Dranbleiben

Übrigens gestern schrieb ich über meine 84-jährige Freundin, die in Florida lebt. Botschaft hiess die Geschichte.

Und der Zufall will es, dass ich von ihr gerade heute eine weitere Botschaft erhielt, eine weitere Ausbeute ihres täglichen Durchforstens und Suchens nach kleinen Hinweisen, die den Tag bereichern können.

Gestern war es der Link zu einem Video. Zu sehen ist Joan Baez, die sich an der Gitarre begleitet, ein Lied singt über den «nasty man», den laut Übersetzung «hässlichen», «widerlichen», «boshaften», «schlimmen» Mann, der seit Januar ihr Land destruktiv regiert.

Ich bin begeistert. Auch über den Fakt, dass sich die 76-jährige Joan Baez noch immer einmischt! Trotz Horrormeldungen aus Syrien, trotz Ohnmacht …

Das Video stellt mich auf. Es zeigt mir, dass Joan Baez, die Friedensaktivistin, dranbleibt und auch, dass es wichtig ist dranzubleiben, selbst wenn die «Grossen» fast schon täglich die sogenannt rote Linie überschreiten.

Der Tropfen der «Kleinen» auf den heissen Stein ist und bleibt wichtig, weil er motivierend wirkt und weil selbst Steine irgendwann einmal nass werden.

Himmel

Da gibt es also fast jeden Montag die eine Bekannte, deren innere Balance sich im äusseren Gleichgewicht spiegelt. Da gibt es aber auch die andere Turnmatten-Nachbarin, die gleich alt ist wie ich, aber im Gegensatz zu mir, noch immer im Berufsleben steht, beziehungsweise sitzt und nach wie vor an einer regionalen Musikschule Klavier unterrichtet.

Wir lachen viel. Eigentlich lacht sie oft wegen mir, wenn ich wie ein angestochener Ballon den Atem ausschnaube, das Gewicht auf den Armen nicht länger halten kann, auf den Boden sacke und dazu noch eine Bemerkung fallen lasse. Dann ist sie mir dankbar, quittiert es mit dem entsprechenden Blick und versucht, es mir nicht nachzumachen.

Wenn wir jeweils schon vor Beginn der Turnstunde auf der Matte liegen, erzählen wir uns aus unseren Leben. So weiss ich von ihr, dass sie seit Wochen an einem Musiktück feilt, das den Fingern die ganze Fertigkeit abverlangt und den passenden Titel «Glühwürmchen» trägt.

Halb ernst halb spasseshalber sage ich: «Spiel es uns doch mal vor.»

Nun gut, einige Woche später erhalte ich als einzige unserer Montagsgruppe eine Einladung zu einem Hauskonzert an dem noch ein Duo auftritt – allesamt bekennende Verehrende der Glühwürmchen-Komponistin Amy Beach. Der Abend ist stimmungsvoll, so dass ich später Doris noch viel darüber erzählen mag.

Zwei Montage später liege ich wieder neben der Mattenbekannten. Begeistert erzähle ich, dass ich inzwischen ebenfalls zum Kreis der vor zwei Jahrhunderten geborenen amerikanischen Komponistin zähle. «Ich habe», ergänze ich, «gleich zwei Alben von ihr gekauft.»

Vorerst noch ehrfürchtig will sie von mir wissen, ob ich die Noten ebenfalls ausserordentlich schwierig finde. Ich erzähle nicht, dass ich lieber Handorgel als Klavier gespielt hätte. Und auch nicht, dass ich trotz sechs Jahren Unterricht nach der allerletzten Stunde keine einzige Taste mehr gedrückt habe. Ich erkläre ihr dagegen, dass ich mir die Alben als digitale Musik aufs Handy geladen habe und damit ist der Reiz einer Diskussion unter Fachfrauen bereits im Keim erloschen.

Dass diese Episode doch noch eine Fortsetzung haben könnte, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Einen Tag später telefoniert sie und fragt mich, wie mir «ihre» Glühwürmchen gefallen hätten, ob ich ihre Unsicherheit bemerkt hätte.

Habe ich natürlich nicht. «Du sprichst mit einer Banausin», entschuldige ich mich, bevor ich erwähne, dass es mir sehr gefallen hat. Doch sie zweifelt weiterhin an ihrem Können, bis ich frage, ob es in Bezug auf Zufriedensein je ein Limit geben könne – «ist der Himmel nicht grenzenlos?»

Damit kann sie leben – der Himmel ohne Grenzen!

(hier ein Ohr voll «Glühwürmchen» / «Fireflies»)

sinnieren

Theater fasziniert mich. Ich gehe zwar nicht so oft in eines der Stücke des «Schauspielhaus Zürich», aber inzwischen fast ebenso spontan wie ins Kino. Denn mit dem Halbtax-Abonnement, das ich mir vor Jahren anschaffte und dadurch zum halben Preis zu einer Sitzplatzkarte komme, ist der Entscheid schnell einmal gefällt, hinzugehen.

Enttäuscht werde ich ganz selten. Auch wenn mich nicht jedes Stück gleich packt und hereinsaugt, ist es doch jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Die Umsetzung – oft mit Poesie verbunden -, die Aktionskunst der Schauspielerinnen und Schauspieler, ihnen ins Gesicht sehen zu können und förmlich riechen, was da, vor mir, abgeht.

Die Magie des Innovativen.

Diese Woche sass ich in «Nachtstück», das ganz ohne Worte auskommt. Man stelle sich vor: Vier Frauen und vier Männer auf der Bühne in einem Dekor, das an das Bild «Hotel Room» von Edward Hopper erinnert, und KEIN einziges, gesprochenes Wort! Nur choreographierte Bewegungen zu Klängen, live gespielt von Fritz Hauser!

Und was ich an meinen Theaterbesuchen, die ich sehr oft alleine unternehme, ebenfalls liebe, ist der Kauf des Programmheftes. Denn auf dessen Rückseite steht meist ein Satz zum Sinnieren wie zum Beispiel: «Das Meer ist einfach etwas was ist.» Oder, wie dieses Mal:

«Every heartbeat is unique, listen carefully.»

 

 

Paul Bley

«Ida Lupino» ist ein Stück, das ich mir immer wieder anhöre. Es ist wie Honig für die Seele. Komponiert hat es der experimentierfreudige Paul Bley, der am vergangenen Sonntag 83-jährig verstorben ist. Benannt hat der Pianist das sieben minütige, improvisierte Stück nach der Schauspielerin, die sich im Hollywood der Vierziger auf die Gestaltung attraktiver, aber komplizierter und eher unsympathischer Charakteren verstand.

Und weil ich Bley zusammen mit seiner ersten Frau Carla Bley in Zürich schon verschiedentlich spielen hörte, lese ich erst recht aufmerksam den Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. Thomas Steinfeld schreibt darin über «Ida Lupino», wie man es nicht schöner formulieren könnte: «Ein Blues rollt darin im Hintergrund, und auch die Melodie scheint aus dem Repertoire der gängigen Unterhaltung zu stammen. Aber dann bricht sie plötzlich ab, ein paar Töne bleiben zurück, die sich, als hätte sie plötzlich ein tiefer Zweifel ergriffen, nach einem neuen tonalen Zentrum umzuschauen scheinen.»

Dieserr eine Satz «… ein paar Töne bleiben zurück, die sich, als hätte sie plötzlich ein tiefer Zweifel ergriffen, nach einem neuen tonalen Zentrum umzuschauen scheinen», der wie in der Musik ein einzelner Ton das Rundum bracht, um zur Geltung zu kommen, begeistert mich vor allem.

Und beim Weiterlesen gibt es nochmals ein Arrangement, das mir einerseits gefällt und mich andrerseits eine musikalische Perle entdecken lässt, die ich mir sogleich runterlade: «Far North» – 2014 erschienen und 40 Jahre nach «Ida Lupino» bei einem Konzert in Oslo entstanden: «Zuerst sind da Akkordblöcke, die wie gestückelt daherkommen, dann entspinnt sich eine Melodie daraus, und es wechseln die Stimmungen, und siebzehn Minuten lang bleibt nichts, wie es war.»

Nur schon deswegen kaufe ich mir das Album, weil ich wissen will, wie sich «nichts bleibt, wie es war» anhört.