Konsum (2)

Irgendwie berührt die Frau, die die Wand im Rücken stützend nutzt, mein Herz. Möglicherweise, so denke ich, trägt sie für ihre Arbeit die sonntäglichsten Kleider, die bei ihr im Schrank sind. Auch das Täschchen ist nicht mehr ganz neu. Als ich in ihrer Nähe die Lichtspiele auf den Fotografien bewundere, schaue ich immer wieder mal zu ihr. Sie lächelt regelmässig zurück.

Die Ausstellung im Bauhaus «dialoge – fotografien von hélène binet» habe ich beim Suchen nach Interessantem zufälligerweise entdeckt. Hélène Binets Name war mir bis dahin noch nie begegnet. Dabei handelt es sich bei ihr um eine rennomierte Schweizer Fotografin, die von Stararchitekten wie Peter Zumthor, Zaha Hadid und andern beauftragt wird, deren architektonischen Kreationen ins Bild zu rücken.

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Binet, so lese ich, versucht in ihren Bildern den Fluss der Welt mit einem Rahmen zu versehen, um bestimmte Elemente genauer betrachten zu können und schaffe dadurch Verbindungen und Dialoge zwischen Linien, Licht, Leere, Nahaufnahmen und Hintergründen.

Als ich den Rundgang durch Binets Bilderauswahl beendet habe, gehe ich auf die Frau zu. Ich frage, ob ihr die Lichtspiele auf den Fotografien auch gefallen. Sie habe sich an die Bilder gewöhnt. Überhaupt wundere es sie, dass die Leute so direkt auf diesen Ausstellungsbereich zusteuern würden. Und dann sagt sie, was mich überrascht: «Wissen Sie, das Bauhaus kenne ich erst seit einem Jahr.»

«Ja?»

«Ja!» Bis dahin habe sie im Kaffee eines Altenheims gearbeitet, um ihre Rente aufzubessern. In Berlin, erklärt sie mir, gebe es eine Vereinigung, die Seniorinnen und Senioren, die finanziell nicht über die Runde kommen, stundenweises Arbeiten vermittle. Aus diesem Grund habe sie das Bauhaus kennengelernt.

Ich frage nach dem Alter. Sie ist 73-Jährig – und grosses Konsumieren kein Thema. Meine Schwester und ich verabschieden uns von ihr. «Tschüss.» Auf der Strasse hacken wir uns ein fürs Wärmen.

Konsum (1)

Wir sitzen in den roten Stühlen und datieren uns auf – meine Schwester, vor wenigen Stunden in Berlin eingetroffen, und ich. Vor uns dreht sich die Frau, die unseren Dialekt erkennt, da Tochter, Schwiegerson und Enkel seit 10 Jahren in der Schweiz leben. Sie entschuldigt sich fürs Ansprechen: Es interessiere sie, weshalb es uns hierher verschlagen habe. Ob wir denn von Ensikat schon gehört hätten. «Nein, wir kennen ihn nicht. Aber deutsche Geschichte ist einfach spannend.»

Peter Ensikat war schon zu DDR-Zeiten ein Unikat. Der vor zwei Jahren verstorbene Kabarettist und Theatertexter wird oft als «Dieter Hildebrandt des Ostens» bezeichnet. Beim Zusammenstellen meines Berliner Kultur-Konsum-Programmes habe ich zufälligerweise entdeckt, dass im einst renommierten Kabarett «Distel» Buchpremiere von «Glaubt Mir Kein Wort» ist.

Die später intonierten noch unbekannten Texte, haben eines gemeinsam: Sie sind hoch aktuell, obwohl sie über eine Zeitspanne von über 30 Jahren handeln. Nicht umsonst steht auf dem Buchrücken das Ensikat-Zitat: «Es sind nicht die Unterschiede zwischen den beiden von mir erlebten Systeme, die micht erschrecken. Es sind die Ähnlichkeiten …»

Und weil ich für diese Veranstaltung schon zum Voraus Karten kaufte, kommt es, dass wir hinter der Frau sitzen, die uns anspricht. Ich bemerke im Laufe des Gesprächs, dass ich jeweils Menschen, die Frage stelle, ob sie über die Entwicklung glücklich seien. Daraufhin  würde jeweils Strahlen oder Enttäsuchung übers Gesicht huschen. Sie lächelt und wir erfahren, dass sie vor 25 Jahren an der Ostsee zur Kur war und sich am Tag nach dem Mauerfall nicht getraut hätte, die Grenze zu überschreiten. Letztlich hätte sich für sie Negatives («als Erstes verlor ich die Stelle») zu ihrem Vorteil verändert. «Ich erhielt eine zweijährige Ausbildung zur Steuerfachfrau.» Heute ist sie pensioniert und lebt mit monatlich 1000 Euro Rente. Sie müsse sich jeweils gut überleben, was sie an Kultur konsumieren wolle.

Nach der Vorstellung kaufen meine Schwester und ich  je ein Buch und ziehen danach Richtung «Deutsches Theater». Denn unser Kultur-Konsum ist nicht limitiert. Und Corinna Harfouch in der Hauptrolle von «Herbstsonate» wollen wir uns nicht entgehen lassen.

Seelen (2)

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Es war am Forggensee, als Doris und ich Hand in Hand dem See entlang wanderten. Jede in ihren Gedanken versunken. Dass uns dabei verstorbene Seelen begleiten, realisieren wir erst nach und nach.

Meine Mutter war mir jedenfalls schon lange nicht mehr so präsent, wie auf diesem Spaziergang. Sie ist vor 14 Jahre verstorben. Und nun setzt sie sich urplötzlich in meinen Gedanken fest.

Ich erinnere mich an ihre Pensionierung, damals war das Rentenalter für Frauen noch bei 62 Jahren. Meine Mutter war mit zwei Kindern ein Arbeitsleben lang als Lehrerin berufstätig. Ich war damals stolz auf sie, jedenfalls stolzer als auf meinen Vater, der ebenralls arbeitete. Als die Pensionierung meiner Mutter nahte, bat die Schulgemeinde sie, noch ein halbes Jahr anzuhängen, um den Klassenzug zu beenden; sie liess sich aber nicht erweichen.

Uns zwei Töchter, die damals ebenfalls im Berufsleben standen, fragte sie nicht um Rat. Auch redete sie mit uns nicht darüber, als wir wissen wollten, was es mit ihr macht, auch als sie rund um den Wendepunkt über Gleichgewichtsstörungen klagte. Einen möglichen Zusammenhang wollte sie darin schon gar nicht sehen. Erst Jahre später meinte sie, dass ihr der Ausstieg aus dem Berufsleben, das Out sein, noch lange zugesetzt hätte.

Ich erzähle Doris davon – es ist auf demselben Weg, auf dem sie vor einigen Jahren mit einer Bekannten unterwegs war. Damals sei deren zentrales Thema die soziale und finanzielle Situation nach der Erwerbstätigkeit gewesen. Was wird dann?, war ihre grosse Angst. Doch dieses Alter hat sie letztlich nicht erreicht.

Die uns begleitenden Seelen und ihre Geschichten lassen uns entlang des Forggensees auch über unseren Weg nachdenken, den wir gemeinsam begehen.

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Silber

Der «Silver»-Kurs ist am Sinken, so die entsprechende Börsenkurve.

Der Drang der «Silver Workers», die auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren möchten, ist dagegen am Steigen. Dies ist heute in der «Schwäbische Zeitung» nachzulesen. Zitiert wird darin eine entsprechende Untersuchung. «Jeder zweite angehende Rentner», so das Resultat, «hat Interesse an einer beruflichen Beschäftigung.» (Ich gehe davon aus, dass die Forschung auch Rentnerinnen berücksichtigt hat.) Nicht die zunehmende Altersarmut würde sie zurück in den Beruf drängen, sondern das Selbstbewusstsein, das aus der Erwerbstätigkeit gezogen wird.

Ich erinnere mich, was mir mein Schwager vor wenigen Jahren einmal erzählte, als ich ihn übers Altwerden befragte. Der heute 71-jährige, ehemalige Besitzer eines Kleinbetriebes, meinte: «Schwierig ist für mich vor allem, dass das Wort eines Pensionierten in unserer Gesellschaft weniger gehört wird.»

So ergeht es wohl vielen. Auch meiner Schwester. Sie ist zwar froh, dass sie wegen mangelnder Energie nicht mehr in regelmässigen Strukturen eingebunden ist, andrerseits schmerzt  sie das Gefühl, weniger gefordert zu weden, weil sie nicht mehr zur Arbeitswelt gehört.

Und wie ist es für mich? Diese Frage ist noch schwierig zu beantworten, da ich mich noch immer zwischen zwei Welten befinde – der Erinnerung an die Arbeitswelt und dem Einfinden in dauerferien.

Jedenfalls als Doris und ich in Bad Waldsee, wo wir zusammen einige Ferientage verbringen, über den Wochenmarkt gehen, bemerke ich ihr gegenüber, dass an diesem Morgen fast nur «Alte» zu sehen sind, die, so wie ich, mit nichts machen monatlich Rente beziehen. Auf meine Provokation meint sie: «Dank ihnen kann das Kleingewerbe überleben. Sie fahren nicht wie viele Erwerbstätige einfach zum Grossverteiler, sondern geben ihre Rente hier aus. Sie kaufen in der Stadt ein und trinken auch hier ihren Kaffee.»

Stimmt. Denn die Silberfüchsinnen und Silberfüchse beleben an so einem Morgen das Ortsbild, währenddessen die «Best Ager», so die Bezeichnung der Untersuchung für Erwerbspersonen zwischen 50 und 64 Jahren, hinter Bildschirmen und Werkbänken sitzen und arbeiten.

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Wer kennt die Situation nicht? Eine zu grosse Menschenansammlung für die Tür durch die alle hindurch wollen!

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, wird damit fast täglich konfrontiert. Zu gewissen Zeiten erst recht. Deshalb heissen diese ja auch Stosszeiten. Ein Pulk Menschen wartet jeweils auf dem Bahnsteig auf den einfahrenden Zug und darauf, dass sich endlich die Türen öffnen mögen. Ein weiterer Pulk wartet ebenso darauf, dass er endlich aussteigen kann. Auf beiden Seiten – ein Stau!

Die einen wollen nichts wie raus; die andern nichts wie rein. Und: Wenn sich die Türen öffnen, stürmen beide in ihre angepeilte Richtung.

Unlängst stand ich wartend am Geleise, neben mir eine Mutter, an der Hand ihr Kind. Kaum wälzte sich die Menschenmenge aus dem Innern, sog es den Kleinen hinein und null Komma plötzlich waren beide vor mir. Die Mutter mahnte das Kind und schnaubte: «So was machen bloss Pensionierte.»

Mich beschäftigte hinterher, dass ihre despektierlich geäusserte Feststellung etwas Entwertendes gegen das Alter beinhaltete. Mich beschäftigte aber auch, dass ich nicht intervenierte und dadurch die Bemerkung «Pensionierte», so wie sie sie anwendete, zum Schimpfwort wurde und ich es einfach so stehen liess. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mich bei einem nächsten Mal zu outen.

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Vor langem habe ich sie letztmals gesehen. Die ehemalige Biologin, die nach der Pensionierung sich nochmals in ein Studium der Germanistik kniete. Nun steht sie ebenfalls an der Kasse in der alten Fabrik in Rapperswil-Jona weil sie an den Stadttalk kommt, den meine langjährigste Freundin einmal im Monat mit Gästen führt. Am vergangenen Freitag sprach sie mit einem Bauern, der auch Bestatter ist, und einer Betreuerin einer Pflegeabteilung für Alte.

Die beiden reden übers Paradies, Sterben, vergangene Lebensjahre. Jedesmal ist es spannend und auch überraschend, was Menschen erzählen, wenn meine Freundin fragt, zuhört, fragt und ihre Gegenüber öffnet. Über den Talk will ich aber nicht schreiben, sondern übers ritualisierte Nachher.

Im Anschluss an die Veranstaltung trifft sich der harte Kern immer noch zu Kebab und Bier. Dort finden  die Gespräche jeweils ihre Fortsetzung. Dort wird auch über anderes geredet.

Neben mir sitzt nun die Literatur affine Biologin. Selbstverständlich landen wir bei «meinem» Thema. Als ich ihre Frage nach meinem «neuen» Leben mit «Ja, ja – es geht», beantworte, gibt sie zu bedenken, dass auch alles seine Zeit braucht. Ihre Erfahrungen, die  ähnlich sind wie die meinen, liegen inzwischen 10 Jahre zurück. Als sie von den rundum Sitzenden gefragt wird, wie sie denn heute ihre Woche konkret verbringe, beginnt sie aufzuzählen: An drei Tagen belege sie Vorlesungen an der Universität. Dann tauche sie oft in die Atmosphäre der Bibliotheken, die sie so liebe, oder gehe ins Kino. «Ich muss einfach aus der Wohnung», bringt sie ihr aktives Leben auf den Punkt. Dazu streckt sie die Arme eben aus und die Hände in die Höhe – so als ob das, was sie nun sagt, nicht zu nahe kommen darf: «Ich ertrage es nicht, zu Hause rumzusitzen.»

Aushalten, denke ich – aber was genau?

lernen

«Ich vegetiere durch den Tag», gebe ich zur Antwort, als meine langjährigste Freundin telefoniert und sich nach meinem Tun erkundigt, obwohl ich eigentlich gerade mit meiner Buchhaltung beschäftigt bin. «Dieses Gefühl ist mir nicht unbekannt», sagt sie. Sie versuche es jeweils an solchen Tagen mit Strukturen. Vielleicht wäre es mit einem richtigen Hobby einfacher. Möglich.

Sie fragt, ob ich den «Club» am Dienstagabend zu «Rentner an die Arbeit» gesehen hätte. Nein, habe ich nicht. «Aber», sage ich, «das kann es doch nicht sein – weiter arbeiten und die Ausseinandersetzung, die nach dem Erwerbsleben auf einem zukommt, einfach vor sich herschieben.»

Heute Morgen habe ich dazu in der Zeitung gelesen, dass das Rentenalter für Frauen aus Kostengründen schon bald einmal auf 65 Jahre angehoben werden soll. Umfragen hätten gezeigt, dass sich dafür bereits eine breite Akzeptanz finde, auch bei Frauen im betroffenen Alter. Ich erinnere mich an Zeiten, wo dieses Postulat chancenlos gewesen ist.

Was hat sich verändert? Vielleicht gibt es immer mehr Frauen, die in ihrem Beruf selbstbestimmter und erfüllter sind, als die Generation vor mir. Möglicherweise auch, weil das gesellschaftliche Arbeitsnetz einige Vorteile bietet. Ich denke dabei an Auseinandersetzung, Wertschätzung, Struktur. All dies ist im selbstbestimmten Leben ausserhalb des Rasters (Erwerbs)-Arbeit nicht so einfach zu finden wie im fremdbestimmten.

Ich bin am Lernen und Suchen – gestern fand ich dabei das Gefühl «Glück», heute «Melancholie». Und morgen?

Fokus

Das Leben B hat mich wieder: Nach Filmfestival, Hitzepause und siebenwöchigem Timeout auf Island sitze ich nach knapp vier Monaten Abwesenheit erstmals wieder in meinem Atelier, das ich mir – weit- und umsichtig, wie ich bin – vor über einem Jahr im Hinblick auf meine Pensionierung zugemietet habe. Ich plante und entschied mich damals für einen sanften und gegen einen abrupten Umstieg. Deshalb suchte ich einen Ort ausserhalb meiner eigenen vier Wände – einfach weg von Staubsauger und Kühlschrank – eine Umgebung, die mir die Möglichkeit bietet, kreativ zu sein. Im Zürcher Kreis 5 fand ich diesen Raum.

Mit 64 Jahren, nach über 40 Jahren Erwerbstätigkeit beim Schweizer Fernsehen, fühle ich mich einfach noch immer zu jung, um nur in den Tag zu leben. Dennoch bin ich überzeugt, dass es an der Zeit ist, ausserhalb von vorgegebenen Arbeitsstrukturen den nächsten Etappenweg in Angriff zu nehmen. Denn nun geht es darum, den Weg ins Alter zu finden. Ein Weg, der sich durch Gegensätze bewegen wird; ein Weg zwischen Herausforderung und Verweigerung, Ruhe und Unruhe, Grenzenlosem und Grenzen. Oder viel banaler gesagt: zwischen Etappenstart und (Etappen)-Ziel. Doch gerade diese Ausgestaltung hat es in sich. Deshalb hat heute, streng genommen, nicht das Leben B wieder angefangen, sondern das Leben A (AHV) oder d (dauerferien) oder P (Pensionierung) oder R (Rente). Oder wie Pensionierte mit mehr Erfahrung jeweils betonen: Das paradiesische Leben beginnt erst jetzt so richtig.

Wie dem auch sei: In meinem Atelier habe ich jedenfalls heute Morgen im Hinblick auf diesen, mir neuen Lebensabschnitt – «Auf!-das-Paradies-ruft» – als erstes das Ausstellungsposter der Fotografin Ré Soupault aufgehängt, weil es plakativ zeigt, was ich suche – nicht eine Hoffnung, die möglicherweise auch Paradis genannt wird, sondern, dass es mir gelingt, mit Weitsicht meinen Fokus zu setzen.

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Luxus

Diese Woche hatte ich zwei fixe Daten in meiner Agenda: Am Montag Balance, Dehnen und Körper stärken, genannt Turnen. Am Donnerstag die Verabschiedung meines langjährigen Vorgesetzen im Fernsehen, der sich vor gut einem Jahr entschied, lieber die frühzeitige Rente zu beanspruchen. Lange habe ich mir überlegt, ob mir diese Apéro-Stimmung gut tut – alle im Arbeitseifer, alle mit den Worten auf den Lippen wie «mach es gut», «wir sehen uns wieder», «schön war es mit dir» und und.

Ich habe mich fürs Hingehen entschieden. Denn schliesslich hatte ich während meiner 43 Arbeitsjahre nicht nur so loyale Chefs wie ihn. Nur schon aus Respekt und Wertschätzung gegenüber dem langjährigen Weggefährten wollte ich zu Gesäusel und Ernsthaftigkeit.

Viele freuten sich, mich wieder zu sehen. An einigen ist es sogar vorbei gegangen, dass ich daran bin, mich in der neuen Lebensphase einzupendlen. Viele fragten mich: «Und, was machst du so?»!

Ohne zu antworten, stellte ich erst einmal die Gegenfrage: «Wenn du wählen könntest, was würdest du an einem heiss heisser Tag wie heute am liebsten machen?»

Ihre Antworten: «Wandern.» – «Schwimmen.» – «In der dunklen und kühlen Wohnung flach liegen.» – «Lesen.» Keine und keiner sagte «arbeiten», obwohl fast alle direkt von der Arbeit kamen. Bemerkenswert – wie auch immer.

Und ich? Ich habe es geschafft, die Woche ohne fremdbestimmtes Eingespannt sein, aus dem Tag heraus zu entscheiden, was ich als nächstes machen werde und dabei nicht schon zum Voraus ein zeitliches Ende determiniert. Ich blieb, ich machte – oder auch nicht – so lange ich wollte. Dabei ist mir oft «Bär» in den Sinn gekommen, der Amerikaner aus Seattle, den ich in Stykkishólmur kennen gelernt habe. Ich sah ihn, in seiner vollen Rundlichkeit im Sofa stecken und mir, als er erfuhr, dass ich anfangs Juli erstmals Altersrente beziehe, mit sonorer Stimme zujubelte: «Von nun an musst du nie mehr müssen». Ich glaube, diese Woche habe ich dies ziemlich gut geschafft. Dabei habe ich mich sauwohl gefühlt und immer wieder gedacht: «Welch ein Luxus, welch ein Privileg.»

nicht vergessen

So, morgen Mittwoch ist das Leben Realität, das ich seit einigen Monaten als Gedanken in mir trage und worüber ich in meinem allerersten Blogbeitrag «noch vieles unscharf» (22.2.15) geschrieben habe: Morgen bin ich offiziell Rentnerin.

Hätte ich es vergessen, hätte mich gestern, als ich den während meiner Island-Reise zurückgestellten Postberg abbaute, der Brief der Pensionskasse «Betreff Altersrücktritt»* (Altersrücktritt fett geschrieben) daran erinnert. Die Fachspezialistin schrieb mir mit den zugestellten Unterlagen, dass ich per 1. Juli 2015 in den Altersruhestand trete und dass mir die Altersrente ab diesem Datum «vorschüssig» auf mein Konto überwiesen werde. Danke.

Ja, ab morgen bin ich offiziell und nicht nur gedanklich eine Seniorin, eine Pensionistin, eine Ruheständlerin … – im Duden sind insgesamt 12 Synonyme zu Rentnerin aufgelistet. Ich belasse es bei deren drei.

Vieles wird im neuen Lebensabschnitt irgendwann einmal beschwerlicher. Vieles wird aber ab sofort günstiger: Museums Eintritte (durchschnittlich zwischen vier und fünf Franken), das Jahres-Generalabonnement der Schweizerischen Bundesbahnen (um 895.– Franken),  Kinoeintritte (zwei Franken) und vieles mehr.

Heute an meinem Sommer-Stammtisch – auf der Sitzbank direkt über dem Wasser in der Frauenabteilung des Zürcher Seebad Enge – war neben meiner Island-Reise auch meine Pensionierung und die damit verbundenen Vergünstigungen ein Thema. Eine der Habituées erklärte, dass an den Kinokassen kaum jemals das Geburtsdatum verifiziert werde. Eine Kassiererin habe einmal erklärt: «Niemand will sich älter machen. Und deshalb wird auch kaum einmal nach dem Personalausweis gefragt.“

Interessant.

Und damit bin ich nach den Island-Geschichten wieder bei meinem ursprünglichen Blog-Thema. Nach den Ferien von den dauerferien befinde ich mich ab morgen definitiv in dauerferien und meinen Geschichten, bei denen ich nicht vergessen will, dass es unter anderem um meinen neuen Lebensabschnitt geht: um die Neuorientierung, die mir manchmal (nicht) leicht fällt.

* Nachtrag: «Altersrücktritt!»?, Doris, meine Lebenspartnerin, macht sich laut und lachend Gedanken zum Betreff des Pensionskassenbriefes: «Was für ein Wort!», sagt sie: «Kann man wirklich vom Alter zurücktreten?» Wohl kaum. Jedenfalls habe ich noch nie jemanden gesehen, dem oder der es gelungen ist. Aber schon von vielen gehört, dass sie es sich  wünschten.

Was denkst Du, liebe Blogleserin, lieber Blogleser? (Kommentar erwünscht).