Himmel

Da gibt es also fast jeden Montag die eine Bekannte, deren innere Balance sich im äusseren Gleichgewicht spiegelt. Da gibt es aber auch die andere Turnmatten-Nachbarin, die gleich alt ist wie ich, aber im Gegensatz zu mir, noch immer im Berufsleben steht, beziehungsweise sitzt und nach wie vor an einer regionalen Musikschule Klavier unterrichtet.

Wir lachen viel. Eigentlich lacht sie oft wegen mir, wenn ich wie ein angestochener Ballon den Atem ausschnaube, das Gewicht auf den Armen nicht länger halten kann, auf den Boden sacke und dazu noch eine Bemerkung fallen lasse. Dann ist sie mir dankbar, quittiert es mit dem entsprechenden Blick und versucht, es mir nicht nachzumachen.

Wenn wir jeweils schon vor Beginn der Turnstunde auf der Matte liegen, erzählen wir uns aus unseren Leben. So weiss ich von ihr, dass sie seit Wochen an einem Musiktück feilt, das den Fingern die ganze Fertigkeit abverlangt und den passenden Titel «Glühwürmchen» trägt.

Halb ernst halb spasseshalber sage ich: «Spiel es uns doch mal vor.»

Nun gut, einige Woche später erhalte ich als einzige unserer Montagsgruppe eine Einladung zu einem Hauskonzert an dem noch ein Duo auftritt – allesamt bekennende Verehrende der Glühwürmchen-Komponistin Amy Beach. Der Abend ist stimmungsvoll, so dass ich später Doris noch viel darüber erzählen mag.

Zwei Montage später liege ich wieder neben der Mattenbekannten. Begeistert erzähle ich, dass ich inzwischen ebenfalls zum Kreis der vor zwei Jahrhunderten geborenen amerikanischen Komponistin zähle. «Ich habe», ergänze ich, «gleich zwei Alben von ihr gekauft.»

Vorerst noch ehrfürchtig will sie von mir wissen, ob ich die Noten ebenfalls ausserordentlich schwierig finde. Ich erzähle nicht, dass ich lieber Handorgel als Klavier gespielt hätte. Und auch nicht, dass ich trotz sechs Jahren Unterricht nach der allerletzten Stunde keine einzige Taste mehr gedrückt habe. Ich erkläre ihr dagegen, dass ich mir die Alben als digitale Musik aufs Handy geladen habe und damit ist der Reiz einer Diskussion unter Fachfrauen bereits im Keim erloschen.

Dass diese Episode doch noch eine Fortsetzung haben könnte, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Einen Tag später telefoniert sie und fragt mich, wie mir «ihre» Glühwürmchen gefallen hätten, ob ich ihre Unsicherheit bemerkt hätte.

Habe ich natürlich nicht. «Du sprichst mit einer Banausin», entschuldige ich mich, bevor ich erwähne, dass es mir sehr gefallen hat. Doch sie zweifelt weiterhin an ihrem Können, bis ich frage, ob es in Bezug auf Zufriedensein je ein Limit geben könne – «ist der Himmel nicht grenzenlos?»

Damit kann sie leben – der Himmel ohne Grenzen!

(hier ein Ohr voll «Glühwürmchen» / «Fireflies»)

berührt

Den Tag, den ich gestern beschrieb, hatte dann ja noch seine Fortsetzung – unter anderem mit Turnen.

Wie fast immer stelle ich mich auf den selben Platz gleich neben dem Fenster und wie fast immer steht Montag für Montag dieselbe Frau mir gegenüber. Vor fünf Monaten verlor sie ihren Mann. Dem Paar blieb fürs Abschiednehmen wenig Zeit. Sehe ich in ihre Augen, sehe ich eine tiefe Traurigkeit – oft, wie aus dem Nichts, gefüllt mit Tränen.

Sie erinnert mich immer wieder an meine Zeit der Trauer, gerade jetzt Mitte April. Genau vor acht Jahren ist meine langjährige Partnerin an ihrer Krebserkrankung gestorben. Und deshalb kann ich mit der Frau, mir gegenüber, so gut mitfühlen. Ich weiss, wie es ist, wenn man als Zurückgebliebene bis in seine Grundfesten erschüttert ist. Auch mir entglitt damals der Boden unter den Füssen. Auch meine Verunsicherung war immens, selbst dann noch, als ich mich in Doris frisch verliebte.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem sich mein «Turngspöndli» beinahe auflöst. Während wir den Anleitungen der Physiotherapeutin folgen, kann ich förmlich zusehen, wie sie ihre Stabilität, selbst mit der grössten physischen Anstrengung, nicht findet; wie sich ihr innerer Seelenzustand auf ihre Standfestigkeit auswirkt und sich im äusseren Gleichgewicht das innere spiegelt. Je fragiler und aufgeweichter sie ist, desto schwerer fallen ihr die Übungen. Je wackliger ihr Stand, desto dunkler ihre Augenumrandungen und desto länger ihre Umarmung zum Abschied, wenn ich ihr viel Kraft für die kommende Woche wünsche.

Doch dieses Mal schafft sie, was sie immer gerne angenommen hätte und zuletzt dann doch noch ablehnte. Wir – sie und ich, die beiden, die Ähnliches erlebten – verlängern das Zusammensein. Wir setzen uns ins nahe gelegene Kaffee, bestellen ein Bier und reden und reden. Zum Abschied legt sie ihre Arme um mich; sie scheinen weniger schwer zu sein, als sonst und dazu ein Lächeln, was wiederum mich berührt.

Ü60

IMG_1986  Apropos Klöntal: Als wir am vergangenen Wochenende an einem Abend im auf «Fischerstübli» getrimmten Saal des Hotels sassen und die gesammelten Videoaufnahmen unserer Ruderausfahrten des Tages vorgeführt erhielten, war jede und jeder etwas angespannt. Unter kritischem Blick der andern, den Kommentar des Trainers in Empfang zu nehmen und diesen dann innerlich zu verarbeiten und am nächsten Tag äusserlich umzusetzen, ist, obwohl wir uns kennen, nicht nur einfach.

Doch Ueli, unser Trainer, ein ehemaliger Silbermedaillengewinner an Olympischen Sommerspielen, ist Gold wert. Er schafft es, uns alle weiter zu bringen. Er schafft es, unsere Fehler durch erklären, zu verkleinern.

Einige werden sich denken, «eliminieren» müsste doch das eigentliche Ziel sein von solch einer dreitägigen Veranstaltung. Ist es aber nicht, da Perfektion im Rudern nie erreicht werden kann. Denn «perfekt» heisst in dieser Sportart: Über eine einzige Sequenz, maximal über mehrere, passt alles optimal zusammen. Mehr nicht. Aber dies ist schon viel und anstebenswert.

So sitze auch im «Fischerstübli» und warte, bis dass die Videoaufzeichnungen der Fahrt im Doppelvierer in unserer Bodenseezusammensetzung und der Fahrt im Doppelzweier mit Doris, meiner Lebenspartnerin, analysiert werden. Wir sehen, dass wir alle Fortschritte gemacht haben. Ich sehe, dass ich eine Abfolge im Ruderschlag verbessern konnte, die letztes Jahr noch kritisiert wurde. Und Ueli meint: «Du bist viel beweglicher.»

Meine Arboner Freundin hat eine Erklärung: das regelmässige Turnen. Ueli hat eine weitere Deutung: ohne berufliche Anspannung.

Es stimmt wohl beides. Doch die Tatsache, dass ich trotz älter werden, beweglicher bin, ist so oder so ein Aufsteller.

Als ich heute meinen Stammtisch in der Badi Enge aufsuche, treffe ich unverhofft auf Olivia, meine Turnlehrerin. «Ich habe dich am Montag vermisst», ist ihre Begrüssung. Ich erzähle von Klöntal und Feedback. Wir strahlen beide und ich stelle fest, dass die beiden Übungsanleitenden – sowohl sie wie auch er – mehrere gemeinsame Qualitäten haben: motivieren, Stärken fördern, Begeisterung für das haben, was sie machen.

Egal, ob pensioniert oder nicht: eine Lebenseinstellung zum Kopieren.

Weisses (2)

Nach dem Turnen bin ich mit dem Fahrrad an meinem Atelier vorbeigefahren und schaute zu den heruntergelassenen Rollläden hoch. Seit meiner Rückkehr aus dem siebenwöchigen Urlaub war ich noch nie in meinem Büro. Denn, so wie heute Montag, habe ich mir vergangene Woche ebenfalls Hitzeferien zugestanden. Obwohl ich im Sinn hatte, wenigstens meine Filmaufnahmen, die ich in Island für mein Dokumentarfilmprojekt realisierte, zu transkribieren, war ich noch keine Stunde in meinem Büro. Meinen beiden Lohnzahlern ist dies egal: die Renten von AHV und Pensionskasse werden mir erstmals seit diesem Monat automatisch auf mein Konto überwiesen. Sie interessiert nicht, ob ich mir Hitzeferien oder Arbeit verordne. Sie fragen sich viel eher, wenn sie über die demografische Entwicklung nachdenken, wie lange es für Renten reichen wird. Das Bundesamt für Statistik kommentiert die entsprechende Grafik folgendermassen: «In den kommenden dreissig Jahren verändert sich die Alterspyramide. Aus der Tanne wird eine Art Urne». Wenn ich das Bild betrachte, könnte man auch sagen «Apfel» oder «Suppenschüssel» – nein, die Interpretierenden wählen den Begriff, wo das Leben endet: in der Urne.

Doch darüber haben sich meine Schwester und ich keine Gedanken gemacht, als wir uns nach meinen Ferien erstmals wieder trafen. Als Ort der Begegnung wählten wir das Frauenbad mit Blick auf die wunderbare Kulisse von Zürichs Altstadt. Abgekühlt und im Schatten sitzend, wünschten wir uns, einen gemeinsamen Museumsbesuch in München, um zusammen das Werk zweier Künstlerinnen anzusehen: «RING MY BELL» von Zilla Leutenegger, einer zeitgenössischen Schweizer Künstlerin und «Strukturen des Daseins: Die Zellen» von Louise Bourgeois, die 2010 annähernd 100-jährig starb. – So wird aus der Tanne unweigerlich eine Urne, denke ich, als ich zu Hause online die Fahrkarten bestelle und mich erst recht freue, dass meine Schwester und ich in unseren Agenden zwei Seiten nur Weisses fanden, zwei Tage ohne fixe Termine, die uns den gemeinsamen Museumsbesuch ermöglichen.

Luxus

Diese Woche hatte ich zwei fixe Daten in meiner Agenda: Am Montag Balance, Dehnen und Körper stärken, genannt Turnen. Am Donnerstag die Verabschiedung meines langjährigen Vorgesetzen im Fernsehen, der sich vor gut einem Jahr entschied, lieber die frühzeitige Rente zu beanspruchen. Lange habe ich mir überlegt, ob mir diese Apéro-Stimmung gut tut – alle im Arbeitseifer, alle mit den Worten auf den Lippen wie «mach es gut», «wir sehen uns wieder», «schön war es mit dir» und und.

Ich habe mich fürs Hingehen entschieden. Denn schliesslich hatte ich während meiner 43 Arbeitsjahre nicht nur so loyale Chefs wie ihn. Nur schon aus Respekt und Wertschätzung gegenüber dem langjährigen Weggefährten wollte ich zu Gesäusel und Ernsthaftigkeit.

Viele freuten sich, mich wieder zu sehen. An einigen ist es sogar vorbei gegangen, dass ich daran bin, mich in der neuen Lebensphase einzupendlen. Viele fragten mich: «Und, was machst du so?»!

Ohne zu antworten, stellte ich erst einmal die Gegenfrage: «Wenn du wählen könntest, was würdest du an einem heiss heisser Tag wie heute am liebsten machen?»

Ihre Antworten: «Wandern.» – «Schwimmen.» – «In der dunklen und kühlen Wohnung flach liegen.» – «Lesen.» Keine und keiner sagte «arbeiten», obwohl fast alle direkt von der Arbeit kamen. Bemerkenswert – wie auch immer.

Und ich? Ich habe es geschafft, die Woche ohne fremdbestimmtes Eingespannt sein, aus dem Tag heraus zu entscheiden, was ich als nächstes machen werde und dabei nicht schon zum Voraus ein zeitliches Ende determiniert. Ich blieb, ich machte – oder auch nicht – so lange ich wollte. Dabei ist mir oft «Bär» in den Sinn gekommen, der Amerikaner aus Seattle, den ich in Stykkishólmur kennen gelernt habe. Ich sah ihn, in seiner vollen Rundlichkeit im Sofa stecken und mir, als er erfuhr, dass ich anfangs Juli erstmals Altersrente beziehe, mit sonorer Stimme zujubelte: «Von nun an musst du nie mehr müssen». Ich glaube, diese Woche habe ich dies ziemlich gut geschafft. Dabei habe ich mich sauwohl gefühlt und immer wieder gedacht: «Welch ein Luxus, welch ein Privileg.»