weshalb

«Ich wollte den Spiegel durchstossen, einen Durchgang schaffen, die Vorstellungskraft derer erreichen, die nicht dort gewesen sind», schreibt Marceline Loridan-Ivens in ihren Erinnerungen an das Massenvernichtungslager in Birkenau.

Sie war 15-jährig, als sie und ihr Vater von den Nazis aus Frankreich nach Auschwitz und Birkenau deportiert worden sind. Sie überlebte den Holocaust, ihr Vater nicht.

70 Jahre später schreibt Marceline Loridan-Ivens dem Vater, der in Auschwitz umgebracht worden ist, einen Brief in Buchform – «Und du bist nicht zurückgekommen». Darin erzählt sie von den Erinnerungen ans Konzentrationslager, vom erlebten Grauen, von der Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung, vom Geruch des brennenden Fleisches und fragt sich, «wie etwas übermitteln, was wir uns selbst kaum erklären können?»

Sie, die nicht mehr gewachsen ist, nachdem sie ihren Vater ein letztes Mal sah, erzählt auch von der Rückkehr – vom Leben als Überlebende nach dem Leben zwischen Stacheldraht und Krematorium; vom gebrochenen Weiterleben in einer Welt, die nichts von all dem Schrecken hören will.

«Meinst du, dass wir gut daran taten, aus den Lagern zurückzukommen?», fragt die inzwischen 86-Jährige im Buch ihre Schwägerin, ebenfalls eine Überlebende. Deren Antwort ist ernüchternd. «Ich glaube nicht.» Die Autorin beantwortet auf Grund ihrer Erfahrungen dieselbe Frage ähnlich, aber dennoch nicht ganz so pessimistisch. «Ich bin nicht weit davon entfernt, so zu denken wie du», schreibt sie. «Aber ich hoffe, dass ich, wenn mir die Frage, kurz bevor ich abtrete, gestellt wird, werde sagen können, ja, es hat sich gelohnt.»

Das Buch «Und du bist nicht zurückgekehrt» ist nach dem gestrigen Film – «Als die Sonne vom Himmel fiel» – ein weiterer eindringlicher Appell an die Menschlichkeit. Doch weshalb kommt sie tagtäglich abhanden?! Geht sie tagtäglich vergessen?!

 

 

4 Gedanken zu “weshalb

  1. Den Kopf in den Sand stecken – um weiterzuleben, irgendwie – geht es gar nicht anders! Das hier besprochene Buch werde ich lesen – und schon viel, viel über das Schweigen der Überlebenden gelesen, beispielsweise bei Lily Brett.
    Wenn ich in der Schule mit den Kindern „Das Tagebuch der Anne Frank“ las, kamen in der letzten Zeit immer Stoppanträge von Eltern, die das nicht wollten. Es gäbe Alpträume, es gäbe peinliche Situationen, wenn Großeltern am Esstisch von den Kindern gefragt wurden…
    Von der Schulleitung kam dann die Direktive.
    Was soll man da noch sagen?

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    1. inakzeptables handeln! auch von der schulleitung, die wissen sollte, wie wichtig es ist, die vergangenheit zu thematisieren – für eine menschliche gesellschaft. wo sonst, wenn nicht auch in der schule gegen das vergessen einstehen!?

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  2. Sind wir Deutschen zu feige, an unsere Vergangenheit erinnert zu werden? – Leider bekomme ich immer stärker das Gefühl, dass das negative Gedankengut der damaligen Zeit am Leben ist und sich immer weiter verbreitet.
    Ich weiß nicht, wie ich anstelle dieser beiden Frauen reagiert hätte.
    Ganz liebe Grüße zu dir, liebe Barbara

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