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Eben ist sie, meine Turnmatten-Nachbarin, die mir die 1944 verstorbene, amerikanische Komponistin Amy Beach bekannt und schmackhaft machte, aus einer Intensivwoche zurückgekehrt. Gearbeitet hat sie während Tagen an den «Fireflies», an der Interpretation der Glühwürmchen. Denn zufrieden war sie mit dem, woran sie davor schon während Monaten feilte, nicht. Und sie ist es noch immer nicht.

Dennoch leuchten ihre Augen. Sie ist regelrecht beseelt von dem, was sie erleben durfte. Trotz des Todes ihres Lehrers, der vielmehr Mentor und Meister war, hat sich eine Gruppe seiner Schülerinnen und Schüler wiederum getroffen, so wie jedes Jahr, um in ihrem Fach, dem Klavierspiel, weiterzukommen. Dieses Jahr nun erstmals ohne ihn. Den Intensivwoche-Beteiligten ist es dennoch gelungen, weiterzukommen und weiterzumachen. Der vor drei Monaten Verstorbene hat bei seinen Lernenden ganz offensichtlich ein Feuer entfacht, das auch ohne ihn weiterbrennt. Er, ein virtuoser Pianist, der sich gegen eine Solokarriere entschied, weil er unter anderem ebenso fähig war, grosse Pianistinnen wie zum Beispiel Martha Argerich auf Konzertauftritte vorzubereiten.

Weshalb ich das weiss?

Weil ich meine gleichaltrige Turnkollegin, deren Energie nur so Raum füllend sein kann, wenn sie übers Klavierspiel erzählt, bat, mir einen Artikel über ihren verstorbenen Mentor mitzubringen. Was sie dann auch tat.

Im Nachruf schreibt ein Schüler über den Lehrer Peter Feuchtwanger: «Wie ein grosser Lehrer der Zen-Künste konnte er warten, bis sich eine Entwicklung von selbst vollzog.» Er habe jeweils gemahnt: «Wenn ein Auge stets auf das Ziel gerichtet ist, bleibt nur ein Auge übrig, um den Weg zu finden.»

Diesen so wertvollen und vorbildhaften Gedanken, will ich mit mir nehmen – und auch weiter geben -, damit ich auf der Suche nach dem Ziel, das nach der Pensionierung öfters ein Thema ist, nicht den Weg übersehe.

 

Balkan

 

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Ich glaube, die Natur schafft es kaum, viel mehr Regen zu schütten, als sie es gerade macht. Auch darum ist heute ein richtiger Lesetag.

Seit einiger Zeit begleitet mich Marica Bodrožić’s «Mein weisser Frieden». In «Sinne» habe ich daraus bereits den allerersten Satz zitiert. Schon dieser war dicht. Die Fortsetzung ist es auch, so dass ich im Buch, seiner gedanklichen Tiefgründigkeit wegen, bloss portionenweise vorankomme. Inhaltliches Zusammenfassen ist schwierig und mir fast unmöglich.

Die Autorin, geboren in Kroation, mit den Eltern als Kind nach Deutschland ausgewandert, berichtet in «Mein weisser Frieden» über Dalmatien, ihre Herkunftsgegend, in die sie regelmässig zurückreist. In ihrer ursprünglichen Heimat trifft sie Menschen. Ihre Beobachtungen stehen immer auch im Zusammenhang mit den Verwüstungen, die Krieg nachhaltig anrichtet – seelisch, körperlich, geografisch, baulich.

Heute lese ich Kapitel 15.

Bodrožićin schreibt darin sowohl über die Insel Vis, von wo aus Tito – laut Überlieferungen – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung dirigiert haben soll, als auch über die von den verschiedenen Kriegen geprägten Bevölkerung. Zum Beispiel über die jungen Männer, die sich unter den Palmen unterhalten – lachen, laut reden – aussehen wie normale Männer, in der Sommerhitze kurze Hosen tragen.

«Erst bemerke ich gar nicht, dass ihnen etwas fehlt. Wenn das Licht sich flimmernd auf ihre Prothesen legt, blitzen sie an der Stelle des fehlenden Beines auf wie ein Goldschatz. Das Metall glänzt in der Mittagssonne. Gerade noch war die Luft sorgenlos, jetzt spüre ich eine Beklemmung in der Brust.»

(…)

«Die verlorene jugoslawische Generation, die im Krieg geopfert wurde, hatte keine Zeit, sich im Inneren zu finden. Der seelische Raum war ihr auf tragische Weise ein Fremdwort geworden (…) Sie lernten mit Waffen umzugehen, sie erkundeten Schlachtfelder, hörten wahre und propagandistische Erzählungen über Menschen, die mit Totenköpfen Fussball spielten (…) Wer von ihnen hat nach dem Krieg Zeit gehabt, als das zu verarbeiten, Zeit, um in Ruhe die Sprache der Gewalt zu verstehen oder einfach nur im Einklang mit sich selbst alt zu werden. Diese Zeit wurde ihnen gestohlen. Mit dreissig sahen sie, zahlos und drogenabhängig, auf erschreckende Weise wie Siebzigjährige aus. Wenn ich nach dem Krieg auf dem Balkan zu Besuch war, ging mir oft durch den Kopf, dass Menschen, die einem fremden Willen dienen, schneller un unheimlicher altern als andere …»

Fortsetzung folgt.

 

 

gehen

«Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.»

Kurt Marti (*1921)

Und so haben es möglicherweise Zitate auch an sich. Kennen wir doch alle das (Kinder)-Spiel, bei dem die erste Person einer zweiten einen Satz, eine Geschichte ins Ohr flüstert, diese das Gehörte wiederum der nächsten und … Und zum Schluss der Runde, das Nacherzählte nicht mehr unbedingt dem Ursprünglichen entspricht. So ist es dem Zitat von Kurt Marti offensichtlich auch ergangen. Dank des Hinweises und Inputs (siehe Kommentar) von quersatzeinQuer-Brigitte nun noch die Originalversion des Schweizer Pfarrers und Schriftstellers:

“Wo kämen wir hin, // wenn alle sagten, // wo kämen wir hin, // und niemand ginge, // um einmal zu schauen, // wohin man käme, // wenn man ginge.”