auftauchen

Ich bin in Zürich. Noch ein Mal will ich da hingehen, bevor ich von dort nach dort reise – in der Hoffnung, die eine oder die andere auf der schwimmenden Badeinsel zu sehen. Danach, wenn ich wieder von dort nach dort reise, ist nämlich Schluss mit den Begegnungen am Sommer-Stammtisch.

Wie immer gehöre ich zu den früh Eintreffenden, sitze in der Nähe des Kiosks – da, wo ich aufs «Vrenelisgärtli» sehe, das heute nicht zu sehen ist. Fast jede, die in meinem Rücken einen Kaffee bestellt, kopiert sowohl Vor- als auch Nachgängerin, indem sie sagt, dass es heute nicht so ist, wie sie es sich gestern vorgestellt habe – nämlich nochmals so richtig heiss. Und daraus entwickelt sich auch noch ein Gespräch, in das sich diejenige, die das Bestellte über die Theke schiebt, einmischt.

Interessant, wie redeselig die Frauen am Ende der Badesaison werden.

Und dann wird es doch nochmals so, wie es sich die meisten am Vortag vorstellten, wie es werden müsste: nämlich so richtig heiss, solange sich der warme Südwind gegen die anziehende Kaltfront stemmen kann und sich hinterher dann doch wird eingestehen müssen, dass es definitiv vorbei sein wird mit den sommerlichen Temperaturen.

Ich stehe nochmals auf die Waage, was ich nur hier mache, um festzustellen, was Tatsache ist: der angesetzte Winterspeck ist auch in diesem Sommer nicht weggeschmolzen. Danach setze ich die Schwimmbrille auf, tauche ins kühle Zürichseewasser – oh wie schön! – und drehe mich wie eine Seelöwin vom Rücken auf den Bauch.

Beinstoss, Körper in die volle Länge dehnen, fliessen und nochmals fliessen lassen, Armzug, Beinstoss … Diese Momente, wo mein Körper durch Wasser schwebt, sind unvergleichlich. Einmalig. Und trotzdem für Wehmut und Herzschmerz ein Leichtes, mich damit zu füllen.

Geht heute aber nicht. Denn der an diesem Morgen gehörte Gedanke und seine unendlichen Wiederholungen – zuerst von der einen, dann der andern und von nochmals andern «jeder Tag ist einzigartig», schützt mich beim Auftauchen und Luft schnappen vor dem wehmütigen Abtauchen.

Werbeanzeigen

Zurück-bleibendes

Ja, zurück ist zurück. Und das bin ich wieder. Zurück aus Prag, zurück von der Wanderruderfahrt von Prag nach Dresden, zurück vom Gleiten über Moldau und Elbe, zurück aus Dresden und auch zurück vom Erkunden.

Zurück bleibt was?

Vieles.

Zum Beispiel: Wie offensichtlich sichtbar westlicher Wohlstand (ehemalige DDR) im Gegensatz zu einem weniger westlichen, aber noch immer westlichem Land (Tschechische Republik) ist. Einige 100 Meter unterhalb der Grenze erstrahlt die Welt in einer anderem Glanz als einige Meter oberhalb dieser Trennlinie. Eindrücklich. Und auch erschreckend.

Oder: Dresden ist eine vielfältige Stadt mit Vergangenheit. Die verherende Kriegsnacht  vom 13. auf den 14. Februar 1945, als die kulturhistorische Stadt durch britische und US-amerikanische Bomben grossflächig in Schutt und Asche gelegt wurde, weil Piloten ausführten, was Strategen befahlen, ist trotz Wiederaufbau präsent. Sicht- und erfahrbar für jene, die sich dafür interessieren oder einfach (nur) schön und mächtig, wer bloss Fassaden wahrnehmen will.

Oder: Die Dresdner Bevölkerung, so macht es den Anschein, ist weniger gestresst. Die omnipräsente «handy-rei» gibt es (noch) nicht. Dafür gibt es auffällig viele Menschen, die sich aufs Gegenüber einlassen – auch auf Fremde – oder mit Kindern entspannt spielen, ohne dass das Begegnen durch Klingeltöne abrupt unterbrochen oder gar zum permanenten Hinderniss wird.

Und: Wer offen ist, Geschichten zu hören, erfährt so vieles – in den Kaffees, in den Ausstellungsräumen von Gemäldegalerien oder so wie wir von den beiden Frauen des Rudervereins Dresden, die uns spontan zum Rudern auf der Elbe mitgenommen haben. Die eine ist 61-jährig, die andere, diejenige mit 150 Siegen, 76-jährig. Beide sind in ihren Alterskategorien noch aktive Wettkampf-Ruderinnen. Sie erzählen von damals. Sie reden von heute. Den Zugang ermöglichte uns eine andere Ruderin. Auch sie erlebt(e) die gegensätzlichen Welten von Sozialismus und Kapitalismus. Unsere Neugier, unser Zuhören und unser Fragen machen uns alle gesprächig und schaffen den Boden für nachhaltige Bekanntschaften.

Zurückblickend einmal mehr die Erkenntnis: Eine Pause ist nicht nichts und deshalb tut auch eine Schreibpause so richtig gut, da es beim blossen Hinhören, beim Hinsehen und sich Zeit lassen so viel Spannendes und Bereicherndes zu entdecken gibt.

Kurzum: Zurückbleibendes.

reisen

thumb_IMG_2957_1024

«Eine Pause ist nicht nichts» – schon einmal habe ich diesen Satz zitiert.

Nun wieder.

Mit Doris bin ich unterwegs nach Prag. Wenige Tage. Danach geht’s im Ruderboot weiter – auf dem fliessenden Gewässer von Prag nach Dresden, zusammen mit einer Gruppe.

Wir freuen uns – auch auf diesen Weg.

Vielleicht gibt’s von unterwegs Bilder und/oder Text – wer weiss. Jedenfalls wünsche ich allen eine gute Zeit. Barbara

Spirale

IMG_2947Das Badetuch direkt am Ufer des Bodensees, im Rücken der Baumstamm zum Anlehnen, am frühen Morgen noch die leichte Brise – meinen Körper kühlend -, das lädierte Bein gestreckt und leicht erhöht nach dem therapierenden Schwimmen im noch immer erfrischenden Wasser. Alles perfekt getuned für eine in sich ruhende Zeit, die mir, der leicht Handicapierten und sonst doch eher Rastlosen, viel Ruhe schenkt.

Ich lese und beobachte.

Zwei Frauen in meinem Alter, also auch pensioniert und mit ähnlich viel freier Zeit, wie es scheint, geniessen den Morgen ebenfalls. Sie schnadern – sich viel erzählend schwadern sie durchs Wasser, ihr Gerede wird leiser, ihre Köpfe werden kleiner, bis dass sie in der Ferne verschwinden und von ihnen nichts mehr zu hören und zu sehen ist.

Ich lese – noch immer im Buch «Mein weisser Frieden» von Marica Bodrožić. Sie seziert die Kriege auf dem Balkan und ich denke dabei an die Türkei, an das Machtgebahren Erdogan’s nach dem gescheiterten Putsch, wenn die Autorin schreibt: «Menschen, die nie gelernt haben, sich einer Autorität bis in die innersten Regungen zu verweigern, sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das können nur Menschen, die sich selbst kennen und die erfahren haben, dass Wachsein Begegnung und Gespräch ist. Wo soll auch die Empfindung ihren Anfang nehmen, wenn nicht im eigenen Innern? Es gibt keinen andern Ort. Wer gehorcht, folgt der Sprache eines andern; wer folgsam ist, hat nicht gelernt zu denken.»

Ich lese. Schnadernd kündigen die beiden Frauen ihre Rückkehr an. Was für ein schönes Geschenk dieser Start in den Tag. Unbeschwertes hier.

Grauen dort – wann endet diese Spirale?!

 

 

 

surf-sei-dank

Und dann erwartete mich Ende letzter Woche schon wieder so ein Tag – aufstehen und nicht mehr wissen, als dass ich mit Rudern in den Tag starten werde. Was sich sonst noch ergeben wird, ist mir zur Zeit, als ich mich im Bett mental auf die Fahrt im Skiff über den Bodensee einstelle, weil rudern, auch wenn es grau und trüb ist, noch nicht klar. Ich gehe aber davon aus, dass ich anschliessend erneut auf den Surfmodus schalten und «das Leben auf mich regnen lassen» werde. (Danke Silke für dein Foto.)

IMG_6442

Der See ist so hoch, wie ich ihn noch nie gesehen habe.

Als ich nach meiner Ruderfahrt am Steg anlege, steht auf der Wiese des Ruderclubs mein Arboner Freund, mit dessen Hilfe ich im April das Insektenhotel realisierte. Er schaut besorgt auf die Wassermasse des Bodensees, die sich bedrohlich dem Land fressenden Pegel nähert. «Seit heute Morgen gilt Warnstufe 4», sagt er. Das zuständige Amt habe zudem die Vorhersage nach oben korrigieren müssen. Die Wasserfläche werde in den nächsten zwei Tagen nicht um 2o Zentimeter, sondern um das Doppelte ansteigen.

Er, der das Hochwasser von 1999 schon erlebte, hat bereits das Notwendige organisiert, um die Barrikade gegen das vordringende Wasser zu bauen. Vor dem Klubhaus liegen Bretter, Plastik, Pfähle, Hammer. Auch Sandsäcke sind geordert. Er alleine, ohne Unterstützung.

Ich packe mit an, helfe und am Abend haben wir – er und ich – das Ziel erreicht. Nicht ohne Stolz schauen wir auf das Erarbeitete, das entstehen konnte, weil mir am Morgen noch nicht klar war, wie ich mein Tagesgefäss füllen werde.

Surf-sei-dank.

IMG_2597

steigender Pegel – Samstag / Sonntag:

toll

thumb_P1130631_1024

Unter dem Schutz seines Plüschlihundes, auf dessen Halsband nichts anderes als «Island» stehen kann und auch steht, fährt uns Kristján vom alten Hafen in Reykjavík in den Westzipfel zu einem andern Hafen. Wir sind nur wenige, die bereits morgens um neun Uhr Wale beobachten mögen.

In der ersten Reihe des Buses sitzt ein Mann aus dem Vereinigten Königreich, wie er betont. Unserem Fahrer wirft er immer wieder einen Knochen in Form einer Frage zu, den dieser dankend auffängt und beantwortet. Dieser weiss alles und spricht fürs Leben gerne englisch. Und weil ich mein Ohr in dessen Redefluss halte, weiss ich über sein Land am Ende mehr als davor. Zum Beispiel, wo es Islands beste Hamburger zu essen gibt. Dass es beinahe zu einem Volksaufstand führte, als ein Gesetz die Weidepflicht für Kühe aufheben wollte. Dass Island kein Militär hat, nur Polizei und Küstenwache …

… Ich döse ob der Monotonie der Stimme weg, tauche irgendwann wieder auf. Da erzählt er gerade, weshalb er sowohl in isländisch, als auch in englisch reden und träumen kann. Er sei halt viel gereist.

Dass das isländische Volk gerne reist, hat mir auch schon die Coiffeuse erzählt, von der ich mir unlängst einen recht flotten Haarschnitt machen liess. Sie würde wie alle ihre Ferien in Florida, Spanien und auf den Kanaren verbringen – halt überall dort, wo es warm sei.

Kristján, der Busfahrer, sagt praktisch dasselbe. Um seine Aussage noch glaubhafter zu machen, erklärt er dem Mann aus dem Vereinigten Königreich, das isländische Wort für «childish» heisse im übertragenen Sinn «sitting at home», zu Hause hocken bleiben.

Toll, denke ich.

Nicht kindisch, aber wie ein Kind freut sich später dann die Reiseleiterin, eine Spanierin aus Madrid, als wir auf dem Schiff fürs eigentliche Wale beobachten in den Wellen schauckeln. So viele wie heute, sagt sie, habe sie in den vergangenen zwei Monaten noch nie gesehen – in spektakulärer Nähe.

Toll, rufe ich.

thumb_P1130767_1024thumb_P1130768_1024thumb_P1130724_1024