verloren

Unsicher tappt die alte Frau durchs fahrende Tram. Gefährlich, denke ich. Weshalb kann sie nicht warten, bis es hält? Sie schafft’s, umklammert mit beiden Händen erleichtert die Stange am Ausgang und wartet, dass sich die beiden Türhälften auseinander schieben.

Eine junge Frau geht ihr hinterher; der Blick der Alten voller Skepsis. Die Junge stellt sich neben die um Jahrzehnte ältere und hält ihr eine bunte Papiertüte entgegen. Das faltig modellierte Gesicht wandelt sich in sichtliche Erleichterung. Sie greift zum Sack, bedankt sich bei der Frau, die ihre Enkelin sein könnte für deren Aufmerksamkeit und sagt: «Ich darf einfach nicht mehr an etwas rumstudieren; das geht einfach nicht mehr.»

Ich kenne dieses Phänomen. Wie oft suche ich nach Dingen. Wie oft sind sie mir schon abhanden gekommen, weil ich unkonzentriert war und deshalb Wege wiederholte, um auf ihnen verloren geglaubtes wieder zu finden. Der letzte Schock war, als Portemonnaie mit Generalabonnement, Kreditkarte, Fahrausweis, Personalausweis unauffindbar waren. In meiner Verzweiflung telefonierte ich dahin, wo ich 24 Stunden zuvor einen Kaffee getrunken hatte. Nichts.

Doris war nicht zum ersten Mal meine Rettung. Nachdem ich alles durchsucht hatte, folgte sie noch einmal meinen Spuren und entdeckte die rote Geldbörse im Auto. Sie lag prominent auf dem Beifahrerinnensitz – an einem für mich ungewohnten Ort.

Danach nahm ich mir einmal mehr vor: Von nun an keine parallelen Denkereien mehr und auch keine unfertigen Abläufe mehr. Alles nur noch schön ritualisiert an seinen gewohnten Platz zurück legen. Allerdings ist mir bewusst, dass hinter dem guten Vorsatz bereits die nächste Nachlässigkeit lauert.

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Einstieg

Der Bus am frühen Morgen ist prall gefüllt. Ich schaue in die Gesichter und überlege mir, was diese Menschen arbeiten. Ich frage mich, ob sie dabei glücklich und ausgefüllt sind? Ob sie in ihrem Beruf eine Zukunft haben und wem möglicherweise die Erwerbslosigkeit droht?

Dass mich diese Gedanken ausgerechnet an diesem Montag beschäftigen, ist naheliegend. Denn heute bin ich, obwohl seit wenigen Monaten pensioniert, auf dem Weg zu meinem früheren Arbeitgeber. Ich kehre für einen dreitägigen Einsatz als Kursleiterin an meinen früheren Wirkungsort zurück.

Als ich neben meinem Kollegen und Koleiter vor den Teilnehmenden stehe, weiss ich mit einem Mal nicht, wie ich mich vorstellen und welche Tätigkeiten ich hervorheben soll. Zähle ich dasjenige auf, was mich vor wenigen Monaten noch als Ausbildnerin auszeichnete? Oder erwähne ich, was mich heute umtreibt? Ich realisiere erst, als mein Kollege seinen Erfahrungsschatz ausbreitet, dass ich mich für meinen ersten Morgenauftritt zu wenig vorbereitet habe. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch, einzuflechten, was mich qualifiziert, vor ihnen – den jungen Berufskolleginnen und -kollegen – zu stehen.

Beim ersten Pausenkaffee thematisiere ich den, in meinen Augen missglückten Anfang. Ich rede von meinen Hemmungen, Vergangenes hervorzuheben, obwohl mir schon am Morgen auf der Busfahrt bewusst war, dass mich auch mein reicher Erfahrungsschatz auszeichnet, um nochmals an meinen langjährigen Arbeitsort zurückzukehren.

Spät in der Nacht, beim Lesen der Kursbilanzen von «Tag 1», erfahre ich, dass der Einstieg glücklicherweise nur für mich ein verpatzter war.

Zwetschgen

«Ihre Prophezeiung», sage ich zur Begrüssung: «ist tatsächlich eingetroffen». Selbstverständlich versteht sie mich nicht auf Anhieb, was ich meine, weil sie nur meine Stimme hört und mein Gesicht nicht sieht. Ich fahre klärend fort, sie hätte doch gesagt, die meisten würden schon wenige Stunden später anrufen und nochmals von den eben gekauften Zwetschgen nachbestellen.

Nun schaltet es ihr sofort und sie sagt: «Ah, dann sind Sie die Frau von Salmsach.» Da wohnt nämlich Doris und da wohne ich mit ihr, wenn ich nicht in Zürich oder anderswo bin.

Ich ordere also nochmals drei Kilo Zwetschgen für den Folgetag. Ab 10 Uhr würden sie für mich bereit sein, teilt sie mir bestimmt mit.

Beim Abfüllen der Fellenberger in Plastikbeutel fürs Gefrierfach habe ich nebenher noch kräftig genascht. Darob vergass ich ganz unseren Arboner Freund. Er ist nämlich ein ausgesprochener Zwetschgen-Wähen-Tiger. Oder wie man der Wähe in der Bodensee Region sagt: ein Zwetschgen-Fladen-Tiger.

Durchs Naschen sind es mit einem Mal zu wenige für dann, wenn wir im Winter zusammensitzen und Doris speziell für ihn mit der süsslich saftigen Frucht aus dem goldenen Spätsommer einen Fladen bäckt.

Als ich noch einmal vor der Bäuerin stehe, sehe ich, dass ihre gekrümmte Haltung sie um einige Jahre älter ersheinen lässt. Wir kommen ins Plaudern. Sie lacht und entschuldigt sich dabei fast ein wenig für ihren Befehlston. «Wissen Sie, wenn Sie zum voraus telefonieren, dann weiss ich beim bereitstellen für wen ich es mache», sagt sie beinahe entschuldigend.

Im Karton der nachbestellten Zwetschgen liegt denn auch ein Zettel auf dem von Hand geschrieben steht «Salmsach». Beschwert ist er von einer süssen, reifen Frucht, die, wie die übrigen drei Kilogramm, am Vorabend für mich gepflückt worden ist.

Sorgfalt

Jedesmal bin ich von ihr fasziniert, wenn ich zu ihr fahre. Die Bäuerin oberhalb des Bodensees ist altersmässig schwer einzuschätzen – wahrscheinlich etwas zwischen 70 und 80-jährig. Ihr Blick ist meist zum Boden gerichtet. Wegen ihres gekrümmten Rückens schaut sie jeweils nur kurz über ihre Schulter zu mir hoch. In den Augen ist dann, für kurze Zeit, der Schalk zu erkennen.

Als ich heute mit dem Auto vorfahre, kommt sie wenig später aus der Scheune, in den Händen vor sich trägt sie eine Kartonschachtel voller Fellenberg-Zwetschgen, eine späte Sorte. Ihr Schritt ist schwerfällig. Als ich sie frage, ob diese für mich bestimmt seien, sagt sie: «Wenn Sie die Frau sind, die ich erwarte, dann schon.»

Ich habe meinen Wunsch nach fünf Kilo Zwetschgen wenige Stunden zuvor angemeldet, da sie mir das letzte Mal ihr selbst gebasteltes Visitenkärtchen mit der Mahnung in die Finger drückte, meine Bestellung im voraus durchzugeben. Als ich telefoniere, will sie wissen, ob sie mich kenne – so wie immer. Ich sage «Ja, ja» und ergänze, dass ich ihren «Befehl» dieses Mal ernst genommen habe. Sie lacht und sagt: «Ich bin halt eine energische!»

Als ich nun vor der Bauernfrau stehe, ihr die fünf Kilo Zwetschgen abnehme, nimmt sie einige nochmals in die Hand, berührt deren samtene Oberfläche und legt darauf jede ganz sorgfältig zu den andern, damit ja keine Druckstellen entstehen.

Mit der gleichen Sorgfalt kommen auch die Gravensteiner in meine Einkaufstasche. Dazu stellt sie noch einmal die Frage, wer ich sei. Ich beantworte sie wie fast immer, dieses Mal  füge ich noch hinzu: «Wissen Sie, sonst komme ich jeweils mit der weisshaarigen Frau vorbei, meiner Partnerin.» Nun glaubt sie mich einordnen zu können, blickt noch einmal schief über ihre Schulter und wünscht mir alles Gute.

Berührt von ihrer Achtsamkeit, Sorgfalt und Ausstrahlung schaue ich in den Rückspiegel und sehe während des Wegfahrens, dass sie ihr Angebot, das sie für mich aufgedeckt hat, wieder unter dem weissen Leintuch schützend verhüllt – auch dies macht sie mit unendlich viel Liebe.

aushalten (3)

Hier nun also die versprochene Fortsetzung von «aushalten 2».

Ich werde oft gefragt: «Wie geht’s?» «Hast du es gut?» Oder: «Hast du dich gut eingefunden ins Leben als Pensionierte?»

Als Antwort habe ich noch keine Kuzrform gefunden. Meistens muss ich etwas ausholen. Aber keine Angst – hier gibt’s kein Ausschweifen. Vielleicht nur soviel: Seit ich nicht mehr in gegebenen Strukturen eingebunden bin, probiere ich aus, wieviel ich davon für mein Leben benötige, um den Tag nicht mit einem schalen Gefühl zu beenden.

Vor kurzem habe ich begonnen, mit etwas Vorlauf – auch wenn es nur der Vorabend ist – zu überlegen, womit ich den kommenden Tag, die nächsten Tage gestalten will: schreiben in meinem Atelier, Menschen treffen, Kultur konsumieren, rudern, intensiv lesen, nichts tun, putzen/waschen, wandern … In die Überlegungen werden auch immer Dauer und  Ausgangspunkt miteinbezogen: «Zürich-zu-Hause», «Bodensee-zu-Hause» oder ganz anderswo?

Bis jetzt hat es recht gut funktioniert. Nicht weil ich ein starres Korsett brauche, sondern weil mir dieses System Unabhängigkeit bietet. Dies mag komisch klingen. Aber es schenkt mir  Freiheit – auch, dass ich Vorgenommenes jederzeit über den Haufen werfen und spontan etwas anderes machen kann. Und ich habe die Erfahrung bereits gemacht: Wenn ich das am Vorabend definierte Ziel umsetze, renne ich am Folgetag nicht etwas Bestimmtem hinterher, nur weil ich es verpasst habe, rechtzeitig voraus zu planen.

Deshalb wanderte ich schon ganz früh am Morgen durchs Toggenburg. Deshalb werde ich anfangs Oktober für drei Wochen nach Berlin verreisen – fürs Rudern mit einer mir noch unbekannten Gruppe und anschliessend fürs Sein und konsumieren von Kultur. Bereits habe ich Karten für Vorstellungen in Schauspielhäusern.

Ich freue mich auf die Berliner Tage – auch weil mein spontaner Entscheid ein ebenso spontanes Entscheiden bei meiner langjährigsten Freundin und meiner Schwester ausgelöst hat. Beide verbringen mit mir einige Tage in der Grossstadt und ich bin mir jetzt schon sicher: Mit jeder Wegbegleiterin werde ich das Zusammensein richtig gut «aushalten».

so schön

Wir sitzen im Schlaraffenland der Kalorien. Ich komme vom Arbeiten in meinem Atelier und sie, meine Wohnungsnachbarin, von zu Hause. Sie streckt mir ihre rechte Hand entgegen – über Cappuccino, den Sahnetupfer des Erdbeertörtlis und das Aragosta. Ihre Augen leuchten, als sie mich auffordert: «Du kannst mir gratulieren!» – «Wozu?», denn ich habe keine Ahnung. Sie: «Rate doch!»

«Geburtstag?» – «Nein!»

«Neue Stelle?» – «Nein!»

«Letzter Arbeitstag?» – «Nein!»

«Keine Ahnung!»

Kurze Pause – für die Spannung. Danach die Auflösung: Ende Monat sei sie ebenfalls pensioniert. Und ich sehe die Erleichterung, als ich ihre Hand noch fester drücke. Die emotionale Last der selbst gewählten Kündigung und der ungewissen Zukunft ist gewichen, seitdem sie in der vorzeitigen Pensionierung die auf sie zugeschnittene Lösung gefunden hat.

Als ich mich von meinem neuen dauerferien-Klubmitglied verabschiede, streckt sich die 58-Jährige in die Höhe und dehnt sich in die Breite. Dabei atmet sie tief durch und jubelt mitten in der italienischen Konditorei: «Freiheit! Endlich bin ich frei!»

«Eine schöne Geschichte», freue ich mich vorerst einmal innerlich. Ich frage, weil ich denke «schon wieder!», ob es sie störe, dass ich im Blog oft über unsere Begegnungen schreibe und sie dies erst im Nachhinein sehe (zum Beispiel «Aussichten» und «freuen»). «Nein», sagt sie: «Ganz im Gegenteil!»

Wir herzen uns ganz fest, weil wir beide wissen, als wir das Paradies der Süssigkeiten verlassen, dass die Geschichte, die ich im Zug nach Romanshorn sofort niederschreibe, nicht die letzte sein wird. Im Gegenteil: noch manche wird ihr folgen – so schön.