Anschluss (2)

Als der eine Freund es dem andern Freund erzählte, worüber ich mich sorge, ging dieser – in München wohnend – schnurstracks zur Adresse, wo ihr gemeinsamer Freund wohnt(e?), dessen Telefonanschluss ausser Betrieb ist.

Er klingelte – der Gesuchte öffnete und freute sich über den überraschenden Besuch. Alles war wie immer, wenigstens für ihn.

Nichts von dem, was wir uns vorgestellt hatten, traf zu – auch nicht, dass er sich den Anschluss nicht mehr leisten konnte. Er schob einfach nur das Unterschreiben des neuen Telecomvertrages vor sich her. Aber auch dieses Phänomen ist bei ihm nichts Aussergewöhnliches.

Zum Glück; nur das.

Nun schreibe ich ihm eine Karte – auch von dort, von wo ich jeweils telefonierte, bis dass die computerisierte Frauenstimme mitteilte «dieser Anschluss ich nicht mehr in Betrieb».

 

anpassen

Ich lache und sage, als ich heute morgen mit Doris telefoniere: «Das ist ein total guter Input für meinen Blog – darüber werde ich heute noch schreiben.»

Und zwar ist ihr aufgefallen, dass Amseln, weil sie sich in Konkurrenz mit all den vielen Umweltgeräuschen befinden, hier viel lauter pfeifen als auf Island. Wenn sie in unserer Umgebung, wo das Total an Geräuschen grösser ist, gehört werden wollen, meint Doris, dann seien sie eben gezwungen, einen Trillerzacken zuzulegen: «Du siehst», sagt sie: «Auch Amseln müssen sich anpassen!» Und lässt damit offen, wie fest sich jede von uns wieder anpassen wird, wenn sie sich in den Alltag einordnet.

Ich gehe also zur Post (Kategorie: angepasst) und nehme die zwei Kilo an zurückgelegtem Papier in Empfang. Zu Hause sortiere ich in private Post, zu bezahlende Rechnungen (angepasst) und Selbsterledigtes, das ich ungeöffnet zur Seite lege (nicht angepasst) – am Ende sind es ein Häufchen und zwei grosse Beigen.

Als ich beim ersten A5-Couvert meine eigene Handschrift entdecke, muss ich lachen. Welch ein Zufall. Es ist ein Brief, den ich anfangs April, also lange vor meiner Abreise, dem isländischen Ruderverband per Post schickte, weil keine der auf der Webseite angegebenen Mailadressen stimmte. Meine Frage war damals sowohl in den Mails als auch auf Papier, ob es eine Möglichkeit gäbe, in Reykjavik zu rudern. Wochen später liegt nun mein Brief im zurückgelegten Postberg, ist mit einem rosa Kleber versehen, der auf englisch und isländisch informiert, dass die Adresse unbekannt sei und damit hat sich diese Frage von selbst erledigt!

Ja, damit ist ebenfalls zu rechnen, dass meine Island Geschichten noch eine Weile andauern, bis sie sich von selber erledigen, weil ich mich wieder angepasst habe und wie die Schweizer Amseln lauter zwitschern werde, als ich es vorerst – noch nicht ganz angepasst – mache.

IMG_1923

Post

Es war ein schöner Abend.

Meine langjährigste Freundin war gestern 60 geworden und ich habe sie an ihrem Geburtstag ins Theater eingeladen:  „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ – ein wunderbar inszeniertes Stück. Das Lachen blieb einem auch mal im Hals stecken.

Und: es gab ein zufälliges Wiedertreffen mit schon lange nicht mehr gesehenen Bekannten. Wir tranken im Schiffbau, dem tollsten Theaterort Zürichs, zusammen ein Glas Wein zum gemeinsamen Aufdatieren und landeten dabei sofort beim Thema:

Pensionierung.

Die 66jährige Bekannte hat diesen „Zustand“ bereits erreicht. Sie gewöhnt sich seit einem Jahr an die dauerferien und sagt: es ist nicht nur einfach, trotz eigener Projekte, trotz vereinzelter Einsätze im früheren Job.

Wir sind uns einig: In unseren Biografien, die sich ähnlich sind – ein Arbeitsleben lang engagiert berufstätig, keine Kinder, gleichgeschlechtliche Partnerinnenschaft – hat (oder hatte?) das Arbeiten einen hohen Stellenwert. Unsere Identitäten sind mitunter davon geprägt worden.

Zum Schluss nehmen wir uns vor, den Faden wieder aufzunehmen. Jetzt, wo wir beide mehr Zeit haben, können wir uns irgendwann treffen. Es muss nicht mehr zwingend der Abend sein.

Zu Hause, als ich meinen Briefkasten öffne, leuchtet mir das Schweizer Kreuz rot entgegen und dazu in den vier Landessprachen der Schriftzug „Schweizerische Eidgenossenschaft“.

Im Couvert – ganz sec, das amtliche Papier, das darauf hinweist, dass mir ab dem 1.7.2015 bis irgendwann jeden Monat innerhalb der ersten 20 Tage die AHV ausbezahlt wird.

IMG_1603