Appell

Weshalb hast du es nicht einfach gesagt? Mir fehlte das Wort.

Dadurch nimmt die Begebenheit ihren Lauf und endet, wie es nicht gewollt war.

Nikolaus Habjan, der Das Missverständnis von Albert Camus für die Bühne mit Figuren inszenierte, wird im Programmheft gefragt, was diese vom Autor als überzeitliche Schicksalstragödie konzipierte Fabel uns heute vermittelt.

Seine Antwort.

«Die Botschaft ist zeitlos: Sag klar, wer du bist und was du willst, dann hast du die Chance, es zu bekommen. Übernimm die volle Verantwortung. Überlässt du dich jedoch einer höhren Macht, Gott, einem Regime oder dem Schicksal, dann verlierst du deine Handlungsspielräume, und im schlimmsten Falle gehst du und alle um dich herum zugrunde. Ein sehr positiver pragmatischer, wenn auch gnadenloser Appell.»

 

Nachlass

An diesem Morgen der irgendwo – am Anfang? am Ende? mitten drin? meiner dauerferien steht, packt es mich, über etwas zu schreiben, das schon einige Zeit zurück liegt.

Wir – Doris und ich – stehen an einem Samstagabend  in der Eingangshalle des Zürcher Schiffbaus, was ein Satellitenort des Schauspielhauses ist. Hier finden jeweils aussergewöhnliche Inszenierungen statt, weil im Schiffbau, wo zu bereits vergessenen Zeiten einmal Raddampfer gebaut worden sind, alles so gross und archaisch ist.

Wir warten, dass die Schiffshörner zum Einlass hupen. An diesem Abend zur Installation des Autorenteams «Rimini Protokoll» – eine Inszenierung ohne anwesenden Personen, bei der es in acht Zimmern ums Thema «Nachlass» geht.

Wir stehen, wie bereits schon geschrieben, an einem Bartisch, und machen uns, zusammen mit einem Bekannten, der ebenfalls für dieses Stück gekommen ist, Gedanken. Einerseits, was wir, wenn es uns nicht mehr gibt, zurücklassen und andrerseits, was uns unsere Väter hinterlassen haben.

«Viel Geld», sagt er als erstes. Da mir dies bekannt ist und das, was ich eigentlich wissen wollte, interessanter finde, präzisiere ich und frage nach der Prägung, die die Ich-Ausrichtung beeinflusst(e).

Das Unternehmerische habe ihm sein Vater auf den Weg gegeben. Bei Doris ist es der Glaube, dass auch Unmögliches möglich werden kann, wenn man bereit ist, für dieses Ziel hart zu arbeiten. Bei mir ist es das Kämpferische. Nicht etwa, dass mir mein Vater diesbezüglich Vorbild war. Nein, er schaffte seinen Aufstieg in die Mittelschicht durch Anpassung an die Norm. Und daran rieb ich mich mit ihm. Während meines Erwachsenwerdens fast permanent. Ich kämpfte für meine Überzeugung, die nie die seine war. Und dies wiederum führte unter anderem zur Herausformung, für seine, bzw meine Haltung hinzustehen. Letztlich ermöglichte mir dieses Kämpferische mein Coming-out – ein Leben am Licht leben zu können, das im populistischen Trend von «wir sind das Volk» wieder in Frage gestellt wird, weil es nicht der von ihr definierten Norm entspricht.

Ausgangspunkt meiner Gedanken war eigentlich der Theaterabend zu «Nachlass» und gelandet bin ich bei der Erkenntnis, dass es in der Auseinandersetzung um Demokratie kein nachlassen erträgt, was letztlich auch ein Nachlass ist.

 

Farbigkeit

Auftauchen aus vergessenen Träumen, orientierungsloses ankommen in der Wärme – das  Wärmende, Orientierende kommt von Doris. Ich bin nicht mehr in Marokko.

Zu Hause.

Ich habe bereits viel erzählt. Und nun habe ich auch die Antwort auf die Frage, die ich meiner Schwester damals, während unseres gemeinsamen Zusammenseins im Café Montreal am Hauptplatz von Marrakech nicht beantworten konnte. Nun weiss ich, was ich von Marroko mitnehme.

Ruhe. Erinnerungen an in sich ruhende Menschen. Interessiertes aufeinander Zugehen und voneinander wissen wollen.Toleranz.

Von all den Geschichten und Begegnungen aus denen sich letztlich ein Bild einer Kultur in einer mir bis anhin verborgenen Farbigkeit ergab, erzähle ich zu Hause, ausführlicher als in meinen vor Ort geschriebenen Bloggeschichten; freudig gefüllt von all dem Erlebten.

Dies will ich mir bewahren – trotz Ernüchterung nach dem Sonntagabend Talk «AnneWill» auf der ARD zum Thema «Mein Leben für Allah – warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?». Die Runde zeigt: Extremes verunmöglicht das Gespräch. Extremes verhindert Gemeinsames. Extremes erstickt Verständnis.

Ich wehre mich, dass dieses inzwischen den europäischen Alltag prägende Bild alles übertüncht – auch meine eben erst zurückgebrachte, erfahrene Farbigkeit.

Jallah

Ich tauche langsam aus dem Schlaf in die Dunkelheit des werdenden Tages. Marrakechs Muezzins, die, jeder auf seine spezielle Art, ihrer Gemeinde verkünden, dass es, kurz vor Sonnenaufgang, Zeit fürs erste Gebet ist, wecken mich.

Dem morgendlichen Ruf – Gott ist gross – der sich von jedem Minarett wie Schwaden über die Dächer der Stadt legt, lausche ich jeweils gerne. Noch im Bett liegend filtere ich aus dem Klanggemisch die einzelnen Stimmen, die erste der fünf täglichen Gottesbezeugungen, singend rezitieren.

Heute ein letztes Mal; bereits morgen wird es, sofern die Schweizer Wetterprognose zutrifft, der Regen sein, der an die Scheibe klopft.

Wehmut? Auch – weil sich bei mir dieses Gefühl mit jeglicher Art bewusst erlebten Abschieds paart.

Ich steige aus dem Bett – im Ohr nicht mehr die verhallenden Klänge der Muezzins, sondern denjenigen unseres Bergführers, der jeweils zum Ende der Rast die philosophische Bemerkung machte on aime être là, mais on est pas de là, daraufhin loszog und der Gruppe noch auf berberisch <auf!, zu Neuem> zurief – ein auch klanglich lebensfrohes Jallah!

Jetzt

Wir sitzen in kleinen Gruppen an drei Tischen fürs Abendessen – die  Zusammensetzung ist etwas anders, als gestern, vorgestern … und vor sechs Tagen, als wir uns erstmals gemeinsam zum Essen trafen. Wir, das ist eine Schweizer Gruppe, der ich mich, nach der Heimreise von Schwester und Schwager, anschloss, um Marokko auch noch wandernd zu erleben.

Ich will nun nicht ins Jammern verfallen, wie könnte ich auch, bei all dem, womit mich dieses Land täglich beschenkt und nun abwechslungsreiche Gegenden auch noch auf eigenen Füssen durchwandere.

Doch soviel zu meinem Gruppendasein, ob am Tisch oder unterwegs: Ich habe schlicht und einfach unterschätzt, dass die bunt zusammengewürfelten Landsfrauen und -männer neben dem Tagesrucksack auch noch ganz viel Schweiz durch Marokko tragen. Satzfetzen von sozial nicht kompatiblen Vorgesetzen, von Kindern oder Grosskindern, die dies und das … von Tätigkeiten von vor der Pensionierung … von Erlebnisse aus Jemen, China, Südafrika, Costa Rica, dem Iran … umwehen mich, wenn wir durch Olivenhaine gehen, zum Wasserfall hochklettern, Dörfer im traditionellen Lehmstampfbau durchqueren, am Strand durchs Atlantikwasser stapfen …

Dabei möchte ich nichts anderes, als im Hier-und-Jetzt sein und mich hier auf das Jetzt einlassen. Deshalb ist mein Platz, den ich inzwischen hier, in dieser Gruppe, eingenommenen habe,meist hinten, da wo es zwar mehr allein, aber im Gegensatz zu inmitten, viel mehr Jetzt gibt.

Flüchtlinge

Es gab / gibt sie in jeder Stadt, die wir in den vergangenen zwei Wochen gemeinsam besuchten: Arme – Frauen und Männer -, die auf der Strasse etwas Gemüse oder runde Brote verkaufen. Noch ärmere, die einzelne Päcklis Papiertaschentücher anbieten. Ärmere als ganz arme, die stehen oder sitzen – im Rollstuhl oder auf einem Karton am Boden. Diese Menschen verkaufen meist gar nichts mehr – auch keine einzelnen Zigaretten. Mit nach oben geöffneter Handfläche warten sie und hoffen, dass ihre Gebrechen – Beinprothese, Blindheit … Vorbeigehende <erbarmen>.

Die einen geben eine Münze mal da, mal dort. Andere nicht. Unsere Guides sagen bei Hochziehen von Schulter und Stimme: Wer mehr hat, gibt denjenigen, die weniger haben – je nach eigenem Empfinden, so steht’s im Koran.

Auf der Strasse sitzen auch Familien mit einem oder zwei kleinen Kindern zwischen den Beinen. Vor sich ein gut sichtbarer Karton auf dem geschrieben steht, dass sie aus Syrien sind.

Flüchtlinge? Fragten wir in jeder Stadt unseren jeweiligen Guide. Ihre Antworten waren in etwa identisch. In Marokko gebe es selbstverständlich viele geflüchtete Menschen, auch aus Schwarzafrika. Madame, es gibt sie nicht nur bei euch! Aber viele, meinte der Guide durch Meknès, wollen zu euch, auch wenn sie nur arabisch sprechen, auch wenn sie keine Ausbildung haben. Das ist doch dumm. Denn in Marokko sei mit dem Erstellen all der Satellitenstädte der Bedarf an Arbeitskräften gross. Flüchtlinge würden, sobald sie arbeiteten, den Status <resident> erhalten – also die Niederlassung.

Ob es in Marokko wirklich so ist, wie es uns erzählt wird, können wir nicht verifizieren. Aber sicher trifft zu, womit er, mit entsprechend eindeutigem Blick, die Diskussion beendet: Menschen auf der Flucht, sagt er, ist ein weltumspannendes Problem – nicht allein ein euröpäisches!

1001

Ist es Zufall, Schicksal oder ein sich schliessender Kreislauf?

Jedenfalls, als wir heute an unserem letzten gemeinsamen Tag, bevor Schwester und Schwager ohne mich zurückkehren, am frühen Morgen noch einmal gemeinsam um die Ecke in die Strasse des Souks biegen, überholt uns ein drahtiger, junger Mann mit gewinnendem Lächeln. Nichts Aussergewöhnliches.

Er kehrt sich um, grüsst – bonjour – und heisst uns in Marokko herzlich willkommen. Bienvenue.

Danke, antworte ich und bin, weil ich Gesichter gut abspeichern kann, schnell im Reagieren. Für ihn zu schnell – für mich genügend Zeit, um ihm die Frage nach dem Markt der Berber, der nur heute ist, zu stellen!

Der Geschichtenerzähler, dem wir vor 10 Tagen in die Falle tappten und daraufhin im Labyrinth landeten, erkennt uns nun ebenfalls. Doch als wir ihn mit unserm schadenfreudigen Lachen beschenken, hat er sich, als ob es ihn nie gegeben hätte, einfach in Luft aufgelöst, so als wäre alles bloss eine Geschichte gewesen – eine aus tausend und einer Nacht.