Luxus

Diese Woche hatte ich zwei fixe Daten in meiner Agenda: Am Montag Balance, Dehnen und Körper stärken, genannt Turnen. Am Donnerstag die Verabschiedung meines langjährigen Vorgesetzen im Fernsehen, der sich vor gut einem Jahr entschied, lieber die frühzeitige Rente zu beanspruchen. Lange habe ich mir überlegt, ob mir diese Apéro-Stimmung gut tut – alle im Arbeitseifer, alle mit den Worten auf den Lippen wie «mach es gut», «wir sehen uns wieder», «schön war es mit dir» und und.

Ich habe mich fürs Hingehen entschieden. Denn schliesslich hatte ich während meiner 43 Arbeitsjahre nicht nur so loyale Chefs wie ihn. Nur schon aus Respekt und Wertschätzung gegenüber dem langjährigen Weggefährten wollte ich zu Gesäusel und Ernsthaftigkeit.

Viele freuten sich, mich wieder zu sehen. An einigen ist es sogar vorbei gegangen, dass ich daran bin, mich in der neuen Lebensphase einzupendlen. Viele fragten mich: «Und, was machst du so?»!

Ohne zu antworten, stellte ich erst einmal die Gegenfrage: «Wenn du wählen könntest, was würdest du an einem heiss heisser Tag wie heute am liebsten machen?»

Ihre Antworten: «Wandern.» – «Schwimmen.» – «In der dunklen und kühlen Wohnung flach liegen.» – «Lesen.» Keine und keiner sagte «arbeiten», obwohl fast alle direkt von der Arbeit kamen. Bemerkenswert – wie auch immer.

Und ich? Ich habe es geschafft, die Woche ohne fremdbestimmtes Eingespannt sein, aus dem Tag heraus zu entscheiden, was ich als nächstes machen werde und dabei nicht schon zum Voraus ein zeitliches Ende determiniert. Ich blieb, ich machte – oder auch nicht – so lange ich wollte. Dabei ist mir oft «Bär» in den Sinn gekommen, der Amerikaner aus Seattle, den ich in Stykkishólmur kennen gelernt habe. Ich sah ihn, in seiner vollen Rundlichkeit im Sofa stecken und mir, als er erfuhr, dass ich anfangs Juli erstmals Altersrente beziehe, mit sonorer Stimme zujubelte: «Von nun an musst du nie mehr müssen». Ich glaube, diese Woche habe ich dies ziemlich gut geschafft. Dabei habe ich mich sauwohl gefühlt und immer wieder gedacht: «Welch ein Luxus, welch ein Privileg.»

Stammtischgespräch

Wie es Stammtische so an sich haben: Sind sie für einmal nicht von Freundinnen und guten Bekannten belegt, dann setzen sich immer wieder Unbekannte dazu mit denen man ebenfalls zu guten Gesprächen findet. So war es heute am Hitze-Morgen auf der Sitzbank im Seebad Enge. Selbstverständlich stellte ich mich der Unbekannten als frisch Pensionierte vor, als wir ins Plaudern kamen.

Doch davon will ich gar nicht erzählen – auch nicht, was ich an diesem super heissen Tag so alles gemacht habe. Zuerst dies, anschliessend das, dann … Nein, behüte die Leserin, den Leser – behüte mich davor.

Heute beschäftigte mich unter anderem die Frage, ob es geeignete Koeffizienten gibt, um zu berechnen wie viel Zeit ein Mensch in einer bestimmten Lebenslage braucht, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, so wie es einen für den Jetlag gibt. Man weiss: Je grösser die Zeitverschiebung beim Reisen ist, desto grösser sind die damit verbundenen, körperlichen Probleme. Bereits ab fünf Stunden gerät die innere Uhr aus dem Gleichgewicht. Die Faustregel lautet, dass der Körper pro verschobener Stunde einen Tag zur Anpassung benötigt.

Wie ist es mit dem Kulturschock? Wenn ich hierfür eine ähnliche Berechnungsmethode anwende, würde dies heissen, dass ich nach sieben Wochen Island fürs Einfinden im Alltag und fürs innerliche Gleichgewicht bis zu sieben Tage benötige. Nach meiner unsanften Landung am Samstag bleibt mir also noch etwas Zeit.

Und wie lange dauert es, bis man sich nach 43 Arbeitsjahren an den sogenannt wohlverdienten Ruhestand gewöhnt hat? Ans Leben mit anderen Herausforderungen? Welcher Koeffizient gilt hier fürs Berechnen? Ich weiss es noch nicht. Jedenfalls sagen viele, erst wenn sie im Rückblick darüber sprechen, dass sie in etwa ein Jahr benötigt hätten, um ihren Tritt zu finden. Auch darüber wird gesprochen, wenn ich am Stammtisch sitze.

nicht vergessen

So, morgen Mittwoch ist das Leben Realität, das ich seit einigen Monaten als Gedanken in mir trage und worüber ich in meinem allerersten Blogbeitrag «noch vieles unscharf» (22.2.15) geschrieben habe: Morgen bin ich offiziell Rentnerin.

Hätte ich es vergessen, hätte mich gestern, als ich den während meiner Island-Reise zurückgestellten Postberg abbaute, der Brief der Pensionskasse «Betreff Altersrücktritt»* (Altersrücktritt fett geschrieben) daran erinnert. Die Fachspezialistin schrieb mir mit den zugestellten Unterlagen, dass ich per 1. Juli 2015 in den Altersruhestand trete und dass mir die Altersrente ab diesem Datum «vorschüssig» auf mein Konto überwiesen werde. Danke.

Ja, ab morgen bin ich offiziell und nicht nur gedanklich eine Seniorin, eine Pensionistin, eine Ruheständlerin … – im Duden sind insgesamt 12 Synonyme zu Rentnerin aufgelistet. Ich belasse es bei deren drei.

Vieles wird im neuen Lebensabschnitt irgendwann einmal beschwerlicher. Vieles wird aber ab sofort günstiger: Museums Eintritte (durchschnittlich zwischen vier und fünf Franken), das Jahres-Generalabonnement der Schweizerischen Bundesbahnen (um 895.– Franken),  Kinoeintritte (zwei Franken) und vieles mehr.

Heute an meinem Sommer-Stammtisch – auf der Sitzbank direkt über dem Wasser in der Frauenabteilung des Zürcher Seebad Enge – war neben meiner Island-Reise auch meine Pensionierung und die damit verbundenen Vergünstigungen ein Thema. Eine der Habituées erklärte, dass an den Kinokassen kaum jemals das Geburtsdatum verifiziert werde. Eine Kassiererin habe einmal erklärt: «Niemand will sich älter machen. Und deshalb wird auch kaum einmal nach dem Personalausweis gefragt.“

Interessant.

Und damit bin ich nach den Island-Geschichten wieder bei meinem ursprünglichen Blog-Thema. Nach den Ferien von den dauerferien befinde ich mich ab morgen definitiv in dauerferien und meinen Geschichten, bei denen ich nicht vergessen will, dass es unter anderem um meinen neuen Lebensabschnitt geht: um die Neuorientierung, die mir manchmal (nicht) leicht fällt.

* Nachtrag: «Altersrücktritt!»?, Doris, meine Lebenspartnerin, macht sich laut und lachend Gedanken zum Betreff des Pensionskassenbriefes: «Was für ein Wort!», sagt sie: «Kann man wirklich vom Alter zurücktreten?» Wohl kaum. Jedenfalls habe ich noch nie jemanden gesehen, dem oder der es gelungen ist. Aber schon von vielen gehört, dass sie es sich  wünschten.

Was denkst Du, liebe Blogleserin, lieber Blogleser? (Kommentar erwünscht).

grün grüner

Ein heftigster Regentag – und 42 Stunden später ist die Landschaft zwar noch dieselbe, aber sie präsentiert sich total anders. Nach der Nässe des Vortages hat sie am Dienstag ihr leuchtendes Sommerkleid an. Allerdings hat sie gegen das Frösteln noch immer die bräunliche Stola bei sich. Trotzdem gilt: «grün», «grüner», aber noch nicht «am grünsten».

Als wir für Dianas Geburtstags-Ausflug auf Landschafts-Schau gingen und wir auf der Rückfahrt erneut dem Álftafjörður entlang gondelten, musste sie anhalten. Ich wollte das Fjordbecken, das mir in seinen Brauntönen gefiel, unbedingt fotografieren – das war am Sonntagnachmittag um 16 Uhr.

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Gestern um 10 Uhr, oder eben 42 Stunden später, war ich nochmals dort, weil ich sehen wollte, was die Nässe des Vortages bewirkte. Die Veränderungen sind einfach zauberhaft.

Wäre es ein Märchen, würde es vielleicht so erzählt: «… Es war einmal eine Himmels-Gärtnerin, die realisierte, dass auf der einen Hälfte der Erde schon überall Sommer war, ausser auf einer Insel, wo es nur Eisland gab. Sie rief ihre Helferinnen und bat diese, eine Nacht lang ihre <grünen Daumen> wirken zu lassen, währenddessen sie Spritzkannen leeren würde. Sie versprach ihnen, sollten sie sich für diese Extraleistung begeistern, dass fortan ihre Arbeit ständig fotografiert würde. Viele würden zur Erinnerung sogar ein «vorher» und ein «nachher»-Bild machen wollen …». Ich jedenfalls bin voll darauf hereingefallen.

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Sommergeschichte

Für die Geburtstagsausfahrt sind Diana, ihr Jüngster und ich ostwärts gefahren. Wir waren sozusagen auf «landscape watching» – einfach durch die Landschaft gondeln und die Pracht aufsaugen.

Diana ist 2007 mit den drei Kindern ihrem Mann gefolgt, der in Island arbeitete. Parallel zur Wirtschaftskrise kam die Beziehungskrise. Sie entschied sich, nach dem Neuanfang auf der Insel ein zweites Mal von Neuem zu beginnen. Damals sprach sie weder isländisch noch englisch; heute kann sie sich in beiden Fremdsprachen unterhalten. Sie hat als Alleinerziehende den Sprung geschafft: Zurück nach Deutschland war für sie nie eine Option.

Auf unserem Ausflug, denke ich oft, dass sie in diese Gegend gehört – da, wo ihr die Landschaft in die Seele fährt. Wo sie dauerflippt, wenn die Schatten der Wolken sich mit den Flecken der Sonne konkurrieren und im Wechselspiel über die Berge fliegen.

Kurz vor unserem Ziel halten wir bei einem Bauernhof mit Verkaufsladen – nach 60 Kilometern der einzige Ort, wo es etwas zu konsumieren gibt. Wir scherzen über den isländischen Sommer, der sich trotz Verspätung, im leuchtenden Grün der Wiesen zeigt. Auslöser dafür ist, dass ich mit Wollmütze an der Sonne sitze und mir fürs Löffeln des eben erworbenen Rhabarbereises auch noch die Handschuhe anziehe. Schliesslich will ich mir  mitten im Sommer nicht die Finger abfrieren. Wir hatten einen richtig schönen Geburtstags-Tag.

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Licht

Bei mir wird es nicht mehr Nacht, auch wenn die Sonne noch unter den Horizont sinkt. Meist bin ich lange wach und auf Energie geschaltet. Mir geht es, denk ich manchmal, nicht anders als den Singvögeln. Diese trillern noch ihr Abendlied, obwohl der Kalender bereits den neuen Tag angekündigt hat. Und ihr Pfeifen in den Morgen ist oft übergangslos. Jedenfalls dann, wenn ich zu dieser Zeit noch auf bin. Ich werde dafür oft tagsüber bis zum Abtauchen müde. Mir ist aufgefallen, dass Singvögel ebenfalls im Laufe des Nachmittags auf Pause schalten.

Sitze ich um Mitternacht noch lesend im Bett, kann ich die Möven beobachten, wie sie noch immer ihre Runden drehen. Ihre Flüge sind ein Spiel mit der Sonne: Schweben sie in die Höhe, gibt es einen Punkt, wo sie wieder ins Sonnelicht fliegen. Ihre Körper wechseln dann in helles Weiss. Lassen sie sich wieder fallen, werden sie erneut grau.

So ist es hier, wenn der alte Tag im bereits begonnen zu Ende geht – dazu noch der Screenshot der Webcam von «Stykkishólmur 06 06, 2015 um 00:54:57» -; die Singvögel sind noch aktiv wie ich. Nur die Möven haben ihren Flugbetrieb bereits eingestellt: Aber auch sie sind vor Ende des alten Tages bereits durch den neuen geflogen.

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neue Räume (2)

Mit einigen Schichten zu wenig unter der Windjacke verlasse ich meine Unterkunft, weil mich die Sonne dazu verführt hat. Erst später sehe ich, was ich schon gemerkt habe: Gemessen werden bloss 5.1 Grad. Das öffentliche Schwimmbad ist einmal mehr meine Rettung.

Entspannt liege ich im 40 Grad heissen Wasserbecken und schaue der Kleinklasse beim Schwimmunterricht zu. Die Lehrerin, gekleidet in Daunenjacke, Wollhandschuhen und mit einer Schirmmütze wie Martina Hingis, macht den wenigen Mädchen und Knaben vor, wie diese im Wasser Arme und Beine zu bewegen haben, um vorwärts zu kommen. Ihr Singsang ist wunderbar melodiös. Ich höre zu und verstehe nichts.

In der «BAKARí» – der Bäckerei – geht es mir beim Durchblättern der Tageszeitung ähnlich: Ich verstehe wiederum nichts, nehme nur wahr – interessant genug, um anhand von Bildern die Kultur eines Landes zu erkennen. So werden im «Morgunblaðið» erfolgreiche Frauen ganzseitig gefeiert – auch im Fussball ist die Front nicht bloss etwas für Männer. Und anstelle von Todesanzeigen erscheinen zum Teil ausführliche, biografische Artikel.

Unweigerlich denke an meine langjährige Lebenspartnerin, die vor sieben Jahren gestorben ist. Am Freitag, dem 29. Mai, wäre sie 60 Jahre alt geworden. Die in «neue Räume 1» zitierte Gedichtszeile hat seitdem einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben; auch in alltäglich Banalem:

«Neue Räume» habe ich inzwischen auch in Stykkishólmur gefunden, die dem Charme entsprechen, der mir schon an Selfoss gefallen hat. Sie liegen am Dorfrand, abseits des Touri-Trails und Pittoresken: Es sind die «BAKARí» für den Morgenkaffe und für das Nachtessen die «Null-acht-fünfzehn»-Pizzeria neben der Supermarktkette «Bonus».

😊😊😊

Draussen war ein Gemisch von allem – Regen, Hagel, Wind und Sonne. Drinnen im Stall redete ich mit Atli, dem Reiter, der am Pfingstwettbewerb beim Aufwärmen mit seinem Schecken die Rodeo-Einlage bot.

Atli ist am Schwärmen, weil in seiner Heimat die schönste Zeit beginnt. Der Winter ist, obwohl es immer wieder mal schneien kann, endgültig vorüber. Jetzt wird jeder Regenguss für die Natur zu reinstem Treibstoff: Das Gras, das zu Beginn der Woche noch strohig braun war, ist fast stündlich grüner. Kahle Äste produzieren Triebe, Sprossen explodieren und Vögel bauen ihre Nester. Alles lauert auf den nahenden Sommer; auch die Menschen sehnen sich danach.

In Reykjavik hatte ich von meinem Zimmer aus schon vor einer Woche freien Blick auf erwachendes Leben: Direkt vor meinem Fenster wurden Kugelgrill und Plastikstühle auf die Wiese der frisch gekauften Grasquadrate gestellt und Hobbygärtnerinnen lockerten für die ersten Setzlinge die Erde in den Beeten auf.

Auch Atli, ein Pferdenarr wie Ólafur, liebt diese Saison. Als ich meinen Reithelm ein letztes Mal versorge, sagt er: «Jetzt, wo alles zu Blühen beginnt, treibt es die Isländer nach draussen.» Für einmal meint er damit die Menschen. Er fragt mich noch: «Weisst du, was das schönste ist?» Nein, ich habe keine Ahnung und weiss auch nicht, worauf er hinzielt. Strahlend sagt er: «Now, all of us are smileing!» Er lacht und vergisst darob sogar seinen verpatzten Wettbewerbsritt mit seinem Rodeoschecken.

Für mich geht damit die Zeit im Süden zu Ende; adieu Egilsstaðir – es war schön bei euch.

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it is summer

Heute ist ein richtiger Glückstag. Nachdem gestern wettermässig ein Mischmaschtag war – Regen, Schnee, Hagel, Sonne, viel Wind, winterliche Kälte -, schien heute Morgen bereits um fünf Uhr die Sonne in mein kleines Holzhaus. Mit meinem auf isländisch antrainierten Kennerinnenblick konstatierte ich sofort: keine sich bewegende Äste – ergo windstill und ein richtiger Sommertag.

Wie fühlt sich dies in Island an?

Die Wiesen sind von gestern auf heute um einiges grüner geworden. Die Menschen arbeiten in Shirts und lächeln. Die Begrüssung ist ausgedehnt. Dem «Hi» folgt der Nachsatz: «Oh, was für ein schöner Tag» oder «it is summer today, yesterday was winter!».

Meine Reitkleidung ist ebenfalls sommerlich. Ich verzichte erstmals auf die Daunenjacke unter der Windjacke, aber nicht auf lange Unterhose und Mütze. Sommerlich ist selbst das Ausreiten. Die Mücken, die uns begleiten, sind ein Novum. Ebenfalls, dass Jósep und seine Kollegen automatisch einen Gang tiefer schalten und an Wasserstellen vorzu Flüssiges tanken. Weil bei diesen Temperaturen alles anstrengender ist, wird auch nur selten getöltet.

In «GEBRAUCHSANWEISUNG für Island» von Kristof Magnusson (übrigens sehr lesenswert) habe ich für den isländischen Sommer folgende Definition gelesen. Es sei wie bei einem Kühlschrank, «bei dem man die Tür offen gelassen hat. Das Licht ist immer an, das Gefrierfach taut, aber irgendwie sind trotzdem immer nur acht Grad».

Das Meteo-App zeigt für heute zwar 10 Grad. Und ich spüre «gefühlte 18 Grad» – das ist isländischer Sommer.