17 Stunden

Jedenfalls kaum dort, war ich auch schon wieder weg. Doch zuerst wurde es in Paris Morgen.

Ich bin, wie so oft, auch an diesem Tag (Dienstag) früh unterwegs. Füsse, Socken und Schuhe sind bereits nass, als ich den tropfenden Schirm in die Ecke und mich an die Bar stelle. Zum Espresso lese ich im «Le Parisien» unter anderem, dass selbst der Frühling streikt. Ich blättere, suche, was der angekündigte Ausstand im öffentlichen Verkehr am Folgetag alles lahmlegen wird und hoffe, dass die internationalen Bahnverbindungen verschont bleiben.

Wenig später, kurz vor Türöffnung, stehe ich vor dem «Musée d’Art Moderne» in der Schlange und warte mit andern Regendurchtränkten auf Einlass.

Düster ist an diesem Tag alles, auch der Raum, in dem die Gemälde hängen, deretwegen ich nach Paris reiste. In ihren Bilder ist, durch die gewählte Farbmischung, irgendwo ein Glanz, der das Auge der Betrachtenden in eine Tiefe der Dreidimensionalität zieht, oder es auf ein Detail wie eine in der Hand gehaltene Blume, eine Kette, einen Alltagsgegenstand lenkt.

Der Blick der von ihr porträtierten Kinder, ist meist ein in Gedanken verlorener und ins Weite gerichteter. Ausdrucksstark; auch ihre Bildausschnitte, die sie oft so wählte, als hätte sie mit dem Fotoapparat vom Gesamten aufs Detail gezoomt.

Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907) lebte in einer Zeit, in der das eigenständige Schaffen von Frauen nicht selbstverständlich war. Malkurse an Fachhochschulen blieben Männern vorbehalten, der Abschluss mit Fachausweis ebenfalls. Grenzen lösten sich für sie erst im Paris der Jahrhundertwende auf, im Paris der Weltausstellung. Dahin reiste die Bremerin, jeweils in einer 17-stündigen Bahnfahrt, mehrmals in ihrem kurzen Leben. Sie entdeckte vieles, was sie zusätzlich inspirierte.

Im fast grenzenlosen Paris malte sie als erste Frau in der Geschichte der bildenden Kunst ihr Selbstportrait, lebensgross und nackt. Das gab es zuvor nicht.

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Und dann werde ich, im Zeitalter des Smartphone von den SNCF informiert, dass mein vorgesehener Zug ausfallen wird. Und deshalb mache ich mich, kaum angekommen, bereits wieder auf die vierstündige Heimreise und lande noch vor Mitternacht im Zürcher Hauptbahnhof, keine 17 Stunden später, nachdem ich am frühen Morgen noch in Paris unter dem Regenschirm durch die Strassen ging.

 

 

 

bis bald

«Hätte sie im Februar des Jahres 1906 ihren Entschluss, nach Paris zu gehen, rückgängig gemacht, wären ihr viele innere Kämpfe und demütigende Auseinandersetzungen erspart geblieben. Es wäre aber auch nichts von dem wunderbar Besonderen in ihrem Leben passiert»

So lautet der erste Abschnitt der Romanbiografie über Paula Modersohn-Becker «Auf einem ganz eigenen Weg», geschrieben von Stefanie Schröder. Dieses Buch begleitet mich anstelle des Computers nach, beziehungsweise durch Paris und stimmt mich ein auf die Bilder von Paula Modersohn-Becker im «Musée d’Art Moderne».

Ich bin gespannt, wie sich dieser erste Abschnitt in ihren Bildern spiegeln wird. Bis bald.

Hauptstadt

Recht erstaunt war ich unlängst, als meine Schwester bemerkte, dass sie, wenn sie 20 Jahre jünger wäre, ebenfalls mit Rudern beginnen würde. So was!

Zwar liebte meine Schwester als junge Frau das Spiel mit dem Ball. Tennis war ihr Ding. Doch dann kamen die Kinder, die ihr viel Beweglichkeit abforderten und somit blieb für die sportliche Herausforderung fast keine Lücke mehr; einzig das Skifahren gab sie erst altershalber auf. Dennoch: Die Freude an der selbstgesuchten Anstrengung verlor sich bei ihr immer mehr, bis sie die Begeisterung dafür vor wenigen Jahren wieder fand. Seitdem unternimmt sie ausgedehnte Entdeckungsreisen mit dem elektrisch unterstützten Fahrrad.

Die Geschichte vom Rudern erzähle ich Doris, als sie mich zum Bahnhof fährt – ja, mit dem Auto, weil ich absolut keine Lust verspüre, zu Fuss dahin zu kommen. Als Fazit der der schwesterlichen «wenn …, dann …» Bemerkung, sage ich, dass es im Leben offensichtlich Abschnitte gibt, in denen man für etwas zu alt oder zu jung ist und zeige mit der Hand auf die gebrechliche Frau, die altersbedingt am Rollator geht: «Dafür bin ich momentan defintiv zu jung.»

Auf dem Bahnsteig komme ich nochmals aufs Thema zurück, weil es Doris war, die mich unterstützte, als ich mich kurz entschlossen entschied, für wenige Tage nach Paris zu reisen.

Was mich schon erneut auf Achse bringt? Beziehungsweise dahin zieht?

Es ist «l’Intensité d’un regard», die Intensität eines Blickes. Im «Musée d’Art Moderne» sind zur Zeit 120 Bilder der mit 31 Jahren verstorbenen, deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die wesentlich die Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusste, ausgestellt. «Es gibt Dinge», sage ich zu Doris in diesem Zusammenhang, «für die ist man weder zu alt und noch zu jung, sondern im genau richtigen Alter – egal, ob jung oder alt.»

So bin ich nun auf dem Weg dahin, wo ich eigentlich mit meiner Schwester hinfahren wollte. Doch ihre Agenda war mit meiner nicht kompatibel, oder meine nicht mit ihrer. Schade. Aber weil ich weder aufschieben noch begraben will, was ich will – unter anderem auch aktives Auftanken neuer Eindrücke – reise ich nun alleine in die Hauptstadt Frankreichs – ein halbes Jahr nach dem Massaker im Theater Bataclan und zwei Wochen vor dem Eröffnungsspiel der Fussball Europameisterschaften.

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