ausgerechnet

In der tiefe jedes Einstiches meines Stockes zeigt sich der Schnee in hellem, aquelliertem Blau. Ich prüfe wieder und wieder. Was ich vor drei Tagen entdeckte, wiederholt sich in jeder neu erwanderten Gegend. Ich frage Jean-Marc, unseren Tourenleiter, der Island als ausgewanderter Franzose wohl besser kennt, als viele auf der Insel Geborene.

«The sky. Im Loch findet sich der Himmel wieder», ist seine Antwort.

Es ist keine wissenschaftliche Erklärung, sondern etwas zum Nachdenken. So ist Jean-Marc ebenfalls – nicht nur ein verlässlicher «Guide», sondern auch ein Philosoph. Eine Mischung aus meditierendem Jogi und einem Pfad suchenden Indiander.

Im labyrinthischen Gebiet, das schwarze Kirche genannt wird, und nur im Winter abseits der vorgegebenen Wege begehbar ist, verliert er die Orientierung nie, obwohl es das Land der Trolle ist, die durch ihre interpretierbaren, erstarrten Formen Mythen und Sagen entstehen lassen – auch dass Menschen nie mehr zurückgekehrt sind. Hier durchqueren wir an unserem letzten Schneeschuh-Wandertag Senken und Höhen, wo Birken und Kiefern wachsen.

Wir staunen. Denn Bäume sind auf dieser kargen Insel eine Seltenheit. Unsere Frage, weshalb ausgerechnet hier, ist deshalb nur naheliegend. «Frag sie selber», sagt er, «früher gab es möglicherweise Menschen, die ihre Sprache verstanden.» Nach einer Pause macht er den Link zu uns. Er fragt in die Runde: «Ist es uns jeweils klar, weshalb wir wo sind?» Mir jedenfalls nicht immer so wie an diesem Tag, als ich durch diese bizarre Landschaft wandere.

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Tüll

Wir sitzen gemüglich beim Nachtessen. Der Himmel ist, nachdem es einen Morgen lang geregnet hat, wieder sternenklar. Ein aufgeregter Gast sucht bei uns in der Veranda den Besitzer und erklärt uns weshalb. Er finde den Schalter nicht, um die Lichter vor seiner Unterkunft zu löschen. Die Nordlichter, sagt er, würden sich zeigen und die könne er doch nur im Dunkeln fotografieren.

Mit der Nase am Glas schaue ich durchs Fenster. Ich sehe feine Streifen von schwachem Grün, so wie gestern und vorgestern schon. In aller Ruhe reden wir weiter. Ich konstatiere, in einer Mischung aus französisch und englisch, da ich keine der beiden Sprachen locker über die Lippen bringe: «Wir sind schon abgebrüht.» Am ersten Tag rannten wir – das dänische Paar, das Paar aus der Westschweiz und ich – noch nach draussen. «Für diese Wenigkeit», bestätigt mich die Lausannerin, «stellen wir uns heute nicht in den Wind.»

Im Wohnzimmer der Guesthouse Familie, das an den Essraum grenzt, läuft ein auf isländisch untertitelter Film. Irgend ein Mann jagt einer Maus nach. Die Angestellte, die jeweils nicht mehr, als guten Tag sagt, sitzt im Sofa und sieht sich das an. Auch sie reissen diese Lichter nicht mehr vom Hocker.

Wenig später öffnen wir auf der gegenüberliegenden Seite die Haustür, um uns in unsere Zimmer zurückzuziehen. Am Himmel die Nordlichter – da, wo wir sie nicht im Auge haben konnten, spielen sie noch schöner als bisher.

Dafür stellen wir uns nun tatsächlich in den kalten Wind. Denn ganz so abgebrüht wie Einheimische, sind wir doch wiederum nicht. Sie werden durch noch Spektakuläreres verwöhnt. Aber wir lassen uns von dem Grün bezirzen, das wie ein feiner, sich zu Formen bildendem Tüll im nachtdunkeln Sternenhimmel von Osten nach Westen zieht.

 

Pracht

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Wir wandern mit unsern Schneeschuhen über die Caldera, da wo sich 1984 letztmals die heisse Lava der «Krafla» über die Ebene ausgebreitete. Da, wo nur im Winter ein Durchkommen ist. Fallender und verblasener Schnee die Räume zwischen den erstarrten, rauhen Gebilden aufgefüllte und uns dadurch das Ausmass erlebbar macht. Haben wir den vermeintlichen Horizont erreicht, eröffnet sich ein neuer.

Die Hügel, die die Caldera umgeben, dampfen. Entweichende Wärme bringt den Schnee zum Schmelzen, die Erde zum Grünen. Mystisch. Es könnten durchaus Elfen sein, die uns begleiten, tanzend, und entschweben.

Die Natur, die uns auf unserer Wanderung erst nur Auschnitte zeigt, so als ob sie möchte, dass wir sie im Einzelnen bewundern. Um uns dann, wenn sie sich uns öffnet, zu überwältigen – in ihrer Pracht und Unendlichkeit.

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glauben

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Der Kraterrand, ganz hinten, ist unser Ziel. Wir fünf – das dänische Paar, das Paar aus der Westschweiz und ich -, versuchen in unserem Rhythmus den Abstand zum Gruppenleiter nicht allzu gross werden zu lassen. Den einen gelingt’s besser, den andern weniger. Was vielleicht als Problem erscheinen könnte, ist keines mehr, nachdem ich mein gemächlicheres Schneeschuh Wandertempo thematisierte. Jean-Marc, der vor 10 Jahren nach Island emigrierte Franzose, meint, warten sei kein Thema, denn an dieser Landschaft könne er sich eh nie satt sehen.

Während des Wanderns durchs Mývatn-Gebiet erzählt er uns viel über Gegend, Geografie, Geologie, Lebensphilosopie und -einstellung. Dabei sagt er meist «wir Isländer», manchmal auch «wir Franzosen». Doch letztlich ist die Liebe zur Insel grösser, glaube ich wenigstens zu spüren.

Jean-Marc, der Organisator, ist ein umsichtiger Wanderleiter. Mit Respekt durchschreitet er das vulkanische Gebiet, durch das sich, wie in  Þingvellir, die Spalten ziehen, die durch die tektonischen Bewegungen entstanden sind.

Lange nachdem wir ins Kraterinnere runter- und wieder hochgestiegen sind, führt uns der Franzosen-Isländer zu heissem Wasser, das sich in einem Becken unter dem Gewölbe angesammelt hat. Dort werden wir am Ende der Schneeschuh-Tour, nach fast fünf Stunden wandern, noch reinkriechen und in 40-grädiges Wasser steigen.

Je mehr wir uns dem Ort der Entspannung nähern, desto langsamer wird sein Schritt und desto aufmerksamer tasten seine Augen das Gelände ab. Einmal sticht er mit meinen Stock tief in den Schnee und zieht daraufhin den Umweg vor. Er meint, in dieser Gegend der Formationsaktivitäten hätte es unter dem Weiss überall Löcher – ein Unglück sei schnell passiert und mahnt uns, seinen Spuren exakt zu folgen; ja keine unvorsichtigen Schritte. Zwei Asiatinnen kommen uns lachend entgegen. «Hello», sagen sie während des sich gegenseitigen Fotografierens und fragen, ob es hier, quer durch, zum Krater geht? Also dorthin, woher wir kommen. «Ja, das ist aber keine gute Idee», sagt er, mehr nicht. Und sie glauben ihm sogar.