anders

Das passiert mir selten, den sogenannten Ohrwurm einer Melodie nicht mehr aus dem Kopf zu bringen. Noch seltener passiert’s mir mit Literatur. Doch seitdem ich «Di schöni Fanny» von Pedro Lenz fast in einem Schnurz las, rede ich, still für mich, «liirets mer gäng wi gäng düre Chopf», in der Sprache der Buchhelden. In ihrem Duktus, ihrer Melodie, in ihrem Dialekt des Mittellandes, der nicht meiner ist. Obwohl Olten, der Ankerpunkt der drei Freunde, keine 50 Kilometer Luftlinie von Zürich entfernt ist, von der Stadt also, die mich und meinen Dialekt prägte, reden wir nicht diesselbe Mund-Art.

Wenn «Jackpot», der Schriftsteller («de Schriftstöuer»), der sich unsterblich in Fanny verliebt, erzählt: «Ihri Häng si wermer gsi aus mini» geht es weder um «Hänge», noch um etwas kleines («mini»), das vorbei («aus») ist, sondern um «ihre Hände waren wärmer, als meine». Und derselbe Inhalt ergibt in meinem Zürcher Dialekt: «Ihri Händ sind wärmer gsii, als mini».

Dieser Oltener Sound sitzt noch heute, beim Erwachen, in meinem Kopf und der Flow, mit dem Pedro Lenz, der reale Schriftsteller, seine Typen beseelt, swingt mit mir durch den Tag – nur für mich hörbar. Denn sobald ich laut artikuliere, scheitere ich an der regionalen Sprachbarriere. Wie wenig es braucht, um gleich anders zu sein.

Abschied

Der «Stammtisch» füllt sich immer mehr, je länger der Morgen  – erst recht, weil die Saison schon bald ihrem Ende entgegen geht und unser Sommertreffpunkt demnächst dicht macht. Alle wollen nochmals von allem tanken.

Am Mittag sitzen wir in einer Reihe, wie Zugvögel auf der Leitung, reden und schauen auf den See. Auch wenn zwei fehlen, wer weiss, wann wir das nächste Mal wieder in dieser Kombination hier versammelt sein werden – möglicherweise erst im nächsten Frühjahr bei der Eröffnung der neuen Badesaison.

Ich bin bereits am frühen Morgen gekommen und schätze, nachdem ich den trockenen Badeanzug, der am nassen Körper klebt, endlich in die richtige Form gezerrt habe, in Ruhe  in der «Neue Zürcher Zeitung» Vertiefendes zur Flüchtlingsproblematik zu lesen. Nach dem Theaterbesuch, «Empire» von Milo Rau, bin ich dafür besonders sensibilisiert.

Das Interview mit der kenyanischen Schriftstellerin Yvonne Owour mit dem Titel «Falsch ist die Prämisse: Die werden schon wieder fortgehen» ist aufschlussreich. Sie weist unter anderem darauf hin, dass in ihrem Land das weltweit grösste Flüchtligslager (300’000 Menschen) steht. Ganze Generationen seien dort, in «Dadaab», im Schwebezustand aufgewachsen, weil ihr Herkunftsland keine Heimat mehr sei. «Nur wenn Menschen wirklich ein neues Zuhause finden dürfen, kommen sie zur Ruhe. Und damit auch die Gesellschaft, die sie aufnimmt.» Sie stellt auch fest, dass Europa seine eigene Geschichte anscheinend vergessen hat: «Jahrhunderte lang sind Europäer in andere Teile der Welt gereist und haben sich dort eingelebt. Im Gegensatz zur heutigen Situation sind sie noch viel weitergegangen, haben die Kulturen und Geschichten der dortigen Einwohner in ihrem Sinne umgeschrieben. Daran gemessen sind die heutigen Bewegungen in Europa doch kaum erheblich.»

Endlich ein Artikel mit erweitertem Fokus – richtig wohltuend, nicht was den Inhalt anbelangt. Jedenfalls lege ich ihn zur Seite, um ihn in Ruhe nochmals durchzulesen, was jetzt, als wir zusammensitzen nicht mehr geht. Wir schicken der einen, die fehlt, liebe Grüssen in ihre Strandferien in Italien mit einem Bild unseres Sonnenplatzes und um die andere Abwesende, die gestern ihre Freundin zum Flughafen begleitete, sorgen wir uns. Trotz ursprünglichem Versprechen bleibt sie dem Stammtisch fern. Der Schmerz über den unaufhaltbaren Abschied ist offensichtlich noch grösser, als ich dachte.

(Das ganze Interview mit Yvonne Owour unter diesem Link)

wirklich

Dass ich übersah, was, wenn es zu sehen ist, sich so prachtvoll über alles erhebt, realisierte ich erst, als ich vor dem Gemäuer des Landesmuseums stand, vor dem Komplex, der moderne und alte Architektur so harmonisch, ergänzend miteinander verbindet. Da wurde mir bewusst, dass ich hier so aufmerksam alles anschaute und ich es verpasste, dasselbe davor ebenfalls zu machen.

Weshalb wohl?

Weil mir der andere Anblick seit Jahren eine Badesaison lang so vertraut ist.

Die Sonne ist etwas zwischen stechend heiss und wärmend kühl, der See noch so glatt, wie er nur am Morgenfrüh sein kann, als ich heute, so wie gestern wieder ins Seebad Enge komme und noch bevor ich mich an meinen, mir liebsten Tisch setze und in die Ferne schaue – ins Nichts des Dunsts.

Vielleicht war es gestern eben so. Vielleicht auch nicht. Sah ich die Berge nicht, weil sie gestern, so wie heute, ebenfalls verborgen waren. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Wäre ich eine Touristin und erstmals in Zürich sähe ich am Horizont des langgezogenen Sees bloss dieses Weiss und sonst nichts. Weil ich aber hier lebe und mein Hirn auch das Bild ohne das Weiss, das wie ein Vorhang vor einer Kulisse hängt, schon so oft abspeicherte, weiss ich, dass sich dahinter die Glarner Alpen und das «Vrenelisgärtli» verstecken und sehe deshalb eine Kombination von beidem.

Jedenfalls nehme ich mir vor, meinen Sinnen wieder vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken und unterbreche auch deshalb das Zeitungslesen, um der Frau, die sich neben mich setzt, weil sie diesen Platz ebenso liebt, wie ich, mitzuteilen, dass sich die Alpen heute hinter viel Weissem verstecken. Einfach, damit sie es nicht übersieht. «Ach, ja », sagt sie. «Wirklich.»

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stolz

Mein Portemonnaie lässt sich seit Wochen nicht schliessen, da der Druckknopf nicht bis zu seiner dafür vorgesehenen Haftung passt. (Ob dieser Begriff wohl der korrekte ist? – Egal, sicherlich ist er genügend gut gewählt, so dass sich die Leserin darunter das von mir gemeinte vorstellen kann). Der Grund für meine fette Geldbörse ist ein einfacher: Die nicht verkonsumierten tschechischen Kronen tragen mehr auf, als sie wert sind.

Überhaupt fragte ich mich damals, als Doris und ich uns für unsere Reise nach Prag vorbereiteten, «how comes?»! Die tschechische Republik gehört doch seit über 10 Jahren zur EU – genauer: seit 2004 – und hält noch immer an ihrer eigenen Währung fest. Nun gut, ich als Schweizerin, die in ihrem Alltag für alles, was kostet, keine Euros, sondern Franken und Rappen ausgibt, sollte diesbezüglich lieber ruhig sein.

Deshalb wechsle ich, nachdem ich am Bahnhof die gut 2000 Kronen gegen 91 Schweizer Franken eintauschte, auch das Thema.

Gegenüber des Zürcher Hauptbahnhofs protzt seit 1898 das Landesmuseum, ein Burgen ähnlicher Bau des Schweizer Architekten Gustav Gull. Da all das sammelwerte, schweizerische kulturhistorische Gut mehrerer Jahrhunderte drohte, die Burg aus ihrer Festung platzen zu lassen, steht nun, 118 Jahre später, hinter der sanierten Trutzburg ein  Erweiterungsbau. Zwei junge Schweizer Architekten gewannen vor über 10 Jahren den Wettbewerb mit ihrer Vorstellung einer noch grösseren Museumsburg.

Ich umkreise Neues, das sich mit Altem verbindet. Verbündet. Ich, die Touristin in der eigenen Stadt. Nicht fremd, wie ich es in Prag war. Und anschliessend in Dresden und davor in Kopenhagen. Aber auch neugierig; auch mit dem Blick der Fotografin, die festhalten will, was fest hält und nicht festzuhalten ist.

Weshalb mache ich es trotzdem?

Weil ich richtig stolz bin, dass ich in dieser Stadt wohne, deren Bevölkerung sich damals, trotz massivem Widerstand einer Gruppierung, an der Urne zum 111 Millionen-Vorhaben bekannte.

Und nun stehe ich also vor dieser Umsetzung, vor diesem Gemäuer mit fröhlich, glücklichem Herzen. Ich finde das Ensemble toll und bin, so absurd es sich anhören mag, über diese innovative Architektur in «meiner» Stadt so was von stolz.thumb_IMG_3530_1024

 

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Weil mein Festhalt-Versuch wirklich ein etwas kläglicher ist, hier noch der Link zu weiteren Bildern.

schliesslich

«Konzept»

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(siehe 21.6.)

Wer gestern dauerferien lesen wollte, sah weiss. Möglicherweise fragtest du dich, was soll das? Möglicherweise sahst du im gerahmten Weiss, was du wolltest – auch Inspirierendes oder nichts. Möglicherweise wundertest du dich einfach über mich, die Blogschreiberin.

Zu «Konzept» animierte mich die «Manifesta», eine drei Monate dauernde Kunst Biennale, die unter diesem Markennamen alle zwei Jahre in einer andern Stadt gastiert. Nach St. Petersburg, Rotterdam, Nikosia … wurde für die elfte Ausgabe Zürich auserwählt und über alles ein echt zürcherisches, bzw. schweizerisches Thema gesetzt, das – oh, wie überraschend – «What People do for Money» lautet.

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Möglicherweise auch einen Kopfstand.

Nun gut, die Idee, die hinter Manifesta steht, gefällt mir. Die auf dem Zürichsee schwimmende Plattform ist toll, auch anderes. Wie zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen Kunstschaffenden und Berufsleuten, die sich zusammenfinden, um Erfahrungen aus Arbeitswelt und Kunst in Künstlerisches umsetzen.

Aus der Begegnung zwischen Jorinde Voigt  und meinem Ruderkollegen Melchior Bürgin, Bootsbauer und mehrfacher Europa- und Weltmeister im Rudern, ist bei der Auseinandersetzung «Stress und Freiheit» entstanden – zum einen zu sehen in der Werkstatt, zum andern im Museum (siehe Bild).

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Im selben zeitgenössischen Zürcher Museum ist auch Kunst zu sehen, die vor Jahren geschaffen wurde. Diese hängt wie Wäsche zwischen Eisenstangen.

Auch hier lasse ich das Aufgehängte auf mich wirken uind versuche zu lesen, was Texte und Beschriftungen zusätzliches aussagen. Doch bei «Manifesta 11» muss ich dafür – Ausnahmen bestätigen die Regel – entweder auf die Zehnspitzen oder in die Knie.

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Ärger.

Ich konfrontiere die junge Frau, die alles überblickt. Ich frage sie, ob diese unmögliche Beschrifterei Konzept sei: «Will Manifesta manifestieren, dass diejenigen die nach Herkömmlichem suchen, für Geld selbst in die Knie gehen?» (A-propos: die Saisonkarte kostet 150 Schweizer Franken und die Tageskarte 25 Franken).

Daraufhin lächelt sie. Ihre Augen leuchten begeistert, als hätte ich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihre tiefgründig formulierte Antwort bleibt indessen nichtssagend. Aber ihr Tonfall hört sich an, als sei ich eine richtige Sachverständige und Kunst-Intelektuelle.

Was soll’s, wir haben jedenfalls miteinander geredet, auch das ist Konzept und schliesslich lassen wir einander beide im Glauben zurück, dass wir das Gesagte glauben. Oder will mich Manifesta, darin bestärken, dass schliesslich alles Konzept sein kann.

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Wer weiss.

Privates

Ich lese Worte wie «fliessen», «Natur», «sammeln». Die Frau, die dies schreibt, speichert ihre Gedanken im Programm «Notizen» ihres Smartphones. Anschliessend beantwortet sie das eingegangene sms von «J.» und teilt ihr neue Termine mit, die sie mit «Grüsse Nati» losschickt.

Weshalb ich all das weiss? Weil die Frau im Ohrsessel sitzt, ich ihr über die Schultern blicke und sie die vergrösserte Schrift benutzt, die ich wiederum lesen kann.

Weshalb ich alles mitlese? Weil ich mich da befinde, wo Privatheit animiert wird und diese durch gedimmtes Licht, entsprechenden Objekten und Accessoires ebenso Privates und Intimes zulässt, ohne dass man sich schämen muss, weil, wer sich darin bewegt, nicht anders kann, als an dieser Intimität teilzunehmen; sich ihr jedenfalls nicht entziehen kann.

Entrinnen ist unmöglich.

Am Ort der gedimmten Umwelt ist im Eck, hinten rechts, das Schlafzimmer. Im Bett, über dessen weisses Lacken Sterne flirren und eine Frau einem Mann nachschwebt, liegen sich zwei Kinder in den Armen und ein alter Mann döst; ihre Schuhe schön ordentlich neben dem Bett. Wenige Meter daneben ist das Esszimmer mit Stühlen um den runden Tisch. Eine Frau nimmt aus dem Bastkorb einen Apfel, beisst ihn genüsslich an und legt zum Schluss das «Bütschgi», das Kerngehäuse, auf den Porzellanteller, der aus Grossmutters Geschirrschrank sein könnte. Ich nehme, nachdem ich genug habe vom über die Schultern schauen, auch noch an dieser Szenerie teil, schliesslich steht auf der gehäckelten Decke über der Rückenlehne «bitte Platz nehmen».

Über mir und den andern schwebt ein grosser Leuchter – statt einfallendem Licht, das sich in den Kristallen wiederspiegelt, ist es ein farbenfrohes Video, das über weisse Unterhosen verschiedener Modelle und Grössen streift – nochmals, beziehungsweise hier wie überall Intimes, das private Geschichten erzählt.

So verspielt, privat, intim, charmant sind die Installationen von Pipilotti Rist, der Schweizer Künstlerin, deren Gesamtausstellung im Zürcher Kunsthaus noch bis am kommenden Sonntag zu sehen ist. Von ihrer Kunst, die davon lebt, dass das Publikum Teil des Dekors wird, lasse ich mich heute (das heisst gestern Dienstag) bereits zum zweiten Mal aufsaugen. Und deshalb lese ich mit, wenn im Smartphone Privates gespeichert wird, als gehörte diese Aktion zur Stubeninstallation.

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Schnecke

Die einen hüten, wenn sie pensioniert sind, noch regelmässiger ihre Enkelkinder, andere leben in den Tag oder reisen noch häufiger als früher. Und er, der 73-jährige, hütet von Montag- bis Freitagnachmittag «sein Kind», das er vor bald acht Jahren dem Nachfolger übergeben hat.

Am Montag treibt mich mein «Gluscht» auf etwas Süsses durchs Quartier. Als ich um die eine bestimmte Ecke biege, sehe ich sogleich, dass das, was mich unter anderem hierhin schlendern liess, bereits weg ist – die in Teig gebackenen Apfelringe. Dennoch nehme ich die drei Tritte, weil mir «Oski» entgegenlacht, als er mich sieht.

Wir begrüssen uns, wie wir das schon seit Jahren machen: «Sali, wie häsch es?» und die Antwort auf die Frage nach dem Befinden ist durch den Tonfall schon gegeben, ohne dass noch gesagt werden muss «guet».

Er zählt auf, was an Süssem zu dieser Zeit noch übrig geblieben ist. Ich wähle «contre coeur» eine Alternative und erkundige mich, als Pensionierte, ob es ihm, als Pensioniertem, gefalle, noch regelmässig im Laden der Bäckerei zu stehen, die nicht mehr die seine ist.

Drei Tage, wie bei der Übergabe einmal abgemacht, wären ihm lieber. Aber seine Herzallerliebste, sagt er, hätte bei der Bitte nach vermehrter Präsenz nicht nein sagen können.

Auf meine Bemerkung «typisch Salamitaktik» schmunzelt er und meint:  «Wenn du den kleinen Finger reichst, dann …» Dabei würde er gerne einfach so und ohne all die Werktätigen zur Rigi hochfahren oder auch einmal für etwas länger unterwegs sein, als dies früher möglich war.

Ich kann ihn bestens verstehen und sage es auch.

Das Gespräch unter uns Fachverständigen können wir diesbezüglich nicht mehr weiterzuführen. Der Laden füllt sich, wie meistens. Ich verabschiede mich, indem ich ihm symbolisch noch den positiven Gedanken über den Ladentisch werfe und sage, dass wir, die Kundschaft, froh sind, dass «sein Kind», die Quartierbäckerei, noch immer existiert – «nicht zuletzt dank deiner Anwesenheit, Oski!»

Seine Augen strahlen, noch mehr als sonst. Denn dieses Kompliment scheint für ihn ebenso süss zu sein, wie die Schnecke, die ich auf dem Heimweg genüsslich verzehre.

wählen

Wenn … wäre … hätte … von diesen Worten ist unser früher Morgen dominiert; angeregt durch den Dokumentarfilm «Sonita», den Doris und ich am Vortag im Kino sahen.

Kurz worum es sich dabei handelt: Sonita, ein aus Afghanistan geflohenes Mädchen, beginnt im Iran dank einem Heim für Strassenkinder im Leben wieder Fuss zu fassen. Ihre Liebe gilt dem Rap. Ihr Drama ist, dass sie für 9000 Dollar an einen Mann verkauft werden soll, damit sich wiederum ihr Bruder mit diesem Geld seine Braut erkaufen kann. Gegen diese Ungerechtigkeit rappt Sonita, stellt ihren Song auf Youtube, was wiederum dazu führt, dass sie entdeckt und heute in den USA gefördert wird. Der Dokumentarfilm der Iranerin Rokhsareh Ghaem Maghami, die Sonita während dreier Jahre mit der Kamera begleitete, lässt die Zuschauerin einmal mehr in Armut und soziale Abgründe blicken, in fundamental-religiös geprägte Familientraditionen, in denen Frauen rechtlos sind.

Nach dem Film einmal mehr die grosse Dankbarkeit, dass ich geboren worden bin, wo ich lebe und fassungslos gegenüber der gesehenen Realität.

Deshalb auch unser Gespräch am Nachfolgetag, das mit «wenn», «wäre», «hätte» angehäuft ist – mit dieser Hypothese, was wäre, wenn Menschen frei über ihr Leben entscheiden könnten, frei ihre Wünsche äussern könnten, ohne dass eine Machthierarchie, die sich legitimiert über Geld, Korruption und Religion, so viel Menschen, vor allem Frauen, unterdrücken würde.

Was wäre, wenn Sonita, die nie an flüchten dachte, dort, wo sie geboren wurde, selber über Berufs- und Partnerwahl entscheiden könnte? Würde sie, die nie fort wollte, nicht wohler bei in ihrer Familie, in ihrer Kultur als anderswo?

Wäre die Gesellschaft nicht eine auch an Glück reichere, wenn Frauen frei entscheiden könnten, was sie lernen, mit wem sie zusammenleben möchten?

Hätten Kinder nicht eine unbeschwertere Jungend, wenn sie in einer Gemeinschaft aufwachsen könnten, welche sich ohne Zwang zusammengefunden hätte?

Wäre, hätte, würde … Die voranschreitende Zeit beendet unsere Diskussion. Beide verschwinden in ihre Richtung, beide in eine frei gewählte.

Schwalben

Ich sitze in Doris‘ Auto, blicke über die Weite des Bodensees, die Sonne, eine rote Kugel, ist eben erst aufgegangen. Ich wähle den Rückwärtsgang und fahre dahin, woher ich eben erst gekommen bin. Denn mit Rudern ist um diese Zeit noch nichts, das Wasser zu bewegt.

Etwas später stehe ich am Bahnhof in Romanshorn, weil ich nun von dort nach dort will. Der Zug ist bereits seit fünf Minuten ohne mich unterwegs und der nächste fährt wegen Bauarbeiten erst in 55 Minuten und ich denke, einmal mehr: Was will ich eigentlich dort?

Dies fragte ich schon am frühen Morgen Doris. Weshalb fahre ich jetzt schon nach Zürich? Turnen ist ja erst abends!

Sie sagte zu recht, sie wisse es auch nicht!

Ich nickte.

Wenig später fahre ich dennoch los.

Allerdings stehe ich dann am Hauptbahnhof Zürich ähnlich «lost» und trotzdem heiter wie das Plüschli, dem ich vor zwei Tagen im Untergrund des Bahnhofs begegnet bin und telefoniere meiner langjährigsten Freundin. Mein Anruf holt sie unter der Dusche hervor, meine spontane Fahrt in ihre Stadt bringt ihr Programm durcheinander und drei Stunden später, auf der Rückfahrt, freue ich mich über ihre Kurzmitteilung «Danke fürs Rausholen aus eingeübtem Trott».

Nun sitze ich in meinem Büro, wo ich seit Island erstmals wieder die Rollläden hochgekurbelt habe, am offenen Fenster. Das Quartier wohltuend in meinen Ohren, blättere ich Seite um Seite im Buch, das mir meine Freundin empfahl, als wir noch vor kurzem an der wärmenden Sonne sassen, und zu dem die Buchhändlerin meinte, sie würde mich um den Nachmittag beneiden, an dem ich darin lesen könne.

«Und was hat das mit mir zu tun?»

Diese Frage, die zugleich auch Buchtitel ist, bewegte Sacha Batthyany, seiner Familiengeschichte während des zweiten Weltkrieges nachzuspüren. «Es war das Massaker an 180 Juden», schreibt der Journalist am Ende des ersten Kapitels, «das mich meiner Familie näherbrachte».

Ich lese und lese und schliesse die Rollläden erst wieder, als ich fürs Turnen weiter muss.

Liebes «Kollektiv Warum» – so habe ich heute meine Zeit verbracht (siehe gestern «warum 3»). Ziehe ich Fazit, kann ich sagen: Auf meinem Weg durch den Tag entdeckte ich zu meiner Freude bereits die dersten Schwalben und dazu noch anderes Bereicherndes, obwohl ich im Moment jeweils meist nicht wusste, weshalb ich es so und nicht anders mache.