einmalig

Wir sitzen im Gold der Abendsonne über Prag, schauen auf die Stadt der tausend Türme, staunen über das viele Leben auf der Karlsbrücke, trinken ein Bier aus der Klosterbrauerei und beobachten dazu vergnügt die drei jungen Asiatinnen am Nebentisch. Für das Selbstporträt hebt jede abwechslungsweise das am ausgezogenen Selfiestick eingeklemmte Handy. Jede nimmt dazu die typische Pose ein – das Haar zurecht gemacht, das Lachen eingefroren, die Zahnkorrektur versteckt.

Alle drei verharren in der Foto gerechten Position – die Rücken bleiben der phantastischen Kulisse zugewandt, deshalb stellen wir spöttelnd fest, dass die drei jungen Frauen spätestens zu Hause sehen werden, wo sie waren.

Menschen aus aller Welt sind, wo auch wir sind. Menschen aus christlich geprägten Ländern, aus Ländern, in denen die Scharia das Leben bestimmt, Menschen jüdischen Glaubens. Sie alle – Frauen, Männer und Kinder – leben, weil sie ihre Reise in diesem Moment auf die Aussichtsterasse über Prag gebracht hat, friedlich und rücksichtsvoll nebeneinander. Wir alle hören dazu die Klänge eines Trios von Männern, die in vielen Teilen dieser Welt ausgegrenzt werden, weil sie Sinti oder Roma sind. Sie spielen an diesem Abend, wo die Abendsonne die Stadt, die einmal eine so wichtige Rolle in Europa inne hatte, klassische Ohrwürmer, die anrühren. Der einen, der drei jungen Asiatinnen läuft dabei das Herz über. Sie schluchzt, rotzt, lacht und «selfiet» – einfach ein lokaler, einmaliger Moment.

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«Eine Pause ist nicht nichts» – schon einmal habe ich diesen Satz zitiert.

Nun wieder.

Mit Doris bin ich unterwegs nach Prag. Wenige Tage. Danach geht’s im Ruderboot weiter – auf dem fliessenden Gewässer von Prag nach Dresden, zusammen mit einer Gruppe.

Wir freuen uns – auch auf diesen Weg.

Vielleicht gibt’s von unterwegs Bilder und/oder Text – wer weiss. Jedenfalls wünsche ich allen eine gute Zeit. Barbara

Himmel

Da gibt es also fast jeden Montag die eine Bekannte, deren innere Balance sich im äusseren Gleichgewicht spiegelt. Da gibt es aber auch die andere Turnmatten-Nachbarin, die gleich alt ist wie ich, aber im Gegensatz zu mir, noch immer im Berufsleben steht, beziehungsweise sitzt und nach wie vor an einer regionalen Musikschule Klavier unterrichtet.

Wir lachen viel. Eigentlich lacht sie oft wegen mir, wenn ich wie ein angestochener Ballon den Atem ausschnaube, das Gewicht auf den Armen nicht länger halten kann, auf den Boden sacke und dazu noch eine Bemerkung fallen lasse. Dann ist sie mir dankbar, quittiert es mit dem entsprechenden Blick und versucht, es mir nicht nachzumachen.

Wenn wir jeweils schon vor Beginn der Turnstunde auf der Matte liegen, erzählen wir uns aus unseren Leben. So weiss ich von ihr, dass sie seit Wochen an einem Musiktück feilt, das den Fingern die ganze Fertigkeit abverlangt und den passenden Titel «Glühwürmchen» trägt.

Halb ernst halb spasseshalber sage ich: «Spiel es uns doch mal vor.»

Nun gut, einige Woche später erhalte ich als einzige unserer Montagsgruppe eine Einladung zu einem Hauskonzert an dem noch ein Duo auftritt – allesamt bekennende Verehrende der Glühwürmchen-Komponistin Amy Beach. Der Abend ist stimmungsvoll, so dass ich später Doris noch viel darüber erzählen mag.

Zwei Montage später liege ich wieder neben der Mattenbekannten. Begeistert erzähle ich, dass ich inzwischen ebenfalls zum Kreis der vor zwei Jahrhunderten geborenen amerikanischen Komponistin zähle. «Ich habe», ergänze ich, «gleich zwei Alben von ihr gekauft.»

Vorerst noch ehrfürchtig will sie von mir wissen, ob ich die Noten ebenfalls ausserordentlich schwierig finde. Ich erzähle nicht, dass ich lieber Handorgel als Klavier gespielt hätte. Und auch nicht, dass ich trotz sechs Jahren Unterricht nach der allerletzten Stunde keine einzige Taste mehr gedrückt habe. Ich erkläre ihr dagegen, dass ich mir die Alben als digitale Musik aufs Handy geladen habe und damit ist der Reiz einer Diskussion unter Fachfrauen bereits im Keim erloschen.

Dass diese Episode doch noch eine Fortsetzung haben könnte, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Einen Tag später telefoniert sie und fragt mich, wie mir «ihre» Glühwürmchen gefallen hätten, ob ich ihre Unsicherheit bemerkt hätte.

Habe ich natürlich nicht. «Du sprichst mit einer Banausin», entschuldige ich mich, bevor ich erwähne, dass es mir sehr gefallen hat. Doch sie zweifelt weiterhin an ihrem Können, bis ich frage, ob es in Bezug auf Zufriedensein je ein Limit geben könne – «ist der Himmel nicht grenzenlos?»

Damit kann sie leben – der Himmel ohne Grenzen!

(hier ein Ohr voll «Glühwürmchen» / «Fireflies»)

lachen

Für mich ist es ein wunderbarer, visueller «Knochen», der mir auf dem ländlichen Wochenmarkt zugeworfen wird. Ich und Doris bestellen am Käsestand laibhafte Köstlichkeiten, als sich sich der Stämmige an zwei Krücken ins Bild schiebt.

Auf seinem blauen Leibchen steht in gelben, durch den Bauch gewölbten Buchstaben: «im Ruhestand». Darunter etwas feiner in der Schrift «im Stress», «keine Zeit», «Termine vier Wochen im Voraus abmachen». Ich lache ihn an, sage, dass ich dies ebenfalls kenne. Und schon ist das Gespräch in vollem Gang, in das sich seine Frau, drahtig und im Gebahren lebendiger als er, ebenfalls einschaltet und dabei recht bald ihre Alter nennt: Er werde im Winter 90-jährig und sie sei auch schon 87.

Ich bemerke, halb im Witz, dass zum runden Geburtstag sicherlich der Gemeindepräsident einen Blumenstrauss vorbei bringen werde.

Und nun  ist es wiederum sie, die meinen verbalen Knochen auffängt und etwas vom Thema ablenkend sagt, für die Gartenarbeit könnte sie noch Unterstützung brauchen. Da Doris Garten genügend Arbeit abwirft, reagieren wir darauf nicht, sondern bestätigen sie darin, dass es wirklich immer genügen zu tun gibt. «Ja», meint sie und steuert nun auf das Positive zu: «Das Dranbleiben hält mich beweglich, ansonsten wäre es darum geschehn.»

Wenig später sitzen Doris und ich bei Kaffee und Croissant. «Das Fenster zur Strasse ist wie Fernsehen», bemerkt die Frau im Service, als sie uns zuhört. Wir sehen die beiden Alten vom Käsestand. Sie, um einige Schritte schneller als er, zieht hinter sich die Einkaufstasche auf Rädern. Er folgt ihr im Schleichgang, seine Beine den Krücken hinterher setzend.

«Wenn du dir vorstellst», sagt Doris, die mit mir Fenster-TV schaut, «27 Jahre, das ist ja noch eine halbe Ewigkeit.» Dann wäre sie ebenso alt, wie die Gärtnerin. Ob sie dies allerdings erreichen möchte, fragt sie sich hörbar laut. Worauf die Frau am Nebentisch, die bis dahin diskret in der Gratiszeitung blätterte, sich ebenfalls ins Gespräch einschaltet und sagt: «Dieses Beispiel macht wenigstens Mut.»

Beim Abschied wünschen wir uns einen guten Tag und, dem Gesprächsinhalt entsprechend, fügen wir hinzu: «Auf gute Jahre!» und machen uns auf unsern Weg.

Glücklich und lachend geben wir uns die Hand. Auch wenn am Abend, als wir die Schlagzeilen zu München lesen, unsere Zuversicht gedämpft wird.

mündig

Und dann endet das Buch, das ich, wenn ich mich heute für ein einziges Inselbuch entscheiden müsste, wählen würde. Ich sage am Mittagstisch zu Doris, dieser analysierende, Zusammenhänge erklärende und mit der eigenen Geschichte verwobene Roman hat mich vollends begeistert.

Dieses Mal hat sich Lebenszeit, die mit dem Lesen von «Mein weisser Frieden» verbunden war, mehr als gelohnt. Ich habe viel erfahren über Sozialisation, Manipulation durchs Wort, Rattenfängerei, Macht, Widerstehen, Würde, Menschlichkeit … Zudem ist es  poetisch und wortstark geschrieben.

Und deshalb möchte ich als Abschluss nochmals die Autorin, Marica Bodrožić, zitieren: «Wir können die Toten nicht mehr mit unseren Fingerkuppen berühren, aber die Lebenden zeigen uns, wozu der Mensch fähig ist, wenn ihm andere Wesen ausgeliefert sind und er selbst über die Toten die Deutungshoheit hat. Was vollbringt der Mensch mit seiner Macht? Wohin führt sie ihn? Nur in der Güte ist Erdung und Rettung. Sie ist die leise innere Stimme, die uns dazu drängt, unsere Redlichkeit an uns selbst zu schulen. Wer gütig ist, weiss um sich selbst und schlägt nicht zurück. Er fühlt die tätige Gnade und ist fähig geworden, seine Macht auszuhalten er muss sie nicht in Gewalt entladen, sondern hat die Wahl, bewusst zu bleiben – ein mündiger Mensch.»

Marica Bodrožić, «Mein weisser Frieden», © 2014 Luchterhand Literaturverlag, München

 

Spirale

IMG_2947Das Badetuch direkt am Ufer des Bodensees, im Rücken der Baumstamm zum Anlehnen, am frühen Morgen noch die leichte Brise – meinen Körper kühlend -, das lädierte Bein gestreckt und leicht erhöht nach dem therapierenden Schwimmen im noch immer erfrischenden Wasser. Alles perfekt getuned für eine in sich ruhende Zeit, die mir, der leicht Handicapierten und sonst doch eher Rastlosen, viel Ruhe schenkt.

Ich lese und beobachte.

Zwei Frauen in meinem Alter, also auch pensioniert und mit ähnlich viel freier Zeit, wie es scheint, geniessen den Morgen ebenfalls. Sie schnadern – sich viel erzählend schwadern sie durchs Wasser, ihr Gerede wird leiser, ihre Köpfe werden kleiner, bis dass sie in der Ferne verschwinden und von ihnen nichts mehr zu hören und zu sehen ist.

Ich lese – noch immer im Buch «Mein weisser Frieden» von Marica Bodrožić. Sie seziert die Kriege auf dem Balkan und ich denke dabei an die Türkei, an das Machtgebahren Erdogan’s nach dem gescheiterten Putsch, wenn die Autorin schreibt: «Menschen, die nie gelernt haben, sich einer Autorität bis in die innersten Regungen zu verweigern, sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das können nur Menschen, die sich selbst kennen und die erfahren haben, dass Wachsein Begegnung und Gespräch ist. Wo soll auch die Empfindung ihren Anfang nehmen, wenn nicht im eigenen Innern? Es gibt keinen andern Ort. Wer gehorcht, folgt der Sprache eines andern; wer folgsam ist, hat nicht gelernt zu denken.»

Ich lese. Schnadernd kündigen die beiden Frauen ihre Rückkehr an. Was für ein schönes Geschenk dieser Start in den Tag. Unbeschwertes hier.

Grauen dort – wann endet diese Spirale?!

 

 

 

Danke

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liebe Gerda, lieb «dasmanuel» – euch beiden einen grossen Dank für die Wertschätzung. Wie schön, dass ihr unabhängig von einander beim Weiterreichen des Pokals für gern gelesene Blogs auch meine «dauerferien» nominiert habt. Unlängst habe ich von den «Gezeitenwechsel»-Frauen kat+susann diese Auszeichnung schon mal erhalten. Auch da war die Freude gross.

Um ehrlich zu sein, ich schätze die/eure Anerkennung, ich schätze die virtuelle Gemeinschaft, zu der ich seit inzwischen 18 Monaten gehöre, ich schätze ebenso die Auseinandersetzungen, das Feedback, das Kommentare erhalten, das Kommentieren auf andern Blogseiten. Und ich liebe auch die Auseinandersetzung mit mir selber. Jede Geschichte fordert mich, da ich sie nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln und hinklecksen kann.

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Nun erlaube ich mir, da es keine Regeln ohne Ausnahmen gibt, Fragen (nicht alle) von  Gerda Kazakou und dasmanuel herauszupicken und durcheinanderzumischen, so dass es letztlich wieder 11 sind und ich diesbezüglich wieder der Regel entspreche.

  1. Kannst du fliegen? Am Samstagmorgen hätte ich diese Frage noch mit «Nein!» beantwortet. Am Samstagabend dagegen mit «JA!». Denn ich bin bei der Arbeit in Doris‘ Garten, beim Schneiden der Hecke von der Leiter geflogen. Und damit ist die Frage nach
  2. Wie geht es dir? den Umständen entsprechend. Radius und Beweglichkeit sind zur Zeit eingeschränkt und ich entsprechend angebunden. Treppen steigen kann ich inzwischen wieder, das Runtergehen ist noch etwas schmerzhaft und durch das lädierte linke Bein entsprechend «humplig». Doch es wird werden. Einfach ärgerlich, dass ich beim Coiffieren der Gartenhecke nicht auf meine innere Stimme hörte und pausierte, bevor es passierte. Doch das Positive gibt es auch noch zu erwähnen: Ich lese in weiteren Etappen im Buch «Mein weisser Frieden», die Reisebetrachtungen über Krieg und Frieden von Marica Bodrožić. Und damit ist es mir gelungen, das Fragen nach
  3. Wo?,
  4. Wann?,
  5. Was?,
  6. Musik, Malerei, Text oder Film?, ebenfalls zu integrieren.
  7. Wie beurteilst du die Tat der Griechen, die den Trojanern ein hölzernes Pferd zum Geschenk machten, um sie reinzulegen? Es ist eine schelmische Tat, durch einen Trick, an die Macht zu kommen. Das trojanische, hölzerne Pferd mag ein Kunstwerk gewesen sein. Doch dem Umstand, dieses für kriegerische Zwecke einzusetzen, kann ich nichts abgewinnen. Jegliche Form von Krieg verabscheue ich.
  8. Würdest du den türkischen Soldaten, die sich nach ihrem gescheiterten Putsch nach Griechenland absetzten, Asyl gewähren? Ja – vor allem im Wissen / Ahnen, was für sie Rückführung bedeutet: Gefängnis, Folter, Erniedrigung, Schmerz …
  9. Welche Frucht des Paradiesgartens hättest du auf jeden Fall probiert? Die Lotusfrucht, deren Blüte Symbol der Erleuchtung ist.
  10. die Luther-Frage: Was tätest du, wenn du wüsstest, dass morgen die Welt untergeht? Sie mit Lotusblüten beschenken.
  11. Was kommt nach dem Tod? Etwas – aus Energie wird nicht Nichts, Energie bleibt Energie.

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Und nun meine 11 Fragen. Sie sind ein Sammelsurium aus eigenen Fragen sowie aus denjenigen von Gerda und DasManuel, die ich selber nicht beantwortete.

  1. Wieviel Zeit investierst du ins Blogen (schreiben und lesen anderer)?
  2. Findest du ein „Grundeinkommen für alle“ richtig?
  3. Denkst du, dass «gut» ohne «böse» existieren kann?
  4. Wohin sollte die Friedenstaube zwingend fliegen?
  5. Welchen 1-Satz-Ratschlag würdest du Donald Trump auf den Weg geben?
  6. Welchen 1-Satz-Ratschlag Hillary Clinton?
  7. Was beschäftigt dich momentan, raubt dir den Schlaf?
  8. Was erfreut dein Herz?
  9. Welches Buch möchtest du andern weiterempfehlen?
  10. Was bedeutet (dir) Wasser?
  11. Wo findest du Ruhe?

Gestellt hätte ich sie gerne an Ulli («cafeweltenall»), tikerscherk («kreuzberg-südost, die katastrophenchronistin»), kat+susann («Gezeitenwechsel») und auch Gerda. Die Blogs dieser drei lese ich am regelmässigsten. Inzwischen fühle ich mich mit ihnen so vertraut, dass ich jeweils schon beim Computer aufstarten denke, «was schreiben auch meine Frauen?!». Doch alle drei wurden eben gerade von andern aus der Bloggemeinde mit dem Award beschenkt und deshalb nehme ich mir die Freiheit, das Schneeball-Prinzip meinerseits zu durchbrechen.

Danke fürs Verständnis.thumb_Bildschirmfoto 2016-04-19 um 18.59.44_1024