Berlin

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Berlin, 11.5.2017 – Detail-Ansicht am «Denkmal für die ermordeten Juden Europas»

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Küche

Einmal in der Woche bringt sie frisches, selbstgemachtes Naturyoghurt, das sie bei sich im Garten am offenen Feuer zubreitet, so wie sie es schon ihre Mutter machte und sie es von ihr übernommen hat. Dies versuchte sie mir einmal in ihren Worten zu erzählen, als ich mir Zeit nahm, mit ihr einen Kaffee trank und ihr sagte, dass mir ihr Yoghurt speziell gut schmecke – es sei eine Delikatesse, wie man sie nirgendwo kaufen könne.

Doch meistens geh ich ihr aus dem Weg, wenn ich dort bin und sie da ist, weil sie die Räume auf ebenfalls eine spezielle Art für sich vereinnahmt, um sie so putzen zu können, wie sie es für richtig findet  – mit viel Wasser und viel stark riechendem Putzmittel, so dass sie, nachdem sie gegangen ist, noch über Stunden präsent bleibt. Oft ist mir alles zu intensiv und ich verziehe mich, noch bevor ich sie höre.

Heute nicht. Weil ich einen Kuchen backen will. Als sie kommt, stehe ich in der Küche und frage sie, wie es ihrer Familie geht. «Gut», meint sie, «den Kindern und auch dem Mann.» Da ich aus andern Gesprächen weiss, dass sie aus dem kurdischen Gebiet nahe der syrischen Grenze stammt, wiederhole ich meine Frage mit dem Zusatz «der Familie deiner Familie»?

Fast dankbar ums Nachfragen, bricht Aufgestautes aus ihr heraus. Das Attentat auf die Hochzeitsgesellschaft, dieser Schrecken mit den vielen Toten, war in «meinem» Dorf. Eine Mutter hat keine Kinder mehr. «Vier sind tot.» Als ich wissen will, ob auch ihre Familie bei der Hochzeitsfeier war, verneint sie: «Spielt keine Rolle – Mensch ist Mensch.»

Ich frage: «Kannst du noch schlafen?», weil ich mir nicht vorstellen kann, dass sie, entfernt von ihrer Familie nicht auch von Albträumen verfolgt wird. Schwierig sei es. Türkische Bomber würden täglich über ihr Dorf zur Grenze fliegen, die bloss eine halbe Autostunde entfernt sei. «Der Krieg ist so nah», sagt sie, bevor sie den Eimer nimmt und die Küche wieder verlässt und dabei ganz vergisst, dass sie gekommen ist, um auch hier den Boden zu wässern.

Spirale

IMG_2947Das Badetuch direkt am Ufer des Bodensees, im Rücken der Baumstamm zum Anlehnen, am frühen Morgen noch die leichte Brise – meinen Körper kühlend -, das lädierte Bein gestreckt und leicht erhöht nach dem therapierenden Schwimmen im noch immer erfrischenden Wasser. Alles perfekt getuned für eine in sich ruhende Zeit, die mir, der leicht Handicapierten und sonst doch eher Rastlosen, viel Ruhe schenkt.

Ich lese und beobachte.

Zwei Frauen in meinem Alter, also auch pensioniert und mit ähnlich viel freier Zeit, wie es scheint, geniessen den Morgen ebenfalls. Sie schnadern – sich viel erzählend schwadern sie durchs Wasser, ihr Gerede wird leiser, ihre Köpfe werden kleiner, bis dass sie in der Ferne verschwinden und von ihnen nichts mehr zu hören und zu sehen ist.

Ich lese – noch immer im Buch «Mein weisser Frieden» von Marica Bodrožić. Sie seziert die Kriege auf dem Balkan und ich denke dabei an die Türkei, an das Machtgebahren Erdogan’s nach dem gescheiterten Putsch, wenn die Autorin schreibt: «Menschen, die nie gelernt haben, sich einer Autorität bis in die innersten Regungen zu verweigern, sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das können nur Menschen, die sich selbst kennen und die erfahren haben, dass Wachsein Begegnung und Gespräch ist. Wo soll auch die Empfindung ihren Anfang nehmen, wenn nicht im eigenen Innern? Es gibt keinen andern Ort. Wer gehorcht, folgt der Sprache eines andern; wer folgsam ist, hat nicht gelernt zu denken.»

Ich lese. Schnadernd kündigen die beiden Frauen ihre Rückkehr an. Was für ein schönes Geschenk dieser Start in den Tag. Unbeschwertes hier.

Grauen dort – wann endet diese Spirale?!

 

 

 

Zeichen

Das Massaker von Orlando, bei dem im Nachtklub der homosexuellen Gemeinschaft 49 Menschen umgebracht worden sind, wühlt mich noch immer auf. (Die Zahl wurde auf 49 korrigiert, weil die Polizei den Attentäter nicht zu den Opfern zählt.)

Mich beschäftigt, dass der Täter gezielt das Wochenende der Pride auswählte, an dem gezielt homosexuell lebende Menschen sein Ziel waren. Diese Tatsache erschüttert mich unglaublich, weil sie auch mich betrifft. Und weil Orlando nicht ohne Folgen bleibt.

Die über Jahre erkämpfte, sich an die Heterogesellschaft annähernde Gleichstellung, für die wir inzwischen lebensfroh und pride – stolz – als Gemeinschaft durch die Strassen gehen, so wie am vergangenen Samstag, wird in Zukunft von den Erinnerungen an Orlando überschattet sein. Sie werden uns an den kommenden Prides begleiten, ebenso wie die Erinnerungen an 1969, als die New Yorker Polizei im Nachtklub «Stonewall» an der Christopher Street gegen Schwule und Lesben auf Grund ihrer sexuellen Orientierung willkürlich vorging und viele von ihnen festnahm. Deshalb wurde die Pride bis vor wenigen Jahren «Christopher Street Day (CSD)» genannt.

Eine Freundin schrieb mir: «Ich gehe immer mit gemischten Gefühlen an den CSD. Wir haben schon vor Jahren einen privaten Sicherheitsdienst zum Schutz der Party am CSD organisiert. Die Gefahr ist immer da – und jetzt so nah dieses Unglück, macht die Unsicherheit, in der wir trotz allem leben, wieder sehr klar.»

«Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde», schreibt Adriano Sack in «Die Welt» und Daniel Sander auf «Spiegel Online» : «Er meinte uns.» Beide Journalisten schreiben aus der Mitbetroffenen Perspektive.

Vielleicht ist für viele schwierig, nachzuvollziehen, dass das Attentat für die Gay-Community nicht «nur» ein Angriff auf die offene, westliche Gesellschaft war, wie erste offizielle Stellungsnahmen lauteten, sondern ein gezielter Anschlag auf diejenige Minderheit, die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung in vielen Ländern ausgegrenzt, kriminalisiert, umgebracht wird. Auf eine Gruppe also, der die offene, westliche Gesellschaft bis heute weniger Rechte zuspricht, als der heterosexuell orientierten Mehrheit.

Jedenfalls hat für uns Lesben, Schwule, Transgender Orlando die vermeintliche Sicherheit und Akzeptanz von einem Moment auf den andern in Frage gestellt. Deshalb müssen wir uns weiterhin für ein freies, offenes Leben ohne Angst einsetzen, für ein normalses Leben  – auch für ein sichtbares mit Emotionen, Umarmungen, Hände halten, Küssen …

Und zum Schluss möchte ich es nicht verpassen, mich für die vielen, stärkenden Zeichen des Mitgefühls zu bedanken. Sie haben gut getan!

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zerstören

Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie ich am Wochenende als freiwillige Helferin im Einsatz stand, um während der «PRIDE» für «queerAltern» Flyer zu verteilen, anhand derer auf das Wohn- und Altersprojekt hingewiesen wird und mit dem um neue Mitglieder für den Verein, bei dem ich seit kurzem mitmache, geworben wird.

Ich wollte auch darüber schreiben, wie farbenfroh, freudig und selbstachtend Lesben, Schwule und Transgender Menschen im Umzug durch die Zürcher Innenstadt liefen, um mit der «Gay Pride» daran zu erinnern, dass es Zeiten der Ächtung gab und gegen die Diskriminierung, die es auf Grund der sexuellen Orientierung noch heutzutage gibt, zu demonstrieren.

Auch darüber hätte ich gerne geschrieben, wie Doris und ich am Sonntagnachmittag unseren Freunden beim Besuch der Plattform der «Manifesta 11» von den schönen Seiten der Pride erzählten.

Doch all das gerät in den Hintergrund.

Nachdem ich Doris zum Zug begleitete, lese ich, kaum zu Hause angelangt, vom schrecklichen Massaker. Beim Angriff auf einen Gay-Nachtclub wurden in Orlando mindestens 50 Menschen getötet und ebenso viele verletzt.

Ich kann nicht anders, als Doris, die noch immer auf der Fahrt an den Bodensee ist, telefonieren. Ich muss mit ihr teilen, was mich erschüttert.

Zerstörte Leben. Lebensfrohe Menschen, die ähnlich wie wir unter ihresgleichen zusammen waren – einfach ausradiert, auch wegen ihrer sexuellen Orientierung.

Tränen.

Unbegreiflich, einmal mehr – mit welcher Gewalt Leben Leben zerstört.

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Hauptstadt

Recht erstaunt war ich unlängst, als meine Schwester bemerkte, dass sie, wenn sie 20 Jahre jünger wäre, ebenfalls mit Rudern beginnen würde. So was!

Zwar liebte meine Schwester als junge Frau das Spiel mit dem Ball. Tennis war ihr Ding. Doch dann kamen die Kinder, die ihr viel Beweglichkeit abforderten und somit blieb für die sportliche Herausforderung fast keine Lücke mehr; einzig das Skifahren gab sie erst altershalber auf. Dennoch: Die Freude an der selbstgesuchten Anstrengung verlor sich bei ihr immer mehr, bis sie die Begeisterung dafür vor wenigen Jahren wieder fand. Seitdem unternimmt sie ausgedehnte Entdeckungsreisen mit dem elektrisch unterstützten Fahrrad.

Die Geschichte vom Rudern erzähle ich Doris, als sie mich zum Bahnhof fährt – ja, mit dem Auto, weil ich absolut keine Lust verspüre, zu Fuss dahin zu kommen. Als Fazit der der schwesterlichen «wenn …, dann …» Bemerkung, sage ich, dass es im Leben offensichtlich Abschnitte gibt, in denen man für etwas zu alt oder zu jung ist und zeige mit der Hand auf die gebrechliche Frau, die altersbedingt am Rollator geht: «Dafür bin ich momentan defintiv zu jung.»

Auf dem Bahnsteig komme ich nochmals aufs Thema zurück, weil es Doris war, die mich unterstützte, als ich mich kurz entschlossen entschied, für wenige Tage nach Paris zu reisen.

Was mich schon erneut auf Achse bringt? Beziehungsweise dahin zieht?

Es ist «l’Intensité d’un regard», die Intensität eines Blickes. Im «Musée d’Art Moderne» sind zur Zeit 120 Bilder der mit 31 Jahren verstorbenen, deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die wesentlich die Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusste, ausgestellt. «Es gibt Dinge», sage ich zu Doris in diesem Zusammenhang, «für die ist man weder zu alt und noch zu jung, sondern im genau richtigen Alter – egal, ob jung oder alt.»

So bin ich nun auf dem Weg dahin, wo ich eigentlich mit meiner Schwester hinfahren wollte. Doch ihre Agenda war mit meiner nicht kompatibel, oder meine nicht mit ihrer. Schade. Aber weil ich weder aufschieben noch begraben will, was ich will – unter anderem auch aktives Auftanken neuer Eindrücke – reise ich nun alleine in die Hauptstadt Frankreichs – ein halbes Jahr nach dem Massaker im Theater Bataclan und zwei Wochen vor dem Eröffnungsspiel der Fussball Europameisterschaften.

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