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Und nun erzähle ich, was ich im Anschluss an den Ausstellungsbesuch im Bündner Kunstmuseum in Chur auch noch machte, ausser heimzufahren.

Der eine Gedanke verfestigt sich während des Reisens immer mehr. Und so treibt es mich nach meiner Ankunft am Zürcher Hauptbahnhof auf direktestem Weg dahin, wo Zilla Leuteneggers Galerie beheimatet ist – im ehemaligen Industriequartier. Ich trete ein, sage, dass ich wegen Zilla’s Kunst nicht nur in München, sondern auch im Bergell, in der Kartause in Ittingen und ebenfalls schon in dieser Galerie war. Und nun einfach wieder kommen müsse, weil es ein tief gehegter Traum von mir sei, ein Bild von Zilla zu haben.

Die Galeristin ist erfreut, zeigt mir am Computerbildschirm Bilder aus Serien. Das Entscheiden fällt mir nicht leicht, vieles geht mir durch den Kopf und letztlich sind es Moment, Bauch, Situation, die mir bei der Wahl helfen.

Und so wird bei mir zu Hause schon bald ein Bild aus der Serie «Balance» an der Wand hängen. Eine Tänzerin, schwebend auf dem Seil von Zeit und Raum, von einer Welt in eine Welt gehend.

Ähnlich der Figur schwebe ich anschliessend nach Hause; virtuell auf einem Seil – real auf zwei Rädern.

 

gehen (4)

Für Zilla Leutenegger bin ich vor einem Jahr nach München gereist. Und diese Woche nun auch nach Chur. Im neu eröffneten Bündner Museum (siehe «gehen 3») gibt es ein Mini-Museum innerhalb des Museums, genannt «Labor» – ein konzeptuell und räumlicher Freiraum, den geladene Kunstschaffende frei nutzen können.

Zilla Leutenegger, die in Chur aufgewachsene Künstlerin, ist die erste, die diesen Raum bespielt. Während der Bauzeit hat sie das Entstehen des Raumes verfolgt. Dabei hat sie, die in ihren Werken häufig das faszinierene Spiel von Schatten und Licht einsetzt, auch dieses Mal, das vom spanischen Architekten-Duo konzipierte, einfallende Licht zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit genommen.

Und so gibt es im «Labor» unter anderem ein grossflächiges, dunkles Bild – ein Raum mit Flügel mit einzelnen Lichtflächen. Und wie von Zauberhand gehen Licht-und-Schatten Muster des Fensters über die Wand. Typisch für Zilla Leutenegger und dennoch überraschend.

Einfach magisch wie diese von der Künstlerin arrangierte Licht-Schatten-Fläche über Wand und Bild kriecht, schwebt. Geht.

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Anschluss (2)

Als der eine Freund es dem andern Freund erzählte, worüber ich mich sorge, ging dieser – in München wohnend – schnurstracks zur Adresse, wo ihr gemeinsamer Freund wohnt(e?), dessen Telefonanschluss ausser Betrieb ist.

Er klingelte – der Gesuchte öffnete und freute sich über den überraschenden Besuch. Alles war wie immer, wenigstens für ihn.

Nichts von dem, was wir uns vorgestellt hatten, traf zu – auch nicht, dass er sich den Anschluss nicht mehr leisten konnte. Er schob einfach nur das Unterschreiben des neuen Telecomvertrages vor sich her. Aber auch dieses Phänomen ist bei ihm nichts Aussergewöhnliches.

Zum Glück; nur das.

Nun schreibe ich ihm eine Karte – auch von dort, von wo ich jeweils telefonierte, bis dass die computerisierte Frauenstimme mitteilte «dieser Anschluss ich nicht mehr in Betrieb».

 

Anschluss

Früher wusste ich, wie es ihm geht. Seit geraumer Zeit ahnte ich, dass sein Leben noch schwieriger geworden ist. Doch beklagt hat er sich darüber nie – auch nicht, als ich ihn im vergangenen Sommer seit langem wieder einmal im München besuchte.

Früher telefonierte meine damalige Partnerin regelmässig mit ihm, meist war es sonntags. Nach ihrem Tod war ich es, die ihm Karten schrieb, von wo immer ich auch war. Er freute sich darüber, weil reisen für ihn aus verschiedensten Gründen nicht mehr in Frage kam.

Selten telefonierte ich ihm. Er selber machte es nie, er griff nur dann zum Hörer, wenn es bei ihm läutete. Dessen war ich mir bewusst. Trotzdem machte ich es immer weniger – auch weil ich unsere Gespräche so schwierig fand. Mir ging es meist gut, ihm nicht. Ich hatte Projekte, er nicht. Und zwischen unseren Sätzen gab es mehr Stille als Worte. Schwer haushaltbar.

Zum Jahreswechsel dann der Wunsch, mit ihm wieder einmal zu reden. Der Kontakt war schneller hergestellt, als sonst. Doch die Stimme gehörte der Computerfrau, die mitteilete: «Dieser Anschluss ist nicht mehr in Betrieb.»

!!!

So oft wie dieser Tage habe ich in all den vergangenen Jahren nie mehr an ihn gedacht.

Bei der Suche helfen nun drei Freunde. Allerdings ist auch ihr Draht zu ihm immer loser geworden. Selbstverständlich reden wir bei dieser Gelegenheit über ihn und ich erfahre Geschichten, die er mir nie erzählte, aber vielleicht erzählen wird, wenn wir es schaffen, den Anschluss wieder in Betrieb zu nehmen.

Kuss

Voraus schicken will ich, dass mir meine Schwester ganz wichtig ist. Mit ihr habe ich richtig Glück.

Wir kennen unsere Leben. Wir trauen uns. Wir begleiten und (unter)stützen uns. Jede trägt der andern Sorge, jede sorgt sich um die andere. Ja, ich könnte noch sehr viel mehr über sie erzählen. Einzelnes habe ich in meinen Geschichten ja auch schon erzählt. Zum Beispiel waren wir zusammen am Filmfestival in Locarno und in München. Zum Beispiel kroch ich als Kind zu ihr, der fünf Jahre älteren Schwester, ins Bett, um sie zu beschützen, wenn meine Eltern im Ausgang waren. Heute tauschen wir unsere Erfahrungen – auch was die Neuorientierung als Pensionierte anbelangt.

Weil sie mich so gut kennt, hat es mich besonders gefreut, dass sie mir auf «rückfällig», die Geschichte von gestern, ein kurzes Email schrieb «Betreff: Richtung gut». Und weil mir die Zeilen so gut tun, muss ich diese hier einfach wiedergeben. Keine Angst: Ich habe sie selbstverständlich zuerst gefragt, ob ich sie zitieren dürfe. «Aber sicher!», war ihre spontane Antwort.

Also – meine Schwester schrieb mir: «Liebe Schwester – Nun bist du in der Pensionierung einen grossen Schritt weitergekommen. Das freut mich. Das Sparprogramm, welches das Fernsehen auch noch umsetzen muss, wird bestimmt nicht zu Gunsten der Weiterbildung ausfallen. Mit anderen Worten noch mehr Oberflächliches. Ein dicker Kuss R.»

Ein dicker Kuss auch von mir, liebe Schwester.

U70 (= unter 70 Jahre)

Apropos München: Als meine Schwester und ich auf unserer Kulturreise zusammen gemeinsam frühstückten und dabei zum Englischen Garten blickten, der mit seinen 375 Hektaren einer der grössten Parkanlangen der Welt ist, war es trotz des vielen Blattgrüns bereits morgens um neun Uhr heiss. Ich erschien deshalb im kurzen Jupe – ein Kleidungsstück, dessen Vorteile ich erst seit etwa zwei Jahren geniesse. Davor ging alles nur in Hosen – da bequemer, da weniger kompromittierend beim Sitzen.

Als wir unser Tagesprogramm besprechen, meint meine Schwester, sie würde gerne ihr weites Kleid anziehen, das sei einfach luftiger. «Doch», gibt sie zu bedenken: «Da passen einfach keine Halbschuhe dazu.»

Weniger konform als meine Schwester meine ich, diese Kombination würde doch «lässig» aussehen. «Und», füge ich hinzu: «Kann dir doch egal sein, wie es ausschaut. Hauptsache: es ist bequem.»

Als wir uns durch die Stadthitze quälen und trotzdem glücklich sind, ist sie froh, um die unkonforme Lösung, die soviel Komfort mit sich bringt – nämlich: kühlenden Wind unter das Kleid und sicheren Tritt bei all den Unebenheiten. Sie sagt: «Das ist eindeutig ein Kompromiss ans Alter – ohne geschlossene Halbschuhe fühle ich mich inzwischen einfach unsicher.»

Dies – nebst vielem anderem – schätze ich an meiner Schwester, die fünf Jahre älter und mir diesbezüglich um einige Schritte voraus ist: Sie jammert nicht über Vergangenes, sondern richtet sich nach dem Jetzt, das nicht mehr ist, wie es einmal war. Oft ist sie mir auch darin um einige Schritte voraus.

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Ü90

Ich melde mich zurück!

Vergangene Woche war ich zuerst in München, dann im Klöntal. In der Grossstadt schaute ich vom Hotelzimmer aus auf den Englischen Garten; im Glarnerland auf das Glärnischmassiv, hinter dem sich das «Vrenelisgärtli» versteckt. Woche und Abend liess ich bei einem Bier ausklingen – nicht irgend ein Gebräu, sondern ein «Vrenelisgärtli». Es grollte ein Gewitter. Mein Tischnachbar, ein Klöntaler mit Leib und Seele, war perplex, als ich auf seine Frage die Sage vom «Vrenelisgärtli» erzählte. Was ich dabei nicht erwähnte: dass ich die Geschichte erst seit knapp zwei Wochen kenne, als ich sie assoziativ für den Blog «diesig» benutzte.

In München besuchte ich anfangs letzter Woche, zusammen mit meiner Schwester, unter anderem die Ausstellung von Louise Bourgois. Absolut toll und überwältigend, was die Künstlerin, die fast 100 Jahre alt geworden ist, geschaffen hat. Zu sehen waren ihre ersten Zeichnungen sowie ihre überdimensional grossen Spinnen- und Zellenarbeiten und auch ihre allerletzten, grossformatigen Bilder auf denen sie, kurz vor dem Tod, ihre Metamorphose angekündigt hat. Als 70-jährige, als sie erstmals ein eigenes Atelier besass, erfand sie die «Zellen» und arbeitete damit nochmals 30 Jahre an ihrem Thema «Kindheit». Sie schuf insgesamt 60 solcher «Zellen», deren innerer Raum eine Art dreidimensionale Psychoanalyse darstellt. Die Hälfte davon ist im «Haus der Kunst» zu sehen. «Sensationell», schreiben Kunstkritiker.

Im Klöntal war ich in einer Gruppe, die während dreier Tage auf dem Bergsee unter Anleitung eines Trainers lernte, die eigene Rudertechnik zu verfeinern. Bereits zum vierten Mal habe ich diesen Anlass in dieser traumhaften, hochalpinen Kulisse organisiert. Als wir in unserer gewohnten Bodenseeformation im Doppelvierer sitzen und realisieren, dass wir durch üben unser Boot immer besser übers Wasser gleiten lassen, sagt Doris: «Wenn ich auch einmal, so wie ihr, 30 Jahre rudere, werde ich euch ebenbürtig.» Ich protestiere, weil es einerseits nicht stimmt, was sie über sich sagt und andrerseits, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mit über 90 Jahren noch rudern kann. Aber wer weiss, wo ich noch Schub geben kann.

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