Spiel

Wir verabschieden uns von einander gegen 21 Uhr. Die eine wird von der anderen heimgefahren. Mich fragt sie, ob ich ebenfalls mit will. «Danke fürs Angebot», sage ich und weise darauf hin, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Worauf die andere, die im selben Quartier wohnt wie ich und wir deshalb schon oft miteinander nach Hause radelten, zu meinem Erstaunen sagt: «Nein, in der Nacht fahre ich nicht mehr Velo, das ist mir zu gefährlich.»

Ich denke an früher. Oft machte sie sich über uns lustig. «Weichlinge» nannte sie uns, weil wir unsere Fahrräder bei Schnee und Kälte lieber im Keller überwintern liessen.

Die Zeiten ändern sich. Das sage ich aber nicht.

Verändert hat sich auch unsere Jassrunde. Die ursprüngliche Viererrunde gibt es seit dem Tod meiner früheren Lebenspartnerin nicht mehr. Nun ist die Zusammensetzung immer wieder mal anders, der Kern trifft sich seitdem auch nicht mehr in derselben Häufigkeit und inzwischen sagt eine meiner Freundinnen: «Ich spüre das Alter, meine Konzentration lässt einfach nach.»

Obwohl sich die Zeiten ändern und wir inzwischen alle pensioniert sind, bleibt einiges unverändert. Die Leidenschaft fürs Tennis zum Beispiel. Dieses Mal wird unsere Runde deswegen relativ schnell aufgelöst. Denn die beiden leidenschaftlichsten – die bald 80-Jährige und die bald 70-Jährige – wollen ungestört mit Roger Federer mitfiebern, der gegen Novak Djokovic spielt und letztlich den Match wegen oder trotz seines Alters für sich entscheiden kann.

Soviel zum vergangenen Dienstag – 16 Stunden bevor bei mir  Wochenende war.

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Wochenende (2)

Erschrocken sind wir beide – er und auch ich.

Noch sitze ich in meinem Büro, das ich im Hinblick auf meine bevorstehende Pensionierung schon ein Jahr vor dem eigentlichen «Ereignis» mietete. Hier schreibe ich nun, überlege. Ich ordne und entleere den Computer-Papierkorb «sicher», weil das Foto-Programm das Öffnen verweigerte. 22’365 Objekte sind zu löschen. Es dauert. Das Warten hat sich gelohnt.

Nach Erfolg und anschliessendem Abrunden meiner Aktivitäten, verabschiede ich mich beim Verlassen der Räumlichkeiten von meinem Vermieter, der am Computer arbeitet. Vor ihm liegt Erledigtes auf dem Boden – Couverts die zur Post gebracht werden sollten.

Und dann geschieht das Überraschende, das uns beide kurz so etwas wie erschreckt und ins Stocken bringt: «Tschau», sage ich und wünsche: «Ein schönes Wochenende.» JETZT – im Moment, als ihn am Gesagten etwas irritiert -, realisiere ich: Es ist nicht Freitagabend, sondern Mittwoch, kurz nach 13 Uhr. Für die meisten ist es Halbzeit einer normierten Arbeitswoche und für mich, die am Büroausgang steht, gefühlsmässig bereits Wochenende.

Wochenende

Vor allem an Wochenenden kommt immer wieder mal die Frage: Bist du im Dort oder im Da. Und je nachdem, wo sich die Fragerin geografisch befindet, bedeutet «dort» Romanshorn (bei Doris) oder «dort» Zürich (bei mir).

Heute Morgen wurde sie von dem Menschen gestellt, der erst seit jüngstem zu meinem näheren Bekanntenkreis zählt – also mehr oder weniger von der jüngsten Freundin, auch wenn sie an Jahren, plus minus, so alt ist wie andere. Sie schreibt mir, nachdem ich ihr einen schönen Tag unter der Nebeldecke wünschte: «Ich sehe den Bodensee wie ein Meer … » Und scherzhaft fügt sie an: Da ich möglicherweise gerade Dauerferien mache, wünsche sie mir  zwei schöne, kommende Tage und fragt: «In den Dauerferien gibt es wohl das Wochenende nicht mehr oder?»

Ja – eine durchaus berechtigte Frage: Gibt es bei dauerferien noch so etwas wie «das Wochenende»?

Ja, das gibt es auch für mich, als Pensionierte. Nicht, dass ich ein Wochendende zwingend benötige. Denn ohne in «Montag bis Freitag-Arbeit» eingespannt zu sein, braucht es ja auch nicht zwingend einen Samstag-Sonntag zur Erholung. Diese beiden Tage könnte ich inzwischen hinlegen, wo immer ich will. Rein theoretisch.

Doch bei meinem Umfeld tickt die Uhr noch immer anders. Und deshalb schreibe ihr auf ihre Frage bloss: «Gestern war gefühlsmässig Samstag und heute ist wiederum Samstag – wo führt das wohl hin?»

Eine Antwort erhielt ich darauf nicht. Noch nicht.

p.s. Inzwischen ist die Antwort – Nina’s Kommentar – eingetroffen und nachzulesen.