wirklich

Dass ich übersah, was, wenn es zu sehen ist, sich so prachtvoll über alles erhebt, realisierte ich erst, als ich vor dem Gemäuer des Landesmuseums stand, vor dem Komplex, der moderne und alte Architektur so harmonisch, ergänzend miteinander verbindet. Da wurde mir bewusst, dass ich hier so aufmerksam alles anschaute und ich es verpasste, dasselbe davor ebenfalls zu machen.

Weshalb wohl?

Weil mir der andere Anblick seit Jahren eine Badesaison lang so vertraut ist.

Die Sonne ist etwas zwischen stechend heiss und wärmend kühl, der See noch so glatt, wie er nur am Morgenfrüh sein kann, als ich heute, so wie gestern wieder ins Seebad Enge komme und noch bevor ich mich an meinen, mir liebsten Tisch setze und in die Ferne schaue – ins Nichts des Dunsts.

Vielleicht war es gestern eben so. Vielleicht auch nicht. Sah ich die Berge nicht, weil sie gestern, so wie heute, ebenfalls verborgen waren. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Wäre ich eine Touristin und erstmals in Zürich sähe ich am Horizont des langgezogenen Sees bloss dieses Weiss und sonst nichts. Weil ich aber hier lebe und mein Hirn auch das Bild ohne das Weiss, das wie ein Vorhang vor einer Kulisse hängt, schon so oft abspeicherte, weiss ich, dass sich dahinter die Glarner Alpen und das «Vrenelisgärtli» verstecken und sehe deshalb eine Kombination von beidem.

Jedenfalls nehme ich mir vor, meinen Sinnen wieder vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken und unterbreche auch deshalb das Zeitungslesen, um der Frau, die sich neben mich setzt, weil sie diesen Platz ebenso liebt, wie ich, mitzuteilen, dass sich die Alpen heute hinter viel Weissem verstecken. Einfach, damit sie es nicht übersieht. «Ach, ja », sagt sie. «Wirklich.»

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Abklatsch

Und dann ist dieses Gefühl wieder ganz stark geworden. Nach sieben Tagen Stadt wollte ich wieder isländische Landschaft(en) tanken, aufsaugen und darin eintauchen. Zudem hatte die Vorhersage schönstes Wetter prognostiziert.

Am frühen Morgen fuhr ich dann nach Þingvellir, keine Autostunde östlich von Reykjavík.

Die Landschaft ist geschützt als Nationalpark und Unesco-Kulturerbe. Es gibt einen Kratersee, der zugleich Islands grösster See ist. Zudem ist diese Kulisse geologisch interessant, weil hier die amerikanischen und die eurasischen tektonischen Platten auseinandertrifften und auch historisch, da in Þingvellir schon im Jahr 960 gesetzgebende Versammlungen durchgeführt wurden.

Da wollte ich nun hin. Ich hatte schon früher viel darüber gelesen und glaubte, in der eindrücklichen Kulisse zu finden, was ich suchte. Dieses von Farben durchbrochene weisse Weiss und diese Weite.

Ich fand, was meine Sehnsucht nach Landschaft stillen konnte.

Im Wissen, dass es nicht geht, dieses Erleben in einzelne Bilder zu packen, versuchte ich es dennoch. Hier der beschränkte Abklatsch von dem, was ich aufsaugte.

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wachsen

Meine Schwester ist selbst dann, wenn sie weit weg fliegt (à-propos fliegen – siehe gestern), immer wieder bei mir, weil sie selbst jetzt, wo sie in Indien Ferien macht, regelmässig auf meine Ü60-Geschichten klickt. So bleibt sie nahe, auch wenn ihr bei Massagen Europa und Verspannungen weggeknetet und dafür Ruhe und Ausgeglichenheit eingeölt werden.

Dennoch macht sie sich Gedanken zu meinem Schweizer Alltag.

Unlängst schrieb sie mir, was für ihre Freundin, die sie zu Teil zwei der Reise, zur Kur begleitet, nach der Pensionierung das schwierigste ist – nämlich nirgends mehr dazu zu gehören. «Ich kann sie gut verstehen und du bestimmt auch», heisst es im Mail meiner Schwester.

Ich habe mir, bevor ihr Mail in meinem elektronischen Briefkasten aufs Geöffnet werden wartete, ähnliche Gedanken gemacht und dabei realisiert, dass seit dem altersbedingten Ausscheiden die Verbindungen zu Bekannten aus der Berufswelt praktisch inexistent geworden sind. Rückblickend, so meine Erkenntnis, war die Arbeit fast der einzige Faden, der vieles zusammenhielt.

Die raren Ausnahmen, die bleibenden Freundschaften, waren schon davor ganz anders verankert.

Erst unlängst, also nach dem Mail meiner Schwester, traf ich spontan und unverhofft die Freundin, mit der ich vor einer Woche in Basel war. Wir tranken Kaffee, redeten, gingen auseinander. Auf dem Weg nach Hause sah ich im «nirgends mehr dazu gehören» den Vorteil: Ein strukturbefreiter Rahmen und weissflächige Agendablätter schaffen Luft für Neues und für neu Verbindendes; für etwas, das sich unter der Last der Arbeitswelt zu wenig entfalten konnte.

Was daraus wohl alles (er)wachsen wird?

 

Waschküche

Und dieses Mal bin ich der Nachbarin, die mir noch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens schuldet, in der Waschküche begegnet. Sie räumt den Tumbler aus, als ich meinen Berg am Sortieren bin.

Währenddessen ich die schmutzige 40-Grad Wäsche in die Trommel stopfe, frage ich: «Und? Wie lautet die Erkenntnis deiner Psychiaterin?»

Sie holt aus, erklärt mir, worüber wir damals sprachen. Dabei kommt sie nochmals auf die Agenda mit dem Termin befreiten Rahmen zu sprechen, in der die Tage wie eine leere Leinwand vor einem liegen.

All dies will ich in diesem Moment nicht hören. Statt einzuhacken, sage ich leicht fordernd: «Und! Sag schon!»

Sie meint, es sei ganz banal.

Ja! Wie denn!

Nur ein Satz …

Ja!!

Der Sinn des Lebens ist «das Leben». Schnell und überzeugend habe ihr die Psychiaterin damals geantwortet.

Aha!?

Wir sind uns letztlich einig, dass es für uns etwas Entlastendes haben kann, wenn der Sinn des Lebens NUR «das Leben» an und für sich beinhaltet. Einfach Leben – ohne Limiten, die erreicht werden müssen. Auch ohne Vorgaben. Nichts, das verpasst werden kann. Nur dem eigenen Sinnstiftenden genügen genügt.

Für uns vielleicht schon. Denke ich an Marceline Loridan-Ivens, die Autorin von «Und du bist nicht zurück gekommen», kommen mir Zweifel.

Und um ehrlich zu sein: So einfach die Erkenntnis «das Leben» klingen mag, weiss ich schon beim Verlassen der Waschküche, dass mich dieses Leben tagtäglich von Neuem herausfordern wird. Wir beenden deshalb unser Gespräch vorerst einmal. Jedenfalls setzen wir den Gesprächspunkt bevor wir uns befähigt fühlen, einen abschliessenden Punkt hinters Thema zu setzen.

 

Rahmen

Doris, die arbeitsbedingt eine randvolle Agenda hat, meinte vor zwei Tagen, als sie «Bonheur» gelesen hatte, dass das Fahrrad aus dem Keller holen, danach Kaffee trinken und anschliessend im Büro rumnuschen, alles andere als ein Agendatag sei, der wie ein Bild befreiter Rahmen aussehe.

Dem muss ich einfach widersprechen. Denn ich finde schon, dass es ein Unterschied ist, ob ich beim Betrachten der Bildfläche schon das Bild erkennen und ihm allenfalls noch einige Pinselstriche Veränderbares zufallen lassen kann. Oder, ob ich während des Tages noch nicht definierte Farben und Materialien zusammenfüge und ineinander schichte, so dass sich mit einem gewissen Abstand, am Ende des Tages, die Fläche zu einem Bild entwickelt hat.

Selbstverständlich ist mir klar, dass Menschen im Arbeitsprozess wenig Spielraum haben. Dafür sind meine Erfahrungen diesbezüglich noch zu frisch. Aber sicher stehe ich seit der Pensionierung an dem Punkt, wo es für mich keine Alternative gibt, als den Bild befreiten Rahmen neu zu bespielen. Auch wenn sich Farben und Materialen in vielem ähnlich bleiben.

Bonheur

Ich steige mit dem Vorhaben in den Keller, die Räder meines Velos aufzupumpen und mich danach auf den Weg ins Büro / Atelier zu begeben. Doch soweit kommt es vorerst gar nicht. Denn eine meiner Nachbarinnen tauscht Sommerkleider gegen Winterklamotten und da wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben, erkundige ich mich nach ihrem Befinden. Seit Wochen, erklärt sie, wanke sie mit permanentem Schwindel, der sie selbst im Schlaf spüre, durch die Welt.

Grausam.

Wir reden, sie erzählt, bis ich frage, ob wir unser Begegnen nicht bei einem Kaffee fortsetzen wollen.

Ja, schon.

Ich denke, das Büro kann warten und schlage deshalb das «Café du Bonheur» vor, da wo ich schon so viele gute Momente verbrachte.

Aber …

Ich versichere, dass ich einen frei gestaltbaren Tag vor mir hätte. Und erwähne noch, ich sei stolz, dass mir dies auch sonst über weite Strecken gelinge.

Beim Kaffeetrinken definieren wir «Sinnstiftendes» als etwas, das nur den eigenen Ansprüchen genügen sollte. Und kommen, als wir mein Einfinden in ein Leben ohne den von aussen vorgegebenen Strukturen thematisieren, zum Schluss, dass ein weitgehend struktur-reduziertes Leben nicht heisst, sich mit Aktivismus zuzudecken.

Wir sind uns einig, dass es bei all den schwindelerregenden Möglichkeiten – um im Jargon zu bleiben – schwierig ist, selektiv zu bleiben, da es bestimmt um einges einfacher wäre, weisse Seiten einzuschwärzen. Aus dem Nichts entwickeln wir die Idee einer Agenda bestehend aus Terminblättern, die bloss umrandet sind – also mit herausgeschnittenen Flächen.

An diesem Gedanke gefällt uns die Vorstellung, dass der Rahmen um Leere, Räume schafft für eine eigene, sinnige (eigensinnige) Farbigkeit.

sowohl als

Heute ist ein einfacher Tag. Die Termine in der Agenda sind sei Wochen schon eingetragen – so wie ich es eigentlich nicht unbedingt gern habe. Lieber fülle ich die weisse Fläche kurzfristig, nach Lust und Laune – sofern sich überhaupt spontan eine richtige Lust auf etwas Bestimmtes herauskristallisiert.

In Berlin war dies fast einfacher. Nicht etwa weil sich in der Grossstadt ein Angebot eröffnete, das um Welten grösser ist, als da, wo ich wohne. Nein, das war es nicht. Aber irgendwie war es gefühlsmässig einfach so, dass in der Auszeit meiner dauerferien der Tag an und für sich schon anders war, als im Alltag, in dem sich ein «alles ist möglich», einfach anders anfühlt.

Gestern, als ich einer Freundin erzählte, dass ich mir jeweils ein bis zwei Tage im Voraus überlege, was ich machen könnte, um mich darauf mit etwas Vorlauf einzupendeln und, sofern notwendig, auch vorzubereiten, sagt sie: «dir Strukturen schaffen».

Ich spüre, dass ich innerlich gegen dieses Wort rebelliere und erkläre, angenommen ich würde gerne über der Nebelgrenze wandern, würde ich dies doch nicht erst um acht Uhr nach dem Frühstück entscheiden, sondern um diese Zeit bereits im Zug sitzen. Ansonsten wäre ich doch für mein Vorhaben viel zu spät unterwegs. «Ausser», sagt sie: «Du passt dein Vorhaben der Zeit an, die dir noch bleibt.»

Bingo!

Eigentlich trifft sie den Nagel auf den Kopf. Ich suche, wenn ich ehrlich bin, beides: sowohl das Ungeplante, das Sinnvolle aus dem Bauch heraus, als auch eine gewisse Tagesstruktur. Heute ist es eine sportlich, gesellschaftliche. Bevor der Ruderbetrieb am Bodensee auf den reduzierten Winterbetrieb umstellt, treffen wir uns im Klub noch einmal, um im Pulk aufs Wasser zu gehen und anschliessend, beim Eindunklen, in der Gemeinschaft bei einem Nachtessen zusammenzusitzen – um über Vergangenes zu reden und für die Zukunft Pläne zu schmieden. Ein Tag wie er mir gefällt, obwohl er schon lange in der Agenda fixiert ist.