Zeit

Das habe ich gerade noch gebraucht: Als ich gestern, nachdem ich «lernen» geschrieben hatte, mit dem Velo noch zur Zürcher Landiwiese fuhr, mich an der Abendkasse des Theaterspektakels in die Wartereihe stellte, von der Glücksfee dann doch nicht geküsst wurde und mich daraufhin wieder auf den Heimweg machte, begegnete ich einer, im doppelten Sinn, alten Fernsehkollegin.

Kaum haben wir uns begrüsst, fragt sie mich: «Bist du noch dabei?»

«Nein, seit erstem Juli nicht mehr.»

«Dann hast Du es ja noch vor dir», sagt sie.

Ich ahne zwar, was sie meint. Dennoch frage ich zurück: «Was meinst Du?»

«Das Gröbste steht dir noch bevor.» Sie ist davon überzeugt, weil sie von sich aus geht. Sie erzählt, dass ihr die Pensionierung erst wie Ferien vorgekommen sei. Aber dann sei dieses Gefühl von Verlust aufgetaucht. Ihr fehle, führt sie aus, dass sie nicht mehr mitten drin stehe und automatisch durchtränkt werde von diesem Nachrichtenfluss. «Es braucht unheimlich viel Energie, um sich alles selber zu holen. Und davon habe ich immer weniger», sagt die bald 70-jährige. Aus diesem Grund hat sie vor kurzem ihr angefangenes Kinoprojekt begraben, das der «krönende» Abschluss ihrer Berufstätigkeit hätte werden sollen.

Vieles kommt mir dabei bekannt vor. Denn ich kenne sie als lebendige Frau voller Ideen, die sich allesamt nie einfach umsetzen liessen. Einzelne kamen nicht zu stande – auch weil ihr der Körper früher schon Limiten setzte.

Nun atmet sie tief durch und findet die Krönung ihres heutigen Tages sei, dass sie es geschafft habe 100 Bücher auszusortieren. Sie ist sichtlich erleichtert. Und wiederum ahne ich weshalb, frage dennoch «Was ist der Grund?» und bin überrascht: Nicht von der Tatsache, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes «aufräumen» will, sondern dass der Auslöser die Aufhebung des Grabes ihrer Mutter war. «Es ist, als sei sie erst gestern gestorben», sagt sie: «Dabei war es vor 30 Jahren.» Doch erst jetzt realisiere sie, wie schnell die Zeit vergehe.

Wir verabschieden uns. Sie geht dahin, wo ich keinen Platz mehr ergattern konnte. Wer weiss, denke ich, vielleicht wollte die Glücksfee diese Begegnung aus der ich mit der Erkenntnis nach Hause fahre, dass alles seine Zeit braucht.

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2 Gedanken zu “Zeit

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