722

Es ist tatsächlich so, wie alle bereits im Voraus prophezeiten: Die Vogalonga kann nicht übertroffen werden. Diesen, in nichts zu übertreffenden, farbenfrohen Anlass muss jede Ruderin, jeder Ruderer wenigstens ein Mal erlebt haben. So überheblich sich die Aussage auch anhören oder lesen mag, inzwischen gebrauche auch ich die Formulierung so überzeugend wie alle andern, die die «Weihe» hinter sich haben!

Die Stimmung in Venedig, das jeweils am Pfingstsonntag zum Mekka der Ruderwelt wird, ist schlichtweg einmalig. Tausende von Menschen jubeln, grölen, klatschen, pfeifen zu Land und auf dem Wasser, wenn es morgens, Punkt neun Uhr, am Markusplatz böllert und sich die 1800 international besetzten Boote auf die Stecke, die über Burano und Murano führt, aufmachen. Und Tausende von Menschen jubeln nochmals, wenn 30 Kilometer und einige Stunden später all die Teilnehmenden in ihren teilweise geschmückten und beflaggten Ruderbooten, Kanus, Drachenbooten, Gondeln … im Canale Grande dem Ziel entgegen rudern. Ein unvergessliches Erlebnis – auch als unserer Crew von der schwimmenden Insel aus, das Zielhaus auf Höhe des Markusplatzes, zum Andenken Medaillen zugeworfen werden und es kurz darauf aus dem Lautsprecher scheppert: «Mit der Nummer 722 – Dora, René, Reto, Doris, Barbara!»

Um ehrlich zu sein, da spüre ich bereits zum zweiten Mal die Gänsehaut auf meinem Körper.

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bewahren

Am Samstag hatte ich den letzten Surftag in Reykjavík; zeitloses Sein.

Es treibt mich wie ein Blatt im Wind durch die Altstadt, bis dass ich im Untergeschoss des Keramikateliers und bei Kogga hängen bleibe. Sie, in etwa so alt wie ich, arbeitet hier in ihrer Werkstatt. Als sie mich hört, wechselt sie vom Atelier in die kleine Ladenfläche, wischt ihre Hände übers weisse Overall, es knistert, begrüsst mich und verschwindet wieder.

Ich schaue mich um, keine Dutzendware, die irgendwo einen blau-weiss-roten Klecks in den Farben der isländische Flagge hat. Koggas Keramik ist einfach eigen. Kleine Einzelteile formt sie zum vorgesehenen Objekt, bevor es gebrannt wird. Die Aussenfläche rauh, wie Lava.

Als sich Kogga wieder zeigt, beginnt während des Formulieren meiner Begeisterung, behutsam ein Gespräch, das irgendwann beim Thema überbordender Tourismus landet. Sie hält mit Kritik an der eigenen Bevölkerung nicht zurück. «Wer Geld riecht», sagt sie, «verliert leider langfristiges Denken.» Als eine Art Beweis, dass sie anders ist und nicht aus berechnenden Gründen die Innenstadt zum Arbeitsplatz gewählt hat, zieht sie aus dem Gestell eine isländische Illustrierte – sie und ihr Mann auf dem Titelbild, datiert von 1987. Sie sagt, seit 30 Jahren schon schaffe sie hier für ihre Kunst: «Alles ist noch so wie damals» und fährt mit dem Finger übers Foto, zeigt darauf auf einzelne Stelen, die sich 2016 tatsächlich noch am selben Ort befinden.

Sie sagt, am Tourismus störe sie vor allem, dass dem kostbarstem Gut Natur und für deren Wertschätzung, nicht die entsprechende Sorge getragen wird. Sie erzählt von den Fremden, die in riesigen Vierrad-Gefährten, deren Räder Menschengrösse übersteigen, durch alles pflügen und keine Gefahren kennen. Hauptsache es macht Spass. Zuerst der eigene Outdoor-Adventure-Trip und dann lange nichts mehr. Sie zeigt während des Erzählens auf ihre Arme: «Sieh, ich reagiere darauf mit Gänsehaut.» Und ich wiederum mit wässrigen Augen.

Bei meinem Weitertreiben switche ich gedanklich nach Berlin. Die ehemalige DDR-Spitzensportlerin, die ich im Herbst auf der Rudertour traf, hatte ebenfalls Gänsehaut auf den Armen, als sie mir erzählte, wie es für sie war, nach dem Fall der Mauer erstmals über die Obertorbrücke zu schreiten, damals als sich zwei Welten wieder vereinten.

Und hier, in Island, so meine Überlegung nach dem Besuch bei Kogga, darf nicht sein, dass sich diese einzigartige Welt nicht zu teilen beginnt, in Naturzerstörende und Naturbewahrende.

 

 

 

Gänsehaut (2)

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Dieses Mal schaffen wir die Vorgabe. Wir stehen pünktlich in der Hotellobby. Doch nun ist es der Busfahrer, der uns mit seiner 30-minütigen Verspätung den Rückstand aufs Tagesprogramm beschert.

Wir nehmen’s sportlich, denn schliesslich regnet’s und somit ist der Donnerstag ein Tag, an dem es nur diejenigen ins Freie treibt, die müssen oder unbedingt wollen. Unsere Rudertruppe aus Kanada, Australien, USA, Deutschland und der Schweiz gehört zur zweiten Kategorie.

Heute bin ich der «Amsterdam» zugeteilt – ein Boot mit vier Ruder- und einem Steuerplatz. Wir – vier Frauen und ein Mann – sind die ersten, die losrudern. Es regnet. Ich sitze am Schlag, wie man in unserer Sprache sagt, und gebe den Takt, den Rhythmus vor. Die Frau, die uns an diesem Morgen auf den Kanälen durch die Stadt steuert, sitzt direkt vor mir und sieht, was auf uns zukommt. Ich frage sie, die für eine kanadische Firma Küchen designt und bloss zwei Ferienwochen erhält: «Kennst du den Weg?». «Nein.»

Wir legen die Ruder aufs Wasser und warten auf das nächste Boot. Denn selbst unsere «Amsterdam»-Tagesverantwortliche hat keine Ahnung, welche Kanäle wir anpeilen, um das Ziel zu erreichen. Ich denke an meine Arboner Freundin, die hätte schon längst «Vögel bekommen», wie man bei uns sagt.

«Kennt ihr den Weg», rufe ich den nächsten zu, als sie auf gleicher Höhe sind. «Nein!»

Letztlich warten wir aufs letzte Boot, weil da die beiden Ortskundigen sitzen. Mit soviel Ahnungslosigkeit habe ich zu Beginn des Tages nicht gerechnet. Doch auch dies nehmen erstaunlicherweise alle sportlich, inklusive mir.

Der Regen klopft auf Kopf und Kleider.

Es regnet auch als wir den Fotohalt machen – da, wo noch ein Stück Mauer ist, die drei Berlin typischen «Männeckes» aus dem Wasser ragen und diejenige Brücke die Spree überquert, wo sich vor 25 Jahren Ost und West umarmte. Da, wo unsere deutsche Ruderin am 9. November ebenfalls stand und noch heute Gänsehaut kriegt, wenn sie von diesem historischen Tag erzählt. Ich höre sie in ihrem Boot darüber reden.

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Gänsehaut (1)

Das Tagesprogramm unserer Rudertour durch Berlin beginnt mit mindestens einer Stunde Verspätung. Das war am Montag so, am Dienstag ebenfall und heute wahrscheinlich auch. Doch ich nehme es, wie es kommt.

Wir fahren mit dem Bus durch die Grossstadt. Er befördert die bunt zusammen gewürfelte Truppe aus Kanada, USA, Australien, Deutschland und der Schweiz zum Ausgangspunkt. Ich sitze neben der einzigen Deutschen im Team, weil ich mit ihr in meiner Sprache reden kann und weil ich am Abend zuvor erfahren habe, dass sie eine ehemalige Spitzenruderin der DDR war. Selbstverständlich fasziniert mich diese Ausgangslage.

Auf der Fahrt erzählt sie begeistert von ihren ausgedehnten Tagestouren, die sie schon hinter sich hat. Meist sind diese in der Umgebund durch unendlich viel Natur. Sie sucht im elektronischen Fotoalbum, streckt mir ihr Handy entgegen mit Bildern von spiegelnden Landschaften und sagt, als ich über die geruderten Distanzen staune, es müsse sich ja lohnen, den «Arsch» zu heben. Dabei ist sie Zahnärztin und nicht unterbeschäftigt.

Als wir an einem Rest Mauer vorbei fahren, rufen die einen im Bus, wonach die andern laut fragen: «THE WALL!?» Ich schaue ebenfalls auf das Stück Geschichte; sie sucht währenddessen nach Familienbildern – von Sohn (Computerfachmann), Tochter (ebenfalls Zahnärztin) und vier Enkelkindern.

Erst als sich wenig später die Brücke über die Spree mit den beiden Türmen aus Backstein links und rechts des Ufers in ihr Blickfeld schiebt, hält sie inne: «Hier bin ich gestanden. Die Massen haben von beiden Seiten geschoben», erzählt sie. Mit dem Trabi sei sie nach dem Volleyballtraining hierher gefahren, weil sie nicht geglaubt habe, was ein Kollege erzählte. «Siehste», sagt sie und streicht sich dabei über den nackten Unterarm: «Jetzt krieg ich wieder diese Gänsehaut!» Tatsächlich.

Übrigens: Die Verspätung holen wir nicht mehr ein – das schwindende Tageslicht beendet unsere Tour vorzeitig und schenkt mir eine weitere Begegnung. Als die einen müde und erschöpft im Hotelzimmer verschwinden, treibt mich der Hunger ins Kebap, das als einziges noch Licht hat. Drei Männer sitzen beim Bier – sie sind nicht unbedingt von der Sorte, die ich zwingend kennen lernen muss, wenn sie auf auf ihren Jacken nicht dieses Emblem tragen würden, das mich sagen lässt: «Guten Abend, Kollegen». Dabei zeige ich auf mein Seeclub Arbon-Abzeichen. «So was gibt’s ja nicht!», sagen sie, als ich mich ganz selbstverständlich zu ihnen setze und wir in der Ruderfamilie unseren Erlebnissen austauschen. Da kann ich nun so richtig punkten.