«Ehe für alle»

So wie Ende letzter Woche habe ich schon lange nicht mehr geweint – nicht aus Trauer, Freude oder Schmerz – weder seelischem noch körperlichem. Vielleicht war ich einfach überwältigt.

Das Resultat des Deutschen Bundestages kannte ich bereits. Ich wusste, dass die Mehrheit dem gemeinsamen Entwurf «Ehe für Alle», den SPD, Grüne und Linke gegen Angela Merkel zur Abstimmung brachten, zugestimmt hatte.

Doch zwei Stunden nach dem geschichtsträchtigten Resultat, als ich mir die digitalisierte Debatte anschaue und Thomas Oppermann, den Fraktionschef der SPD, sagen hörte, dass heute entschieden werde, sei vielleicht nicht gut für die Koalition, aber gut für viele Menschen, denke ich noch kämpferisch, der Mann hat Recht. Ähnlich fühle ich, als er ans Gewissen der Nein-Sager appeliert und ins Mikrofon spricht: «Wenn die Ehe für alle kommt, wird vielen etwas gegeben und niemandem etwas genommen.»

Nach dem einen Redner kommen andere – vor allem integrierende, aber auch ablehnende.

Ein jeder Satz sickert in mich hinein. Ein jedes Votum weicht mein Innerstes auf.

Als dann der Grüne Volker Beck, der ein Politleben lang für die Anerkennung homosexuell Lebender kämpfte, zwischen den beiden Mikrofonen steht und sagt: «Es geht um viel mehr als die Ehe», bricht ihm die Stimme und bei mir bricht der Damm, mit dem ich in meinem lesbischen Leben versuchte, all das Verletzende – von Feinstaublichem bis Grobkörnigem – nicht unter die Haut gehen zu lassen.

Offensichtlich nicht ganz so erfolgreich, wie ich angenommen hatte.

Schwierig heteronormativ Lebenden zu erklären, was alles Verletzend sein kann. Zum Beispiel: Ein schräger Blick. Witze. Zweideutige Bemerkungen. Überhören müssen. Reagieren müssen. Um etwas kämpfen, das für den grössten Teil der Gesellschaft ein Grundrecht ist und für uns, auch in der Schweiz, allenfalls mit einem Sonderrecht geregelt wird. Und zu erfahren, dass der Rest der Gesellschaft dies schon fortschrittlich genug findet. Oder: Nicht integriert, sondern ausgeschlossen sein / werden … auch als Gruppe und Teil der Gesellschaft.

Und und …

Jedenfalls muss es die Summe sein, die sich in meinem Innersten über die Jahre hinweg anhäufte, mich zwar auch kämpferisch, wach, sensibel und stark machte.

Aber nun, beim Zuhören der Bundestags-Voten, kotze ich diese summierten verdrängt-vergessenen Verletzungen in Form von Tränen aus mir heraus.

Es gehe um viel mehr als die Ehe, sagt Volker Beck. Es gehe vor allem darum, dass der Bundestag an diesem Tag anerkannt habe, dass Homosexuelle «Menschen mit gleicher Würde und mit gleichen Rechten sind».

Es muss diese Dimension sein, die meine mir inzwischen lieb gewordenen Ruderkollegin aus Berlin veranlasst, mir, der Schweizerin, um Mitternacht noch ein sms zu schicken. «Ich möchte dir sagen», schreibt die Freundin mit Familie, Enkelkindern und Ziergarten, «dass wir uns sehr sehr freuen über die heutige Entscheidung des Bundestages».

Noch einmal heule ich ganz fest – überwältigt von ihrem Mitgefühl.

 

 

 

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Louisiana heisst das Museum, das an der Öresund-Küste eine halbe Zugsstunde ausserhalb Kopenhagens liegt, und, bei mehreren Tagen Aufenthalt in der Stadt, unbedingt als Topziel eingeplant werden sollte. Nach zwei Tagen Aufenthalt in der dänischen Hauptstadt machen wir, wozu der Reiseführer rät.

Meine langjährigste Freundin und ich, seit Berlin wieder einmal für mehrere Tage gemeinsam unterwegs, reisen nicht ohne Anlaufschwierigkeiten aus der Stadt. Erstes Hindernis ist nicht etwa bei soviel Fahrradverkehr, heil die Strasse zu überqueren, sondern zu einem Ticket zu gelangen. Hier, wo alles auf dänisch erklärt ist, wird die Kreditkarte nicht wie bei uns nach dem Geld-Melkvorgang automatisch ausgespieen und anschliessend auch nicht die Fahrkarte anhand unterstützender Hinweisblinkereien zum Aushändigen ins Fach befördert. Wir probieren, aber schaffen unser Vorhaben erst unter professioneller Anleitung. Dabei realisieren wir, was falsch lief. Wie viele Karten es letztlich sind, die wir ohne Hilfe kauften, ohne sie je in den Fingern gehalten zu haben, werden wir erst Ende des Monats beim Kontrollieren der Abrechnung erfahren …

Nun gut – wir reden uns auf der Fahrt zum Museum den Ärger weg.

Das Gelände des Louisiana Museums ist ein traumhafter Ort. Wir entdecken Eindrückliches, auch von bis anhin Unbekanntem. Dazu zählt Pia Arke (1958 – 2007). Über sie ist selbst im Netz nur Minimalstes zu finden. Die Mutter von ihr ist eine Grönländerin, der Vater ein Däne.

Die in Kopenhagen ausgebildete Künstlerin, dokumentierte unter anderem das Leben der Einheimischen und fand für die postkoloniale Auseinandersetzung in der Fotografie und Kartografie ihre eigene Kunstform. thumb_IMG_2756_1024   (Unten ein Ausschnitt des fünfteiligen Bildes.)thumb_IMG_2757_1024

Auf dem Rückweg holen mich die beiden jungen Menschen, die neben mir im Zug sitzen, zurück ins aktuelle Europa. Sie reden engagiert über Brexit und die fallenden Börsenkurse. Ich hoffe mit ihnen, dass ihre Ängste um die Zukunft ihrer Generation nicht eintreffen werden und ihre Leben dadurch nicht so geprägt werden, dass sie für deren Verarbeitung  nicht wie Pia Arke eine Kunstform suchen müssen.

 

 

Wiedereinstieg

Das Bier gestern an der Bar des Berliner Hotels tat wirklich gut.

Und nun bin ich mit einem Tag Verspätung doch noch in Zürich gelandet. Auch Doris ist nochmals zum Flughafen gekommen, um mich frühmorgens abzuholen. Das Umarmen wird real.

Unterwegs ist nur noch mein Koffer. Er befindet sich irgendwo auf der Welt, nur nicht da, wo ich auf ihn warte. Die Suche nach dem «missing-bag» erhält die Referenznummer 074533359. – Es wird schon werden.

Die neue, unvorhergesehene Situation ist, wie sich herausstellen wird, keine schlechte. Jedenfalls gelingt es mir, mich nicht zu ärgern und mich auf Wesentlicheres, als waschen und aufräumen zu konzentrieren.

Mal abgesehen davon, es mich erschreckt, dass die extremrechte AfD in drei Bundesländern extrem viele – viel zu viele – Wahlstimmen erhalten hat, ist mir nach vier Wochen Island der Wiedereinstig in den Alltag meiner dauerferien recht gut gelungen.

 

«mind»

In der Strassenbahn setze ich mich häufig so, dass ich die Fahrtrichtung im Rücken habe. Weshalb? Die meisten wollen doch sehen, was auf sie zukommt und nicht, woran sie gerade vorbei gefahren sind. Ich bin eben anders.

Wenn ich durch das mir bekannte Zürich fahre, schaue ich gerne in die Gesichter der Mitfahrenden.

Ich studiere ihre Blicke. Einige schauen in sich hinein, andere auf den Bildschirm ihres Handys oder in die kleinformatige Gratiszeitung, nochmals andere sehen, ohne in sich hineinzuschauen, einfach vor sich hin.

Ich überlege mir, welche Geschichten die Falten in ihren Gesichtern beeinflusst haben mögen – solche, die von Liebe geprägt wurden, von Dramen, von Flucht und Vertreibung.

Auffällig finde ich, bei wievielen Menschen die Mundwinkel nach unten fallen. Das kenne ich auch von mir – je konzentrierter, desto hängender. Sinniere ich darüber, kommt mir seit meiner Rudertour durch Berlin immer wieder der knorrige Kanadier in den Sinn. Als er mich fotografierte, rief er: «Barbara, laugh – lache. Ich werde dir den Unterschied zeigen!» Tatsächlich; er war gross. Er meinte noch: «It will open your mind!»

Fortan machte und mache ich regelmässige Selbstversuche und es verhält sich damit, wie er es sagte. Denn «mind» bedeutet übersetzt nicht nur «Kopf», sondern auch «Geist», «Verstand», «Meinung», «Sinn», «Gemüt» – und noch erstaunlich viel mehr (siehe Link zur Übersetzung).

Danke Peter für deinen Hinweis auf die «mind»-Erweiterung, die tief ins Leben greift.

sowohl als

Heute ist ein einfacher Tag. Die Termine in der Agenda sind sei Wochen schon eingetragen – so wie ich es eigentlich nicht unbedingt gern habe. Lieber fülle ich die weisse Fläche kurzfristig, nach Lust und Laune – sofern sich überhaupt spontan eine richtige Lust auf etwas Bestimmtes herauskristallisiert.

In Berlin war dies fast einfacher. Nicht etwa weil sich in der Grossstadt ein Angebot eröffnete, das um Welten grösser ist, als da, wo ich wohne. Nein, das war es nicht. Aber irgendwie war es gefühlsmässig einfach so, dass in der Auszeit meiner dauerferien der Tag an und für sich schon anders war, als im Alltag, in dem sich ein «alles ist möglich», einfach anders anfühlt.

Gestern, als ich einer Freundin erzählte, dass ich mir jeweils ein bis zwei Tage im Voraus überlege, was ich machen könnte, um mich darauf mit etwas Vorlauf einzupendeln und, sofern notwendig, auch vorzubereiten, sagt sie: «dir Strukturen schaffen».

Ich spüre, dass ich innerlich gegen dieses Wort rebelliere und erkläre, angenommen ich würde gerne über der Nebelgrenze wandern, würde ich dies doch nicht erst um acht Uhr nach dem Frühstück entscheiden, sondern um diese Zeit bereits im Zug sitzen. Ansonsten wäre ich doch für mein Vorhaben viel zu spät unterwegs. «Ausser», sagt sie: «Du passt dein Vorhaben der Zeit an, die dir noch bleibt.»

Bingo!

Eigentlich trifft sie den Nagel auf den Kopf. Ich suche, wenn ich ehrlich bin, beides: sowohl das Ungeplante, das Sinnvolle aus dem Bauch heraus, als auch eine gewisse Tagesstruktur. Heute ist es eine sportlich, gesellschaftliche. Bevor der Ruderbetrieb am Bodensee auf den reduzierten Winterbetrieb umstellt, treffen wir uns im Klub noch einmal, um im Pulk aufs Wasser zu gehen und anschliessend, beim Eindunklen, in der Gemeinschaft bei einem Nachtessen zusammenzusitzen – um über Vergangenes zu reden und für die Zukunft Pläne zu schmieden. Ein Tag wie er mir gefällt, obwohl er schon lange in der Agenda fixiert ist.

aushalten (5)

Ich sitze noch einmal am Fenster in Berlin Mitte – da, wo ich mit meiner Schwester am Abend ihrer Abreise noch über so Verschiedenes redete. Die Autos zischen vorbei, noch immer fällt Regen – bald schon klopft er mir auf Kapuze und Mantel.

Ich trinke Tee und denke: «ja, genau – so ist es». Und zwar, so als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Als hätte sie aufgehört, voran zu schreiten. Meine Schwester pflichtete mir bei, als ich ihr davon erzählte. Sie meinte: «Mir geht es ebenso. Ich kann anderswo  den Alltag einfach besser hinter mir lassen.» Sie könne besser schlafen, sich besser gehen lassen. Dabei wirft sie ihre Arme vom Körper, um dem, was sie sagt, noch mehr Gewicht zu geben: «Alles belastet mich einfach viel weniger.»

Mir geht es ähnlich. Abschalten und treiben lassen, ist mir während dieser Tage besonders gut gelungen. Nicht dass ich auf Aktivismus machte. Nein. Ich war mit einfach mit weit geöffneten Poren unterwegs – so vieles saugte ich dabei auf.

Einmal mehr bin ich darin bestätigt, dass ich in meinen dauerferien regelmässig Pausen machen sollte.

Alles ist gepackt. Ein letztes Mal schliesse ich die Tür, um im «East&Eden» einen letzten Cappucino zu trinken. Und ich freue mich schon jetzt, dass in wenigen Stunden – in «South&Eden» Doris mich am Zürcher Flughafen umarmen wird. Ich bin glücklich über die Nähe, die Distanzen aushält. Da hat es sich ganz unbemerkt reingeschlichen dieses «aushalten».

Das war gestern; und heute hallt das Gestern nach.IMG_2291

Flucht (2)

Er ist ein kleverer Junge. Als ich meine Fahrkarte löse, schiebt er sich langsam in mein Blickfeld. Er zeigt mir, wohin Billet und Rückgeld fallen. In der Hand, mit der er mir Anweisungen gibt, hält er einen leeren Pappbecher, der jede seiner Bewegungen mitmacht.

Zwei Tage später stehe ich mit meiner Schwester und ich am selben Ort. Wiederum lauert der Junge wartend hinter dem Automaten und hofft auf wenige Münzen Trinkgeld. Ich realisiere erst jetzt, dass er hier, in der Wärme der U-Bahnstation, mit Mutter und zwei Geschwistern lebt. Ich frage ihn nach Herkunft und Alter. Er zeigt sieben Finger und sagt: «Rumania.»

Weil ich kategorisch gegen Geldgaben bin, kaufen wir im nahe gelegenen Lebensmittelladen Mandarinen, Bananen sowie Schockolade und überreichen den gefüllten Plastiksack im Vorbeigehen.

In unseren Rücken hören wir Freude.

Geschichten über angekommene Flüchtlinge sind in den Tageszeitungen täglich ein Thema. Immer wieder wird in den Lokalteilen die überforderte Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) heftig kritisiert, die erst vor kurzem im Stadtteil Moabit Zelte aufgestellt hat, …

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… damit die Menschen nicht in Kälte und Regen auf ihre Registrierung warten müssen. In der heutigen «taz.berlin» wirft die Sprecherin für Integration, Migration und Flüchtlinge der Grünen dem amtierenden Sozialsenator (CDU) vor, den Notstand zu inszenieren. Die Politikerin wird mit folgendem Satz zitiert: «Da sollen Bilder produziert werden, die die hilfsbereite Stimmung kippen lassen.»

Dieses Berlin will ich nicht ohne Augenschein verlassen und fahre deshalb mit der U-Bahn nach Moabit. Ich folge dem Strom und keine fünf Minuten später sehe ich, worüber ich oft gelesen habe: die unzählbar vielen Menschen in den von Helfenden verteilten Pelerinen. Sie stehen Schlange vor roten Amtsgebäuden, auch vor der Impfstelle und vor dem Wagen fürs Röntgenbild.

Ich frage mich, wie werden diese vielen Menschen integriert werden können? Welche  Zukunft erwartet sie? Wie wird sich dieses Land entwickeln? Fragen ohne Antworten. Fragen mit Befürchtungen.

Am Ende dieses Nachmittages steige ich wieder einmal am Rosenthaler Platz aus. Ich gehe dem Bahnsteig entlang; mein Blick geschärft. Doch die Bank ist leer, der Junge nirgends.

Ich wünschte mir für sie eine bessere Zukunft.