Kapitel

Wenn ich in meinem Büro sitze, das Fenster einen Spalt weit öffne und dann diese Geräusche des Quartierlebens, die ich so liebe, sogleich den Raum füllen, dann ist dies das untrügerischste Zeichen, dass es draussen schön ist und die Menschen sich im Freien aufhalten.

Heute ist genau ein solcher Tag. Und ich sitze demnach drinnen.

Nachdem ich meinen Vermieter schon lange nicht mehr gesehen habe, begrüsste ich ihn kurz davor, vorausahnend, was er mir sagen will, mit «ich weiss, es gibt noch schönere Tage, als diesen, um hier zu sein.»

Er begreift nicht wirklich, weshalb es mich ausgerechnet heute hierher zieht und nicht allein bei Regen und Nässe. Kann ich doch frei wählen; könnte er, der Werktätige, dies ebenfalls, wäre er jetzt an der Sonne. Doch zum Glück stehen bei ihm, wie er mir erzählt, schon ab nächstem Montag vier Wochen Australien in der Agenda.

Bei mir dauerferien – und das schon seit vergangenem Juli.

Ich sitze nun hier, schreibe und lese und denke.

Mir wird inmitten dieser Geräusche bewusst, wie gut es mir mit mir geht. Das war nicht immer so.

Ich weiss: Es ist ein absoluter Luxus in Stabilität(en) zu leben, was allein schon Luxus ist, und dennoch hadernd durch den Alltag zu gehen. Zulassen zu dürfen, dass sich im Kopf die immer gleiche Frage dreht, wie fülle ich dauerferien-Tage, so dass ich am Abend erfüllt bin. Und ich denke, heute nicht zum ersten Mal: Dieses Gefühl, das so nebulös besetzend (besitzend?) sein kann, bedrängt mein Innerstes sehr viel seltener.

Inzwischen lasse ich mich an so einem schönen Tag, wo Menschen, die noch im Arbeitsprozess stehen, am liebsten woanders, als in einem Büro verbringen würden, von den Geräuschen beglücken, die durchs offene Fenster dringen. Freue mich, Doris in die Augen schauen zu können, die auf dem Foto, das ich an die Wand pinte, strahlt und mich an unsere Ferien in Island erinnert. Nicht mehr mit Schaudern, sondern mit Neugier die Postkarte betrachten können, die den von Maria Lassnig so schonungslos dargestellten, alten Frauenkörper abbildet und ebenfalls an der Wand hängt, zusammen mit den Ferienfotos.

Was sagt mir dies?

Unter anderem, dass es diese Verbindung von Vergangenem zu Gegenwärtigem braucht, um (sich) zu sortieren. Dass Vergangenes wichtig ist, um beispielsweise ein weiteres Kapitel in Angriff nehmen zu können – sei es beim Schreiben oder im Leben.

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Postkarte mit Bild von Maria Lassnig

Vorfreude

Und nun ist der Herbst am Voranschreiten.   IMG_2419

Jedenfalls erinnert er mich, als ich sechs Tage später wiederum am Küchentisch sitze und übers Leben sinniere, «brütal» stark, um es in den Worten einer Freundin auszudrücken, an Giovanni Segantinis Alpentryptichon – werden – sein – vergehen. Tiefsinnig genug, um sich damit auseinandersetzten. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Ausser:IMG_2433

Für mich beginnt nun ein verlängertes Wochenende. Als pensionierte Frau in dauerferien lege ich, was für andere Samstag – Sonntag ist, dahin, wo es mir gerade dienlich ist. Also dahin, wo Doris einige Ferientage zwischenschaltet, und wir gemeinsam etwas unternehmen können – für viele unschwer zu erraten, was: Angesagt ist rudern oder wandern durch die vergehenden Farben dieses unglaublich schönen Herbst.