Schwalben

Ich sitze in Doris‘ Auto, blicke über die Weite des Bodensees, die Sonne, eine rote Kugel, ist eben erst aufgegangen. Ich wähle den Rückwärtsgang und fahre dahin, woher ich eben erst gekommen bin. Denn mit Rudern ist um diese Zeit noch nichts, das Wasser zu bewegt.

Etwas später stehe ich am Bahnhof in Romanshorn, weil ich nun von dort nach dort will. Der Zug ist bereits seit fünf Minuten ohne mich unterwegs und der nächste fährt wegen Bauarbeiten erst in 55 Minuten und ich denke, einmal mehr: Was will ich eigentlich dort?

Dies fragte ich schon am frühen Morgen Doris. Weshalb fahre ich jetzt schon nach Zürich? Turnen ist ja erst abends!

Sie sagte zu recht, sie wisse es auch nicht!

Ich nickte.

Wenig später fahre ich dennoch los.

Allerdings stehe ich dann am Hauptbahnhof Zürich ähnlich «lost» und trotzdem heiter wie das Plüschli, dem ich vor zwei Tagen im Untergrund des Bahnhofs begegnet bin und telefoniere meiner langjährigsten Freundin. Mein Anruf holt sie unter der Dusche hervor, meine spontane Fahrt in ihre Stadt bringt ihr Programm durcheinander und drei Stunden später, auf der Rückfahrt, freue ich mich über ihre Kurzmitteilung «Danke fürs Rausholen aus eingeübtem Trott».

Nun sitze ich in meinem Büro, wo ich seit Island erstmals wieder die Rollläden hochgekurbelt habe, am offenen Fenster. Das Quartier wohltuend in meinen Ohren, blättere ich Seite um Seite im Buch, das mir meine Freundin empfahl, als wir noch vor kurzem an der wärmenden Sonne sassen, und zu dem die Buchhändlerin meinte, sie würde mich um den Nachmittag beneiden, an dem ich darin lesen könne.

«Und was hat das mit mir zu tun?»

Diese Frage, die zugleich auch Buchtitel ist, bewegte Sacha Batthyany, seiner Familiengeschichte während des zweiten Weltkrieges nachzuspüren. «Es war das Massaker an 180 Juden», schreibt der Journalist am Ende des ersten Kapitels, «das mich meiner Familie näherbrachte».

Ich lese und lese und schliesse die Rollläden erst wieder, als ich fürs Turnen weiter muss.

Liebes «Kollektiv Warum» – so habe ich heute meine Zeit verbracht (siehe gestern «warum 3»). Ziehe ich Fazit, kann ich sagen: Auf meinem Weg durch den Tag entdeckte ich zu meiner Freude bereits die dersten Schwalben und dazu noch anderes Bereicherndes, obwohl ich im Moment jeweils meist nicht wusste, weshalb ich es so und nicht anders mache.

warum – 3

Und hier, gleich zu Beginn der Woche, erneut ein Nachdenken, angeregt durch die Kartenaktion des Kollektiv Warum, lanciert von zwei jungen Frauen, die dadurch individuelle Sichtweisen auf einen gesellschaftlichen Kontext aufzeigen wollen. (In «initialisieren» habe ich ausführlicher darüber geschrieben).

«Fordere eine Dir nahe stehende Person auf, zu
 beschreiben, was Du mit Deiner Zeit machst.»

warum – 2

In «initialisieren» habe ich bereits über die beiden Frauen, den Gründerinnen des «Kollektiv Warum», geschrieben. Ihre Idee gefällt mir. Anhand von Fragen, die sie rund um zivilgesellschaftliche Themen wie Geld und Arbeit stellen und anhand von Karten, Aktionen und via Facebook  individuelle Sichtweisen auf einen gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen wollen. Ihre Themen regen an – zum Nachdenken, für Gespräche. Zum Beispiel:

Stell Dir vor, Du sitzt mit einer Dir nahen Person am Esstisch. 
Ihr lebt in einer Welt ohne Geld. 
Schreibe uns den Dialog, den ihr führt.

 

warum – darum

Oft hat mich die Frage beschäftigt, ob ich als dauerferien-Frau wirklich Ferien benötige? Möglicherweise zur Ablenkung oder um der Langeweile zu entfliehen?

Diese Frage habe ich meiner um fünf Jahre älteren Schwester, die seit ihrer Pensionierung oft in den Ferien ist – Indien, Burma, Paris – auch gestellt. Meistens hat sie schon neue Pläne, bevor sie den Koffer für die anstehende Reise gepackt hat. Sie meinte: «Neue Eindrücke beflügeln mich».

Heute Morgen in Fluðir, als ich mich in der <Secret Lagoon>, Islands ältestem Geothermalbad, auf dem Rücken durch das heisse Wasser treiben liess, kam ich zu einer weiteren Antwort: Mir ist aufgefallen, dass jetzt, wo ich weg vom Alltag bin, meine kreisenden Gedanken ebenfalls Ferien machen. Sie haben sich aufgelöst wie der Dampf der Heisswassersquelle.

Seit gestern bin ich auf dem Reithof <Eglisstaðir 1>: Am Nachmittag striegle ich mein Islandpferd <Güstür> und tölte auf seinem Rücken in traumhaften Landschaften durch die Gegend – am zweiten Tag schon besser als am ersten. Anschliessend führe ich ihn zurück in sein Gehege und denke an meine Schwester: «Neue Eindrücke beflügeln.» Heute ist mir zudem noch aufgefallen, dass die Frage: «Wie gestalte ich als frisch Pensionierte wohl die neue Lebensphase?», hier nicht existent ist; sie jedenfalls diesen Gedanken nicht zum Kreisen bringt. Nur schon deswegen braucht es trotz dauerferien Ferien.

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