschnitt machen liess. Sie würde wie alle ihre Ferien in Florida, Spanien und auf den Kanaren verbringen – halt überall dort, wo es warm sei.

Kristján, der Busfahrer, sagt praktisch dasselbe. Um seine Aussage noch glaubhafter zu machen, erklärt er dem Mann aus dem Vereinigten Königreich, das isländische Wort für «childish» heisse im übertragenen Sinn «sitting at home», zu Hause hocken bleiben.

Toll, denke ich.

Nicht kindisch, aber wie ein Kind freut sich später dann die Reiseleiterin, eine Spanierin aus Madrid, als wir auf dem Schiff fürs eigentliche Wale beobachten in den Wellen schauckeln. So viele wie heute, sagt sie, habe sie in den vergangenen zwei Monaten noch nie gesehen – in spektakulärer Nähe.

Toll, rufe ich.

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Abklatsch

Und dann ist dieses Gefühl wieder ganz stark geworden. Nach sieben Tagen Stadt wollte ich wieder isländische Landschaft(en) tanken, aufsaugen und darin eintauchen. Zudem hatte die Vorhersage schönstes Wetter prognostiziert.

Am frühen Morgen fuhr ich dann nach Þingvellir, keine Autostunde östlich von Reykjavík.

Die Landschaft ist geschützt als Nationalpark und Unesco-Kulturerbe. Es gibt einen Kratersee, der zugleich Islands grösster See ist. Zudem ist diese Kulisse geologisch interessant, weil hier die amerikanischen und die eurasischen tektonischen Platten auseinandertrifften und auch historisch, da in Þingvellir schon im Jahr 960 gesetzgebende Versammlungen durchgeführt wurden.

Da wollte ich nun hin. Ich hatte schon früher viel darüber gelesen und glaubte, in der eindrücklichen Kulisse zu finden, was ich suchte. Dieses von Farben durchbrochene weisse Weiss und diese Weite.

Ich fand, was meine Sehnsucht nach Landschaft stillen konnte.

Im Wissen, dass es nicht geht, dieses Erleben in einzelne Bilder zu packen, versuchte ich es dennoch. Hier der beschränkte Abklatsch von dem, was ich aufsaugte.

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Heimweg

Die Geschichte «möglich» wird noch besser. Deshalb wähle ich für meine Route vom Skulpturenmuseum nach Hause auch den Umweg. Denn das muss ich ihr unbedingt erzählen.

Als ich dort bin, wo ich hin will, rufe ich der Frau an der Kasse zu, dass ich nur ins Kaffee will. Sie nickt. Und dann stehe ich erneut vor Lovísa, der Frau aus den Westfjorden, die mich vor drei Tagen wieder erkannt hat. Nach der Begrüssung sage ich: «Du glaubst es nicht, wie klein die Welt ist!», und beginne, damit sie mir folgen kann, von vorne.

Ich erzähle, dass ich zum Skulpturenmuseum wanderte. Der Bau, architektionisch interessant, da es eine Mischung zwischen Sternwarte und griechischer Kappellenkuppel darstellt, war Atelier und Wohnhaus des isländischen Skulpteurs Ásmundur Sveinsson (1893–1982).

Als ich die wenigen Tritte zum Eingang hochsteige, sehe ich an der Kasse – ja, genau – einen «alten» Bekannten. Es ist Claus, der im Sommer ebenfalls in den Westfjorden arbeitete, in Djúpavík, dort, wo Doris und ich vier Nächte verbrachten. Auch über ihn habe ich damals eine Geschichte geschrieben («gesalzener Fisch»).

Dieser Claus steht nun also mir gegenüber – beide sind wir erfreut, einander wieder zu treffen. Er führt mich durch die Ausstellung, fragt, was ich hier so alles unternehme und gibt mir, wie schon damals, einige Tipps.

Zu meinem Erstaunen, kennen sich die beiden nur vom Hören sagen! Obwohl sie einen Sommer lang – für isländische Verhältnisse jedenfalls – fast Tür an Tür lebten.

Und das Beste an der Geschichte erfahre ich, als ich mich von Lovísa verabschiede. Im Kaffe des Kunstmuseums Kjarvalsstadir ist sie gerade einmal für drei Tage eingesprungen – erstmals, als wir uns wiederbegegnet sind und letztmals heute, am Tag, als ich den Umweg mache, um ihr von Claus zu erzählen.

Grüsse auch an deine Frau, ruft sie mir noch nach, als ich mich auf den Heimweg mache.