Einstieg

Der Bus am frühen Morgen ist prall gefüllt. Ich schaue in die Gesichter und überlege mir, was diese Menschen arbeiten. Ich frage mich, ob sie dabei glücklich und ausgefüllt sind? Ob sie in ihrem Beruf eine Zukunft haben und wem möglicherweise die Erwerbslosigkeit droht?

Dass mich diese Gedanken ausgerechnet an diesem Montag beschäftigen, ist naheliegend. Denn heute bin ich, obwohl seit wenigen Monaten pensioniert, auf dem Weg zu meinem früheren Arbeitgeber. Ich kehre für einen dreitägigen Einsatz als Kursleiterin an meinen früheren Wirkungsort zurück.

Als ich neben meinem Kollegen und Koleiter vor den Teilnehmenden stehe, weiss ich mit einem Mal nicht, wie ich mich vorstellen und welche Tätigkeiten ich hervorheben soll. Zähle ich dasjenige auf, was mich vor wenigen Monaten noch als Ausbildnerin auszeichnete? Oder erwähne ich, was mich heute umtreibt? Ich realisiere erst, als mein Kollege seinen Erfahrungsschatz ausbreitet, dass ich mich für meinen ersten Morgenauftritt zu wenig vorbereitet habe. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch, einzuflechten, was mich qualifiziert, vor ihnen – den jungen Berufskolleginnen und -kollegen – zu stehen.

Beim ersten Pausenkaffee thematisiere ich den, in meinen Augen missglückten Anfang. Ich rede von meinen Hemmungen, Vergangenes hervorzuheben, obwohl mir schon am Morgen auf der Busfahrt bewusst war, dass mich auch mein reicher Erfahrungsschatz auszeichnet, um nochmals an meinen langjährigen Arbeitsort zurückzukehren.

Spät in der Nacht, beim Lesen der Kursbilanzen von «Tag 1», erfahre ich, dass der Einstieg glücklicherweise nur für mich ein verpatzter war.

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reisen

Auf der Fernseh-Intranet ist zu meiner Pensionierung ein Artikel erschienen – ein Abschiedsbrief von meinem Chef. Vor 40 Jahren sind wir einander erstmals begegnet. Es war in Biel. Wir standen beide am Anfang unserer journalistischen Laufbahn. Wohin uns unsere Berufswege führen würden, wussten wir damals beide nicht. Dass wir zu Letzt über 10 Jahre zusammenarbeiten werden – er als mein Vorgesetzter und ich als „seine“ Angestellte -, wäre uns damals, als wir durch unsere Arbeit die Welt verändern wollten, nie in den Sinn gekommen.

Eigentlich war mir die Vorstellung, dass meine Pensionierung einmal auf der Intranet-Seite verkündet wird, unangenehm; etwas, was ich bestimmt nie wollte. Doch Rituale sind mir im dem Laufe der Zeit immer wie wichtiger geworden – auch fürs reinigende Weinen, wenn es ums Abschied nehmen geht. Deshalb habe ich mir die Erwähnung explizit gewünscht. Dies ist nun geschehen.

Der sehr persönliche Artikel, der mich beim Lesen bewegte, wurde anfangs Mai, als ich schon nicht mehr dort war, aufgeschaltet. Eine Arbeitskollegin, die immer sehr aufmerksame Teamleiterin des Sekretariats der Ausbildung, hat mir eine Kopie nach Hause geschickt. Zu den Grüssen schrieb sie: «schöne Reise!»

Sie dachte dabei an Island. Und ich überlegte, im Moment, als ich die Wünsche las, ob damit wohl beide Reisen gemeint sein könnten – sowohl diejenige in den Norden, als auch jene durch den nächsten Lebensabschnitt.

erinnern

Gestern war ich nochmals im Fernsehen, meinem Arbeitsort über Jahrzehnte. Zusammen mit einigen «Gspönlis» ging ich in die Kantine. Beim Mittagessen redeten wir über tschüssUNDsali, tauschten Eindrücke zum Fest, das bereits vier Tage zurück lag.

Einmal mehr: Etwas, was lange vor mir gelegen hat, ist nur noch Erinnerung.

Im gleichen Stil ging’s weiter. Ich räumte in «meinem» Büro den definitiv letzten Schrank. Es waren drei Kassetten mit wichtigen Arbeiten, die ich zur Erinnerung in mein neues Büro mitnehmen will – u.a. mein allererster Film. 1978 – also vor 36 Jahren – realisierte ich einen Bericht zu übermässigem Alkoholkonsum während der Rekrutenschule.

Danach aktivierte ich im Outlook die Abwesenheitsnotiz. Von nun an werden Mails, die mir geschrieben werden, automatisch mit dem Hinweis benachrichtigt: «Dieser Account wird nicht mehr bewirtschaftet und Ende Juni endgültig gelöscht».

Anschliessend gab ich Personalausweis und Schlüssel zurück. Und das war’s dann.

Ein letztes Mal ging ich als noch nicht ganz Pensionierte dem Fernsehgebäude entlang und dachte, bevor die Last der Wehmut der Freude auf Neues wich: «Wie oft bin ich hier gestanden mit dem Gefühl: «Ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht.»

Alles bloss noch Erinnerung. IMG_1880

einmal mehr

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie werde ich meinen Abschied aus 43 Berufsjahren gestalten.

Klar war mir: nur kein Apéro innerhalb des Betriebs. Ja nicht das Traditionelle, wo Worte und Alkohol fliessen. Aber was dann? Einfach verschwinden?

Soviel Bruch mit Konventionen geht nicht – auch mir zuliebe. Dies war mir ebenfalls klar. Denn jeder Abschied braucht sein Ritual, um Neues in Angriff nehmen zu können.

Im vergangenen November kam die Eingebung: Ich WILL feiern mit Apéro und Konzert – zusammen mit mir lieben Menschen. Ich wurde aktiv; organisierte mein Fest und verschickte Einladungen zu tschüssUNDsali im Sinne: ich sage jenen tschüss, die ich kaum mehr sehen werde und jenen, die mich nach wie vor durch mein Leben begleiten sali.

Es war warm und sonnig am Festtag, dem 23. April; die Bäume im Zürcher Kasernenhof in prächtigster Blust, die Gäste in guter Stimmung. Mir ging es ebenfalls gut bei soviel verbundener Zuneigung. Das Konzert zu tschüssUNDsali von Irène Schweizer und Jürg Wickihalder war ein Hammer.

Alles in allem war der Abend so schön wie in meinen schönsten Vorstellungen. Und einmal mehr bewahrheitete sich, dass es dann gut kommt, wenn ich mir selber treu bleibe.

tschüss

Nach über 40 Jahren Arbeitsleben hatte ich mein definitiv letztes Mitarbeiterinnen-Gespräch, das MAG. Dies war vor genau zwei Wochen.

Ich sitze, als bald schon pensionierte SRF-Ausbildnerin, im Büro meiner Fach-Vorgesetzten. Wir schätzen einander sehr. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Gespräche geführt – nicht nur einfache, aber immer sachbezogene.

Der ritualisierte Ablauf des MAG’s verläuft kollegial, freundschaftlich, professionell – fast so, als würde es noch viele weitere geben. Aber ich höre es zum letzten Mal, was sie an mir und meiner Arbeit besonders schätzt: Klarheit, Haltung, Engagement.

Und dann kommt, was kommen muss – auch wenn ich mir im Vorfeld immer wieder eingetrichtert habe: «Lass dich nicht gehen!».

Als ich die Zeile sehe, die sie mir vorliest «du fehlst mir schon jetzt», kommen Tränen. Ich weine. Sie auch. Uns ist egal, dass zu unserem «tschüss» die Emotionen hörbar fliessen.

Sie sucht nach ihren Papiertaschentüchern.

Eigentlich gibt es keinen besseren Abschluss: mit guten Erinnerungen in den wohlverdienten Ruhestand, beziehungsweise ab in dauerferien.

Allerdings spüre ich auch eine Wehmut. Weshalb dies so ist, erzähle ich ein anderes Mal.