dunkel

Die nächste Auszeit meiner dauerferien ist nun unter Dach und Fach: Ich fliege nächstes Jahr noch einmal (noch ein Mal?) nach Island. Allerdings nicht im Frühjahr, sondern vier Wochen im Winter. Gebucht habe ich für mich ab Mitte Februar eine Woche Reiten, zwei Wochen Reykjavik und eine Woche «Schneeschuhwandern unter Nordlichtern». Wahrscheinlich werde ich auch einen Abstecher nach Stykkishólmur zu Knuddel-Diana machen – dahin also, wo ich schon einmal war.

Meine Ruderkollegin, eine mehrfache Islandreisende, schrieb mir, als sie von meinem Vorhaben erfuhr: «mutig!». Meine Schwester meinte: «Puh, das wäre nichts für mich – Kälte und Dunkelheit.» Sie wird sich zur selben Zeit in Indien beim Ayurveda täglich kneten und einölen lassen und dazwischen sommerlich bekleidet dem Meer entlang wandern. Diesbezüglich sind wir ziemlich verschieden – sie lässt sich gerne verwöhnen und ich suche die körperliche Herausforderung.

Und heute Morgen, während unseres täglichen Telefonierens, das jeweils angesagt ist, wenn Doris im «Romanshorn-Dort» ist und ich im «Zürich-Da» bin, sagt sie: «Wie schrecklich – jetzt, kurz vor sieben, noch immer diese tiefe Dunkelheit.» Dann lacht sie: «Ja, du wirst ja noch erleben, wenn es erst gegen neun Uhr hellt.»

Da ich nach meiner letzten Island-Reise voraus ahnend Reykjavik auf meiner Wetter-App nicht löschte, schaue ich nach Beendigung des Gesprächs nach, was für heute, zwei Monate vor der Sonnenwende angegeben ist. Denn zwei Monate nach der Sonnenwende werde ich dort sein. Bereits habe ich Bilder der Extreme gesehen – tolle Schneebilder zur hellsten Zeit in der arte-Dokumentation über die Musik-Ikone Björk und Nordlichtbilder in tiefster Dunkelheit von Sumnarliði Ásgeirsson auf «flickr».

Als ich dann vergleiche, bin selbst ich positiv überrascht: Gestern Dienstag war es in Reykjavik am Morgen 40 Minuten länger dunkel als in Zürich und am Abend verschwand das Licht 38 Minuten früher – insgesamt dauert die Finsternis 78 Minuten länger.

Dass keine vier Monate später, wenn’s auf die Sommerwende zu geht, die Dunkelheit ganz ausbleibt, ist einfach nur ein Wunder. Darüber staunt auch Doris.

Trauerspiel

Ihre Art und ihre Ausstrahlung haben mir immer sehr gefallen. Während Jahren liess ich bei ihr und ihrem Mann, die Beine meiner neu gekauften Hosen kürzen. Wir kannten nur das Essentiellste von einander; ich wusste von der schweren Krankheit ihres Mannes, sie vom Tod meiner langjährigen Partnerin vor über sieben Jahren und der neuen Liebe. Doch dann habe ich es verpasst, mich nach der Ankündigung der Geschäftsschliessung («altershalber»), von ihnen zu verabschieden.

Heute, als ich Doris zum Bahnhof begleitete und mich anschliessend alleine auf den Weg nach Hause machte, sehe ich in meinem Quartier die Schneiderin erstmals wieder. Wir sind beide überrascht und erfreut. Wir überqueren gleichzeitig die Strasse. Wir machen, was wir bis dahin vermieden: Wir umarmen uns.

Wir erkundigen uns nach unseren Leben. Sie sagt in italienisch gefärbtem Deutsch: «Mini Maa isch vor zwei Jahre gstorbe.» Ich wisse ja, was dies bedeute. Ihr Leben mache seitdem keinen Sinn mehr.

Ich kondoliere.

«Er fehlt mir bei allem, was ich mache.» Ich nicke, weil ich sie bestens verstehe. Ich wünsche ihr viel Kraft und erwähne noch, dass es mir heute wieder sehr gut gehe.

Als ich zu Hause den Mantel ausziehe, hängen ihr Parfüm und ihre Schwere noch weiter an mir. Ich denke: Vor Jahrzehnten immigrierte das Paar aus Italien, arbeitete hart – bis spät in den Abend und auch samstags. Und das, was man sich so erträumt, nach einem Arbeitsleben zusammen noch anpacken zu können, bleibt nun unerfüllt. Und Menschen wie sie werden an diesem Sonntag der eidgenössischen Wahlen noch ganz anders erschüttert. Was für die Rechtspopulisten zum Freudentag wird, ist meiner Meinung nach letztlich ein Trauerspiel, da es dem rechten Rand gelungen ist, mit Schüren der Angst in Sachen Migration, massiv Stimmen zu gewinnen.

Was für ein Land, in dem das humanitäre Gedankengut nicht gestärkt worden ist.