U70 (= unter 70 Jahre)

Apropos München: Als meine Schwester und ich auf unserer Kulturreise zusammen gemeinsam frühstückten und dabei zum Englischen Garten blickten, der mit seinen 375 Hektaren einer der grössten Parkanlangen der Welt ist, war es trotz des vielen Blattgrüns bereits morgens um neun Uhr heiss. Ich erschien deshalb im kurzen Jupe – ein Kleidungsstück, dessen Vorteile ich erst seit etwa zwei Jahren geniesse. Davor ging alles nur in Hosen – da bequemer, da weniger kompromittierend beim Sitzen.

Als wir unser Tagesprogramm besprechen, meint meine Schwester, sie würde gerne ihr weites Kleid anziehen, das sei einfach luftiger. «Doch», gibt sie zu bedenken: «Da passen einfach keine Halbschuhe dazu.»

Weniger konform als meine Schwester meine ich, diese Kombination würde doch «lässig» aussehen. «Und», füge ich hinzu: «Kann dir doch egal sein, wie es ausschaut. Hauptsache: es ist bequem.»

Als wir uns durch die Stadthitze quälen und trotzdem glücklich sind, ist sie froh, um die unkonforme Lösung, die soviel Komfort mit sich bringt – nämlich: kühlenden Wind unter das Kleid und sicheren Tritt bei all den Unebenheiten. Sie sagt: «Das ist eindeutig ein Kompromiss ans Alter – ohne geschlossene Halbschuhe fühle ich mich inzwischen einfach unsicher.»

Dies – nebst vielem anderem – schätze ich an meiner Schwester, die fünf Jahre älter und mir diesbezüglich um einige Schritte voraus ist: Sie jammert nicht über Vergangenes, sondern richtet sich nach dem Jetzt, das nicht mehr ist, wie es einmal war. Oft ist sie mir auch darin um einige Schritte voraus.

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säen

Ernten, was man sät – ist ein beliebtes Motto. Und es hat etwas an sich. Gestern konnte ich von den Bohnen ernten, die Doris im Frühjahr gesteckt hat und von den Himbeeren essen, für deren Stauden wir im Frühjahr die Vorrichtung erneuert haben, die Halt bietet.

Ernten konnte ich auch für meine Dokumentarfilme, die ich in den vergangenen Jahren realisiert hatte, indem mir die Menschen von sich erzählten. Möglich war dies nur, weil ich im Voraus Vertrauen aufbaute. Noch heute, wenn ich um meine Erfahrungen als Journalistin gefragt werde, gebe ich dem Gegenüber diesen, für mich wichtigsten Grundsatz auf den Weg: Ernten kann man nur, was man zuvor gesät hat.

Im angrenzenden Garten zu «Dorisgärtli» ist im Frühjahr wie immer gesät worden. Doch nun ist die Kraft fürs Einsammeln nicht mehr vorhanden und dem Gewachsenen fehlt deshalb sichtbar die Pflege. Die Gärtnerin mag nicht mehr. Sie hat im vergangenen Jahr um einiges gealtert und sich deshalb entschieden, im Herbst mit ihrem Mann zusammen Haus und Garten nach über vier Jahrzehnten zu verlassen. «Vieles», hat sie am Morgen zu Doris gesagt, als sie nach der grossen Hitze erstmals wieder in ihrem Reich anzutreffen war: «Vieles werde ich vermissen, um einiges bin ich froh, dass es sich verändert.»

Abschied, nicht nur vom Lebenszyklus der Pflanzen, gehört ebenfalls zum Säen.

diesig

Wo anders rede ich momentan mit mehr Menschen als in der Badi? Auch am Dienstag, bei Temperaturen von über 30 Grad, war ich wieder dort, wo, im übertragenen Sinn, mein Stammtisch ist, und von wo aus ich in die Glarner Alpen blicken kann.

Ich treffe mich mit einer Freundin, die zwar fünf Jahre älter ist als ich, sich aber als selbständig Erwerbende erst vor einem halben Jahr pensionieren liess. Irgendwie haben wir es verpasst, uns schon letzte Woche zu sehen. Sie dachte sich, ich würde nach meiner Rückkehr aus Island Ruhe benötigen und ich dachte, ich würde gerne ab und zu in meiner Ruhe gestört und wer Sehnsucht nach mir hat, so meine Überlegung, werde sich sowieso melden. Ein klassisches Missverständnis.

Dabei könnte ich es doch besser wissen, denn während meiner Zeit als Ausbildnerin beim Schweizer Fernsehen habe ich jeweils immer wieder folgende Erkenntnis weitergegeben: In Filmberichten werden Geschichten mit einer bestimmten Botschaft erzählt. Die Empfängerinnen und Empfänger lesen diese Botschaft wiederum, je nach kulturellem und biografischem Hintergrund, anders, als sie beim Realisieren möglicherweise gedacht worden ist. Es ist eine Kunst, den Bericht so klar und einfach zu bauen, dass Missverständnisse so minimal wie möglich sind. Mir ist dies offensichtlich nicht gelungen, ansonsten hätten meine Freundin und ich uns schon letzte Woche zu einem Willkommensschwatz getroffen.

Vielleicht war meine Botschaft zu diesig, so wie die Luft heute über dem Zürichsee, die die Sicht aufs «Vrenelisgärtli» verhinderte, das jeweils nach einem klärenden Regen mit seinem markant, weissen Schneefeld aus der Glarner Bergkette sticht.

«Anyway», heisst jeweils in solchen Situationen unser Motto, das zugleich eine Art  Rettungsanker ist und in diesem Fall so viel bedeutet wie: «Nehmen wir doch nach dem diesigen Start einen neuen Anlauf.» Nicht, dass uns passiert, was dem Vreneli wiederfuhr, als sie trotz mahnenden Stimmen, auf der Bergspitze ein Gärtlein anlegen wollte. Sie stülpte sich, um sich vor Schneefall zu schützen einen Kessel über den Kopf. Doch darauf türmte sich die weisse Masse, nass und schwer, so dass diese die junge Frau unter sich begrub. Seither – so will es die Sage – heisst der Schneefleck, der auch im Sommer von Zürich aus zu sehen ist: «Vrenelisgärtli».

Übertragen auf das Leben und als Vorsatz durchaus empfehlenswert: Diesiges lieber klären, bevor es einen zudeckt.

Weisses (2)

Nach dem Turnen bin ich mit dem Fahrrad an meinem Atelier vorbeigefahren und schaute zu den heruntergelassenen Rollläden hoch. Seit meiner Rückkehr aus dem siebenwöchigen Urlaub war ich noch nie in meinem Büro. Denn, so wie heute Montag, habe ich mir vergangene Woche ebenfalls Hitzeferien zugestanden. Obwohl ich im Sinn hatte, wenigstens meine Filmaufnahmen, die ich in Island für mein Dokumentarfilmprojekt realisierte, zu transkribieren, war ich noch keine Stunde in meinem Büro. Meinen beiden Lohnzahlern ist dies egal: die Renten von AHV und Pensionskasse werden mir erstmals seit diesem Monat automatisch auf mein Konto überwiesen. Sie interessiert nicht, ob ich mir Hitzeferien oder Arbeit verordne. Sie fragen sich viel eher, wenn sie über die demografische Entwicklung nachdenken, wie lange es für Renten reichen wird. Das Bundesamt für Statistik kommentiert die entsprechende Grafik folgendermassen: «In den kommenden dreissig Jahren verändert sich die Alterspyramide. Aus der Tanne wird eine Art Urne». Wenn ich das Bild betrachte, könnte man auch sagen «Apfel» oder «Suppenschüssel» – nein, die Interpretierenden wählen den Begriff, wo das Leben endet: in der Urne.

Doch darüber haben sich meine Schwester und ich keine Gedanken gemacht, als wir uns nach meinen Ferien erstmals wieder trafen. Als Ort der Begegnung wählten wir das Frauenbad mit Blick auf die wunderbare Kulisse von Zürichs Altstadt. Abgekühlt und im Schatten sitzend, wünschten wir uns, einen gemeinsamen Museumsbesuch in München, um zusammen das Werk zweier Künstlerinnen anzusehen: «RING MY BELL» von Zilla Leutenegger, einer zeitgenössischen Schweizer Künstlerin und «Strukturen des Daseins: Die Zellen» von Louise Bourgeois, die 2010 annähernd 100-jährig starb. – So wird aus der Tanne unweigerlich eine Urne, denke ich, als ich zu Hause online die Fahrkarten bestelle und mich erst recht freue, dass meine Schwester und ich in unseren Agenden zwei Seiten nur Weisses fanden, zwei Tage ohne fixe Termine, die uns den gemeinsamen Museumsbesuch ermöglichen.