Schub

Wohnen ist für eine meiner Freundinnen derzeit eine konstante Bedrohung. Denn in der Liegenschaft, in der sie seit 22 Jahren lebt, haben von insgesamt vier Mietparteien deren zwei die Kündigung erhalten. Grund: keine Angabe(n).

Wann trifft es auch sie?

Dem Hinweis im Briefkasten, dass am Folgetag etwas Eingeschriebenes auf der Post abzuholen ist, folgt eine schlaflose Nacht. Als der Brief der Liegenschaftsverwaltung im Haus ist, wird das Öffnen erst einmal herausgezögert – jedenfalls so lange, bis es nicht mehr aushaltbar ist.

Nach der Zigarette, eine nächste und gleich nochmals eine, um die Anspannung während des Öffnens zu dämpfen. Und dann lesen, dass die Miete nicht rechtzeitig überwiesen worden ist.

Grosses Aufatmen!

Danach der innerliche Zusammenbruch und der äusserliche Ärger: Das kann doch nicht sein – nach 22 Jahren so einen Brief zu erhalten, trotz Dauerauftrag.

Selbstverständlich liegt der Fehler nicht zum ersten Mal bei der Verwaltung, die sich dafür nicht einmal entschuldigt.

Meine Freundin, die bis zur Pensionierung vor einem Jahr ein eigenständiges Arbeitsleben führte, ist nun aus ihrer Agonie erwacht. Sie wurde aktiv – ein Termin folgte dem nächsten. Die Abklärungen beim städtischen Amt für Alterswohungen und beim Immobilienberater ihrer Bank vermochten, der Bedrohung das Bedrohliche zu nehmen.

Dennoch die Ernüchterung.

Die Chance, dass heute eine 70-Jährige eine neue Bleibe findet, wird mit jedem zusätzlichen Jahr noch geringer. So sieht es zumindest der Fachmann.

Trotzdem: Für die Psyche ist suchen erträglicher, als zuwarten. Meiner um fünf Jahre älteren Freundin, mit der ich im Sommer jeweils im Seebad Enge sitze und zum «Vrenelisgärtli» blicke, geht es jedenfalls wieder sichtlich besser und der Ausblick auf eine neue Wohnform gibt ihrem Leben unverhofft Schub.

 

 

Spiel

Wir verabschieden uns von einander gegen 21 Uhr. Die eine wird von der anderen heimgefahren. Mich fragt sie, ob ich ebenfalls mit will. «Danke fürs Angebot», sage ich und weise darauf hin, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Worauf die andere, die im selben Quartier wohnt wie ich und wir deshalb schon oft miteinander nach Hause radelten, zu meinem Erstaunen sagt: «Nein, in der Nacht fahre ich nicht mehr Velo, das ist mir zu gefährlich.»

Ich denke an früher. Oft machte sie sich über uns lustig. «Weichlinge» nannte sie uns, weil wir unsere Fahrräder bei Schnee und Kälte lieber im Keller überwintern liessen.

Die Zeiten ändern sich. Das sage ich aber nicht.

Verändert hat sich auch unsere Jassrunde. Die ursprüngliche Viererrunde gibt es seit dem Tod meiner früheren Lebenspartnerin nicht mehr. Nun ist die Zusammensetzung immer wieder mal anders, der Kern trifft sich seitdem auch nicht mehr in derselben Häufigkeit und inzwischen sagt eine meiner Freundinnen: «Ich spüre das Alter, meine Konzentration lässt einfach nach.»

Obwohl sich die Zeiten ändern und wir inzwischen alle pensioniert sind, bleibt einiges unverändert. Die Leidenschaft fürs Tennis zum Beispiel. Dieses Mal wird unsere Runde deswegen relativ schnell aufgelöst. Denn die beiden leidenschaftlichsten – die bald 80-Jährige und die bald 70-Jährige – wollen ungestört mit Roger Federer mitfiebern, der gegen Novak Djokovic spielt und letztlich den Match wegen oder trotz seines Alters für sich entscheiden kann.

Soviel zum vergangenen Dienstag – 16 Stunden bevor bei mir  Wochenende war.

Kunst

Ich wusste, auf meine Schwester ist Verlass. Sie hat, nachdem sie meine Geschichte zu «Moment» gelesen hatte, tatsächlich telefoniert und mir gratuliert: «Du bist richtig gut unterwegs!», sagte sie. «Sich von Zwängen zu lösen, ist die Qualität des pensioniert Seins!»

Sie meinte damit den Tag, als ich mein vorgesehenes Tageskonzept über den Haufen warf, mich urplötzlich fürs Rudern zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit entschied und daraufhin erst noch nicht den Zug bestieg, den ich eigentlich wollte. An diesem eben beschriebenen Tag, erinnerte ich mich, als ich erst einige Züge später unterwegs nach Zürich war, des Öftern an Reimer Gronemeyer’s «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann». Es war nicht das erste Mal, dass mir seine Überlegungen als Gedanken durchs Hirn flossen. Schon in der Woche davor, als ich mich kurzerhand entschloss, nicht länger im Büro zu verharren, sondern an den Bodensee zu reisen. Der Auslöser für mein «Auf und Davon» war damals meine Sehnsucht nach Doris und nicht etwa Gronemeyer’s Epilog, an den ich mich in diesem Moment erinnerte – aber auch, um ehrlich zu sein.

In seinem Buch schreibt er unter anderem über den Lebensabschnitt, in dem ich mich jetzt befinde: «Es geht nicht um einen Weg, der uns von einem nachdenklichen, unsere Sinne vertiefenden Alter «ab-lenkt». Es geht nicht darum, den Sinnenfreuden dieser Welt zu entsagen und sich in eine Eremitenklause zu verkriechen. Vielmehr geht es darum, das Leben nicht dadurch zu versäumen, indem man sich der Ablenkung verschreibt.» Weiter heisst es: «Wie schön dieses Wort «versäumen» ist. Es kommt aus der einfachen Tätigkeit des Nähens, bei dem man den Saum falsch nähen kann, man versäumt sich. Man kommt vom Wege ab. So kann man das Altwerden versäumen.»

Nicht vom Weg abkommen, sich nicht ablenken und dennoch nicht Leben und Altwerden versäumen – eine anspruchsvolle, herausfordernde Kunst, die ich fortan versuche, in meinem Alltag umzusetzen, so als ob es nichts Einfacheres geben würde.

 

Vorfreude

Und nun ist der Herbst am Voranschreiten.   IMG_2419

Jedenfalls erinnert er mich, als ich sechs Tage später wiederum am Küchentisch sitze und übers Leben sinniere, «brütal» stark, um es in den Worten einer Freundin auszudrücken, an Giovanni Segantinis Alpentryptichon – werden – sein – vergehen. Tiefsinnig genug, um sich damit auseinandersetzten. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

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Für mich beginnt nun ein verlängertes Wochenende. Als pensionierte Frau in dauerferien lege ich, was für andere Samstag – Sonntag ist, dahin, wo es mir gerade dienlich ist. Also dahin, wo Doris einige Ferientage zwischenschaltet, und wir gemeinsam etwas unternehmen können – für viele unschwer zu erraten, was: Angesagt ist rudern oder wandern durch die vergehenden Farben dieses unglaublich schönen Herbst.

Wochenende

Vor allem an Wochenenden kommt immer wieder mal die Frage: Bist du im Dort oder im Da. Und je nachdem, wo sich die Fragerin geografisch befindet, bedeutet «dort» Romanshorn (bei Doris) oder «dort» Zürich (bei mir).

Heute Morgen wurde sie von dem Menschen gestellt, der erst seit jüngstem zu meinem näheren Bekanntenkreis zählt – also mehr oder weniger von der jüngsten Freundin, auch wenn sie an Jahren, plus minus, so alt ist wie andere. Sie schreibt mir, nachdem ich ihr einen schönen Tag unter der Nebeldecke wünschte: «Ich sehe den Bodensee wie ein Meer … » Und scherzhaft fügt sie an: Da ich möglicherweise gerade Dauerferien mache, wünsche sie mir  zwei schöne, kommende Tage und fragt: «In den Dauerferien gibt es wohl das Wochenende nicht mehr oder?»

Ja – eine durchaus berechtigte Frage: Gibt es bei dauerferien noch so etwas wie «das Wochenende»?

Ja, das gibt es auch für mich, als Pensionierte. Nicht, dass ich ein Wochendende zwingend benötige. Denn ohne in «Montag bis Freitag-Arbeit» eingespannt zu sein, braucht es ja auch nicht zwingend einen Samstag-Sonntag zur Erholung. Diese beiden Tage könnte ich inzwischen hinlegen, wo immer ich will. Rein theoretisch.

Doch bei meinem Umfeld tickt die Uhr noch immer anders. Und deshalb schreibe ihr auf ihre Frage bloss: «Gestern war gefühlsmässig Samstag und heute ist wiederum Samstag – wo führt das wohl hin?»

Eine Antwort erhielt ich darauf nicht. Noch nicht.

p.s. Inzwischen ist die Antwort – Nina’s Kommentar – eingetroffen und nachzulesen.

Einstieg

Der Bus am frühen Morgen ist prall gefüllt. Ich schaue in die Gesichter und überlege mir, was diese Menschen arbeiten. Ich frage mich, ob sie dabei glücklich und ausgefüllt sind? Ob sie in ihrem Beruf eine Zukunft haben und wem möglicherweise die Erwerbslosigkeit droht?

Dass mich diese Gedanken ausgerechnet an diesem Montag beschäftigen, ist naheliegend. Denn heute bin ich, obwohl seit wenigen Monaten pensioniert, auf dem Weg zu meinem früheren Arbeitgeber. Ich kehre für einen dreitägigen Einsatz als Kursleiterin an meinen früheren Wirkungsort zurück.

Als ich neben meinem Kollegen und Koleiter vor den Teilnehmenden stehe, weiss ich mit einem Mal nicht, wie ich mich vorstellen und welche Tätigkeiten ich hervorheben soll. Zähle ich dasjenige auf, was mich vor wenigen Monaten noch als Ausbildnerin auszeichnete? Oder erwähne ich, was mich heute umtreibt? Ich realisiere erst, als mein Kollege seinen Erfahrungsschatz ausbreitet, dass ich mich für meinen ersten Morgenauftritt zu wenig vorbereitet habe. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch, einzuflechten, was mich qualifiziert, vor ihnen – den jungen Berufskolleginnen und -kollegen – zu stehen.

Beim ersten Pausenkaffee thematisiere ich den, in meinen Augen missglückten Anfang. Ich rede von meinen Hemmungen, Vergangenes hervorzuheben, obwohl mir schon am Morgen auf der Busfahrt bewusst war, dass mich auch mein reicher Erfahrungsschatz auszeichnet, um nochmals an meinen langjährigen Arbeitsort zurückzukehren.

Spät in der Nacht, beim Lesen der Kursbilanzen von «Tag 1», erfahre ich, dass der Einstieg glücklicherweise nur für mich ein verpatzter war.

Silber

Der «Silver»-Kurs ist am Sinken, so die entsprechende Börsenkurve.

Der Drang der «Silver Workers», die auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren möchten, ist dagegen am Steigen. Dies ist heute in der «Schwäbische Zeitung» nachzulesen. Zitiert wird darin eine entsprechende Untersuchung. «Jeder zweite angehende Rentner», so das Resultat, «hat Interesse an einer beruflichen Beschäftigung.» (Ich gehe davon aus, dass die Forschung auch Rentnerinnen berücksichtigt hat.) Nicht die zunehmende Altersarmut würde sie zurück in den Beruf drängen, sondern das Selbstbewusstsein, das aus der Erwerbstätigkeit gezogen wird.

Ich erinnere mich, was mir mein Schwager vor wenigen Jahren einmal erzählte, als ich ihn übers Altwerden befragte. Der heute 71-jährige, ehemalige Besitzer eines Kleinbetriebes, meinte: «Schwierig ist für mich vor allem, dass das Wort eines Pensionierten in unserer Gesellschaft weniger gehört wird.»

So ergeht es wohl vielen. Auch meiner Schwester. Sie ist zwar froh, dass sie wegen mangelnder Energie nicht mehr in regelmässigen Strukturen eingebunden ist, andrerseits schmerzt  sie das Gefühl, weniger gefordert zu weden, weil sie nicht mehr zur Arbeitswelt gehört.

Und wie ist es für mich? Diese Frage ist noch schwierig zu beantworten, da ich mich noch immer zwischen zwei Welten befinde – der Erinnerung an die Arbeitswelt und dem Einfinden in dauerferien.

Jedenfalls als Doris und ich in Bad Waldsee, wo wir zusammen einige Ferientage verbringen, über den Wochenmarkt gehen, bemerke ich ihr gegenüber, dass an diesem Morgen fast nur «Alte» zu sehen sind, die, so wie ich, mit nichts machen monatlich Rente beziehen. Auf meine Provokation meint sie: «Dank ihnen kann das Kleingewerbe überleben. Sie fahren nicht wie viele Erwerbstätige einfach zum Grossverteiler, sondern geben ihre Rente hier aus. Sie kaufen in der Stadt ein und trinken auch hier ihren Kaffee.»

Stimmt. Denn die Silberfüchsinnen und Silberfüchse beleben an so einem Morgen das Ortsbild, währenddessen die «Best Ager», so die Bezeichnung der Untersuchung für Erwerbspersonen zwischen 50 und 64 Jahren, hinter Bildschirmen und Werkbänken sitzen und arbeiten.

ade

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Gestern wies vieles auf ein letztes Mal hin: Das aufziehende Schwarz am Himmel, das Rauschen der Blätter und die Wetterprognosen, die das Ende der Hitze ankündigten.

Schon am Vortag nahm ich mir deshalb vor, dass ich mich im Zürcher Seebad Enge vom Sommer, der gegen Mittag ins Herbstliche kippen soll, verabschieden will. Noch ein Mal am Ort verweilen, der eine Badesaison lang mein Stammtisch war. Wo ich, ohne abzumachen, meistens Bekannte antraf.

Ich lese nach Rudern und ausgedehntem Schwimmen in der Zeitung überholte Tagesaktualität, als sich eine schon lange nicht mehr gesehene Fernsehkollegin zu mir setzt. Im Pensioniert sein, ist sie um einige Jahre erfahrener als ich.

Wir reden nicht über vergangene Zeiten. Wir reden übers Strukturen finden und über Identifikation. Wir geniessen dabei den Morgen, der sich vom Sommer verabschiedet und landen bei der Endlichkeit und den beiden Möglichkeiten, mit ihr umzugehen – bewusstes Auseinandersetzen oder verdrängen.

Sie verschwindet in der Garderobe.

Wenig später, man ahnt es schon, kommt die um zehn Jahre ältere Freundin. Und auch die um fünf Jahr ältere, die vor neun Monaten ihre Praxis aufgegeben hat. Sie sagt: «Möglicherweise ist es das letzte Mal», meint das Baden, und fast nahtlos beginnt sie von einem Vortrag zu erzählen, den sie unlängst gehalten hat. Alle seien an ihren Lippen gehangen, aber sie habe sich von aussen zugehört und dabei gedacht: «Ich habe das Vortragen bereits verlernt.»

Wir landen nicht im Jammertal. Wir stellen einfach fest.

Bevor wir aufbrechen, schauen wir Richtung Glarner Alpen, wo das «Vrenelis Gärtli» bereits von Regenwolken umhüllt ist. Wir verabschieden uns von den Frauen des Kiosks, die seit Jahren hier arbeiten. Wir blicken nochmals zurück und wünschen, an die Zukunft denkend, dass wir uns nächstes Jahr wieder am Stammtisch treffen werden.

Es ist kühler geworden, obwohl das Thermometer am Eingang, bzw. Ausgang noch immer 25 Grad für Wasser und Luft anzeigt.

Zu Hause, als ich in die Wohnung trete, empfängt mich sommerliche Wärme. Draussen ist der prognostizierte Herbstregen eingetroffen und die Blätter rauschen «Sommer ade».

Zeit

Das habe ich gerade noch gebraucht: Als ich gestern, nachdem ich «lernen» geschrieben hatte, mit dem Velo noch zur Zürcher Landiwiese fuhr, mich an der Abendkasse des Theaterspektakels in die Wartereihe stellte, von der Glücksfee dann doch nicht geküsst wurde und mich daraufhin wieder auf den Heimweg machte, begegnete ich einer, im doppelten Sinn, alten Fernsehkollegin.

Kaum haben wir uns begrüsst, fragt sie mich: «Bist du noch dabei?»

«Nein, seit erstem Juli nicht mehr.»

«Dann hast Du es ja noch vor dir», sagt sie.

Ich ahne zwar, was sie meint. Dennoch frage ich zurück: «Was meinst Du?»

«Das Gröbste steht dir noch bevor.» Sie ist davon überzeugt, weil sie von sich aus geht. Sie erzählt, dass ihr die Pensionierung erst wie Ferien vorgekommen sei. Aber dann sei dieses Gefühl von Verlust aufgetaucht. Ihr fehle, führt sie aus, dass sie nicht mehr mitten drin stehe und automatisch durchtränkt werde von diesem Nachrichtenfluss. «Es braucht unheimlich viel Energie, um sich alles selber zu holen. Und davon habe ich immer weniger», sagt die bald 70-jährige. Aus diesem Grund hat sie vor kurzem ihr angefangenes Kinoprojekt begraben, das der «krönende» Abschluss ihrer Berufstätigkeit hätte werden sollen.

Vieles kommt mir dabei bekannt vor. Denn ich kenne sie als lebendige Frau voller Ideen, die sich allesamt nie einfach umsetzen liessen. Einzelne kamen nicht zu stande – auch weil ihr der Körper früher schon Limiten setzte.

Nun atmet sie tief durch und findet die Krönung ihres heutigen Tages sei, dass sie es geschafft habe 100 Bücher auszusortieren. Sie ist sichtlich erleichtert. Und wiederum ahne ich weshalb, frage dennoch «Was ist der Grund?» und bin überrascht: Nicht von der Tatsache, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes «aufräumen» will, sondern dass der Auslöser die Aufhebung des Grabes ihrer Mutter war. «Es ist, als sei sie erst gestern gestorben», sagt sie: «Dabei war es vor 30 Jahren.» Doch erst jetzt realisiere sie, wie schnell die Zeit vergehe.

Wir verabschieden uns. Sie geht dahin, wo ich keinen Platz mehr ergattern konnte. Wer weiss, denke ich, vielleicht wollte die Glücksfee diese Begegnung aus der ich mit der Erkenntnis nach Hause fahre, dass alles seine Zeit braucht.

Premiere

Am Samstag, kurz nach 12 Uhr, sitzen wir drei Pensionierten im Zug.

Ich bin, fürs Empfinden meiner zwei Begleiterinnen, fast etwas zu knapp eingetroffen – nach meinem Dafürhalten hat es gut gereicht. Immerhin habe ich für mein Fahrrad einen Abstellplatz gefunden, was bei soviel Freizeitreisenden nicht ganz einfach war. Und auch meine leere Petflasche konnte ich noch mit Wasser füllen.

Als ich nun ins Zugabteil trete – zugegeben etwas verschwitzt vom mich Beeilen – entspannen sich Schwester und Freundin. Beide halten ihr Smartphone in den Händen für den Fall, der nun, bei meinem Erscheinen, nicht eingetroffen ist. Wenig später, exakt um 12 Uhr 09, rollen wir aus dem Zürcher Hauptbahnhof und bereits drei Stunden später landen wir im tropischen Locarno.

Ans Filmfestival komme ich mit wenigen Unterbrüchen seit 1975 regelmässig. Ich erinnere mich an manch eindrückliches Dokument, das ich in den vergangenen 40 Jahren hier gesehen habe. Ich bin also nicht nur mit Catherine Deneuve alt geworden (siehe 3.8.15), sondern auch mit dem «Festival del Film». Jung geblieben ist nur der Leopard, trotz 68° Ausgabe.

Dennoch ist dieses Jahr für mich persönlich ein ganz spezielles Jahr, eine Art Premiere: Erstmals komme ich als Rentnerin hierher.

Ich konzentriere mich deshalb beim Kauf der Dauerkarte speziell aufs Formulieren. Ohne Stocken will ich nach der altersebedingten Ermässigung fragen. Mein Satz soll aus einem Guss sein: «Ich hätte gerne ein pensioniertes Abonnement.» Ich stolpere selbst nach dem zweiten Anlauf und lache deshalb.

Doch das System akzeptiert mich trotzdem nicht – ich sei noch zu jung, informiert der Computer die Frau an der Kasse und diese wiederum mich: Die Reduktion gelte erst ab 65. Mit andern Worten: Ich muss nochmals ein Jahr warten, bis ich für dieses System alt genug bin und mit «pensioniertem» Festivalpass ins Kino darf.