begegnen

Die älteste von uns vieren, die 80-jährige passionierte Kartenspielerin, sitzt am Steuer und ist, wie sich schon bald herausstellt, mit sicherer und dennoch ziemlich angriffiger Fahrweise mit uns zusammen unterwegs nach Basel. Ich, die drittälteste (65) sitze mit der zweitältesten (70), im Fond und richte ihr als erstes den Gruss meiner Arboner Freundin aus, die mich schon frühmorgens per sms darum bat, ihr – meiner Zürcher Freundin – mitzuteilen, wie sehr es sie freue, dass sie zu neuem Schub gefunden habe. Offensichtlich hat die Arbonerin, die regelmässig verfolgt, was ich schreibe, in der Geschichte von gestern, die Zürcherin als Beschriebene erkannt. (Liest sich kompliziert – ist es aber in Tat und Wahrheit nicht.)

«Anyway» würde in diesem Fall die mitreisende Zürcher Freundin meinen.

Also: anyway – nach nicht einmal einer Stunde steigen wir aus dem Auto, nehmen aus dem Kofferraum unsere Taschen und Mäntel.

Wir stehen an der Museumskasse des Schaulagers – die Älteste und die Zweitälteste stützen sich dabei auf ihren Gehstock -, als wir neben uns ein bekanntes Gesicht wahrnehmen.

Es ist Ruth Dreifuss, die bis zu ihrem Rücktritt 2002 neun Jahre lang als Bundesrätin amtierte.

Dreifuss‘ Wahl ging 1993 ein heftiger Frauenprotest voraus, weil die Bundesversammlung anstelle der offiziellen Kandidatin (Christiane Brunner) einem Mann die Mehrheit der Stimmen gab. Dieser nahm nicht zuzletzt wegen des Druckes von der Strasse die Wahl nicht an. – Auch ich stand damals pfeiffend vor dem Bundeshaus und jubelte hinterher, mit Tränen in den Augen, als Ruth Dreifuss schliesslich gewählt wurde.

Ob so ein Protest mit einer solchen Wende heute noch möglich wären? Anyway.

Jedenfalls steht Ruth Dreifuss nun neben uns an der Kasse. Wir – die Älteste, ihre Tochter und ich – schauen zwar kurz und diskret zur Prominenten. Meine Freundin dagegen ist direkt und meint zur Frau hinter der Kasse: «Bedienen Sie bitte zuerst Frau Dreifuss». Die ehemalige Bundesrätin lächelt, sagt nicht etwa «danke» oder «nein, Sie waren doch vor mir», sondern fragt meine Freundin, wie eine alte Bekannte: «Wie geht es Ihnen?» Es ist, als ob das Eis, sofern es eines gegeben hat, gebrochen wäre. Auch ich schaue nun richtig und lasse dabei die inzwischen 76-jährige Sozialpoitikerin spüren, dass es mich freut, ihr hier, am Ort des gleichen Interessens, zu begegnen.

2 Gedanken zu “begegnen

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