bewahren

Am Samstag hatte ich den letzten Surftag in Reykjavík; zeitloses Sein.

Es treibt mich wie ein Blatt im Wind durch die Altstadt, bis dass ich im Untergeschoss des Keramikateliers und bei Kogga hängen bleibe. Sie, in etwa so alt wie ich, arbeitet hier in ihrer Werkstatt. Als sie mich hört, wechselt sie vom Atelier in die kleine Ladenfläche, wischt ihre Hände übers weisse Overall, es knistert, begrüsst mich und verschwindet wieder.

Ich schaue mich um, keine Dutzendware, die irgendwo einen blau-weiss-roten Klecks in den Farben der isländische Flagge hat. Koggas Keramik ist einfach eigen. Kleine Einzelteile formt sie zum vorgesehenen Objekt, bevor es gebrannt wird. Die Aussenfläche rauh, wie Lava.

Als sich Kogga wieder zeigt, beginnt während des Formulieren meiner Begeisterung, behutsam ein Gespräch, das irgendwann beim Thema überbordender Tourismus landet. Sie hält mit Kritik an der eigenen Bevölkerung nicht zurück. «Wer Geld riecht», sagt sie, «verliert leider langfristiges Denken.» Als eine Art Beweis, dass sie anders ist und nicht aus berechnenden Gründen die Innenstadt zum Arbeitsplatz gewählt hat, zieht sie aus dem Gestell eine isländische Illustrierte – sie und ihr Mann auf dem Titelbild, datiert von 1987. Sie sagt, seit 30 Jahren schon schaffe sie hier für ihre Kunst: «Alles ist noch so wie damals» und fährt mit dem Finger übers Foto, zeigt darauf auf einzelne Stelen, die sich 2016 tatsächlich noch am selben Ort befinden.

Sie sagt, am Tourismus störe sie vor allem, dass dem kostbarstem Gut Natur und für deren Wertschätzung, nicht die entsprechende Sorge getragen wird. Sie erzählt von den Fremden, die in riesigen Vierrad-Gefährten, deren Räder Menschengrösse übersteigen, durch alles pflügen und keine Gefahren kennen. Hauptsache es macht Spass. Zuerst der eigene Outdoor-Adventure-Trip und dann lange nichts mehr. Sie zeigt während des Erzählens auf ihre Arme: «Sieh, ich reagiere darauf mit Gänsehaut.» Und ich wiederum mit wässrigen Augen.

Bei meinem Weitertreiben switche ich gedanklich nach Berlin. Die ehemalige DDR-Spitzensportlerin, die ich im Herbst auf der Rudertour traf, hatte ebenfalls Gänsehaut auf den Armen, als sie mir erzählte, wie es für sie war, nach dem Fall der Mauer erstmals über die Obertorbrücke zu schreiten, damals als sich zwei Welten wieder vereinten.

Und hier, in Island, so meine Überlegung nach dem Besuch bei Kogga, darf nicht sein, dass sich diese einzigartige Welt nicht zu teilen beginnt, in Naturzerstörende und Naturbewahrende.

 

 

 

10 Gedanken zu “bewahren

    1. ich bin dann allerdings noch einer jungen frau begegnet, die in ihrem studium von biologie auf tourismus-entwicklung umsteigen wird, weil sie es der wert findet, mitzuhelfen, für ihr land einen guten weg zu finden! lieber gruss barbara

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  1. Die Lavakeramik hätte ich auch gerne gesehen ! Der Massentourismus ist halt ein echtes Problem für die Umwelt, andererseits leben viele Menschen davon. Wie überall muss man eben den Mittelweg finden. Aber die Isländer sind doch ein begabtes Völkchen. Ich finde es sehr bewundernswert, wie sie die Bankenkrise gemeistert haben

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  2. Liebe Barbara,
    diese Begegnung mit der Künstlerin, stelle ich mir sehr interessant vor und hatte auch ein bissel Gänsehaut, beim Lesen. Wenn ich bei Blogfreunden, die Reiseberichte schreiben und wie jetzt eben grad bei dir, lese, gehe ich gerne auf Seiten von verschiedenen Online-Reiseführern.
    Da habe ich eben dies gefunden:
    http://www.inreykjavik.is/kogga/

    Ja, ich hoffe auch immer, so wie Kogga, das der Massentourismus nicht zur völligen Zerstörung der Natur führt.

    LG Uschi

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    1. da gibt es ja das absurdeste – ein abspulen, ein sammeln von … eigentlich alles gegen die lebensart wie sie hier in diesem land herrscht, das man erfahren, erleben will. hier prallen zwei verschiedene lebenshaltungen aufeinander: nehmen, was der tag schenkt (island-like) und nicht bestimmen, was der tag hergeben muss!

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