lachen

Für mich ist es ein wunderbarer, visueller «Knochen», der mir auf dem ländlichen Wochenmarkt zugeworfen wird. Ich und Doris bestellen am Käsestand laibhafte Köstlichkeiten, als sich sich der Stämmige an zwei Krücken ins Bild schiebt.

Auf seinem blauen Leibchen steht in gelben, durch den Bauch gewölbten Buchstaben: «im Ruhestand». Darunter etwas feiner in der Schrift «im Stress», «keine Zeit», «Termine vier Wochen im Voraus abmachen». Ich lache ihn an, sage, dass ich dies ebenfalls kenne. Und schon ist das Gespräch in vollem Gang, in das sich seine Frau, drahtig und im Gebahren lebendiger als er, ebenfalls einschaltet und dabei recht bald ihre Alter nennt: Er werde im Winter 90-jährig und sie sei auch schon 87.

Ich bemerke, halb im Witz, dass zum runden Geburtstag sicherlich der Gemeindepräsident einen Blumenstrauss vorbei bringen werde.

Und nun  ist es wiederum sie, die meinen verbalen Knochen auffängt und etwas vom Thema ablenkend sagt, für die Gartenarbeit könnte sie noch Unterstützung brauchen. Da Doris Garten genügend Arbeit abwirft, reagieren wir darauf nicht, sondern bestätigen sie darin, dass es wirklich immer genügen zu tun gibt. «Ja», meint sie und steuert nun auf das Positive zu: «Das Dranbleiben hält mich beweglich, ansonsten wäre es darum geschehn.»

Wenig später sitzen Doris und ich bei Kaffee und Croissant. «Das Fenster zur Strasse ist wie Fernsehen», bemerkt die Frau im Service, als sie uns zuhört. Wir sehen die beiden Alten vom Käsestand. Sie, um einige Schritte schneller als er, zieht hinter sich die Einkaufstasche auf Rädern. Er folgt ihr im Schleichgang, seine Beine den Krücken hinterher setzend.

«Wenn du dir vorstellst», sagt Doris, die mit mir Fenster-TV schaut, «27 Jahre, das ist ja noch eine halbe Ewigkeit.» Dann wäre sie ebenso alt, wie die Gärtnerin. Ob sie dies allerdings erreichen möchte, fragt sie sich hörbar laut. Worauf die Frau am Nebentisch, die bis dahin diskret in der Gratiszeitung blätterte, sich ebenfalls ins Gespräch einschaltet und sagt: «Dieses Beispiel macht wenigstens Mut.»

Beim Abschied wünschen wir uns einen guten Tag und, dem Gesprächsinhalt entsprechend, fügen wir hinzu: «Auf gute Jahre!» und machen uns auf unsern Weg.

Glücklich und lachend geben wir uns die Hand. Auch wenn am Abend, als wir die Schlagzeilen zu München lesen, unsere Zuversicht gedämpft wird.

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Vielfalt

Über meine beiden, um eine Generation älteren Freunde habe ich oft und viel geschrieben – auch schon ein ganzes Buch. Diese um einige Jahre zurückliegende Zusammenarbeit hat uns Nähe, Vertrauen, Verbundenheit geschenkt.

Seitdem sehen und hören wir uns regelmässig, zwar nicht häufig, aber so, dass die Verbundenheit hält. Sie wissen, wo ich im Leben stehe und ich, wie sie unterwegs sind.

An der Gay Pride sah ich nur den einen, weil der andere krank im Bett lag und auch der Dritte in ihrem Bund kränkelte. Er fühle sich ebenfalls nicht so fit, wie sonst, sagt er mir im Getümmel der Regenbogenfamilie. Deshalb höre er sich bloss die Reden an, danach verschwinde er gleich wieder. Mehr liege diese Mal nicht drin.

Die Grippe hat ihn, den Robusteren der beiden Gleichaltrigen, dann doch auch noch erwischt. Als ich telefoniere, lacht er schelmisch – nun sei alles überstanden. Ganz seinem Charakter entsprechend, sieht er in Kranksein und Genesen vor allem das Gute. Er sagt, in seinem Alter würden die Kräfte vorzu schwinden. Und nun, endlich, spüre er seit langem wieder einmal, das Erstarken. «Das ist ein super Gefühl!»

Ich lerne vom inzwischen 86-jährigen Männerpaar vorzu. Auch weil sie, ganz im Gegensatz zu meinen Eltern damals, sich nicht mit einer Mauer vor Blicken schützen, die  in ihren Garten des Lebens schauen und mich teilhaben lassen an der Vielfalt, auch des Blühenden und Verblühenden.

 

Freude

Wie versprochen, melde ich mich, wenn sich was tut. Und heute (also gestern Freitag) beobachte ich tatsächlich Kundschaft, die im Anflug ist und so beschäftigt mit Entdecken, dass ich sogar fotografieren kann! Tatsächlich besuchen Bienen unter meiner Observation das Hotel, das ich, unter kräftigster Mithilfe meines Arboner Freundes, für sie konstruierte und das nun seit einer Woche in Doris‘ Gärtli steht – «Freude herrscht».

p.s. Diese Wendung wählte Adolf Ogi, als er als amtierender Bundesrat den ersten Erde umkreisenden Schweizer Astronauten Claude Nicollier begrüsste.

Nach diesem kurzen Exkurs in die Schweizer Unterhaltungspolitik folgt nun das Bienen-Paparraza-Bild:

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und noch mit der digitalen Lupe vergrössert:

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Ziel

Vorankommen ist, wenn …

Mein Projekt ist beendet und hat die Werkstatt bereits verlassen. Seines ist auf gutem Weg, so weit fertiggestellt zu sein, dass es an seiner vorübergehenden Wirkungsstätte zur Vollendung nur noch zusammen gesetzt werden muss. Dies wird anfangs Juli sein, wenn es gilt, Vögel vor dem Traubennaschen zu verscheuchen.

Und meines, das vorgezogene Geburtstagsgeschenk, steht bereits an seinem Bestimmigsort, in Doris Gärtli.

Was habe ich im Laufe der Woche gelernt? Zum Beispiel, dass eine Anleitung – ob ausgedruckt oder als Film angesehen, nicht genügt. Auch bei dreien blieb es teilweise missverständlich, ob beispielsweise die Löcher der Rundhölzer durchgebohrt werden müssen oder nicht. Einprägsam jedenfalls war der Satz: «Wildbienen lieben keinen Durchzug.» Doch da das Hotel nicht nur Bienen beherbergen wird, gibt es, wenn ich andere Beschreibungen studiere, Insekten, die Durchzug durchaus lieben.

Gelernt habe ich, dass ein Entstehungsprozess seine Zeit braucht. Oder auch, dass die einen Menschen (mein Arboner Freund) die Symmetrie über alles lieben und andere (zum Beispiel ich) die Asymmetrie. Letztlich haben wir uns gefunden in der Gleichmässigkeit und in der Ungleichmässigkeit und beides hat uns vorangebracht, bzw. ans Ziel.

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Veränderung

Ihr Garten grenzt an «Dorisgärtli». Vor genau vier Monaten habe ich über sie und ihre bevorstehenden Veränderungen in «säen» geschrieben.

Nun sind beide – sie und ihr Ehemann – noch einmal vorbeigekommen. Ein letztes Mal, wie er zu Doris sagt. Er packt das Auto mit Kartonkisten. Sie, die im vergangenen Jahr um einiges gealtert hat, schaut. Überlegt. Gibt sich innerlich, so scheint es mir, einen Ruck und geht zu den drei Treppentritten, die zu Kiwis und Rosen führen. Sie stockt. Den letzten Tritt schafft sie nicht.

Sie kehrt, schaut zu ihm. Wortlos.

Er wendet sich, geht zielstrebig zum Gartenhaus, das er nie mehr benutzen und gebrauchen wird. Ein letztes Mal verschwindet er darin und kehrt kurz darauf zurück – in der Hand die Gartenschere.

Sie steht nun auf dem Gehsteig, der an ihren Garten grenzt und betrachtet die noch blühenden  Rosen, die sie mit ihm zusammen über vier Jahrzehnte gepflegt hat. Ein letzter Blick – ein Erinnern, Einprägen, Mitnehmen.

Ihre Hände legt sie wie eine Betende um letzte Blüten, zieht einzelne zu sich. Zart. Noch einmal dieser Duft.

Dann schneidet sie sich mit der gereichten Gartenschere eine einzige rote Knospe, setzt sich mit ihr ins Auto, er schliesst die Hecktür und steigt ebenfalls ein. Ich sehe den beiden beim Wegfahren nach und frage ich mich, als stille Beobachterin, wie sie diesen Schritt der Veränderung wohl schaffen.

vergangen

Gestern.

Doris und ich kommen nach gemeinsam verbrachten Ausspanntagen nach Hause. Ich sehe den Baum vor meiner Wohnung in der Verwandlung des radikal vorangeschrittenen Herbstes. 56 Stunden später (siehe Vorfreude) stimmt die Assoziation mit Segantinis Tryptichon «sein – werden – vergehen» schon nicht mehr.

IMG_2461Ich sage deshalb zu Doris: «Eigentlich müsste es inzwischen vergangen heissen.» Denn kein einziges goldenes Blatt hängt mehr an «meinem» Baum.

Vergangen ist auch unsere 3-tägige Rudertour rund um Zürich- und Obersee. Zurück bleiben  schöne Momente rund ums Wunder Natur und sich begegnen.

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Anschliessend fahren Doris und ich noch von dort (Zürich) nach dort (Romanshorn). Diese Formulierung habe ich speziell für die Romanshorner Freundin gewählt, die sich für meine zwei Welten ein spezielles Glossar wünschte.

Vor dem Haus begegnen wir den Nachbarn. Sie packen zwei Autos voll mit Persönlichem, das sie an den neuen Wohnort mitnehmen wollen. Vergangen ist auch diese Zeit, wo sie und er dem Garten schauten.

Tröstlich, dass trotz der Abschiede immer wieder Neues entstehen kann; sein – werden – vergehen – vergangen.