freuen

IMG_1585      Gestern hatte ich Besuch von meiner Wohnungsnachbarin. Wir treffen uns erst im Kaffee, wo’s üppige Torten, feine Patisserie und original italienische Cornettis mit Vanille- und Aprikosenfüllung gibt. Dieser Ort der Verführung befindet sich im Zürcher Kreis 5 und liegt direkt unter meinem Atelier.

Beim Reden fällt ihr auf, dass das Büro eines meiner drei «zu Hause» ist. Nicht zu unrecht. Hier bin ich fast konzentrierter als in der Wohnung neben Kühlschrank und Abstaublappen. Hier denke, lese, schreibe ich und seit jüngstem drucke ich jedes Mal, wenn ich da bin, eine isländische Erinnerung auf Fotopapier und pinne sie an die Wand.

Eigentlich ist mein Büro ein Ort, beziehungsweise einer der Orte, wo ich das Leben als Pensionierte einstudiere.

Gerade heute Morgen habe ich im bereits einmal zitierten Buch «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann» bezüglich Alter gelesen, was der 80-jährige Artur Rubinstein zur Antwort gab, als er gefragt wurde, wie er es schaffe, noch immer so grossartige Konzerte zu geben. Der Pianist erklärte darauf hin, dass er einerseits sein Repertoire verringert habe und andrerseits die ausgewählten Stücke häufiger übe als früher. Zudem würde er, da er nicht mehr so schnell zu spielen vermöge, einen Kunstgriff anwenden. Vor besonders schnellen Passagen verlangsame er das Tempo, so dass danach die entsprechende Passage im Kontrast als ausreichend schnell erscheine.

«Vereinfachung und Vertiefung» ist u.a. ein Rezept, beziehungsweise eine Schlussfolgerung des Autors.

Meine Nachbarin lacht, als sie das Buch von Reimer Gronemeyer liegen sieht. Und als sie beim sich Umschauen Ré Soupaults Auge am Sucher der Kamera entdeckt, sagt sie: «Dieses Plakat habe ich auch schon gesehen.»

«Ja», antworte ich: «Als du meinen Blog dazu gelesen hast.» Als sie mir zustimmt, freue ich mich erst recht. IMG_2100

Fokus

Das Leben B hat mich wieder: Nach Filmfestival, Hitzepause und siebenwöchigem Timeout auf Island sitze ich nach knapp vier Monaten Abwesenheit erstmals wieder in meinem Atelier, das ich mir – weit- und umsichtig, wie ich bin – vor über einem Jahr im Hinblick auf meine Pensionierung zugemietet habe. Ich plante und entschied mich damals für einen sanften und gegen einen abrupten Umstieg. Deshalb suchte ich einen Ort ausserhalb meiner eigenen vier Wände – einfach weg von Staubsauger und Kühlschrank – eine Umgebung, die mir die Möglichkeit bietet, kreativ zu sein. Im Zürcher Kreis 5 fand ich diesen Raum.

Mit 64 Jahren, nach über 40 Jahren Erwerbstätigkeit beim Schweizer Fernsehen, fühle ich mich einfach noch immer zu jung, um nur in den Tag zu leben. Dennoch bin ich überzeugt, dass es an der Zeit ist, ausserhalb von vorgegebenen Arbeitsstrukturen den nächsten Etappenweg in Angriff zu nehmen. Denn nun geht es darum, den Weg ins Alter zu finden. Ein Weg, der sich durch Gegensätze bewegen wird; ein Weg zwischen Herausforderung und Verweigerung, Ruhe und Unruhe, Grenzenlosem und Grenzen. Oder viel banaler gesagt: zwischen Etappenstart und (Etappen)-Ziel. Doch gerade diese Ausgestaltung hat es in sich. Deshalb hat heute, streng genommen, nicht das Leben B wieder angefangen, sondern das Leben A (AHV) oder d (dauerferien) oder P (Pensionierung) oder R (Rente). Oder wie Pensionierte mit mehr Erfahrung jeweils betonen: Das paradiesische Leben beginnt erst jetzt so richtig.

Wie dem auch sei: In meinem Atelier habe ich jedenfalls heute Morgen im Hinblick auf diesen, mir neuen Lebensabschnitt – «Auf!-das-Paradies-ruft» – als erstes das Ausstellungsposter der Fotografin Ré Soupault aufgehängt, weil es plakativ zeigt, was ich suche – nicht eine Hoffnung, die möglicherweise auch Paradis genannt wird, sondern, dass es mir gelingt, mit Weitsicht meinen Fokus zu setzen.

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IMG_2037Ich sass in der «Hafenstadt» Romanshorn am Hafen – und tatsächlich kam ein Gefühl von Ferien-Feeling auf. Ich trank im neu eröffneten Restaurant «Hafen» einen Kaffee; vor mir die «Zürich» vertäut – quasi beide Heimaten in einem Bild! Der Ort leerte sich, weil über Lautsprecher informiert wurde, dass Kursschiffe nach Kreuzlingen-Insel Mainau oder nach Rorschach sich schon bald in Fahrt setzen würden. Es waren vorwiegend Pensionierte, die zu Quai 2 und Quai 3 strömten.

Ich blieb sitzen.

Dafür war ich am Vortag aufs Schiffsreise. Ich überquerte zusammen mit Doris, die als Erwerbstätige einen freien Tag hatte, den Bodensee. Häufig, wenn wir das Gefühl von Weite suchen, fahren wir mit der Fähre nach Friedrichshafen und später wieder zurück. So auch unlängst, um im Zeppelin-Museum die Ausstellung einer Fotografin zu besuchen, deren Namen ich nicht kannte, das dazu gehörende Plakat mich aber fasziniert hatte.

Und es hat sich mehrfach gelohnt: Wir haben eine Fotografin kennengelernt, die 1996 als 95-jährige gestorben ist. Sie kannte André Breton, Max Ernst, Robert Delaunay, Alberto Giacometti und andere. Sie war auch Bauhaus-Schülerin, Modemacherin, Essyistin, Übersetzerin und ihre Fotografien gehören laut Ausstellungsprospekt zu den «wichtigsten Beiträgen der Fotografie des 20. Jahrhunderts».

In der Ausstellung sind auch Fotos zu sehen, die verschollen waren und per Zufall wieder entdeckt wurden. Es sind Reportagen aus einem Spanien, das kurz vor dem Bürgerkrieg steht. Oder Frauen, die in Tunesien während des Vichy-Regimes in ein Ghetto gesperrt wurden, weil sie als Prostituierte nicht in die Gesellschaft passten.

Alles sehr eindrücklich festgehalten.

Wir fragen uns, weshalb uns die Fotografin, die auch in Zürich lebte und für die Büchergilde Gutenberg übersetzte, bis anhin verborgen blieb? Uns fällt dazu nur eine banale und deshalb triviale Antwort ein: Möglicherweise weil Ré Soupault bloss eine Frau war und deshalb nicht im ihr gebührenden Scheinwerferlicht stand.