Amarcord

thumb_IMG_5569_1024

Niemand anderer als meine Schwester wird beim Betrachten dieses Bildes auf ein anderes blenden, auf ein schwarz-weisses: Ich an der Hand meines Vaters; wir beide neben einander in der Morgensonne am leeren Strand.

Amarcord, nicht Fellinis Rimini, sondern unser Riccione.

Das Bild auf das nur meine Schwester mit ihrem inneren Auge überblenden kann, entstand vor 60 Jahren.

Amarcord, Riccione.

Doris war es, die mich animiert während unserer Ferienwoche in Ravenna mit dem Zug dahin zu fahren, wo ich als fünf Jährige aus Sand Strecken konstruierte, um mit dem vom Daumen schnappenden Mittelfinger die ultra leichten, farbigen Kugeln mit den Porträts von italienischen Fahrradgrössen wie Fausto Coppi und Gino Barteli auf den bergigen Parcours zu spicken.

Selbstverständlich ist heute nichts mehr wie früher.

Währenddessen wir im Ristorante Pizza essen, sucht die Frau in meinem Rücken auf ihrem Smartphone, ob es meinen Ort der Erinnerung überhaupt noch gibt. Tatsächlich: «Hotel d’Este»!

Wenig später stehen wir davor.

thumb_IMG_5501_1024

Es war anders, damals. Und doch war es nicht anders. Nachdem das kleine Gebäude abgerissen, in den 70er Jahren ein richtiges Hotel hingeklotzt wurde, indem wir nochmals Ferien verbrachten, steht noch immer. Auch die Dependence gibt es noch. Da, sage ich zu Doris, stand meine Schwester auf dem Balkon.

Als ich erzähle, parkiert ein Auto. Ja, sagt er, als ich ihn frage, ob er hier wohne. Und ein weiteres Kopfnicken – ja, er sei der Padrone. Als er uns zum Kaffee einlädt und uns vom Dachstock aus die Umgebung zeigt, ergibt eine Erinnerung eine weitere.

Ja, richtig – früher hatte es dort, entlang des Strandes, wo nun Häuser stehen, eine Sanddüne. Die Häuser links und rechts gab es ebenfalls nicht. Ja, Gabriella – die Frau, die uns jeweils am Morgen, Mittag und Abend die Butterröllchen im Silber servierte, sei seine Schwester.

Nach diesen Erinnerungen lasse ich mich von Doris fotografieren. Ich stehe hin wie damals, auch die O-Beine – ein Amarcord, speziell für meine Schwester.

übertragen

An diesem Morgen geht alles beschwingend schnell, obwohl sich das Wetter so gibt, dass man liebend gerne sagen würde «Was soll’s», die Decke wie einen Schlafsack nochmals um sich hüllt, damit ja keine Wärme entflieht und schnurrend wie eine Katze, sich ein weiters Mal dreht.

Trotzdem hat es mich aus dem Bett gespickt.

Ein Telefon mit Doris, grüner Tee, dazu schmackhafte Erdbeeren – direkt vom Bauernhof -, die ich fast schadlos vom Thurgau nach Zürich transportiert hatte. Und dann geht’s los.

Mit dem Fahrrad, wärmend eingehüllt, als ob ich mich im Bett auf zwei Rädern befinden würde. Selbst in Island trug ich nicht mehr Schichten, aber dort war’s noch Winter.

Im Büro angekommen, packe ich aus, was schon seit WOCHEN zu Hause bereit liegt, um mitgenommen zu werden. Die Sichtmappe mit den aller-, allerletzten, im Einsatz gewesenen Kursunterlagen. Als ich sie dann vor dem Büchergestell aus dem Rucksack nehme, entwischen, die einmal an die Wand gepinten, kreisrunden Karten. Ich lese Stichworte, die ich damals für die Teilnehmenden visualisiert hatte «Delegation», «Umgang mit Belastung», «schwierige Situationen».

Die rosa Begriffskarten lasse ich nicht etwa in den Papierkorb flattern, sondern lege sie zurück in die Sichtmappe, stelle diese im Büchergestell neben die leeren Ordner, im Wissen, dass all dies seinen ursprünglichen Zweck erfüllt hat und es bloss noch die Erinnerung an die Erinnerung ist.

Wirklich? Nicht wirklich. Denn die Themen auf den rosa Karten haben ihre fortsetzende Bedeutung – zum Beispiel im Leben und im Kursmodul dauerferien. Doch nun bin ich es – die Pensionierte -, die versucht, sich zu erinnern, was damals die Kursleiterin – also ich – dozierte, um die Lösungsansätze in meinen Alltag zu integrieren.

schliesslich

À-propos Aufräumen und gestern: Da ist mir noch eine Karte in die Finger geraten, die einmal zum Geburtstag geschrieben wurde – zu dem Tag also, an dem man auf dem Papier nullkomma plötzlich um ein Jahr älter ist. Über die formulierte Weisheit, die wahrscheinlich eine Kopie einer Kopie ist, schmunzle ich erneut: «Alternde Menschen sind wie Museen, nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern.» Und da ich ja am Aufräumen bin, landet die Karte beim Altpapier. Schliesslich war gestern  der Tag des Loslassens.

Innerstes

«Keine Liebe, keine Freundschaft kann unseren Lebensweg kreuzen, ohne für immer eine Spur zu hinterlassen.» (François Mauriac)

Dieses Zitat lese ich als erstes auf der Karte, als ich den Umschlag öffne. Dann die Worte, die für mich geschrieben worden sind. Noch einmal nehme ich Satz für Satz auf, dieses Mal mit Tränen in den Augen; dann lege ich die Karte zur Seite.

Es ist diese, für mich gedachte Aufmerksamkeit zum achten Todestag meiner damaligen Partnerin, die mich emotionalisiert. Auch im Wissen, dass die Kartenschreiberin nicht die einzige ist, die sich nach wie vor an damals, an den 14. April 2008, erinnert. Es ist diese tiefe Verbundenheit, diese Achtsamkeit der andern mir gegenüber, die mein Innerstes sowohl aufwühlt, als auch wärmt. Danke.

weshalb

«Ich wollte den Spiegel durchstossen, einen Durchgang schaffen, die Vorstellungskraft derer erreichen, die nicht dort gewesen sind», schreibt Marceline Loridan-Ivens in ihren Erinnerungen an das Massenvernichtungslager in Birkenau.

Sie war 15-jährig, als sie und ihr Vater von den Nazis aus Frankreich nach Auschwitz und Birkenau deportiert worden sind. Sie überlebte den Holocaust, ihr Vater nicht.

70 Jahre später schreibt Marceline Loridan-Ivens dem Vater, der in Auschwitz umgebracht worden ist, einen Brief in Buchform – «Und du bist nicht zurückgekommen». Darin erzählt sie von den Erinnerungen ans Konzentrationslager, vom erlebten Grauen, von der Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung, vom Geruch des brennenden Fleisches und fragt sich, «wie etwas übermitteln, was wir uns selbst kaum erklären können?»

Sie, die nicht mehr gewachsen ist, nachdem sie ihren Vater ein letztes Mal sah, erzählt auch von der Rückkehr – vom Leben als Überlebende nach dem Leben zwischen Stacheldraht und Krematorium; vom gebrochenen Weiterleben in einer Welt, die nichts von all dem Schrecken hören will.

«Meinst du, dass wir gut daran taten, aus den Lagern zurückzukommen?», fragt die inzwischen 86-Jährige im Buch ihre Schwägerin, ebenfalls eine Überlebende. Deren Antwort ist ernüchternd. «Ich glaube nicht.» Die Autorin beantwortet auf Grund ihrer Erfahrungen dieselbe Frage ähnlich, aber dennoch nicht ganz so pessimistisch. «Ich bin nicht weit davon entfernt, so zu denken wie du», schreibt sie. «Aber ich hoffe, dass ich, wenn mir die Frage, kurz bevor ich abtrete, gestellt wird, werde sagen können, ja, es hat sich gelohnt.»

Das Buch «Und du bist nicht zurückgekehrt» ist nach dem gestrigen Film – «Als die Sonne vom Himmel fiel» – ein weiterer eindringlicher Appell an die Menschlichkeit. Doch weshalb kommt sie tagtäglich abhanden?! Geht sie tagtäglich vergessen?!

 

 

erinnern (5)

Jeden Pullover habe ich aus dem Kasten gezerrt, auch die ältesten, die ich seit Jahren nicht mehr trage. Jeden habe ich geöffnet, gegen’s Licht gehalten und abgesucht nach diesen kitzekleinen Löchern.

Und so wurde ich wegen eines unscheinbaren Lochs zur Kammerjägerin. Das erste entdeckte ich zufälligerweise in meinem mir liebsten Pullover, dem hellen blauen aus Kaschmirwolle und daraufhin ein zweites in der violetten Jacke, auch sie ein Herzensstück, so wie jeder Pullover in meinem Schrank.

Nun habe ich sukzessive jedes wollene Teil gewaschen, wieder eingeräumt und Mottenblätter dazu gestellt. Obwohl der Sack der Textilsammlung bereit lag, habe ich es dieses Mal nicht geschafft, einen einzigen Pullover wegzugeben – selbst, die seit Jahren nicht mehr getragenen.

Schliesslich schützte und wärmte mich jeder. Schliesslich begleitete mich jeder und erinnert mich deshalb an eine gewisse Zeit.

Der stahlblaue (15-jährig) an den Besuch bei meiner langjährigsten Freundin in Hamburg. Der braune (12-jährig) an die Filmfestivals in Locarno. Der schwarze (22-jährig) an meine zweite Frauenliebe und unsere erste gemeinsame Wohnung in Zürich.

Und so werden Schrank und Pullover in Anlehnung an Louise Bourgois zum Hort der Erinnerungen, die wiederum meine Dokumente sind.

 

 

spüren

IMG_2554

Neblig.

Nein, inhaltlich.

Doris will wissen, wie er war – dieser Kurstag, als sie am Abend telefoniert.

Ich erzähle von der engagierten Gruppe, die sich stark einbrachte und aufeinander einging. Ich erzähle von uns – meinem «schwedischen» Freund und mir -, wie wir es als erfahrenes, vertrautes Team mehrmals schafften, den vorgesehenen Ablauf kurzfristig umzustellen, um noch gezielter auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen.

«Weisst du», sage ich freudig, «selbst am letzten Tag als Trainerin habe ich noch dazu gelernt.»

Wir erwähnen dabei fast gleichzeitig die Frau, die mir durch Dreharbeiten in einem Altersheim zur Freundin wurde und nun seit acht Jahren tot ist. Als ich damals die 94-Jährige einmal fragte, was das Leben ausmache, gab sie mir zur Antwort: «Nicht still stehen» – nicht aufhören, sich zu bemühen, weiterzukommen.

Damals war ich beeindruckt und dachte, dass «nicht still stehen» als Lebenshaltung erstrebenswert ist und heute glaub(t)e ich, diesen Funken zu spüren.

 

 

 

ein Mal

Gestern traf ich meinen «schwedischen» Freund – dieses Mal im Fernsehen, weil ich wieder rückfällig bin. Er umd ich werden noch einmal einen Kurs durchführen, den wir vor Jahren zusammen entwickelt haben.

Wir kennen uns schon lange, weil wir denselben Arbeitgeber hatten. Und das Glück wollte es, dass wir während der letzten Etappe meiner Berufstätigkeit immer wieder gemeinsam Kurse durchführen konnten.

Unser Faden ist in all den Jahren nie geriessen, auch wenn er oft lose war – nicht zuletzt wegen seiner Wohnortwahl und dem damit verbundenen Umzug nach Schweden. Ist er in der Schweiz, treffen wir uns regelmässig – so wie vor einer Woche zum Nachtessen, von dem es noch eine Episode zu erzählen gibt, die sich fast am Ende unseres Zusammenseins abspielte.

Kurz vor dem Verabschieden verschwinde ich und als ich vom Ort «für Mädchen» zuückkomme, sitzt er am Nebentisch bei jemandem, den ich in diesem Moment der Begegnung als Kollegen aus früheren Zeiten erkenne. Die beiden reden übers Fernsehen.

Ihre Worte sprudeln, die Augen des andern leuchten.

Etwas später, als mein Freund und ich uns nochmals gegenübersitzen, frage ich nicht aus Spass, sondern allen Ernstes, ob der Kollege noch immer am Arbeiten sei? «Aber nein!», sagt er. «Der ist ja schon weit über 70!»

Beim Verabschieden in der Kälte, denke ich, dass mir das Abnabeln zum Glück recht gut gelungen ist und sage beim Umarmen, was mir ebenfalls durch den Kopf schwirrt: «So schön, dass der Abschluss vom Abschluss mit dir zusammen ist.»

Noch ein Mal.

Und erst jetzt wird mir bewusst, dass der zweite Satz dieses Textes auf eine entsprechende Präzisierung wartet: «Wir werden noch ein Mal den Kurs durchführen, den wir vor Jahren zusammen entwickelt haben. …»

zuversichtlich

Ich habe Rosen mitgebracht – gelbe, weil ich weiss, dass er diese Farbe besonders mag. Er öffnet die Verpackung und freut sich übers Geschenk. Achtsam stellt er die Blumen ins Wasser – diese Sorgfalt bei allem, berührt mich nicht nur jetzt, wo wir zusammen in der Küche stehen.

Heute muss ich nicht viel fragen. Er beginnt von selbst zu erzählen, vom Eingriff am Herz und der langwierigen Rekonvaleszenz. «Dabei», sagt er, «war ich vorbereitet fürs Loslassen.» Jetzt sei er aber ebenso froh, dass es ihn noch gebe. Und sein Partner, der nun neben uns steht, meint sichtlich erleichtert: «Ja, wir haben wieder einmal Abschied geübt.»

Zum Kaffee setzen wir uns in die Sessel, in denen wir immer sitzen, wenn ich sie besuche. Daran hat sich nichts geändert.

Schon bald reden wir übers Leben und was kommt. Ich erzähle von meinen Plänen, nächstes Jahr erneut nach Island zu gehen – dann aber ins winterliche. Auch sie kennen das Land vom Wandern. Sie erinnern sich, wie sie ein einziges Mal auf einem Island-Pferd ritten – der weniger Bewegliche besser als der Wendigere. Das war vor 16 Jahren.

«Das stimmt zuversichtlich», sage ich zu den beiden 85-Jährigen, die in diesem Frühjahr noch in den USA waren – und meine damit nicht nur das Reisen.

Montag

Ich stehe, wie fast jeden Montag, gegen 17 Uhr auf der grünen, gummierten Matte. Wir vier Frauen dehnen, drehen, biegen und balancieren unsere Körper so gut wie möglich nach den Anleitungen unserer «Lehrerin». Gewisse Übungen – eine Kombination zwischen Pilates und Yoga – schaffe ich. Einige bereiten mir Mühe.

Unlängst erzählte ich Doris von meiner ungenügenden Körperbalance. Noch während ich ihr die Übung beschreibe, lieg sie schon auf dem Küchenboden, hebt ihre Hüfte, streckt das eine Bein in die Länge, die Arme in die Höhe und will wissen, ob sie meine Worte richtig versteht: «Meinst du so?» Ja, schon.

Auch sie realisiert, wie ihre Wendigkeit nachgelassen hat. Als sie mir wieder gegenüber sitzt, mache ich deshalb den naheliegenden Vorschlag des gemeinsamen Übens.

Ihr konsternierter Blick, ihr kurzes Schweigen interpretiere ich bereits als Absage. Doch nach der fast schon dramaturgisch gesetzten Pause, sagt sie in die Stille: «Das ist für mich der Inbegriff von ALT.»

Ich lache und sehe zugleich meine Eltern, wie sie bis ins hohe Alter täglich turnten – mein Vater um einiges ungelenker als meine Mutter.

An beides muss ich kurz denken, als wir vier Frauen gegen das Ende der Stunde auf dem leicht gebogenen linken Bein stehen, das rechte anheben und unsere Arme seitlich in die Länge dehnen, so als ob wir aufs Abheben warten würden.