Gender

Schon wieder.

Dieses Mal gehen wir auf dem Bürgersteig aufeinander zu; nicht auf dem Asphalt, sodern auf dem Rand aus Granit. Ich spiele ein Spiel mit mir – tanzen ohne mit den Füssen eine Fuge berühren. In meiner Kindheit trieb ich es solange, bis ich aus dem Gleichgewicht fiel.

Auch er, der auf mich zukommt, sieht darin ein Spiel – seines: Wer hält den direkten Weg.  Er, der Mann, oder sie, die Frau.

Das Anerzogene gewinnt.

Ich habe es verpasst, mich innerlich auf den Knall vorzubereiten – denn nur so ist das Muster zu durchbrechen, dass ich, die Frau, mich nicht aus der Bahn werfen lasse.

Den letzten, nicht verpassten Aufprall, erlebte ich vor einer Woche auf dem Gemüsemarkt. Richtig provokativ kam er mir telefonierend entgegen und stand plötzlich still. Verankerte sich im Boden, winkelte kurz vor dem Zusammenprall den Arm an, mit dem er das Smartphone am Ohr hielt.

Und dann knallte es. Wirklich.

Sein Blick triumphiert, als er sagt, kannst du nicht …

Nein, weshalb nicht du!

Er stehe hier doch still, ob ich das nicht sehe!

Ich weiss, sage ich, Männer haben immer Recht, gehe weiter und höre, wie er ins Handy wettert: Eine – mit einem richtigen Gender Problem!

Als ich heute auf dem Randstein tanze und es nicht zum Knallen kommen lasse, weil ich ausweiche, um danach meinen Weg über den abgrenzenden Granit fortzusetzen, weiss ich, der Mann hat wirklich Recht.

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stolz

Mein Portemonnaie lässt sich seit Wochen nicht schliessen, da der Druckknopf nicht bis zu seiner dafür vorgesehenen Haftung passt. (Ob dieser Begriff wohl der korrekte ist? – Egal, sicherlich ist er genügend gut gewählt, so dass sich die Leserin darunter das von mir gemeinte vorstellen kann). Der Grund für meine fette Geldbörse ist ein einfacher: Die nicht verkonsumierten tschechischen Kronen tragen mehr auf, als sie wert sind.

Überhaupt fragte ich mich damals, als Doris und ich uns für unsere Reise nach Prag vorbereiteten, «how comes?»! Die tschechische Republik gehört doch seit über 10 Jahren zur EU – genauer: seit 2004 – und hält noch immer an ihrer eigenen Währung fest. Nun gut, ich als Schweizerin, die in ihrem Alltag für alles, was kostet, keine Euros, sondern Franken und Rappen ausgibt, sollte diesbezüglich lieber ruhig sein.

Deshalb wechsle ich, nachdem ich am Bahnhof die gut 2000 Kronen gegen 91 Schweizer Franken eintauschte, auch das Thema.

Gegenüber des Zürcher Hauptbahnhofs protzt seit 1898 das Landesmuseum, ein Burgen ähnlicher Bau des Schweizer Architekten Gustav Gull. Da all das sammelwerte, schweizerische kulturhistorische Gut mehrerer Jahrhunderte drohte, die Burg aus ihrer Festung platzen zu lassen, steht nun, 118 Jahre später, hinter der sanierten Trutzburg ein  Erweiterungsbau. Zwei junge Schweizer Architekten gewannen vor über 10 Jahren den Wettbewerb mit ihrer Vorstellung einer noch grösseren Museumsburg.

Ich umkreise Neues, das sich mit Altem verbindet. Verbündet. Ich, die Touristin in der eigenen Stadt. Nicht fremd, wie ich es in Prag war. Und anschliessend in Dresden und davor in Kopenhagen. Aber auch neugierig; auch mit dem Blick der Fotografin, die festhalten will, was fest hält und nicht festzuhalten ist.

Weshalb mache ich es trotzdem?

Weil ich richtig stolz bin, dass ich in dieser Stadt wohne, deren Bevölkerung sich damals, trotz massivem Widerstand einer Gruppierung, an der Urne zum 111 Millionen-Vorhaben bekannte.

Und nun stehe ich also vor dieser Umsetzung, vor diesem Gemäuer mit fröhlich, glücklichem Herzen. Ich finde das Ensemble toll und bin, so absurd es sich anhören mag, über diese innovative Architektur in «meiner» Stadt so was von stolz.thumb_IMG_3530_1024

 

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Weil mein Festhalt-Versuch wirklich ein etwas kläglicher ist, hier noch der Link zu weiteren Bildern.

Zurück-bleibendes

Ja, zurück ist zurück. Und das bin ich wieder. Zurück aus Prag, zurück von der Wanderruderfahrt von Prag nach Dresden, zurück vom Gleiten über Moldau und Elbe, zurück aus Dresden und auch zurück vom Erkunden.

Zurück bleibt was?

Vieles.

Zum Beispiel: Wie offensichtlich sichtbar westlicher Wohlstand (ehemalige DDR) im Gegensatz zu einem weniger westlichen, aber noch immer westlichem Land (Tschechische Republik) ist. Einige 100 Meter unterhalb der Grenze erstrahlt die Welt in einer anderem Glanz als einige Meter oberhalb dieser Trennlinie. Eindrücklich. Und auch erschreckend.

Oder: Dresden ist eine vielfältige Stadt mit Vergangenheit. Die verherende Kriegsnacht  vom 13. auf den 14. Februar 1945, als die kulturhistorische Stadt durch britische und US-amerikanische Bomben grossflächig in Schutt und Asche gelegt wurde, weil Piloten ausführten, was Strategen befahlen, ist trotz Wiederaufbau präsent. Sicht- und erfahrbar für jene, die sich dafür interessieren oder einfach (nur) schön und mächtig, wer bloss Fassaden wahrnehmen will.

Oder: Die Dresdner Bevölkerung, so macht es den Anschein, ist weniger gestresst. Die omnipräsente «handy-rei» gibt es (noch) nicht. Dafür gibt es auffällig viele Menschen, die sich aufs Gegenüber einlassen – auch auf Fremde – oder mit Kindern entspannt spielen, ohne dass das Begegnen durch Klingeltöne abrupt unterbrochen oder gar zum permanenten Hinderniss wird.

Und: Wer offen ist, Geschichten zu hören, erfährt so vieles – in den Kaffees, in den Ausstellungsräumen von Gemäldegalerien oder so wie wir von den beiden Frauen des Rudervereins Dresden, die uns spontan zum Rudern auf der Elbe mitgenommen haben. Die eine ist 61-jährig, die andere, diejenige mit 150 Siegen, 76-jährig. Beide sind in ihren Alterskategorien noch aktive Wettkampf-Ruderinnen. Sie erzählen von damals. Sie reden von heute. Den Zugang ermöglichte uns eine andere Ruderin. Auch sie erlebt(e) die gegensätzlichen Welten von Sozialismus und Kapitalismus. Unsere Neugier, unser Zuhören und unser Fragen machen uns alle gesprächig und schaffen den Boden für nachhaltige Bekanntschaften.

Zurückblickend einmal mehr die Erkenntnis: Eine Pause ist nicht nichts und deshalb tut auch eine Schreibpause so richtig gut, da es beim blossen Hinhören, beim Hinsehen und sich Zeit lassen so viel Spannendes und Bereicherndes zu entdecken gibt.

Kurzum: Zurückbleibendes.

gehen (10)

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Dieses Hinweisschild in welche Richtung ich im Notfall zu fliehen habe, befindet sich in der historischen Villa Planta, im alten Teil des Bündner Kunstmuseums.

Damit endet die «gehen»-Serie nach 10 Ausgaben.

Dass ich ausgerechnet für mein Reisen in die Provinz – böse formuliert – mit soviel Inspirierendem beschenkt werden könnte, ahnte ich bei meinem spontanen Planen nach Chur zu fahren nicht, um dort sowohl das neue Museum als auch die beiden Ausstellungen «SOLO WALKS» und Zilla Leuteneggers «TINTERELLA DI LUNA » zu besuchen. Doch wie bereits in «gehen (3)» beschrieben, entwickelte sich an diesem Ort diese Idee. Dass sich mit einem einzigen Ausflug gleich 10 Geschichten schöpfen liessen, eröffnete sich erst vor Ort.

Um ehrlich zu sein, mich im «Gehen» fliessen zu lassen, hat mir echt Spass gemacht. Dennoch wähle ich nun diesbezüglich, dem Foto entsprechend, den Abgang – allerdings, nicht ohne noch zwei Dinge zu erwähnen.

Erstens (oder zweitens): Ausfliegen beflügelt Seele und auch Geist; wirkt anregend. Da mit meiner Pensionierung, dem Ausstieg aus dem Berufsalltag eine Quelle des Austausches und geistigen Auftankens versiegt ist, werden für mich Ausflüge und Eintauchen in (auch) Unbekanntes wichtig, so meine Erkenntnis.

Zweitens (oder erstens): Bei den Blogleserinnen und – leser möchte ich mich bedanken, fürs Mit-«gehen» und fürs sich damit Auseinandersetzten. Ohne euch wäre thumb_thumb_Bildschirmfoto 2016-06-28 um 17.11.20_1024_1024 einfach nicht gegangen. Danke!

 

 

Kostbarkeiten

Im Museum werden Kostbarkeiten aufbewahrt. Doch davon etwas später.

Am Donnerstagabend, am 27. Schaffhauser Jazzfestival, steht Joëlle Léandre auf der Bühne, die 65-Jährige Improvisationsmusikerin, die von sich sagt, sie sei eine «sorcière» und ihren Kontrabass tatsächlich fast wie eine Hexe beschwört, manchmal sogar begleitet von ihrem eigenen Singsang. Sie gleitet, springt, hüpft, klopft mit Fingern und Bogen über ihr tieftoniges Saiteninstrument, so dass sich in dessen Klangkörper Töne bilden, die je nachdem befreit entschweben oder fliehen.

Beginnt sie nach einer kurzen (Verschnauf-)Pause mit einer nächsten Komposition nimmt die «sorcière» ihr Instrument in den Arm, möglicherweise ähnlich wie eine Liebhaberin, zögert kurz, schaut kämpferisch ins Publikum und gesteht: «Ich weiss nicht, welche Töne mich erwarten werden.»

Das ist improvisierte Musik und etwas vom Feinsten.

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An diesem Abend spielt sie, wie sie sagt, auch fürs Publikum aber vor allem für die Pianistin Irène Schweizer, die für die improvisierte Musik wegweisend war/ist, demnächt ihren 75sten Geburtstag feiert und der sie – so Léandre – viel zu verdanken hat. Die beiden Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male zusammen aufgetreten, haben sichtbar gemacht, dass es in dieser Sparte nicht nur Männer gibt, indem sie zusammen Frauen-Gruppen gründeten (zum Beispiel «les Diaboliques») und auch dadurch die improvisierte Musik immerzu revolutionierten und in Bewegung hielten; bis heute.

Und an diesem speziellen Abend formuliert Joëlle bevor sie ihren Tönen Freiraum schenkt, den Gedanken, den ich, im Publikum sitzend, dermassen schön finde, dass ich ihn improvisiert wiedergebe und ihn Klängen ähnlich auf die Blogreise schicke, damit er – der Gedanke – auf nährenden Seelenboden sinken kann: «Mein Herz», sagt die Bassistin, «ist ein Museum – und in meinem Herzensmuseum hat Irène ihren festen Platz.»

Eben, nur Kostbarkeiten werden in Museen aufbewahrt.

 

(das Einmalige des Improvisierens – nur digitalisiertes Festhalten macht das Wiederholen möglich – Krakau 5.10.2014)

sinnieren

Theater fasziniert mich. Ich gehe zwar nicht so oft in eines der Stücke des «Schauspielhaus Zürich», aber inzwischen fast ebenso spontan wie ins Kino. Denn mit dem Halbtax-Abonnement, das ich mir vor Jahren anschaffte und dadurch zum halben Preis zu einer Sitzplatzkarte komme, ist der Entscheid schnell einmal gefällt, hinzugehen.

Enttäuscht werde ich ganz selten. Auch wenn mich nicht jedes Stück gleich packt und hereinsaugt, ist es doch jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Die Umsetzung – oft mit Poesie verbunden -, die Aktionskunst der Schauspielerinnen und Schauspieler, ihnen ins Gesicht sehen zu können und förmlich riechen, was da, vor mir, abgeht.

Die Magie des Innovativen.

Diese Woche sass ich in «Nachtstück», das ganz ohne Worte auskommt. Man stelle sich vor: Vier Frauen und vier Männer auf der Bühne in einem Dekor, das an das Bild «Hotel Room» von Edward Hopper erinnert, und KEIN einziges, gesprochenes Wort! Nur choreographierte Bewegungen zu Klängen, live gespielt von Fritz Hauser!

Und was ich an meinen Theaterbesuchen, die ich sehr oft alleine unternehme, ebenfalls liebe, ist der Kauf des Programmheftes. Denn auf dessen Rückseite steht meist ein Satz zum Sinnieren wie zum Beispiel: «Das Meer ist einfach etwas was ist.» Oder, wie dieses Mal:

«Every heartbeat is unique, listen carefully.»