reflektieren

Offensichtlich waren mein Arboner Freund und ich nicht die einzigen, die am vergangenen Mittwoch am Ufer des Bodensees standen, staunten und das grosse Wettertheater einfach nur noch grandios fanden. Zur Erinnerung noch einmal das Bild zu «grandios».

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Denn heute lese ich im Regionalblatt, dass es sich bei diesem Schauspiel um ein seltenes Phänomen handelte, das letztmals 2013 zu sehen war.

Solch eine spektakuläre Wolkenformation bilde sich, so in der Thurgauer Zeitung nachzulesen, wenn sich auf der Seeoberfläche die Kaltluft ausbreitet und das steil einfallende Sonnenlicht von den Eiskristallen in alle Richtungen reflektiert wird.

Beim Betrachten des Bildes und Lesen des Textes spinne ich den Faden weiter. Ich denke, wie wäre eine Gesellschaft, die Meinungen in alle Richtungen reflektiert, anstatt festgefahrenes, einziges in Stein zu meisseln? Vielleicht wäre dies das Rezept für Gemeinschaften, die allzu häufig mit viel Kaltluft auf all das reagieren, was sich ausserhalb ihrer Vorstellung und ihrer vorgegebenen Norm bewegt.

Wie die Natur zeigt, braucht es für einmalig Spektakuläres das Reflektieren.

 

 

ausgerechnet

In der tiefe jedes Einstiches meines Stockes zeigt sich der Schnee in hellem, aquelliertem Blau. Ich prüfe wieder und wieder. Was ich vor drei Tagen entdeckte, wiederholt sich in jeder neu erwanderten Gegend. Ich frage Jean-Marc, unseren Tourenleiter, der Island als ausgewanderter Franzose wohl besser kennt, als viele auf der Insel Geborene.

«The sky. Im Loch findet sich der Himmel wieder», ist seine Antwort.

Es ist keine wissenschaftliche Erklärung, sondern etwas zum Nachdenken. So ist Jean-Marc ebenfalls – nicht nur ein verlässlicher «Guide», sondern auch ein Philosoph. Eine Mischung aus meditierendem Jogi und einem Pfad suchenden Indiander.

Im labyrinthischen Gebiet, das schwarze Kirche genannt wird, und nur im Winter abseits der vorgegebenen Wege begehbar ist, verliert er die Orientierung nie, obwohl es das Land der Trolle ist, die durch ihre interpretierbaren, erstarrten Formen Mythen und Sagen entstehen lassen – auch dass Menschen nie mehr zurückgekehrt sind. Hier durchqueren wir an unserem letzten Schneeschuh-Wandertag Senken und Höhen, wo Birken und Kiefern wachsen.

Wir staunen. Denn Bäume sind auf dieser kargen Insel eine Seltenheit. Unsere Frage, weshalb ausgerechnet hier, ist deshalb nur naheliegend. «Frag sie selber», sagt er, «früher gab es möglicherweise Menschen, die ihre Sprache verstanden.» Nach einer Pause macht er den Link zu uns. Er fragt in die Runde: «Ist es uns jeweils klar, weshalb wir wo sind?» Mir jedenfalls nicht immer so wie an diesem Tag, als ich durch diese bizarre Landschaft wandere.

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Tüll

Wir sitzen gemüglich beim Nachtessen. Der Himmel ist, nachdem es einen Morgen lang geregnet hat, wieder sternenklar. Ein aufgeregter Gast sucht bei uns in der Veranda den Besitzer und erklärt uns weshalb. Er finde den Schalter nicht, um die Lichter vor seiner Unterkunft zu löschen. Die Nordlichter, sagt er, würden sich zeigen und die könne er doch nur im Dunkeln fotografieren.

Mit der Nase am Glas schaue ich durchs Fenster. Ich sehe feine Streifen von schwachem Grün, so wie gestern und vorgestern schon. In aller Ruhe reden wir weiter. Ich konstatiere, in einer Mischung aus französisch und englisch, da ich keine der beiden Sprachen locker über die Lippen bringe: «Wir sind schon abgebrüht.» Am ersten Tag rannten wir – das dänische Paar, das Paar aus der Westschweiz und ich – noch nach draussen. «Für diese Wenigkeit», bestätigt mich die Lausannerin, «stellen wir uns heute nicht in den Wind.»

Im Wohnzimmer der Guesthouse Familie, das an den Essraum grenzt, läuft ein auf isländisch untertitelter Film. Irgend ein Mann jagt einer Maus nach. Die Angestellte, die jeweils nicht mehr, als guten Tag sagt, sitzt im Sofa und sieht sich das an. Auch sie reissen diese Lichter nicht mehr vom Hocker.

Wenig später öffnen wir auf der gegenüberliegenden Seite die Haustür, um uns in unsere Zimmer zurückzuziehen. Am Himmel die Nordlichter – da, wo wir sie nicht im Auge haben konnten, spielen sie noch schöner als bisher.

Dafür stellen wir uns nun tatsächlich in den kalten Wind. Denn ganz so abgebrüht wie Einheimische, sind wir doch wiederum nicht. Sie werden durch noch Spektakuläreres verwöhnt. Aber wir lassen uns von dem Grün bezirzen, das wie ein feiner, sich zu Formen bildendem Tüll im nachtdunkeln Sternenhimmel von Osten nach Westen zieht.

 

Pracht

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Wir wandern mit unsern Schneeschuhen über die Caldera, da wo sich 1984 letztmals die heisse Lava der «Krafla» über die Ebene ausgebreitete. Da, wo nur im Winter ein Durchkommen ist. Fallender und verblasener Schnee die Räume zwischen den erstarrten, rauhen Gebilden aufgefüllte und uns dadurch das Ausmass erlebbar macht. Haben wir den vermeintlichen Horizont erreicht, eröffnet sich ein neuer.

Die Hügel, die die Caldera umgeben, dampfen. Entweichende Wärme bringt den Schnee zum Schmelzen, die Erde zum Grünen. Mystisch. Es könnten durchaus Elfen sein, die uns begleiten, tanzend, und entschweben.

Die Natur, die uns auf unserer Wanderung erst nur Auschnitte zeigt, so als ob sie möchte, dass wir sie im Einzelnen bewundern. Um uns dann, wenn sie sich uns öffnet, zu überwältigen – in ihrer Pracht und Unendlichkeit.

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bewahren

Am Samstag hatte ich den letzten Surftag in Reykjavík; zeitloses Sein.

Es treibt mich wie ein Blatt im Wind durch die Altstadt, bis dass ich im Untergeschoss des Keramikateliers und bei Kogga hängen bleibe. Sie, in etwa so alt wie ich, arbeitet hier in ihrer Werkstatt. Als sie mich hört, wechselt sie vom Atelier in die kleine Ladenfläche, wischt ihre Hände übers weisse Overall, es knistert, begrüsst mich und verschwindet wieder.

Ich schaue mich um, keine Dutzendware, die irgendwo einen blau-weiss-roten Klecks in den Farben der isländische Flagge hat. Koggas Keramik ist einfach eigen. Kleine Einzelteile formt sie zum vorgesehenen Objekt, bevor es gebrannt wird. Die Aussenfläche rauh, wie Lava.

Als sich Kogga wieder zeigt, beginnt während des Formulieren meiner Begeisterung, behutsam ein Gespräch, das irgendwann beim Thema überbordender Tourismus landet. Sie hält mit Kritik an der eigenen Bevölkerung nicht zurück. «Wer Geld riecht», sagt sie, «verliert leider langfristiges Denken.» Als eine Art Beweis, dass sie anders ist und nicht aus berechnenden Gründen die Innenstadt zum Arbeitsplatz gewählt hat, zieht sie aus dem Gestell eine isländische Illustrierte – sie und ihr Mann auf dem Titelbild, datiert von 1987. Sie sagt, seit 30 Jahren schon schaffe sie hier für ihre Kunst: «Alles ist noch so wie damals» und fährt mit dem Finger übers Foto, zeigt darauf auf einzelne Stelen, die sich 2016 tatsächlich noch am selben Ort befinden.

Sie sagt, am Tourismus störe sie vor allem, dass dem kostbarstem Gut Natur und für deren Wertschätzung, nicht die entsprechende Sorge getragen wird. Sie erzählt von den Fremden, die in riesigen Vierrad-Gefährten, deren Räder Menschengrösse übersteigen, durch alles pflügen und keine Gefahren kennen. Hauptsache es macht Spass. Zuerst der eigene Outdoor-Adventure-Trip und dann lange nichts mehr. Sie zeigt während des Erzählens auf ihre Arme: «Sieh, ich reagiere darauf mit Gänsehaut.» Und ich wiederum mit wässrigen Augen.

Bei meinem Weitertreiben switche ich gedanklich nach Berlin. Die ehemalige DDR-Spitzensportlerin, die ich im Herbst auf der Rudertour traf, hatte ebenfalls Gänsehaut auf den Armen, als sie mir erzählte, wie es für sie war, nach dem Fall der Mauer erstmals über die Obertorbrücke zu schreiten, damals als sich zwei Welten wieder vereinten.

Und hier, in Island, so meine Überlegung nach dem Besuch bei Kogga, darf nicht sein, dass sich diese einzigartige Welt nicht zu teilen beginnt, in Naturzerstörende und Naturbewahrende.

 

 

 

vor mir

Noch nicht einmal auf dem Flughafen, um nach Island zu fliegen – und ich habe für die fast zwei Wochen, die ich nach dem Reiten und vor dem Schneeschuhwandern in Reykjavik verbringen werde, bereits einiges an kulturellem Konsumgenuss organisiert. Denn den Vorreisetag verbrachte ich mit mich schlau machen, was es so alles geben könnte.

Und?

Gefunden und gekauft habe ich jetzt schon den Dauerpass fürs «Stockfish Film Festival», das abgesehen davon auch noch in meinem Lieblingskino durchgeführt wird: im «Bíó Paradís». Was für ein schöner Name, Kino Paradis! Vielleicht heisst es so, weil es eine Reminiszenz an «Cinema Paradiso», den italienischen Film aus den späten Achtzigern ist. Darin erzählt Giuseppe Tornatore die Geschichte der Menschen eines Dorfes auf Sizilien und ihres Kinos über eine Zeitspanne von mehr als 40 Jahren. Im Reykjaviker «Bíó Paradis» jedenfalls war ich im letzten Frühjahr öfters anzutreffen, weil es mir Räumlichkeiten und Programm angetan hatten. Da sah ich den Film, der jetzt auch auf Europas Festland zu sehen ist: «Virgin Mountain», erzählendes Kino aus Island.

Im Reisegepäck habe ich zudem ein Billet für die finnische Band «Värttinä» – drei singende Frauen, die von einem Akkordeonisten begleitet werden; Traditionelles mit Modernem mischen. Und auch eine Karte für das Arvo Pärt-Konzert in der «Harpa», dem 2011 eröffneten Wahrzeichen der Hauptstadt, das nach Bankenkrise und Investorenpleite in die Hand von Staat und Stadt überging und mit seiner wabenartigen Glasfassade eine architektonische Attraktion darstellt.

Ja, auf all das – auf entdecken und eintauchen, freue ich mich!

Und?

Auf Inspirationen, so wie es mir gestern eine Kommentarschreiberin gewünscht hat.

Und noch etwas: Alles liegt noch vor mir, auch das Abschiednehmen von Doris.