surfen

Wir haben vor Jahrzehnten zusammen das Büro geteilt, weil wir für dieselbe Redaktion Filmgeschichten realisierten. Er war damals schon ein begeisterter Fahrradfahrer. Mit seinem Rennvelo überquerte er Pässe – und zwar, wenn er mal loslegte, nicht nur einen. Dann zogen wir weiter, beide zu einer andern Sendung und sahen uns dadurch nur noch selten. Er war, was das Denken und Handeln anbelangte, immer ein Alternativer, ein Radikaler. Trotzdem schaffte er den Hierarchieschritt und blieb dennoch ein toller Kollege.

Und nun steht er, mit einem Bier in der Hand, angelehnt an einen Türpfosten und ich stolpere beinahe über seine Füsse. Eine gefühlte Ewigkeit ist’s her, seit wir uns letztmals sahen. Umso mehr freuen wir uns über das unverhoffte Zusammentreffen. Auf seine Frage «was machst du?», sage ich, was ihn wiederum nicht erstaunt: «Ich bin pensioniert.» Allerdings, ergänze ich, bin ich nicht mehr aktiv wie du. Denn er, 10 Jahre älter als ich, blieb nach seinem Abgang aktiv und realisierte noch regelmässig Filme – meist für Hilfswerke.

Das war einmal, meint er. Inzwischen habe er sogar sein Top-Rennrad seinem Sohn vermacht. Zu viele seiner inzwischen ebenfalls alten Kollegen seien mit dem Fahrrad gestürzt und mit gebrochenen Knochen im Spital gelandet. Vernünftig, denke ich und sage: «Da habe ich es mit Rudern einfach besser – aber nur solange ich es noch schaffe, ins Boot zu sitzen». Und schliesslich landen wir wieder beim Arbeiten, weil ich wissen will, womit er sich derzeit auseinandersetzt. Er mache nichts mehr, er habe aufgehört, erzählt er mir. Doch seitdem gebe es oft Tage, sagt er, wo er sich frage: «Und? Was mache ich heute?»

Um mit dieser Frage zu erwachen, erwiedere ich, muss nicht erst 74 werden, wie du. Dieses Gefühl kenne ich schon heute, mit 65. Wir lachen. Er bleibt mit dem Bier in der Hand stehen und ich surfe weiter durch meinen Tag.

 

 

 

 

14 Gedanken zu “surfen

  1. Ich wünsche mir bis zum Ende beides, diese Tage an denen ich mich erst frage, wonach mir der Sinn steht und die Tage an denen ich meinen Projekten folge, soll heissen, ich wünsche mir immer wieder neue Projekte, wünschen darf ich ja, ich bin ja auch erst 60 – lach…
    liebe Grüsse
    Ulli

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  2. Silke G. schreibt:

    „Durch den Tag surfen“ – das gefällt mir: das freie, leichte Gleiten durch bewegte Elemente…
    Vor Jahren habe ich eine Postkarte mit einem Schwarzweißfoto erstanden, die immer noch in Sichtweite hängt und mich jedesmal im Vorbeigehen zum Schmunzeln bringt: eine Frau in langem, strengem, schwarzem Gewand springt/tanzt einen Holzsteg, offenbar an einem Strand, entlang, mit fliegenden Haaren unter einem schief sitzenden Hut, den riesigen schwarzen Regenschirm, vom Wind umgeknickt, fast wie ein Segel beim Windsurfen (!) hinter sich in die Luft reckend – ein Bild der Lebensfreude in all dem Grau und Schwarz. Im Himmelsgrau ein Zitat von Rahel Varnhagen:
    „Was machen Sie?
    Nichts.
    Ich lasse das Leben auf mich regnen.“
    Ich wünsche eine schöne Reise durch den Tag.
    Silke

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  3. „Surfen“ beschreibt es gut, dieses durch den Tag kommen – auf den Wellen reiten, oder sich absinken lassen in die Täler, auf denen unangestrengtes Gleiten möglich ist.
    Es ist wohl für jeden individuell verschieden, wie man sich auf diese scheinbar unverplanten Tage einlassen kann und will. Hat man ein Ziel vor Augen, oder ist das Surfen schon Ziel genug.

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