sinnieren

Theater fasziniert mich. Ich gehe zwar nicht so oft in eines der Stücke des «Schauspielhaus Zürich», aber inzwischen fast ebenso spontan wie ins Kino. Denn mit dem Halbtax-Abonnement, das ich mir vor Jahren anschaffte und dadurch zum halben Preis zu einer Sitzplatzkarte komme, ist der Entscheid schnell einmal gefällt, hinzugehen.

Enttäuscht werde ich ganz selten. Auch wenn mich nicht jedes Stück gleich packt und hereinsaugt, ist es doch jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Die Umsetzung – oft mit Poesie verbunden -, die Aktionskunst der Schauspielerinnen und Schauspieler, ihnen ins Gesicht sehen zu können und förmlich riechen, was da, vor mir, abgeht.

Die Magie des Innovativen.

Diese Woche sass ich in «Nachtstück», das ganz ohne Worte auskommt. Man stelle sich vor: Vier Frauen und vier Männer auf der Bühne in einem Dekor, das an das Bild «Hotel Room» von Edward Hopper erinnert, und KEIN einziges, gesprochenes Wort! Nur choreographierte Bewegungen zu Klängen, live gespielt von Fritz Hauser!

Und was ich an meinen Theaterbesuchen, die ich sehr oft alleine unternehme, ebenfalls liebe, ist der Kauf des Programmheftes. Denn auf dessen Rückseite steht meist ein Satz zum Sinnieren wie zum Beispiel: «Das Meer ist einfach etwas was ist.» Oder, wie dieses Mal:

«Every heartbeat is unique, listen carefully.»

 

 

gestärkt

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Als ich mich vom Beobachten des vollen Lebens dann doch noch losriss, mich auf den Heimweg machte und durch die Quartierstrasse «surfte», die mich durch den explodierenden Frühling so fröhlich stimmte, begegnete ich einem Paar, das in meiner Nachbarschaft lebt und arbeitet. Beide sind politisch aktiv. Sie sitzen im Garten, was immer man darunter verstehen mag, des Kaffees «Kafi Dihei», das wegen seines wunderbaren Angebotes an Brunch beliebt ist.

Ich grüsse.

Wenig später sitze ich bei ihnen am Tisch.

Wir reden (vor allem sie), lachen (alle drei) und als ich davon erzähle, dass Doris und ich zusammen über den Jura Höhenweg wanderten, sind wir schon schnell bei den Themen öffentlicher Verkehr (in den Schweizer Seitentälern könnte er besser sein) und Siedlungsplanung (im charakterlosen Schweizer Mittelland eine einzige Katastrophe).

Ich spreche den Artikel über das Alter an, den ich auf der Bank unter dem explodierenden Frühling las. Auf der Frontseite der «NZZamSonntag» stand, dass in der Schweiz erstmals mehr Menschen pensioniert werden, als in den Arbeitsmarkt eintreten. Und trotzdem ist die Geschichte eine positive – endlich einmal, füge ich noch hinzu.

Die Nachbarin schüttelt bloss den Kopf. Sie hat offensichtlich darüber hinweg geblättert, weil ihr Ding die Verkehrspolitik ist. Er, im selben Business tätig wie sie, ist, wie sich herausstellt, der grössere Allrounder. Ratzfatz fasst er die Quintessenz zusammen.

Laut Artikel mit dem Titel «Die Schweiz altert rapide – und wird darum immer riecher und sozialer» tragen Alte zum Wohlstand bei, weil sie nicht zu knapp Steuern zahlen. Mehr als die Hälfte der Vermögensmillionäre ist im AHV-Alter. Im Kanton Zürich berappen Seniorinnen und Senioren die Hälfte aller Vermögenssteuern. Das Fazit des Soziologen: Ältere Menschen tragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Viele Alte wirken mässigenden und bewirken damit ein friedlicheres Zusammenleben.

Gestärkt, nicht nur von Wandern mit Doris und «Kafi Dihei»-Kuchen, mache ich mich dann zwei Stunden später doch noch auf den Heimweg; schreite zufrieden über Kreidezeichnungen. Frühling und Zufallsbegegnung haben viel zu meiner Leichtigkeit beigetragen.thumb_IMG_1851_1024

 

 

 

explodieren

Durch die Luft flattern Wortfetzen. Fröhliche Stimmen, aufgeregte Rufe, Klänge rhythmischer Musiken.

Kinder üben Rollschuhlaufen und Fahrradfahren. Mütter eilen zu ihren schreienden Kleinen; streichen ihnen wegen erster Schrammen auf nackten Beinen sanft übers Haar. Ein Vater mahnt. Hurra, der verlorene gelbe Ball ist gefunden; von der hochgehaltenen Hand des Sohnemanns tropft das Softeis.

Ich liege auf einer der vielen Quartierbänke, schweife zwischen Sonntagszeitung und vollem Leben; döse weg, tauche auf. Der Frühling über mir ist am Explodieren.

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kristallisieren

Auf dem Weg von dort (Zürich) nach dort (Bodensee und Doris) mache ich einen Umweg «via», um, nach dem Wiedersehen mit meiner Schwester, nun auch noch meine langjährigste Freundin zu sehen, wenigstens für knappe zwei Stunden.

Wir treffen uns am Ort, wo wir meist hingehen, ins Kaffee in der Altstadt mit den verführerisch feinen, hausgemachten Fruchttörtchen, deren Konsum ich mir heute allerdings verbiete. Denn mit Schrecken habe ich im öffentlichen Bad in Reykjavík, als ich auf die Waage stand, realisiert, dass ich in den vergangenen Jahren an Kilos zugelegte – allzu viele finde ich und deshalb versuche ich nun, diesem «Gluscht» nicht nachzugeben.

Wir reden über vieles – auch über die Wahlen in Deutschland, die von der Flüchtlingspolitik geprägt waren. Sie erzählt vom Gespräch mit Angela Merkel in der Sendung von Anne Will. Meine Freundin ist beeindruckt von Merkels Haltung und ärgert sich über die Merkel feindlichen Kommentare am Nachfolgetag in der Schweizer Presse.

Dann ist Zeit, aufzubrechen.

Beim Verabschieden am Bahnhof meint sie, im Tonfall etwas zwischen irritiert und erschreckt: «Jetzt habe ich ganz vergessen, dich über Island zu befragen. Doch beim Lesen deines Blogs hatte ich immer das Gefühl, ich sei auch mit dabei auf deiner Reise.»

Das ist das Risiko einer Blogschreiberin.

Ihr Kompliment begleitet mich auf meiner Fahrt nach dort und ich weiss, in irgend einem andern Zusammenhang wird sich sicher die Gelegenheit ergeben, von damals zu erzählen – weniger im Sinn von Erlebnisbericht, sondern eher als Gedanken, die sich in Weite, Wind und allein sein kristallisiert haben.

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Die eine Kommentarschreiberin hatte wohl Recht, als sie sich – beziehungsweise mich – fragte, ob der Koffer wohl noch keine Lust auf Urlaubsende hatte?

Gut möglich.

Der Kurier läutet dann doch kurz vor Mittag, neben ihm steht das frauenlose Stück, das er mir gegen eine Unterschrift übergibt.

Ich bestätige ihm mit meiner Signatur, dass mein Koffer nun wirklich da ist. Da, wo’s ebenfalls kalt und windig ist. Da, wo der Blick an Hausmauern prallt. Da, wo die Stadtlichter die Sterne zum Verblassen bringen. Da, wo Lärm die Stille verdrängt … Da, im Schweizer Alltag, wo letztlich die Wurzeln seiner Besitzerin (also meine) sind.

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Wiedereinstieg

Das Bier gestern an der Bar des Berliner Hotels tat wirklich gut.

Und nun bin ich mit einem Tag Verspätung doch noch in Zürich gelandet. Auch Doris ist nochmals zum Flughafen gekommen, um mich frühmorgens abzuholen. Das Umarmen wird real.

Unterwegs ist nur noch mein Koffer. Er befindet sich irgendwo auf der Welt, nur nicht da, wo ich auf ihn warte. Die Suche nach dem «missing-bag» erhält die Referenznummer 074533359. – Es wird schon werden.

Die neue, unvorhergesehene Situation ist, wie sich herausstellen wird, keine schlechte. Jedenfalls gelingt es mir, mich nicht zu ärgern und mich auf Wesentlicheres, als waschen und aufräumen zu konzentrieren.

Mal abgesehen davon, es mich erschreckt, dass die extremrechte AfD in drei Bundesländern extrem viele – viel zu viele – Wahlstimmen erhalten hat, ist mir nach vier Wochen Island der Wiedereinstig in den Alltag meiner dauerferien recht gut gelungen.

 

verstauen

Während Doris und ich zum Bahnhof fahren, damit ich von dort nach dort gelange, sage ich – im Gemüt etwas zwischen freudig und wehmütig: «Beinahe hätte ich bei den Vorbereitungen vergessen, den Reiseführer bereit zu legen, weil sich die Vorstellung nach Island zu reisen, fast schon so anfühlt, als ob ich heimkommen würde.»

Daraufhin meint Doris, bevor sie mich noch einmal fest hält, dass es für sie erträglicher sei, zu wissen, was mich erwarte. Die gemütlichen Kaffees, das Kino, auch die Strassen von Reykjavik, die ich ihr im vergangenen Juni zeigte, als sie fünf Wochen später als ich für gemeinsame Ferien ebenfalls nach Island kam.

Aber noch bin ich nicht weg. Noch bin ich nicht auf dem Weg in den Norden, aber schon sehr bald.

Vorest aber führt mich meine Reise von dort nach dort. Als ich nach Zug- und Tramfahrt die Tür zu meiner Zürcher Wohnung öffne, erwartet mich auf dem Esstisch all das, was ich vor Tagen zusammenstellte und nun nur noch darauf wartet, im Koffer verpackt zu werden. Es sind vor allem warme Wollleibchen fürs Zwiebelsytem, die auf der Tischfläche liegen, aber auch Wasser- und Windresistentes und eben, oben auf der Beige gut sichtbar, der Reiseführer.

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Ein Graus, all dieses Bagage.

Ich denke an meine Schwester, die im Packen schon beinahe ein Hindernis fürs Reisen sieht.

Bin ich nun schon wie sie, die um fünf Jahre ältere?

Nein.

Diesen Gedanken weise ich, bevor er sich festsetzt, energisch von mir – in etwa so vehement, wie wenn eine Hündin nach dem Bad im Wasser das Nass aus ihrem Pelz schüttelt.

Jedenfalls packe ich das Packen. Und schon kurz danach telefoniere ich Doris, glücklich, dass ich im Koffer mehr Platz hatte, als ich mir vorstellen konnte. Schwester sei dank, die mich oft fürs organisierte Verstauen angeheuert hat, letztmals in Berlin.

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Übrigens: Dienstag, also morgen, ist Reisetag!