ermunternd

Am letzten Tag unserer Reittour besuchen wir zwei Pferdeställe, die so exquisit sind, dass unser Gastgeber uns sogar anmahnt, uns «ordentlich» zu benehmen. Was er damit meint, kann er nicht richtig erklären. Aber wir alle wissen, dass es um etwas ganz anderes geht. Denn für den einen Gruppenteilnehmer ist der Ausflug eine Bräutigamschau. Mit eigenen Augen will er sehen, welchen Begatter er im Katalog für seine fuchsbraune Isländer-Stute, die er in deren Heimat aufwachsen und «erziehen» lässt, ausgesucht hat. Jede Störung würde ihn und die Besitzerin des ausgewählten Hengstes im Ritual allzu sehr irritieren.

Dass auch Isländer – die urigen Tiere, die in kältesten Winternächten auf weitesten Weiden im Freien verbringen – wie Vieh auf Schönheit, Farbe, Charakter und Einsatzbereich designt werden, habe ich mir bis der Ausflug Gesprächsthema wurde, nie überlegt.

Nun gut, halten kann man davon, was man will. Aber anscheinend, so liess ich mir sagen, ist dies mitunter auch ein Mittel gegen Inzucht.

In der Halle wird nun das Können eines braunen Isländers vorgeführt. Denn die schwarzen sind bei der Katalogauswahl von vornherein überblättert worden. Die seien des Teufels, meint der Besitzer der Zuchtstute und erwähnt, dass sein persönliches Urteil auf eigenen, schlechten Erfahrungen beruht.

Auch davon kann man halten, was man will. Letztlich sitze aber auch ich mit allen andern in der Halle und staune.

IMG_1434

Am Ende der Vorführung gratulieren die echten Islandpferd-Vernarrten ihrem Kollegen, nicken anerkennend, als die Reiterin in die Runde schaut und streichen dem Bräutigam, der von seinem Glück noch nichts ahnt, ermunternd übers Fell.

Jedenfalls war es alles in allem ein gelungener Ausflug.

 

Wind

Ich sitze in Hestheimar in meinem Zimmer, richte mich für die tägliche Reitstunde mit Friffi. Die Tür ist halb angelehnt, weil die Nähe zu den Geräuschen von Stimmen, Aufräumen, Gläser- und Geschirrklirren, liebe. Das Aussen vermischt sich mit dem Gefühl, hier aufgehoben zu sein.

Ich höre, wie ein Gast Lea fragt, wie es denn heute mit dem Wind sei. Sie, aufgestellt wie immer, lacht, antwortet: «The wind will be icelandic.» Tatsächlich gibt es dazu nicht mehr zu sagen und darum dehnt sich die Frage nicht zu einer Diskussion aus.

Und die Geräusche ausserhalb meines Zimmers finden deshalb ihre Fortsetzung im noch morgendlichen Alltag.

P1130320

thumb_P1130294_1024   Gulfoss – das war am Sonntag: real «icelandic».

Der Wind war teilweise so isländisch stark, dass er schlecht beschuhte und nicht am Boden verankerte wie Curling Steine weggeschoben hat.

weiterbringen

Er ist so etwas zwischen Dirigent und Primo Ballerino – Körper, Hände und Arme sind konstant in Bewegung. Er macht fein tänzelnd vor, was wir auf dem Pferderücken sitzend ebenso fein umsetzen sollen.

Friffi, der Lehrer unserer Gruppe, erklärt mir in der täglichen Reitstunde, welche Körperposition ich zu halten habe. Welches Bein in welcher Position mit welch feinem Druck ich einsetzen soll, damit mein Pferd in der von mir gewünschten Gangart, in der von mir vorgegebenen Geschwindigkeit Runden, Schlangenlinien und Richtungsänderungen geht – im Schritt oder auch im Tölt.

Seinen Anweisungen kann ich, auch wenn ich mir noch so Mühe gebe, nicht immer sogleich umsetzen. Weil ich als Anfängerin überfordert bin, manchmal auch, weil mir die Begrifflichkeiten der Reitsprache nicht so vertraut sind oder auch weil Friffris Deutsch durch seinen isländisch gefärbten Sound gewöhnungsbedürftig ist. Dass «Senkel ran» nicht bedeutet,  die Zügel näher am Pferdehals zu führen, wird mir erst gegen Ende der ersten Lektion klar. Als ich meinen Schenkel, was sich in des Reitlehrers Intonation als  «Senkel» anhört, dezidierter als zuvor, aber noch immer fein genug, an Gundas Brust drücke, macht sie, was ich will, beziehungsweise wozu ich zuvor in balleteusen Bewegungen aufgefordert wurde.

Meine Scheckstute und ich harmonieren – mich macht’s glücklich und Friffri freut sich mit, mich – und alle andern -, am Folgetag einen Tick weiterzubringen.

thumb_Bildschirmfoto 2016-02-19 um 18.36.33_1024

(alle Fotos: Lea Helga Ólafsdóttir – mehr auf ihrer Facebook-Seite Guesthouse Heistheimar).

dunkel

Die nächste Auszeit meiner dauerferien ist nun unter Dach und Fach: Ich fliege nächstes Jahr noch einmal (noch ein Mal?) nach Island. Allerdings nicht im Frühjahr, sondern vier Wochen im Winter. Gebucht habe ich für mich ab Mitte Februar eine Woche Reiten, zwei Wochen Reykjavik und eine Woche «Schneeschuhwandern unter Nordlichtern». Wahrscheinlich werde ich auch einen Abstecher nach Stykkishólmur zu Knuddel-Diana machen – dahin also, wo ich schon einmal war.

Meine Ruderkollegin, eine mehrfache Islandreisende, schrieb mir, als sie von meinem Vorhaben erfuhr: «mutig!». Meine Schwester meinte: «Puh, das wäre nichts für mich – Kälte und Dunkelheit.» Sie wird sich zur selben Zeit in Indien beim Ayurveda täglich kneten und einölen lassen und dazwischen sommerlich bekleidet dem Meer entlang wandern. Diesbezüglich sind wir ziemlich verschieden – sie lässt sich gerne verwöhnen und ich suche die körperliche Herausforderung.

Und heute Morgen, während unseres täglichen Telefonierens, das jeweils angesagt ist, wenn Doris im «Romanshorn-Dort» ist und ich im «Zürich-Da» bin, sagt sie: «Wie schrecklich – jetzt, kurz vor sieben, noch immer diese tiefe Dunkelheit.» Dann lacht sie: «Ja, du wirst ja noch erleben, wenn es erst gegen neun Uhr hellt.»

Da ich nach meiner letzten Island-Reise voraus ahnend Reykjavik auf meiner Wetter-App nicht löschte, schaue ich nach Beendigung des Gesprächs nach, was für heute, zwei Monate vor der Sonnenwende angegeben ist. Denn zwei Monate nach der Sonnenwende werde ich dort sein. Bereits habe ich Bilder der Extreme gesehen – tolle Schneebilder zur hellsten Zeit in der arte-Dokumentation über die Musik-Ikone Björk und Nordlichtbilder in tiefster Dunkelheit von Sumnarliði Ásgeirsson auf «flickr».

Als ich dann vergleiche, bin selbst ich positiv überrascht: Gestern Dienstag war es in Reykjavik am Morgen 40 Minuten länger dunkel als in Zürich und am Abend verschwand das Licht 38 Minuten früher – insgesamt dauert die Finsternis 78 Minuten länger.

Dass keine vier Monate später, wenn’s auf die Sommerwende zu geht, die Dunkelheit ganz ausbleibt, ist einfach nur ein Wunder. Darüber staunt auch Doris.

dran bleiben

Willi schlarpt mit mir, Gretel schlarpt mit mir. Nathalie dreht immer wieder mal den Kopf und ruft über die Distanz, die zwischen mir und ihr immer grösser wird: «Treiben, treiben! Wadendruck! Dran bleiben, dran bleiben!» Ich versuche zu machen, was sie von vorne sagt und was Doris von hinten rät. Doch unter meinem Hintern machen sowohl die eine, wie der andere, was sie wollen – nämlich: gemütlich vor sich hinschlarpen, weil sie viel lieber in ihrem Stall bleiben würden, als mit mir auf dem Rücken eine Runde durch die Gegend drehen.

Dieses Mal ärgere ich mich, dass beide Schulpferde schon beim ersten Begegnen am Morgen, bei putzen und satteln, spüren, wer sich auf ihren Rücken hiessen wird. Denn reitet die Pferde erfahrene Doris mit Gretel oder Willi, sind sie zwar noch immer träge, aber reagieren auf ihren Wadendruck und legen im Geschlarpe einen Zacken zu.

Ich erinnere mich, wie es vor einem halben Jahr war, als wir ebenfalls hier Ferientage verbrachten, damit ich als blutige Anfängerin fürs Reiten in Island Erfahrungen sammeln konnte. Damals war der Schritt der Haflinger über Teer und durch den Wald ebenfalls gemütlich-issimo. Aber im Gegensatz zu heute, war ich nach unserer Stunde jeweils richtig stolz, als ich mich vom Rücken schwang, weil ich den Ausritt heil über die Runde brachte.

Doch dies genügt mir dieses Mal nicht mehr. Ich möchte weiter sein. Ich will, dass das Schulpferd meine Anweisungen umsetzt. Und deshalb beschliesse ich innerlich, dran zu bleiben, Erfahrungen zu sammeln und in der Schweiz auf Islandpferden weiter zu üben.

Mit diesem Entschluss fahren wir nach einer letzten Schlarpirunde an unsere nächste Station – an den Forggensee zum Rudern mit unsern Zürcher Kolleginnen und Kollegen. Da werde ich dann auf dem Rollsitz wie auf einem Pferderücken hocken. Allerdings mit dem Unterschied, dass das Boot auf meinen Druck, selbst auf feine, reagieren wird.

tanken

Gestern war Abschied-Tag, weil heute Doris-Tag ist. Meine Lebenspartnerin kommt am Nachmittag angeflogen. Nach 32 Tagen einander erzählen – beim Skypen oder Mail schreiben -, sind wir wieder gemeinsam unterwegs – dieses Mal durch die Westfjorde. Wir freuen und sehnen uns beide nach beidem. Sehr.

Gestern verabschiedete ich mich von Stykkishólmur, weil die Zeit, während derer mir Menschen, Ort und Gegend viel gegeben haben, abgelaufen ist.

Noch einmal sitze ich auf dem Pferderücken. Noch einmal gehe ich anfangs Nachmittag ins Pavillonkaffe zu Capuccino («dobble shot»), Cake und Kurzgespräch, treffe zufälligerweise die beiden norwegischen Autostopperinnen, die ich am Donnerstag ein stückweit mitgenommen habe und lese wie immer in meinem eBook – dieses Mal an der Sonne in der windgeschützten Ecke die Biografie von Hilary Mantel. Noch einmal gehe ich abends in die Pizzeria – dieses letzte Mal mit Knuddel-Diana zum abschliessenden Zusammensein; mit Tränen.

Und dazwischen musste ich einfach tanken. Nochmals so richtig die Landschaft einsaugen, angereichert mit Windgeräuschen und Vogelstimmen. Die verschiedenen Brauntöne abspeichern, das strahlende Weiss, das tiefsatte Blau, das grüner werdene Grün, die Weite, das Licht, die Wolkenschatten, die in ihrer Leichtigkeit alles streifen … und bin dabei nochmals so richtig gestolpert. Zum Abschied von einer wunderbaren Zeit eine zusätzliche Narbe zur Erinnerung – oder einfach Snæfellsnes pur.

P1120476

wer weiss

Ich wusste, ich darf mich nicht vom Pferd schwingen, ehe es nicht im Boden verankert ist und ruhig stehen bleibt: Ich versuche, beides zu erreichen, aber es bleibt bei seinem «Hüst-und-Hott». Lalli, der Pferdebesitzer, der mich nun schon zum zweiten Mal mitgenommen hat, ist mit sich beschäftigt. Ich versuche es von Neuem, bis er dann doch noch sagt. «Die Gerte – du zwickst ihn, so dass er gleich wieder los geht.» – «Ok», sage ich und bin richtig stolz, als ich gepflegt und mit beiden Füssen auf dem Boden lande.

Lalli fragt: «Kommst du mit, wenn wir unsere Schafe in die Berge fahren?» – «Ja, gerne». Um neun Uhr abends treiben dann Sohn (Lalli) und Vater, der mit 84 Jahren noch immer mehrtägige Pferdetrekkings mitmacht, Jungtiere und Mutterschafe in den Anhänger. Zu Dritt geht’s mit 25 Tieren über Land, westwärts in die Berge.

Doch «in die Berge» bedeutet hier «zwischen die Berge». Nach 20 Minuten wird angehalten, die Lade runter gelassen und die Schafe trotten im Niemandsland in steinig karger Landschaft ihrer Sommerfreiheit entgegen.

Um 23 Uhr sitze ich in der Küche und bin froh, dass mir Diana Salat auf die Seite gestellt hat. Mir ist bewusst: Würde ich, wie so viele, die ganze Insel abgrasen, bzw. umrasen und jede Nacht wo anders schlafen, hätte ich so vieles nicht erlebt: Die Pizzaiola hätte mich nicht spontan auf die Wange geküsst, als wir uns nach dem Sturz wieder sahen. Sara, die Kassiererin des Schwimmbades, hätte sich im Pavillonkaffee nicht neben mich gesetzt und mir erzählt, dass sie vor 25 Jahren Südafrika für Island aufgegeben hat. Der Krankenpfleger, der mich nach dem Sturz in Empfang nahm, hätte mir im Hot Pot nicht von seiner Begeisterung für die Westfjorde erzählt. Diana hätte mich nie geknuddelt. Und und …Und:

In drei Tagen geht meine Zeit in Stykkishólmur zu Ende. Vielleicht wird es, wenn Doris, meine Lebenspartnerin, und ich nach unserer Reise durch die Westfjorde am 24. Juni für eine Nacht in «mein» B&B zurückkehren, nicht das letzte Wiedersehen sein. Wer kann denn jetzt schon wissen, was einmal sein wird.

fast schon isländisch

121 Isländer-Pferde sollen es sein, die am Dorfeingang von Stykkishólmur leben. Ihre Stallungen sehen aus wie Motels mit Parkplätzen davor; allerdings sind es nicht ebensoviele Autoabstellplätze wie Pferdeboxen. Denn unter den 1100 Einwohnerinnen und Einwohner gibt es solche, die mehrere Pferde besitzen.

Für Montagmorgen, 10 Uhr, hat mir die B&B-Chefin eine Reitmöglichkeit organisiert. Ich freue mich – ein untrügerisches Zeichen, dass es mir nach Misstritt und Sturz um einiges besser geht. Im Stall drückt mir der Pferdezüchter, ohne eine einzige Frage zu stellen, Helm und Zaum in die Hand und lässt mich das  Motelzimmer von «Es» betreten. Ich striegle die Stute; sie frisst weiter Heu. Alles ist gut – sie lässt sich nicht stören.

Wir tölten an der Graspiste des Flughafens vorbei; der Regen sticht das Gesicht wie Nadeln. «Es» scheint es zu stinken; nur widerstrebend reitet sie mit mir weiter, bis sie ganz still steht. Der Besitzer ordnet einen Pferdewechsel an und der Neue hat für mich, die Anfängerin, etwas mehr Verständnis. Ich schaffe es sogar, ihn vom Trab in den Tölt zurückzubringen.

Zum Schluss sitzen wir in einem kleinen Raum. Wir reichen einander Kaffeepulver und hinterher das Milchpulver. Der Pferdebesitzer sucht noch eine Ablage für sein Handy. Doch dies wird eher schwierig, da alles überstellt ist. Er sieht auf der zweiten Kaffebüchse den ausgeleierten Kaugummi, nimmt ihn, klebt ihn am Rand fest – nun hat beides auf dem Deckel Platz.

Danach mache ich noch so richtig eins auf isländisch. Da hier niemand zu Fuss geht, steige auch ich, um nicht nass zu werden, für die 500 Meter bis zu Bónus in meinen «Nissan». Allerdings schaffe ich es nicht, während des Einkaufes, den Motor wie eine Isländerin laufen zu lassen. Ich drücke auf Stop und oute mich durch den einen Handgriff, dass ich nur fast eine von hier bin.

😊😊😊

Draussen war ein Gemisch von allem – Regen, Hagel, Wind und Sonne. Drinnen im Stall redete ich mit Atli, dem Reiter, der am Pfingstwettbewerb beim Aufwärmen mit seinem Schecken die Rodeo-Einlage bot.

Atli ist am Schwärmen, weil in seiner Heimat die schönste Zeit beginnt. Der Winter ist, obwohl es immer wieder mal schneien kann, endgültig vorüber. Jetzt wird jeder Regenguss für die Natur zu reinstem Treibstoff: Das Gras, das zu Beginn der Woche noch strohig braun war, ist fast stündlich grüner. Kahle Äste produzieren Triebe, Sprossen explodieren und Vögel bauen ihre Nester. Alles lauert auf den nahenden Sommer; auch die Menschen sehnen sich danach.

In Reykjavik hatte ich von meinem Zimmer aus schon vor einer Woche freien Blick auf erwachendes Leben: Direkt vor meinem Fenster wurden Kugelgrill und Plastikstühle auf die Wiese der frisch gekauften Grasquadrate gestellt und Hobbygärtnerinnen lockerten für die ersten Setzlinge die Erde in den Beeten auf.

Auch Atli, ein Pferdenarr wie Ólafur, liebt diese Saison. Als ich meinen Reithelm ein letztes Mal versorge, sagt er: «Jetzt, wo alles zu Blühen beginnt, treibt es die Isländer nach draussen.» Für einmal meint er damit die Menschen. Er fragt mich noch: «Weisst du, was das schönste ist?» Nein, ich habe keine Ahnung und weiss auch nicht, worauf er hinzielt. Strahlend sagt er: «Now, all of us are smileing!» Er lacht und vergisst darob sogar seinen verpatzten Wettbewerbsritt mit seinem Rodeoschecken.

Für mich geht damit die Zeit im Süden zu Ende; adieu Egilsstaðir – es war schön bei euch.

P1110931