Küche

Einmal in der Woche bringt sie frisches, selbstgemachtes Naturyoghurt, das sie bei sich im Garten am offenen Feuer zubreitet, so wie sie es schon ihre Mutter machte und sie es von ihr übernommen hat. Dies versuchte sie mir einmal in ihren Worten zu erzählen, als ich mir Zeit nahm, mit ihr einen Kaffee trank und ihr sagte, dass mir ihr Yoghurt speziell gut schmecke – es sei eine Delikatesse, wie man sie nirgendwo kaufen könne.

Doch meistens geh ich ihr aus dem Weg, wenn ich dort bin und sie da ist, weil sie die Räume auf ebenfalls eine spezielle Art für sich vereinnahmt, um sie so putzen zu können, wie sie es für richtig findet  – mit viel Wasser und viel stark riechendem Putzmittel, so dass sie, nachdem sie gegangen ist, noch über Stunden präsent bleibt. Oft ist mir alles zu intensiv und ich verziehe mich, noch bevor ich sie höre.

Heute nicht. Weil ich einen Kuchen backen will. Als sie kommt, stehe ich in der Küche und frage sie, wie es ihrer Familie geht. «Gut», meint sie, «den Kindern und auch dem Mann.» Da ich aus andern Gesprächen weiss, dass sie aus dem kurdischen Gebiet nahe der syrischen Grenze stammt, wiederhole ich meine Frage mit dem Zusatz «der Familie deiner Familie»?

Fast dankbar ums Nachfragen, bricht Aufgestautes aus ihr heraus. Das Attentat auf die Hochzeitsgesellschaft, dieser Schrecken mit den vielen Toten, war in «meinem» Dorf. Eine Mutter hat keine Kinder mehr. «Vier sind tot.» Als ich wissen will, ob auch ihre Familie bei der Hochzeitsfeier war, verneint sie: «Spielt keine Rolle – Mensch ist Mensch.»

Ich frage: «Kannst du noch schlafen?», weil ich mir nicht vorstellen kann, dass sie, entfernt von ihrer Familie nicht auch von Albträumen verfolgt wird. Schwierig sei es. Türkische Bomber würden täglich über ihr Dorf zur Grenze fliegen, die bloss eine halbe Autostunde entfernt sei. «Der Krieg ist so nah», sagt sie, bevor sie den Eimer nimmt und die Küche wieder verlässt und dabei ganz vergisst, dass sie gekommen ist, um auch hier den Boden zu wässern.

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3 Gedanken zu “Küche

  1. Beim „gefällt mir“ Anklicken spüre ich den Widerspruch: dein Text gefällt mir – das, was er beschreibt, kann mir nicht gefallen. Mitgefühl, Sorge, ja, auch Angst kommen auf. „Der Krieg ist so nah“ – nicht nur im geografischen Sinne. Umso wichtiger, auch und gerade im „kleinen“: Menschlichkeit zu leben. Liebe Grüße aus der Stadt, die seit dem 22. März täglich der Angst trotzt.
    Silke

    Gefällt 2 Personen

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