mündig

Und dann endet das Buch, das ich, wenn ich mich heute für ein einziges Inselbuch entscheiden müsste, wählen würde. Ich sage am Mittagstisch zu Doris, dieser analysierende, Zusammenhänge erklärende und mit der eigenen Geschichte verwobene Roman hat mich vollends begeistert.

Dieses Mal hat sich Lebenszeit, die mit dem Lesen von «Mein weisser Frieden» verbunden war, mehr als gelohnt. Ich habe viel erfahren über Sozialisation, Manipulation durchs Wort, Rattenfängerei, Macht, Widerstehen, Würde, Menschlichkeit … Zudem ist es  poetisch und wortstark geschrieben.

Und deshalb möchte ich als Abschluss nochmals die Autorin, Marica Bodrožić, zitieren: «Wir können die Toten nicht mehr mit unseren Fingerkuppen berühren, aber die Lebenden zeigen uns, wozu der Mensch fähig ist, wenn ihm andere Wesen ausgeliefert sind und er selbst über die Toten die Deutungshoheit hat. Was vollbringt der Mensch mit seiner Macht? Wohin führt sie ihn? Nur in der Güte ist Erdung und Rettung. Sie ist die leise innere Stimme, die uns dazu drängt, unsere Redlichkeit an uns selbst zu schulen. Wer gütig ist, weiss um sich selbst und schlägt nicht zurück. Er fühlt die tätige Gnade und ist fähig geworden, seine Macht auszuhalten er muss sie nicht in Gewalt entladen, sondern hat die Wahl, bewusst zu bleiben – ein mündiger Mensch.»

Marica Bodrožić, «Mein weisser Frieden», © 2014 Luchterhand Literaturverlag, München

 

Spirale

IMG_2947Das Badetuch direkt am Ufer des Bodensees, im Rücken der Baumstamm zum Anlehnen, am frühen Morgen noch die leichte Brise – meinen Körper kühlend -, das lädierte Bein gestreckt und leicht erhöht nach dem therapierenden Schwimmen im noch immer erfrischenden Wasser. Alles perfekt getuned für eine in sich ruhende Zeit, die mir, der leicht Handicapierten und sonst doch eher Rastlosen, viel Ruhe schenkt.

Ich lese und beobachte.

Zwei Frauen in meinem Alter, also auch pensioniert und mit ähnlich viel freier Zeit, wie es scheint, geniessen den Morgen ebenfalls. Sie schnadern – sich viel erzählend schwadern sie durchs Wasser, ihr Gerede wird leiser, ihre Köpfe werden kleiner, bis dass sie in der Ferne verschwinden und von ihnen nichts mehr zu hören und zu sehen ist.

Ich lese – noch immer im Buch «Mein weisser Frieden» von Marica Bodrožić. Sie seziert die Kriege auf dem Balkan und ich denke dabei an die Türkei, an das Machtgebahren Erdogan’s nach dem gescheiterten Putsch, wenn die Autorin schreibt: «Menschen, die nie gelernt haben, sich einer Autorität bis in die innersten Regungen zu verweigern, sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das können nur Menschen, die sich selbst kennen und die erfahren haben, dass Wachsein Begegnung und Gespräch ist. Wo soll auch die Empfindung ihren Anfang nehmen, wenn nicht im eigenen Innern? Es gibt keinen andern Ort. Wer gehorcht, folgt der Sprache eines andern; wer folgsam ist, hat nicht gelernt zu denken.»

Ich lese. Schnadernd kündigen die beiden Frauen ihre Rückkehr an. Was für ein schönes Geschenk dieser Start in den Tag. Unbeschwertes hier.

Grauen dort – wann endet diese Spirale?!

 

 

 

Danke

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liebe Gerda, lieb «dasmanuel» – euch beiden einen grossen Dank für die Wertschätzung. Wie schön, dass ihr unabhängig von einander beim Weiterreichen des Pokals für gern gelesene Blogs auch meine «dauerferien» nominiert habt. Unlängst habe ich von den «Gezeitenwechsel»-Frauen kat+susann diese Auszeichnung schon mal erhalten. Auch da war die Freude gross.

Um ehrlich zu sein, ich schätze die/eure Anerkennung, ich schätze die virtuelle Gemeinschaft, zu der ich seit inzwischen 18 Monaten gehöre, ich schätze ebenso die Auseinandersetzungen, das Feedback, das Kommentare erhalten, das Kommentieren auf andern Blogseiten. Und ich liebe auch die Auseinandersetzung mit mir selber. Jede Geschichte fordert mich, da ich sie nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln und hinklecksen kann.

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Nun erlaube ich mir, da es keine Regeln ohne Ausnahmen gibt, Fragen (nicht alle) von  Gerda Kazakou und dasmanuel herauszupicken und durcheinanderzumischen, so dass es letztlich wieder 11 sind und ich diesbezüglich wieder der Regel entspreche.

  1. Kannst du fliegen? Am Samstagmorgen hätte ich diese Frage noch mit «Nein!» beantwortet. Am Samstagabend dagegen mit «JA!». Denn ich bin bei der Arbeit in Doris‘ Garten, beim Schneiden der Hecke von der Leiter geflogen. Und damit ist die Frage nach
  2. Wie geht es dir? den Umständen entsprechend. Radius und Beweglichkeit sind zur Zeit eingeschränkt und ich entsprechend angebunden. Treppen steigen kann ich inzwischen wieder, das Runtergehen ist noch etwas schmerzhaft und durch das lädierte linke Bein entsprechend «humplig». Doch es wird werden. Einfach ärgerlich, dass ich beim Coiffieren der Gartenhecke nicht auf meine innere Stimme hörte und pausierte, bevor es passierte. Doch das Positive gibt es auch noch zu erwähnen: Ich lese in weiteren Etappen im Buch «Mein weisser Frieden», die Reisebetrachtungen über Krieg und Frieden von Marica Bodrožić. Und damit ist es mir gelungen, das Fragen nach
  3. Wo?,
  4. Wann?,
  5. Was?,
  6. Musik, Malerei, Text oder Film?, ebenfalls zu integrieren.
  7. Wie beurteilst du die Tat der Griechen, die den Trojanern ein hölzernes Pferd zum Geschenk machten, um sie reinzulegen? Es ist eine schelmische Tat, durch einen Trick, an die Macht zu kommen. Das trojanische, hölzerne Pferd mag ein Kunstwerk gewesen sein. Doch dem Umstand, dieses für kriegerische Zwecke einzusetzen, kann ich nichts abgewinnen. Jegliche Form von Krieg verabscheue ich.
  8. Würdest du den türkischen Soldaten, die sich nach ihrem gescheiterten Putsch nach Griechenland absetzten, Asyl gewähren? Ja – vor allem im Wissen / Ahnen, was für sie Rückführung bedeutet: Gefängnis, Folter, Erniedrigung, Schmerz …
  9. Welche Frucht des Paradiesgartens hättest du auf jeden Fall probiert? Die Lotusfrucht, deren Blüte Symbol der Erleuchtung ist.
  10. die Luther-Frage: Was tätest du, wenn du wüsstest, dass morgen die Welt untergeht? Sie mit Lotusblüten beschenken.
  11. Was kommt nach dem Tod? Etwas – aus Energie wird nicht Nichts, Energie bleibt Energie.

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Und nun meine 11 Fragen. Sie sind ein Sammelsurium aus eigenen Fragen sowie aus denjenigen von Gerda und DasManuel, die ich selber nicht beantwortete.

  1. Wieviel Zeit investierst du ins Blogen (schreiben und lesen anderer)?
  2. Findest du ein „Grundeinkommen für alle“ richtig?
  3. Denkst du, dass «gut» ohne «böse» existieren kann?
  4. Wohin sollte die Friedenstaube zwingend fliegen?
  5. Welchen 1-Satz-Ratschlag würdest du Donald Trump auf den Weg geben?
  6. Welchen 1-Satz-Ratschlag Hillary Clinton?
  7. Was beschäftigt dich momentan, raubt dir den Schlaf?
  8. Was erfreut dein Herz?
  9. Welches Buch möchtest du andern weiterempfehlen?
  10. Was bedeutet (dir) Wasser?
  11. Wo findest du Ruhe?

Gestellt hätte ich sie gerne an Ulli («cafeweltenall»), tikerscherk («kreuzberg-südost, die katastrophenchronistin»), kat+susann («Gezeitenwechsel») und auch Gerda. Die Blogs dieser drei lese ich am regelmässigsten. Inzwischen fühle ich mich mit ihnen so vertraut, dass ich jeweils schon beim Computer aufstarten denke, «was schreiben auch meine Frauen?!». Doch alle drei wurden eben gerade von andern aus der Bloggemeinde mit dem Award beschenkt und deshalb nehme ich mir die Freiheit, das Schneeball-Prinzip meinerseits zu durchbrechen.

Danke fürs Verständnis.thumb_Bildschirmfoto 2016-04-19 um 18.59.44_1024

 

 

 

wie

Sich selber werden, mit jedem gelebten Lebensjahr – Hoffnung und Erkenntnis, dass das Älterwerden nicht umsonst ist/war. Dass das tägliche Feilen – ein Wort, das ich aus einem Kommentar von Ulli herauspickte – einem dahin bringt, wo jede/jeder ist, wie sie/er sein möchte – unter anderem zufrieden im Gelebten, in sich ruhend, nicht rasend «im-Morgen-im-Gestern-im-Nirgends», nicht anhaftend, nicht schmerzlich an die Endlichkeit denkend.

Ein Leben im Dies.

Kurzum: Hoffen, viel lieber noch wissen, dass man sich im Laufe des Lebens selber gefunden hat, ohne dass man sich dabei selbstgefällig in der Satisfaktion ausruht.

Zu «leben» – und zu «Leben» – habe ich eben bei Marica Bodrožić in «Mein weisser Frieden» folgendes gelesen (das heisst, kurz bevor ich nicht zuletzt auf Grund der Kommentare zur gestrigen Bloggeschichte «selbstverständlich» zu diesem Text animiert worden bin).

Bodrožić vermag in ihren Zeilen immer wieder, Lebenswesentliches herauszuschälen – in ihrer Geschichte, die sie in Verbindung mit dem beginnenden, stattfindenden, vergangenen Krieg auf dem Balkan erzählt, dabei den übergreifenden, geschichtlichen Zusammenhang miteinbezieht und einer Chirugin gleich historische Abläufe seziert.

Die in Kroatien geborene und in Deutschland aufgewachsene Schriftstellerin schreibt u.a.: «Und kann ein Mensch weiter leben, wenn er seine Fenster in sich selbst nicht öffnet? Wie. Das wie ist alles, was wir in Würde und im Bewusstsein sind. Wer sich über das wie Rechenschaft ablegt, der ist mitten in einer inneren Handlung und versteht, was damit gemeint ist, dass ein einzelner Mensch ein ganzes Land und ein einzelnes Herz eine ganze Epoche ist, ein einzelnes Wort das ganze Leben umfassen kann.»

Das kontinuierliche wie, das Öffnen der Fenster in sich selber, feilt / stärkt / modeliert und bringt einem letztlich dahin, wo man sein möchte: nämlich bei sich selber als Teil einer sozialen, verantwortungsvollen Gesellschaft, in der das wie zählt und nicht das Halten an autoritärer Macht. Jedenfalls ist dies meine Übersetzung von Bodrožić‚ Gedanke.

Balkan

 

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Ich glaube, die Natur schafft es kaum, viel mehr Regen zu schütten, als sie es gerade macht. Auch darum ist heute ein richtiger Lesetag.

Seit einiger Zeit begleitet mich Marica Bodrožić’s «Mein weisser Frieden». In «Sinne» habe ich daraus bereits den allerersten Satz zitiert. Schon dieser war dicht. Die Fortsetzung ist es auch, so dass ich im Buch, seiner gedanklichen Tiefgründigkeit wegen, bloss portionenweise vorankomme. Inhaltliches Zusammenfassen ist schwierig und mir fast unmöglich.

Die Autorin, geboren in Kroation, mit den Eltern als Kind nach Deutschland ausgewandert, berichtet in «Mein weisser Frieden» über Dalmatien, ihre Herkunftsgegend, in die sie regelmässig zurückreist. In ihrer ursprünglichen Heimat trifft sie Menschen. Ihre Beobachtungen stehen immer auch im Zusammenhang mit den Verwüstungen, die Krieg nachhaltig anrichtet – seelisch, körperlich, geografisch, baulich.

Heute lese ich Kapitel 15.

Bodrožićin schreibt darin sowohl über die Insel Vis, von wo aus Tito – laut Überlieferungen – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung dirigiert haben soll, als auch über die von den verschiedenen Kriegen geprägten Bevölkerung. Zum Beispiel über die jungen Männer, die sich unter den Palmen unterhalten – lachen, laut reden – aussehen wie normale Männer, in der Sommerhitze kurze Hosen tragen.

«Erst bemerke ich gar nicht, dass ihnen etwas fehlt. Wenn das Licht sich flimmernd auf ihre Prothesen legt, blitzen sie an der Stelle des fehlenden Beines auf wie ein Goldschatz. Das Metall glänzt in der Mittagssonne. Gerade noch war die Luft sorgenlos, jetzt spüre ich eine Beklemmung in der Brust.»

(…)

«Die verlorene jugoslawische Generation, die im Krieg geopfert wurde, hatte keine Zeit, sich im Inneren zu finden. Der seelische Raum war ihr auf tragische Weise ein Fremdwort geworden (…) Sie lernten mit Waffen umzugehen, sie erkundeten Schlachtfelder, hörten wahre und propagandistische Erzählungen über Menschen, die mit Totenköpfen Fussball spielten (…) Wer von ihnen hat nach dem Krieg Zeit gehabt, als das zu verarbeiten, Zeit, um in Ruhe die Sprache der Gewalt zu verstehen oder einfach nur im Einklang mit sich selbst alt zu werden. Diese Zeit wurde ihnen gestohlen. Mit dreissig sahen sie, zahlos und drogenabhängig, auf erschreckende Weise wie Siebzigjährige aus. Wenn ich nach dem Krieg auf dem Balkan zu Besuch war, ging mir oft durch den Kopf, dass Menschen, die einem fremden Willen dienen, schneller un unheimlicher altern als andere …»

Fortsetzung folgt.

 

 

Sinne

Es liegt schon lange bei mir auf dem Nachttisch, das Buch, das uns vor einiger Zeit eine Bekannte von Doris mit auf den Heimweg gab. Mit der wärmsten Empfehlung es zu lesen, da es letztlich auch von ihrer ersten Heimat handelt, dem Balkan.

Da ich «ausgelesen» bin, das Insektenhotel seit gestern steht und das andere Werkprojekt für den Finish noch etwas zuwarten muss, ist mein Kopf frei fürs Lesen von «Mein weisser Frieden» von Marica Bodrožić, die für ihren Roman vergangenes Jahr mit dem  Konrad-Adenauer-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Schon der aller erste Satz packt:

«Das Leben ist eine Reise, die sich selbst überschreibt, jeder Gedanke, jede Empfindung ist ein neuer Weg, der den eigenen Kern freilegt und die Sinne verfeinert.»