diesig

Wo anders rede ich momentan mit mehr Menschen als in der Badi? Auch am Dienstag, bei Temperaturen von über 30 Grad, war ich wieder dort, wo, im übertragenen Sinn, mein Stammtisch ist, und von wo aus ich in die Glarner Alpen blicken kann.

Ich treffe mich mit einer Freundin, die zwar fünf Jahre älter ist als ich, sich aber als selbständig Erwerbende erst vor einem halben Jahr pensionieren liess. Irgendwie haben wir es verpasst, uns schon letzte Woche zu sehen. Sie dachte sich, ich würde nach meiner Rückkehr aus Island Ruhe benötigen und ich dachte, ich würde gerne ab und zu in meiner Ruhe gestört und wer Sehnsucht nach mir hat, so meine Überlegung, werde sich sowieso melden. Ein klassisches Missverständnis.

Dabei könnte ich es doch besser wissen, denn während meiner Zeit als Ausbildnerin beim Schweizer Fernsehen habe ich jeweils immer wieder folgende Erkenntnis weitergegeben: In Filmberichten werden Geschichten mit einer bestimmten Botschaft erzählt. Die Empfängerinnen und Empfänger lesen diese Botschaft wiederum, je nach kulturellem und biografischem Hintergrund, anders, als sie beim Realisieren möglicherweise gedacht worden ist. Es ist eine Kunst, den Bericht so klar und einfach zu bauen, dass Missverständnisse so minimal wie möglich sind. Mir ist dies offensichtlich nicht gelungen, ansonsten hätten meine Freundin und ich uns schon letzte Woche zu einem Willkommensschwatz getroffen.

Vielleicht war meine Botschaft zu diesig, so wie die Luft heute über dem Zürichsee, die die Sicht aufs «Vrenelisgärtli» verhinderte, das jeweils nach einem klärenden Regen mit seinem markant, weissen Schneefeld aus der Glarner Bergkette sticht.

«Anyway», heisst jeweils in solchen Situationen unser Motto, das zugleich eine Art  Rettungsanker ist und in diesem Fall so viel bedeutet wie: «Nehmen wir doch nach dem diesigen Start einen neuen Anlauf.» Nicht, dass uns passiert, was dem Vreneli wiederfuhr, als sie trotz mahnenden Stimmen, auf der Bergspitze ein Gärtlein anlegen wollte. Sie stülpte sich, um sich vor Schneefall zu schützen einen Kessel über den Kopf. Doch darauf türmte sich die weisse Masse, nass und schwer, so dass diese die junge Frau unter sich begrub. Seither – so will es die Sage – heisst der Schneefleck, der auch im Sommer von Zürich aus zu sehen ist: «Vrenelisgärtli».

Übertragen auf das Leben und als Vorsatz durchaus empfehlenswert: Diesiges lieber klären, bevor es einen zudeckt.

3 Gedanken zu “diesig

    1. genau in etwa so! allerdings, aber das kennst du sicher aus eigener erfahrung / praxis, ist manchmal hinterher die stimmung etwas diesig bevor sie sich wieder geläutert hat. doch auch dies hat sein gutes. mit lieben grüssen. barbara

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