initialisieren

Für einmal nehme ich die entgegengesetzte Richtung. Nicht im «Café du Bonheur» will ich die Tageszeitung zum Kaffeetrinken lesen, sondern im «Z am Park», das mein Liebling war, solange es das Bonheur noch nicht gab.

Einfach wieder einmal etwas anderes. Einfach wieder einmal entgegengesetzt – und wenn’s nur die Gehrichtung ist.

Nach dem Lesen von Schauerlichkeiten, Erfolgsgeschichten im Sportteil sowie Hintergründigem zu Kunst und Kultur trete ich auf die Strasse, leicht irritiert. Was waren das für Karten auf der Ablage, was stand da über «Arbeiten».

Rewind.

Neben Wasserkrug und Gläsern liegt wirklich ein Stapel weisser Karten mit jeweils einer ans Gegenüber gerichteten Frage. Ich lese die erste, packe sie mit noch zwei anderen ein. Zu Hause suche ich nach Informationen und lese, dass  das «Kollektiv Warum» zwei junge Frauen sind, die Fragen rund um zivilgesellschaftliche Themen wie Geld und Arbeit stellen mit der Intention, «individuelle Sichtweisen auf einen gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen», wie zum Beispiel:

Beschreibe Deinen Alltag, wenn Du nicht mehr Arbeiten müsstest...

Das … wenn Du nicht mehr Arbeiten müsstest… betrifft mich, als Pensionierte, ja seit mehreren Monaten nicht mehr. Das war einmal. Aber genau dieser Satz initialisiert mein Zurückgehen. Würde ich dieses Verhalten interpretieren, würde ich sagen, was ich nun schreibe: Im einen Leben nicht mehr und im andern noch nicht ganz verhaftet.

Advertisements

Abschied

Ich weiss, heute ist Ostermontag, also ein Sonntag, und ich schreibe über den Montag davor, der für viele ein normaler Werktag war.

Für mich allerdings nicht.

Ich war da nämlich noch ein Mal mit meinem Freund und Arbeitskollegen am Ort, an dem wir zusammen vor vier Jahren einen Weiterbildungskurs entwickelten, den es in dieser Form davor noch nicht gab. Dieser eine Kurstag bedeutet nach meiner Pensionierung, dem Loslassen und neu orientieren, dass ich noch ein Mal Fernsehluft schnuppere und möglicherweise Veränderungen realisiere – in meinem Leben, im Leben der anderen, noch Werktätigen.

Und, wie könnte es auch anders sein, verändert hat sich einiges.

Inzwischen stehen sechs Kräne auf dem Areal des Fernsehens, das sich nur in seiner Bausubstanz vertieft und meine ehemaligen Vorgesetzten nehmen meine Anwesenheit nicht mehr wahr. Um ehrlich zu sein, irritierte und betrübte es mich, so deutlich zu spüren, dass ich defintiv in eine andere Welt gehöre.

Doch an meinem Engagement für Menschen und Arbeit hat sich nichts verändert.

Darüber sprechen wir, der Freund und Arbeitskollege, am Ende des Tages, als wir mit einem Glas Weisswein auf den erfolgreich verlaufenen Kurs anstossen. Wir sind uns einig, dass es ein höchst konzentrierter Tag war, der zwar alle forderte, aber auch allen etwas zurückgab: Wir konnten die Menschen, die mitten in ihrem Berufsleben stehen, stärken und sie wiederum bestärkten uns.

In diesem Zusammenhang fiel dann auch der Satz, der sich liest wie ein Fazit: «Nur das Schöpferische erschöpft sich nicht.» Mir wurde einmal mehr bewusst, welch gutes Team wir waren, das, wie in einem guten Spiel, die Pässe zu ungeahnten Kombinationen weitertreiben konnte.

Zum Abschied zücken wir die Agenda, weil wir uns auch deshalb nicht aus den Augen verlieren wollen.